2008
    Ich fand meinen Glauben
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    Ich fand meinen Glauben

    Im Laufe mehrerer Monate forderten mich die Missionare einige Male auf, mich taufen zu lassen, aber ich lehnte immer ab.

    Mein erstes Studienjahr an der Universität war 1989/90, und einmal blieben ein guter Freund und ich nachts noch lange auf, um für die Prüfungen zu lernen.

    Plötzlich stellte mir Matt eine Frage, die mein weiteres Leben geprägt hat. „Welche Vorstellung hat deine Kirche von Gott? Ich meine, was denkst du, wie er aussieht?“

    Ich konnte ihm darauf keine Antwort geben. Er war einfühlsam und wechselte das Thema. Aber ich konnte die Frage nicht vergessen. Ich befand mich in einer außergewöhnlichen Lage: Ich besuchte als Protestant die Brigham-Young-Universität, und obwohl ich Zweifel an meinem eigenen Glauben und an Religion im Allgemeinen hegte, hatte ich nicht die Absicht, die Religion zu wechseln. Stattdessen hatte ich mich das gesamte Jahr über in geistiger Hinsicht gut verbarrikadiert, indem ich allen Gesprächen über Religion auswich. Doch meinem Freund war es mit seiner einfachen Frage gelungen, einen kleinen Zugang zu meinem Herzen zu öffnen.

    Auf der Suche nach Glauben

    Während der nächsten Monate fragte ich mich immer wieder: Woran glaube ich? Und noch wichtiger: Glaube ich tatsächlich? Gibt es wirklich einen Gott, und wenn ja, wie ist er? Kann ich ihn kennenlernen? Gibt er mir Antwort auf meine Gebete? Kann ich so glauben wie meine Freunde in der Kirche Jesu Christi?

    Es hatte mir auch schon früher nicht an Gelegenheit gefehlt, über solche forschenden Fragen nachzudenken; seit Jahren waren einige meiner besten Freunde Heilige der Letzten Tage. Diese Freundschaften hatten mich dazu gebracht, an der BYU zu studieren. Doch fast immer hatte ich ihre Versuche, über das Evangelium zu sprechen, abgewehrt. Mit den Missionaren war ich nur ein paar Mal zusammengekommen, und dabei hatte ich nie mit offenem Herzen zugehört.

    Ich hatte zu viel Angst vor den notwendigen Veränderungen – Veränderungen, die mich sozial und emotional von meiner Familie ausgrenzen konnten. Ich wollte nicht glauben, dass ich Unrecht hatte oder dass die Überlieferungen, an die ich glaubte, falsch waren. Ich glaubte nicht daran, dass ich Offenbarung von Gott empfangen konnte oder dass sonst jemand es konnte. Es erschien absurd, unlogisch und sogar befremdlich, dass Gott dem jungen Joseph Smith erschienen war, dass er eine neue heilige Schrift offenbart hatte und dass nur eine Religion göttliche Führung erhalten hatte, um als die wahre Kirche errichtet zu werden.

    Ironischerweise bezweifelte ich die Echtheit aller Religionen, einschließlich meiner eigenen. Obwohl mein Herz mit Liebe zu meiner Familie und meinen Freunden erfüllt war und sich nach Antworten sehnte, war es verstockt, wenn es um die Einflüsterungen des Heiligen Geistes ging.

    Nach diesem einen Studienjahr kehrte ich nach Kentucky zurück, um dort meine Ausbildung fortzusetzen. Meine Freunde, die Heilige der Letzten Tage waren, gingen bald darauf auf Mission, und ich fühlte mich während ihrer Abwesenheit sehr einsam. Ich wünschte mir, ich besäße ein wenig von ihrer Überzeugung, die sie dazu veranlasst hatte, zwei Jahre ihres Lebens zu opfern. Gleichzeitig quälte es mich die ganze Zeit, dass ich noch immer keine Antwort auf Matts Frage hatte. Ich wollte für mich selbst Wahrheit erkennen. Nach vielen Briefen von meinen Freunden, in denen sie mich dazu ermunterten, mich mit den Missionaren zu treffen, überwand ich schließlich meine Angst und nahm ihre Aufforderung an.

    Kam eine Bekehrung in Betracht?

    Trotzdem hatte ich Bedenken bezüglich der Vorstellung, dass verschiedene Evangeliumsgrundsätze miteinander zu einem großen Ganzen verbunden waren. Die Missionare meinten, es sei ganz natürlich, dass ich all ihre Lehren annehmen würde, sobald ich einmal von einem Grundsatz ein Zeugnis erlangt hätte, da ihre Botschaft ja insgesamt entweder wahr oder falsch sei.

    Ich glaubte ihnen nicht. Ich dachte, es sei in Ordnung, wenn ich wie aus einer Speisekarte die Lehren und Grundsätze auswählte, an die ich glauben wollte.1 Gleichzeitig verlangte meine Logik klare Beweise und keine Bekehrung aufgrund des Glaubens.

    Leider führte das dazu, dass ich unglücklich und unzufrieden war. Alle philosophischen Argumente, über die ich nachdachte, waren pessimistisch und widersprachen einander, und sie lieferten keine Antworten. Ich sehnte mich nach mehr, nach etwas, was mein Herz so berührte, wie meine Freunde und die Missionare die Wirkung des Heiligen Geistes beschrieben. Die Missionarslektionen hörte ich in der Hoffnung an, dass ich vielleicht erkennen würde, dass das, was die Missionare sagten, wahr war, oder dass ich wenigstens ein wenig Genugtuung darüber empfinden würde, wenn es sich als falsch herausstellte.

    Die Missionare waren geduldig, aber unerschrocken. Im Laufe mehrerer Monate lehrten sie mich vieles und forderten mich einige Male auf, mich taufen zu lassen, aber ich lehnte immer ab. Ich wartete auf ein erkennbares und wundersames Ereignis, das mir die Wahrheit bezeugte. Vorher war ich nicht bereit, ihre Aufforderung anzunehmen. Da ich kein solches Zeugnis erhielt, lehnte ich ihre Aufforderungen weiterhin ab.

    Einmal lasen die Missionare eine Schriftstelle aus dem Buch Mormon vor: „Bestreitet nicht, weil ihr nicht seht, denn ein Zeugnis empfangt ihr erst, nachdem euer Glaube geprüft ist.“ (Ether 12:6.) Dann sagten sie: „Josh, jedes Mal, wenn wir dich auffordern, dich taufen zu lassen, sagst du Nein. Du musst Ja sagen, dann wird der Heilige Geist es dir bestätigen.“

    Mit anderen Worten: Ich hatte noch kein Zeugnis empfangen, weil ich meinen Glauben noch nicht auf die Probe gestellt hatte. Ich hatte nichts weiter getan als zu bitten und meinte, ich würde empfangen, ohne etwas zu wagen (siehe LuB 9:7). Ich hatte den Heiligen Geist erfolgreich daran gehindert, mir Zeugnis zu geben, weil ich nicht bereit war, den nächsten Schritt zu gehen. Aber ich musste voller Glauben den Sprung in die Dunkelheit wagen, ehe das Licht leuchten konnte. Das bestätigende Zeugnis würde ich erst dann empfangen, wenn mein Glaube geprüft war.2

    Mein erster Gedanke war, dass die Missionare mich manipulierten, damit ich mich taufen ließ. Dann erkannte ich, dass genau in dem Moment, als ich die Taufaufforderung ablehnte, ein unmerkliches Gefühl mein Herz verließ. Es war ein leises, sanftes und zartes Gefühl von Frieden, das mich drängte, dem Rat der Missionare zu folgen, aber ich bemerkte seine Gegenwart erst, als es fort war und ich verwirrt, unglücklich und traurig zurückblieb.

    Ich fragte mich, ob dieses zarte Gefühl der Heilige Geist sein könnte, der mich verließ, und ob ich deshalb verwirrt war, weil mein eigenes ungläubiges Herz den Geist vertrieben hatte. Da ich keine andere Möglichkeit sah, entschied ich mich, die Aufforderung der Missionare anzunehmen. Ich wollte die unvermeidliche Taufaufforderung mit einem Ja beantworten, und wenn ich danach den Heiligen Geist fühlte, wie sie es mir verheißen hatten, dann wollte ich mich taufen lassen. Sollte ich dagegen den Heiligen Geist nicht fühlen, war ich fest entschlossen, den Missionaren mitzuteilen, dass ich nur Spaß gemacht hatte.

    Ein Versuch mit dem Samenkorn

    Am Abend unseres nächsten Termins schauten wir ein Video an, das die Kirche gerade herausgegeben hatte, nämlich Der verlorene Sohn. Es herrschte eine besondere Stimmung im Raum. Die Missionare waren sichtlich ergriffen, Tränen standen in ihren Augen.

    Als der Film zu Ende war, lasen wir mehrere Abschnitte in den heiligen Schriften. Schließlich wandte sich Elder Critchfield mir zu und fragte: „Josh, wirst du dich am Samstag, den 10. November, um 16 Uhr taufen lassen?“

    Ich zögerte und antwortete dann: „Ja.“

    Plötzlich spürte ich die Gegenwart des Heiligen Geistes, die so elektrisierend war, dass sich die Haare auf meinen Armen aufstellten und ich beinahe zu weinen anfing. Es konnte keinen Zweifel daran geben, dass Licht in die Dunkelheit eingedrungen war. Ich hatte meinen Glauben auf die Probe gestellt, und ich wusste ohne Zweifel, dass ich mich taufen lassen musste.

    Nun hatte ich ein Zeugnis, dass dieses eine Samenkorn des Glaubens gut war, doch ich musste es noch zur Frucht heranreifen sehen (siehe Alma 32:35,36), und ich hatte auch noch kein bestätigendes Zeugnis von anderen Evangeliumsgrundsätzen empfangen. Die Prüfung meines Glaubens war noch nicht vorüber.

    Nicht lange nach meiner Taufe und Konfirmierung schlichen sich Zweifel bei mir ein. Ich fühlte mich hin- und hergerissen zwischen dem sehr persönlichen Erlebnis, das ich hatte, als ich mich zur Taufe entschloss, und meiner bisherigen Logik, die auf Glauben basierendes Wissen nicht akzeptierte.

    Bald empfand ich wieder die quälende Verwirrung und die Traurigkeit, und ich wusste nicht, was ich glauben sollte. Aber ich hatte etwas versprochen, und ich entschloss mich, in der Kirche aktiv zu bleiben und die Grundsätze, die ich gelernt hatte, anzuwenden, bis meine Glaubensprüfung meinen Konflikt auf die eine oder andere Weise lösen würde.

    Ich fand meinen Glauben

    Der Herr ließ mich nicht allein durch meine Prüfung gehen. Ich erhielt die Berufung, mit den Missionaren zusammenzuarbeiten. Jede Woche war ich mit den Missionaren unterwegs, und sie kümmerten sich weiterhin um mich. Ich hatte treue Heimlehrer. Mein Heimlehrpartner war engagiert und beständig. Viele Gemeindemitglieder schlossen mit mir Freundschaft und ließen mich an ihrem Leben teilhaben, indem sie mich zum Essen oder zum Familienabend einluden. Sie beteten mit mir und für mich. Der Bischof und seine Familie kümmerten sich um mich und machten mir Mut. Ich konnte spüren, wie gut sie es mit mir meinten, und dies stärkte meine Entschlossenheit.

    Einige Monate später wurde mir eines Tages bewusst, dass ich jedes Mal, wenn ich im Buch Mormon las, ein vertrautes zartes Gefühl des Friedens verspürte, genauso, wie ich es bei den Missionarslektionen und den Taufaufforderungen verspürt hatte. Ich erkannte ganz plötzlich: Das war der Heilige Geist! Als mir der Gedanke kam, dass das Buch Mormon wahr sein musste, wenn dies der Heilige Geist war, da schwoll das zarte Gefühl in meinem Herzen an, und aus meinem Glauben wurde die geistige Gewissheit, dass es so war.

    Als mein Herz noch „reuiger“ und mein Geist noch „zerknirschter“ wurde (siehe Ether 4:15), folgten weitere bestätigende Erlebnisse. Mit der Zeit wichen meine Zweifel der Gewissheit. Ich wusste, dass Gott lebt, dass Jesus der Messias ist, dass Joseph Smith ein Prophet Gottes ist, nicht aus mir selbst oder durch die Überzeugung anderer, sondern durch die unleugbare Gegenwart des Heiligen Geistes, der zu meinem Geist sprach. Weisung um Weisung eröffnete sich meinem Sinn (siehe 2 Nephi 28:30). Als diese bestätigenden Erfahrungen aufeinander aufbauten, erweiterte sich mein Verständnis vom Evangelium und ich konnte Geistiges schneller erfassen. Für jede dieser Erfahrungen benötigte ich Ausdauer, die Bereitschaft, zuzuhören und das Gehörte umzusetzen, und den Wunsch, den Einflüsterungen des Heiligen Geistes nachzugeben (siehe Mosia 3:19).

    Heute kann ich sagen, dass das Evangelium wahr ist, denn ich habe dies selbst erfahren. Früher erschien mir das Evangelium befremdlich und unlogisch – heute ist es für mich etwas Vertrautes und Wunderbares. Die Grundsätze des Evangeliums sind wahrhaftig alle miteinander zu einem großen Ganzen verbunden. Als Missionar konnte ich von dieser Wahrheit Zeugnis ablegen, obwohl ich mich in der Lehre der Kirche noch nicht so gut auskannte. Je mehr ich über die Lehre erfahre, desto stärker wird mein Zeugnis.

    Mein gesamtes Zeugnis vom Evangelium ist wie ein sorgfältig gebautes und immer weiter verstärktes Bollwerk gegen Anfechtungen. Es stärkt mich in den Herausforderungen, die sich mir stellen, besonders wenn der Widersacher alles versucht, um dort Zweifel zu säen, wo ich bereits Antworten erhalten habe (siehe LuB 6:22,23). Wenn ich mich schwach fühle, wenn Zweifel kommen, wenn der Schmerz nicht nachlässt, dann wende ich die gleichen Schritte an, die vom ersten Tag an, als ich ein Zeugnis empfing, zum Erfolg führten: Ich denke an jedes Erlebnis, das mein Zeugnis gestärkt hat, ich wende die Grundsätze, die ich gelernt habe, noch entschlossener an, und ich achte auf den Geist, der meinen Glauben erneut bekräftigt.

    Das Evangelium ist wahr, alles davon, und es ist für jeden greifbar, der mit demütigem Herzen seinen Glauben auf die Probe stellt, indem er voller Glauben einen Schritt in die Dunkelheit wagt. Das Licht des Erlösers ist da; es bleibt nur verborgen, wenn wir es nicht finden wollen. Es mag viele schwere Zeiten in unserem Leben geben oder Zeiten, wenn unser Zeugnis geprüft wird. Ich habe herausgefunden, dass das Licht des Erlösers uns dann erwartet, wenn wir bereitwillig nach ihm suchen, und dass dieses Licht uns zur Bekehrung führt, wenn wir beständig danach trachten.