2008
    Abtreibung: Ein Angriff auf die Wehrlosen
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    Abtreibung: Ein Angriff auf die Wehrlosen

    Elder Russell M. Nelson

    Bevor ich beginne, möchte ich mich bei den Lesern dafür entschuldigen, dass ich Begriffe benutze, die nicht angenehm sind. Die Art des Krieges, über den ich spreche, erfordert eine deutliche Ausdrucksweise.

    Als Söhne und Töchter Gottes schätzen wir das Leben als eine Gabe Gottes. Sein ewiger Plan ermöglicht es seinen Kindern, einen physischen Körper zu erhalten, die Erfahrungen des irdischen Lebens zu machen und als Erben ewigen Lebens ihre Bestimmung zu verwirklichen.1

    Kriegsverluste

    Mit diesem Verständnis und dieser Ehrfurcht vor dem Leben beklagen wir die Verluste, die durch Kriege entstehen. Die Zahlen sind erschreckend. Der Erste Weltkrieg kostete über 8 Millionen Soldaten das Leben. Im Zweiten Weltkrieg starben mehr als 22 Millionen Militärangehörige.2 Zusammen kosteten diese beiden Kriege, die sich über viele Jahre erstreckten, weltweit mindestens 30 Millionen Soldaten das Leben. Diese Zahl schließt nicht die Millionen Opfer unter der Zivilbevölkerung mit ein.

    Diese Zahlen werden jedoch noch durch die Verluste eines anderen Krieges in den Schatten gestellt, der jährlich mehr Opfer fordert als der Erste und der Zweite Weltkrieg zusammen. Berichte aus der ganzen Welt besagen, dass jährlich mehr als 40 Millionen Abtreibungen vorgenommen werden.3

    Dieser Krieg, der Abtreibung genannt wird, ist ein Krieg gegen die Wehrlosen, die keine Stimme haben. Es ist ein Krieg gegen die Ungeborenen. Dieser Krieg tobt weltweit. Ironischerweise haben zivilisierte Länder, die das menschliche Leben im Allgemeinen immer unter Schutz gestellt haben, nun Gesetze erlassen, die Abtreibungen erlauben.

    Gottes Lehre

    Dies ist für uns von großer Bedeutung, da der Herr wiederholt dieses göttliche Gebot gab: „Du sollst nicht töten.“4 Dem fügte er hinzu: „Noch irgend etwas Derartiges tun.“5 Selbst vor der Wiederherstellung des Evangeliums erkannten verständige Menschen, wie heilig das menschliche Leben ist. John Calvin, ein Reformator des sechzehnten Jahrhunderts, schrieb: „Wenn es schon grauenvoller erscheint, einen Mann in seinem eigenen Haus zu töten, als ihn auf einem Feld zu töten, … dann muss es doch gewiss als noch abscheulicher erachtet werden, einen Fötus im Mutterleib zu töten, bevor er überhaupt das Licht der Welt erblickt.“6

    Von Menschen aufgestellte Regeln haben nun das legalisiert, was von Anbeginn der Zeit an von Gott verboten wurde! Die Argumentation des Menschen hat die absolute Wahrheit verdreht und in markante Sprüche umgewandelt, die eine Praktik anpreisen, die absolut falsch ist.

    Besondere Umstände

    Die Sorge um die Gesundheit der Mutter ist entscheidend. Jedoch sind Umstände, die einen Schwangerschaftsabbruch erforderlich machen, um das Leben der Mutter zu retten, äußerst selten, vor allem dort, wo moderne medizinische Versorgung möglich ist. Eine weitere Sorge gilt Schwangerschaften, die durch Vergewaltigung oder Inzest entstehen. Diese Tragödie ist umso schlimmer, da einer unschuldigen Frau die Entscheidungsfreiheit genommen wurde. Unter diesen Umständen wird manchmal eine Abtreibung empfohlen, um die physische und geistige Gesundheit der Mutter zu bewahren. Abtreibungen aus solchen Gründen kommen ebenfalls selten vor.

    Manche befürworten eine Abtreibung aus Angst davor, ein Kind könnte eine angeborene Missbildung haben. Natürlich können sich in den ersten drei Schwangerschaftsmonaten bestimmte infektiöse oder giftige Stoffe schädlich auswirken, doch ein Schwangerschaftsabbruch darf nicht leichtfertig in Betracht gezogen werden. Das Leben ist für alle von großem Wert, auch für jene, die mit einer Behinderung geboren werden. Außerdem ist es möglich, dass am Ende alles gar nicht so schlimm ist, wie angenommen wurde.

    Ich denke da an ein Ehepaar, das eine solche Erfahrung durchmachte. Die Frau, eine hübsche, liebevolle Ehefrau, war damals erst 21 Jahre alt. Innerhalb der ersten drei Schwangerschaftsmonate erkrankte sie an Röteln. Eine Abtreibung wurde empfohlen, da das sich entwickelnde Baby aller Wahrscheinlichkeit nach schwer geschädigt sein würde. Einige Angehörige, die sich Sorgen machten, übten zusätzlichen Druck aus und befürworteten eine Abtreibung. Das Ehepaar, beide treue Mitglieder, fragte seinen Bischof um Rat. Er verwies sie an den Pfahlpräsidenten, der, nachdem er sich ihre Sorgen angehört hatte, den Rat gab, das Leben dieses Babys nicht zu beenden, selbst wenn es wahrscheinlich war, dass das Kind nicht gesund war. Er zitierte diese Schriftstelle:

    „Mit ganzem Herzen vertrau auf den Herrn, bau nicht auf eigene Klugheit; such ihn zu erkennen auf all deinen Wegen, dann ebnet er selbst deine Pfade.“7

    Sie entschieden sich, diesem Rat zu folgen, und ließen das Kind zur Welt kommen – ein hübsches kleines Mädchen, in jeder Hinsicht normal, außer dass es taub war. Nachdem die Tochter an einer Schule für Hörgeschädigte getestet worden war, wurde den Eltern mitgeteilt, dass ihr Kind die Intelligenz eines Genies hatte. Sie erhielt ein Stipendium und studierte an einer großen Universität. Nun, ungefähr vierzig Jahre später, erfreut sie sich eines wunderbaren Lebens.

    Es ist eine sehr ernste Sache, einem Menschen nur wegen einer möglichen Behinderung das Recht auf Leben zu verweigern. Eine Politik, die dieser Logik folgt, würde bestimmen, dass diejenigen, die bereits mit solchen Behinderungen leben, ebenfalls ausgelöscht werden sollten. Ein weiterer Schritt dieser tragischen Denkweise würde zu dem Schluss führen, dass jene, die entweder gebrechlich oder unbequem sind, ebenfalls beseitigt werden sollten. Eine solche Missachtung des Lebens ist absolut undenkbar!

    Abtreibung auf Verlangen

    Relativ wenig Abtreibungen werden aufgrund der besonderen Umstände, die ich angeführt habe, durchgeführt.8 Die meisten Abtreibungen werden auf Verlangen durchgeführt, um eine ungewollte Schwangerschaft zu beenden. Diese Abtreibungen sind ganz einfach nur eine Art von Geburtenkontrolle.

    Die Abtreibung auf Wunsch ist in vielen Ländern legalisiert worden aufgrund der Prämisse, dass eine Frau frei entscheiden kann, was sie mit ihrem Körper tut. Bis zu einem gewissen Grad trifft dies auf jeden von uns zu, ob Mann oder Frau. Wir können frei entscheiden, was wir denken. Wir können frei entscheiden, was wir planen. Und wir können frei entscheiden, was wir tun. Doch wenn wir einmal gehandelt haben, sind wir auf keinen Fall frei von den Folgen dieser Handlung.

    Dieser Gedanke wird klarer, wenn wir einen Astronauten betrachten. Zu jedem Zeitpunkt während des Auswahlverfahrens und der Vorbereitung steht es dem Astronauten frei, aus dem Programm auszusteigen. Doch wenn die Rakete einmal abgehoben hat, ist der Astronaut an die Folgen seiner zuvor getroffenen Entscheidung, die Reise mitzumachen, gebunden.

    So ist es auch mit Menschen, die sich entscheiden, eine Reise anzutreten, die zur Elternschaft führt. Sie können sich frei entscheiden, diesen Weg einzuschlagen oder es nicht zu tun. Wenn die Empfängnis stattfindet, ist diese Entscheidung bereits getroffen worden.

    Ja, eine Frau kann frei entscheiden, was sie mit ihrem Körper tun will. Ob nun ihre Entscheidung zu einer Weltraummission als Astronautin oder zu einem Baby führt, ihre Entscheidung, die Reise anzutreten, bindet sie an die Folgen dieser Entscheidung. Sie kann die Entscheidung nicht rückgängig machen.

    Wenn über die Abtreibung diskutiert wird, beruft man sich auf das „Recht auf Selbstbestimmung“, als ob es die oberste Tugend wäre. Das träfe jedoch nur dann zu, wenn nur eine Person betroffen wäre. Die Rechte einer Person dürfen nicht die Rechte einer anderen Person beeinträchtigen. Sei es in der Ehe oder außerhalb, Abtreibung betrifft nicht nur einen Menschen. Wenn das Leben eines sich entwickelnden Kindes beendet wird, dann sind zwei Personen mit einem eigenen Körper, einem eigenen Gehirn, einem eigenen Herzen davon betroffen. Das Recht der Frau, über ihren eigenen Körper zu entscheiden, schließt nicht das Recht mit ein, ihrem Baby das Leben sowie all die Entscheidungen vorzuenthalten, die ihr Kind in seinem Leben treffen wird.

    Als Heilige der Letzten Tage sollten wir das Recht auf Entscheidung – die richtige Entscheidung – verteidigen, aber nicht als Selbstzweck.9

    Fast alle Gesetze in Bezug auf Abtreibung berücksichtigen die Dauer der Schwangerschaft. Der menschliche Verstand maßt sich an zu bestimmen, wann „lebenswertes Leben“ beginnt. Im Laufe meines Medizinstudiums lernte ich, dass ein neues Leben dann beginnt, wenn zwei besondere Zellen zu einer einzigen verschmelzen und 23 Chromosomen vom Vater und 23 von der Mutter zusammenführen. Diese Chromosomen enthalten Tausende von Genen. In einem erstaunlichen Vorgang, bei dem unter anderem die genetischen Codes kombiniert werden, worin alle grundlegenden Wesensmerkmale eines ungeborenen Menschen gespeichert sind, wird ein neuer DNA-Komplex geformt. Durch weiteres Wachstum entsteht ein neuer Mensch. Etwa 22 Tage nach der Zellvereinigung beginnt das kleine Herz zu schlagen. Nach 26 Tagen entsteht der Blutkreislauf.10 Auf gesetzlichem Wege festlegen zu wollen, ab wann ein sich entwickelndes Leben „lebenswert“ sei, ist meiner Meinung nach eine willkürliche Mutmaßung.

    Die Gesetzgeber haben die Abtreibung legalisiert, ohne Gott und seine Gebote zu beachten. In den heiligen Schriften wird immer wieder darauf hingewiesen, dass es den Menschen nur dann gut gehen wird, wenn sie Gottes Gebote befolgen.11 Auch dem Einzelnen wird es nur dann gut gehen, wenn er gläubig ist und Gott gehorcht, der sagte:

    „Ich, der Herr, habe … die Erde gebaut, ja, meiner Hände Werk; und alles darin ist mein.

    Und es ist meine Absicht, für meine Heiligen zu sorgen. …

    Aber es muss notwendigerweise auf meine eigene Weise geschehen. …

    Denn die Erde ist voll, und es ist genug vorhanden, ja, dass noch übrig bleibt.“12

    Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage hat sich schon immer gegen die Abtreibung ausgesprochen. Vor mehr als hundert Jahren schrieb die Erste Präsidentschaft: „Noch einmal nehmen wir die Gelegenheit wahr, die Heiligen der Letzten Tage vor … der Abtötung der Leibesfrucht und der Kindestötung zu warnen.“13

    Zu Beginn seiner Amtszeit hat Präsident Spencer W. Kimball (1895–1985) gesagt: „Wir haben wiederholt bekräftigt, dass die Kirche eine Abtreibung nach wie vor ablehnt. Es gibt nur zwei seltene Ausnahmen: Wenn die Empfängnis die Folge einer Vergewaltigung war oder wenn ein kompetenter Arzt der Meinung ist, dass die Gesundheit der Mutter ernsthaft in Gefahr ist.“14 Die gegenwärtigen Richtlinien lassen nun zwei weitere Ausnahmen zu: Im Fall von Inzest und wenn ein kompetenter Arzt zu dem Schluss gekommen ist, dass das Baby nach der Geburt nicht lebensfähig sein wird. Selbst diese Ausnahmen rechtfertigen aber nicht automatisch eine Abtreibung. Sie „darf erst dann in Betracht gezogen werden, wenn die Betroffenen den Bischof zu Rate gezogen und durch das Gebet göttliche Bestätigung erhalten haben“.15

    Die Adoption

    Warum soll man ein Leben vernichten, das anderen große Freude bringen könnte? Es gibt bessere Möglichkeiten, mit einer ungewollten Schwangerschaft umzugehen. Wenn ein Leben durch sündiges Verhalten entsteht, beginnt man die persönliche Umkehr am besten damit, dass man das Leben dieses Kindes bewahrt. Einer schwerwiegenden Sünde, die bereits begangen wurde, eine weitere hinzuzufügen, verstärkt das Leid nur noch mehr. Eine Adoption ist eine wunderbare Alternative zur Abtreibung. Wenn das Baby in ein Zuhause kommt, wo das Kind liebevoll umsorgt wird und wo die Segnungen des Evangeliums zu haben sind, ist die Adoption für das Baby und die Adoptiveltern ein großer Segen.

    Umkehr ist möglich

    Gibt es Hoffnung für jemanden, der an einer Abtreibung beteiligt war? Gibt es Hoffnung für jene, die auf diese Weise gesündigt haben und nun großen Kummer leiden? Die Antwort lautet: Ja! „Soweit es offenbart wurde, kann man von der Sünde der Abtreibung umkehren und dafür Vergebung erlangen.“16 Wir wissen, dass der Herr all denen helfen wird, die wahrhaftig reumütig sind.17

    Das Leben ist wertvoll! Niemand kann einen unschuldigen Säugling im Arm halten, in diese schönen Augen schauen, die kleinen Finger fühlen und seine Wange küssen, ohne eine tiefe Ehrfurcht vor dem Leben und vor unserem Schöpfer zu empfinden. Leben entsteht durch Leben. Es ist kein Zufall. Es ist eine Gabe von Gott. Er schickt kein unschuldiges Leben zu uns, damit es zerstört wird. Er allein schenkt es uns und wird es uns auch wieder nehmen.18 Ich bezeuge, dass das Leben ewig ist, wie Gott ewig ist.