Universitäten der Kirche
Seit ihrer Gründung Anfang des 19. Jahrhunderts war eine höhere Bildung, die Studium und Glauben an Jesus Christus miteinander verbindet, ein Anliegen der von der Kirche geförderten Universitäten. Die erste Universität der Heiligen der Letzten Tage wurde in den 1840er Jahren in Nauvoo in Illinois gegründet. Die University of the City of Nauvoo konnte sich jedoch nicht etablieren, bevor viele Heilige der Letzten Tage im Jahre 1846 in den nordamerikanischen Westen aufbrachen. Vier Jahre später gründeten die Heiligen der Letzten Tage die University of Deseret in Salt Lake City. Die finanziellen Schwierigkeiten, die einem regelmäßigen Unterricht im Wege standen, wurden jedoch erst 1869 mit dem Aufschwung der lokalen Wirtschaft durch die Fertigstellung der transkontinentalen Eisenbahn behoben. 1875 wurde die Zweigstelle der University of Deseret in Provo in die Brigham Young Academy umgewandelt, die Programme für die Grund-, Sekundär- und Hochschulbildung bot, die religiöses und weltliches Studium miteinander verbanden. Lehrkräfte und Führer der Kirche gründeten 1888 den Bildungsausschuss der Kirche und wandelten die Brigham Young Academy bald in die Brigham Young University (BYU) um. Die University of Deseret wurde in eine öffentliche Einrichtung umgewandelt und 1892 in University of Utah umbenannt.
Das ursprüngliche Gebäude der Brigham Young Academy in Provo in Utah, zwischen 1892 und 1901
In den folgenden Jahrzehnten eröffnete die Kirche weitere Akademien, Colleges und Universitäten in Siedlungen der Heiligen der Letzten Tage im Norden Mexikos, im Westen der Vereinigten Staaten und im Süden Kanadas. Später wurden die meisten von ihnen geschlossen oder in eine eigene Trägerschaft überführt, während allein die BYU, die Latter-day Saints University in Salt Lake City und das Ricks College in Rexburg in Idaho erhalten blieben. Gleichzeitig förderten die Führer der Kirche weiterhin den Evangeliumsunterricht unter der Woche für Schüler und Studenten der Sekundar- und Hochschulstufe im Rahmen des Seminars und Instituts. Mitte des 20. Jahrhunderts schloss die Kirche ihre zahlreichen Bildungsanstrengungen unter einer zentralisierten Verwaltung, dem Bildungswesen der Kirche (Church Educational System, CES) zusammen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erweiterten die Administratoren des Bildungswesens die College-Programme, insbesondere an der BYU, um der wachsenden Mitgliederzahl der Kirche gerecht zu werden. Im Laufe der nächsten Jahrzehnte wuchs die Zahl der Studierenden an der BYU stetig an und erreichte schließlich 35.000. Damit wurde die BYU zu einer der größten privaten religiösen Universitäten in den Vereinigten Staaten. Diese Entfaltung wurde in der Öffentlichkeit vor allem durch die Leistungssportprogramme der BYU deutlich. Darüber hinaus zeigten die Entwicklung der J. Reuben Clark Law School und der Marriott School of Business sowie andere Hochschulprogramme und der Schwerpunkt auf der Forschung an den Fakultäten das Wachstum der BYU in akademischen und beruflichen Bereichen. Die stetigen Erfolge der BYU bei der beruflichen Eingliederung von Absolventen und die vergleichsweise niedrigen Studiengebühren festigten ihren Ruf als erstklassige Hochschule.
Auch die Latter-day Saints University in Salt Lake City wurde durch die Administratoren des Bildungswesens der Kirche erweitert. Diese Universität war in den späten 1880er Jahren als Salt Lake Stake Academy gegründet worden. Ursprünglich als Aushängeschild der Kirche geplant, wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts hauptsächlich die BYU gefördert. In den 1920er Jahren blieb nur das Business College übrig, die Latter-day Saints University wurde in Latter-day Saints College und 1931 schließlich in LDS Business College umbenannt. Nach mehreren Umzügen wurde die Schule 2006 auf einem Campus in der Innenstadt von Salt Lake City angesiedelt. 2020 wurde sie in Ensign College umbenannt, seit 2021 bietet sie vierjährige Studiengänge.
Das Ricks College in Rexburg in Idaho – ursprünglich als Bannock Stake Academy gegründet und später zu Ehren von Thomas Ricks umbenannt, der sich für die Gründung einer Schule in diesem Gebiet eingesetzt hatte – legte den Schwerpunkt in den ersten Jahrzehnten auf die Ausbildung von Lehrern. Obwohl das Ricks College bereits seit 1950 Bachelor-Abschlüsse anbot, blieb es bis zu Präsident Gordon B. Hinckleys Ankündigung von vierjährigen Studiengängen und der Umbenennung in Brigham Young University–Idaho im Jahr 2001 in erster Linie ein College mit zweijährigen Studiengängen.
Auf den Pazifischen Inseln war 1958 das Church College of Hawaii gegründet worden und seitdem stetig im Wachstum begriffen. Jahrzehnte zuvor hatte der Präsident der Kirche David O. McKay im Rahmen seines Besuchs der Nordküste von O‘ahu und angesichts der dortigen blühenden Gemeinschaft der Heiligen der Letzten Tage ein erweitertes College geplant, das vor allem Mitgliedern der Kirche aus dem pazifischen Raum zugute kommen sollte. Die Schule wurde 1961 als College mit vierjährigen Studiengängen akkreditiert, 1974 in Brigham Young University–Hawaii umbenannt und 2003 in eine unabhängige Universität unter der Verwaltung des Bildungswesens der Kirche umgewandelt.
Missionarinnen helfen 1958 bei der Fertigstellung des Church College of Hawaii
Seit Mitte des 20. Jahrhunderts investierte die Verwaltung der BYU vermehrt in andere Wachstumsmöglichkeiten außerhalb der Vereinigten Staaten. Aus den Reisestudienprogrammen der 1950er Jahre entwickelten sich mehrere internationale Studieneinrichtungen im Ausland, die renommiertesten von ihnen in Salzburg, London und Mexiko-Stadt. Das 1968 ins Leben gerufene Auslandsstudienprogramm in Jerusalem erfreute sich bei den Studenten großer Beliebtheit und war Ende der 1970er Jahre so gewachsen, dass die Verantwortlichen die Notwendigkeit größerer Einrichtungen erkannten. Das Jerusalem-Center für Nahoststudien der Brigham Young University auf dem Ölberg mit Blick auf die Altstadt wurde 1989 eingeweiht.
Das Jerusalem-Center für Nahoststudien in Israel
Die Administratoren des Bildungswesens der Kirche waren auch bestrebt, dem System der akademischen und beruflichen Ausbildung an der BYU weltweit auszubauen. So entwickelten zwischen 2009 und 2017 Lehrkräfte des Bildungswesens, der BYU Idaho und der BYU ein Online-Studienprogramm, nämlich BYU Pathway Worldwide. Im Jahr 2020 wurde das Programm von über 50.000 Studenten der Heiligen der Letzten Tage in mehr als 150 Ländern genutzt.
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