Geschichte der Kirche
Wiedertaufe


Wiedertaufe

Zu den letzten Worten des auferstandenen Jesus Christus, die im Neuen Testament aufgezeichnet sind, gehört der Auftrag an seine Jünger: „Macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.“ Jahrhundertelang verstanden die treuen Nachfolger Christi diese Weisung als den „Großen Auftrag“ und betrachteten ihn als Aufruf, das Evangelium zu predigen und Gläubige durch die Taufe in die Gemeinschaft des Glaubens aufzunehmen. Nach der protestantischen Reformation Anfang des 16. Jahrhunderts in Europa erachteten einige Kirchen alle christlichen Taufen als gültig, unabhängig vom Alter oder der christlichen Konfession des Getauften.

Kurz nach der Gründungsversammlung der Kirche im Jahr 1830 kam die Frage auf, ob diejenigen, die vor ihrem Beitritt zur Kirche getauft worden waren, als Mitglied konfirmiert werden konnten, ohne erneut getauft zu werden. Joseph Smith empfing eine Offenbarung, in der beschrieben wurde, dass mit der Gründung der Kirche „ein neuer und ein immerwährender Bund“ in Kraft getreten war, der „alle alten Bündnisse“ ablöste. Von diesem Moment an wurden alle, die sich der Kirche anschließen wollten, getauft, unabhängig von ihrer früheren Religionszugehörigkeit oder früheren Taufen in anderen Kirchen.

In den 1830er Jahren wurden Mitglieder der Kirche, die sich entweder von der Kirche losgesagt hatten oder aus der Gemeinschaft ausgeschlossen worden waren, erneut getauft, wenn sie der Kirche wieder beitraten. In vielen Fällen baten reuige Heilige der Letzten Tage um die Wiedertaufe, auch wenn sich ihr Status als Mitglied der Kirche nicht formell geändert hatte. In den 1840er Jahren lehrte Joseph Smith, dass auch unbescholtene Mitglieder der Kirche zur Heilung wiedergetauft werden könnten. Zu dieser Zeit praktizierten die Heiligen der Letzten Tage verschiedene Heilungszeremonien. Die Parallele zwischen der Wiedertaufe für die Gesundheit und den biblischen Berichten über Naaman, der im Jordan geheilt wurde, oder die Badenden, die am Teich Betesda Heilung suchten, war für einige offenkundig. In Nauvoo in Illinois ließen sich viele Mitglieder der Ersten Präsidentschaft und des Kollegiums der Zwölf Apostel ebenfalls zur Vergebung der Sünden oder zur Heilung erneut taufen. Diese Praxis der Heiligen der Letzten Tage, sich erneut taufen zu lassen, war eine Besonderheit unter den christlichen Kirchen.

Nachdem der Hauptteil der Heiligen der Letzten Tage Nauvoo verlassen hatte, wurden diese Formen der Wiedertaufe in der Kirche fortgesetzt. Außerdem führte Brigham Young nach seiner Ankunft im Salzseetal die Taufe ein, um den „Bund vor dem Herrn zu erneuern“. Zu dieser Zeit hatten die Führer und Mitglieder der Kirche oft heilige Abmachungen, die sie Bündnisse nannten, in vielen verschiedenen Zusammenhängen miteinander geschlossen, einige davon im Tempel und andere in ihren Gruppen, in denen sie reisten. Brigham Young lehrte, dass diejenigen, die ins Große Becken auswanderten, diese Abmachungen sowie ihre Tempelbündnisse durch die Wiedertaufe erneuern müssten. In Zeiten der Umkehr und Erneuerung unter den Heiligen lehrte er auch, dass die Wiedertaufe eine ausreichende Vorbereitung auf den Eintritt in eine Vereinigte Ordnung, auf das Endowment oder die Siegelung oder auch auf den Besuch des Tempels zeige. Die meisten Heiligen der Letzten Tage, die im 19. Jahrhundert in Utah lebten, ließen sich im Laufe ihres Lebens mehrmals zur Erneuerung ihres Bundes wieder taufen.

In den 1890er Jahren bewerteten die Führer der Kirche die Praxis der Wiedertaufe neu. Sie kamen zu dem Schluss, dass sie zu alltäglich geworden war und für die Übersiedlung nach Utah oder für den Tempelbesuch keine Bedingung mehr sein sollte. Außerdem unterstrichen sie das Abendmahl als wichtigstes Mittel zur Erneuerung der Bündnisse. In der Amtszeit von Präsident Heber J. Grant in den 1920er Jahren wurde die Wiedertaufe zur Erneuerung von Bündnissen und für die Gesundheit abgeschafft.

Verwandte Themen: Taufe für die Verstorbenen, Heilung, Siegelung, Abendmahlsversammlung

  1. Matthäus 28:19; siehe auch Markus 16:15,16 und Lukas 24:47

  2. Beispiele finden Sie in der Liste, die in Norman E. Thomas, International Mission Bibliography, 1960–2000 (Scarecrow Press, Lanham/Maryland 2003) aufgeführt ist.

  3. Siehe Bryan D. Spinks, Reformation and Modern Rituals and Theologies of Baptism: From Luther to Contemporary Practices, Routledge, New York 2017

  4. Lehre und Bündnisse 22:1; siehe auch „Revelation, 16 April 1830 [D&C 22]“, Historische Einführung, josephsmithpapers.org

  5. Einige Mitglieder in der Anfangszeit der Kirche und ihre Mitbürger fanden diese Forderung strittig; Mitglieder der Baptisten und Methodisten äußerten zudem die Sorge, dass die „Wiedertaufe von Gläubigen“ gegen „das Gesetz des Messias“ verstoße. Thomas Campbell, „The Mormon Challenge“, Painesville (Ohio) Telegraph, 15. Februar 1831, [2]; Christopher C. Jones, „Mormonism in the Methodist Marketplace: James Covel and the Historical Background of Doctrine and Covenants 39–40“, BYU Studies Quarterly, Band 51, Nr. 1 (2012), Seite 86–90. Im Jahr 1841 erkannte Joseph Smith, dass andere Christen den Heiligen der Letzten Tag vorwarfen, ihre Taufen nicht anzuerkennen, und erwiderte, sie anzuerkennen sei so, als würde man neuen Wein in alte Flaschen und alten Wein in neue Flaschen füllen („Minutes and Discourse, 1–5 October 1841“, josephsmithpapers.org).

  6. Jonathan A. Stapley und Kristine L. Wright, „‚They Shall Be Made Whole‘: A History of Baptism for Health“, Journal of Mormon History, Band 34, Nr. 4 (Herbst 2008), Seite 69–112; Jonathan A. Stapley und David W. Grua, „Rebaptism in The Church of Jesus Christ of Latter-day Saints“, BYU Studies Quarterly, Band 61, Nr. 3 (2022), Seite 67–71; siehe auch 2 Könige 5:1-15 und Johannes 5:2-4

  7. Stapley und Grua, „Rebaptism“, Seite 63–67, 95f.

  8. Wilford Woodruff, Tagebuch (Januar 1847–Dezember 1853), 5.–8. August 1847, Wilford Woodruff Journals and Papers, 1828–1898, MS 1352, Historisches Archiv der Kirche, Salt Lake City

  9. Stapley und Grua, „Rebaptism“, Seite 71–87; siehe auch Thema: Vereinigte Ordnung

  10. Stapley und Grua, „Rebaptism“, Seite 87–95