2013
    Der Herr hat mich nie angeschrien
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    Heim und Familie

    Der Herr hat mich nie angeschrien

    Ich fühlte mich hilflos, als ich mit ansehen musste, wie unser ältester Sohn in die Schlingen des Satans geriet, und meine Angst äußerte sich oft dadurch, dass ich wütend wurde. Ich musste mich selbst ändern, anstatt zu versuchen, meinen Sohn zu ändern.

    Als unsere vier Kinder noch klein waren, waren mein Mann und ich davon ausgegangen, dass sie, wenn wir ihnen ein gutes Beispiel gaben und sie liebevoll und fest im Evangelium erzogen, gewiss nicht von diesem Weg abweichen würden.

    Doch eines Sommertages mussten wir diese Vorstellung aufgeben. Unser ältester Sohn, etwa 14 Jahre alt, ging mit seinen Freunden schwimmen. Als ich mit den jüngeren Kindern später ebenfalls ins Freibad ging, kam es mir so vor, als hätte ich ihn mit einer Zigarette in der Hand gesehen. Ich machte mir Sorgen und sprach ihn später darauf an. Er sagte nur, ich hätte mich getäuscht. Leider war das nur der Anfang seiner Lügen.

    Mit der Zeit entfernte er sich immer mehr von uns. Er ließ uns nicht mehr an sich heran und wurde oft ohne jeden Anlass wütend. Alkohol, Drogen, eine üble Ausdrucksweise und jede Menge Lügen kamen zu den Zigaretten hinzu. Sein Verhalten gegenüber der Familie war nahezu unerträglich.

    Zuerst versuchten wir, ihn in seinen Freiheiten einzuschränken, um ihn zu schützen, aber das brachte ihn nur noch mehr gegen uns auf. Jegliche Erziehungsmaßnahme blieb ohne Wirkung. Wenn ich ihn tadelte und ihn aufforderte, sich zu ändern, führte das oft zu einem lautstarken Streit, der uns nur noch mehr voneinander entfremdete.

    Unsere Sorge um unseren ältesten Sohn war für meinen Mann und mich schwer zu ertragen. Wir bemühten uns im Gebet um Führung, aber ich fühlte mich hilflos, als ich zusehen musste, welch gefährlichen Weg mein ältester Sohn einschlug. Wir beteten und hatten das Gefühl, wir sollten unserem Sohn mehr Freiraum geben, anstatt ihn mit strengeren Regeln zu zügeln. Das erschien uns zwar kontraproduktiv und nicht gerade schlüssig, aber all unsere Versuche, ihn von seinem Verhalten abzubringen, waren bisher erfolglos geblieben. Also beschlossen wir, nur dann Maßnahmen zu ergreifen, wenn sein Verhalten das Familienleben unmittelbar beeinträchtigte.

    Obwohl wir uns bemühten, dem Rat des Herrn zu folgen, verschlimmerte sich die Situation. Mir fiel es sehr schwer, nicht an mir zu zweifeln und den Mut nicht zu verlieren. Mein Mann und ich bemühten uns, regelmäßig den Familienabend abzuhalten und mit den Kindern zu beten, aber ich litt sehr unter Schuldgefühlen, wenn ich mich daran erinnerte, was wir alles versäumt hatten und wie oft ich mich gegenüber meinem Sohn falsch verhalten hatte. Ich weinte viel, schlief wenig und war manchmal körperlich so erschöpft, dass ich es kaum schaffte, meinen Aufgaben nachzukommen.

    Von dem Familienleben, wie wir es gekannt hatten, war kaum noch etwas übrig. Der Familienabend endete regelmäßig in Chaos und Streit. Gerade ich war sehr ungeduldig mit meinen Kindern und wurde oft laut.

    Meinem Mann und mir wurde allmählich bewusst, dass wir nicht zulassen durften, dass unsere Familie an dieser Situation zugrunde ging. Wir wollten weiterhin den Rat des Herrn und der Propheten befolgen und hielten deshalb ganz spontan und auch weniger formell den Familienabend mit den Kindern ab, die mitmachen wollten. Aber ich konnte immer noch nicht akzeptieren, dass unser ältester Sohn in die Schlingen des Satans geraten war. Mit Gebet, Fasten und Hoffnung – mehr war uns offenbar nicht geblieben – warfen wir unsere Sorgen auf den Herrn und vertrauten auf ihn.

    Die Situation wurde jedoch noch schlimmer. Als es einmal besonders schwierig war, bat ich meinen Mann um einen Priestertumssegen. Ich hoffte auf tröstende, aufmunternde Worte. Aber der Herr wusste besser, was ich brauchte. Ich wurde ermahnt, nicht lautstark mit meinem Sohn zu streiten. Der Herr machte mir bewusst, dass er mich noch nie angeschrien hatte, dass ich aber ständig meine Kinder anschrie.

    In diesem Segen erhielt ich außerdem den Rat, ich solle meinem Sohn von meiner Sorge um ihn erzählen, anstatt ihn zu tadeln. Mir wurde klar, dass meine Wut und meine Vorwürfe eigentlich nur Ausdruck meiner Angst um ihn waren. Ich griff ihn ständig an, und er verteidigte sich auf jede ihm mögliche Weise. Nun dachte ich darüber nach, wie ich mein Verhalten ändern konnte.

    Ich war damals gerade Institutslehrerin. Es fiel mir überhaupt nicht schwer, mit den Jugendlichen in der Kirche ruhig und besonnen umzugehen – da waren mir meine Muttergefühle nicht im Weg.

    Nun bemühte ich mich also, meinen Sohn nicht mehr mit den Augen einer besorgten Mutter, sondern als Außenstehende zu betrachten. Diese Strategie – verbunden mit viel Beten und Fasten – half mir, meine Gefühle in den Griff zu bekommen und meinen Sohn, der inzwischen fast 18 war, mit anderen Augen zu sehen. Ich nahm wieder seine guten Eigenschaften wahr. Es gelang mir, ihm meine Gefühle und Sorgen aufrichtig mitzuteilen, ohne mich dabei aufzuregen.

    Das war der Wendepunkt in unserer Beziehung. Mein Sohn und ich diskutierten über vieles, und ich schaffte es, ihn die Konsequenzen seines Verhaltens alleine tragen zu lassen. Mein Mann und ich gaben ihm nur Rat und zeigten ihm Möglichkeiten auf, wie er seine Probleme selbst lösen konnte.

    Nach und nach nahm er unsere Liebe und Unterstützung an. Heute, nach fünf harten Jahren, ist unser Umgang mit ihm in erster Linie von Achtung geprägt. In vielerlei Hinsicht ist sein Leben noch immer zerrüttet, aber er ist auf dem Weg, es in Ordnung zu bringen. Langsam begreift er, was im Leben wirklich wichtig ist und was auf Dauer Zufriedenheit schenkt.

    Dass wir auf den Rat des Herrn gehört haben, hat unserer Familie geholfen, wieder sehr viel mehr Freude am Leben zu haben. Mein Mann und ich haben gelernt, unser eigenes Leben und unser Familienleben zu gestalten, anstatt zu versuchen, das Leben unseres Sohnes zu gestalten.

    Ich weiß jetzt, was es bedeutet, dem Herrn meine Kinder anzuvertrauen. Er kennt sie besser als ich. Und ich habe gelernt, mich nicht für alle Entscheidungen meiner Kinder verantwortlich zu fühlen. Mein Mann und ich haben festgestellt, dass wir unserem Sohn am besten dadurch helfen konnten, dass wir uns an den Herrn wandten und auf seinen Willen und seinen Rat vertrauten.

    Illustration von Ben Sowards