Geschichte der Kirche
    1 Stellt eine Gruppe zusammen
    Fußnoten
    Theme

    „Stellt eine Gruppe zusammen“, Kapitel 1 von: Heilige: Die Geschichte der Kirche Jesu Christi in den Letzten Tagen, Band 2, Keine unheilige Hand, 1846–1893, 2019

    Kapitel 1: „Stellt eine Gruppe zusammen“

    Kapitel 1

    Stellt eine Gruppe zusammen

    Großes Schiff auf dem Meer

    „Ich möchte über die Toten sprechen.“

    Tausende Heilige der Letzten Tage verstummten, als Lucy Mack Smiths Stimme in dem großen Versammlungsraum im Erdgeschoss des fast fertiggestellten Nauvoo-Tempels widerhallte.

    Es war der Morgen des 8. Oktobers 1845, der dritte und letzte Tag der Herbstkonferenz der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Lucy war sich bewusst, dass dies eine ihrer letzten Gelegenheiten war, zu den Heiligen zu sprechen – insbesondere jetzt, da sie vorhatten, Nauvoo zu verlassen und weit im Westen eine neue Heimat zu finden. Und so sprach sie zu ihnen mit einer für eine gebrechliche Siebzigjährige ungewöhnlichen Kraft.

    „Am vergangenen zweiundzwanzigsten September war es achtzehn Jahre her, dass Joseph die Platten aus dem Erdboden holte“, sagte sie. „Und am vergangenen Montag war es achtzehn Jahre her, dass Joseph Smith, der Prophet des Herrn …“1

    Sie hielt inne und dachte an Joseph, ihren Sohn, der den Märtyrertod erlitten hatte. Die anwesenden Heiligen wussten bereits, dass ein Engel des Herrn ihn zu Goldplatten geführt hatte, die in einem Hügel namens Cumorah verborgen gewesen waren. Sie wussten, dass Joseph die Platten mit der Gabe und Macht Gottes übersetzt und den Bericht unter dem Namen Buch Mormon veröffentlicht hatte. Aber wie viele der dort Versammelten hatten Joseph wirklich gekannt?

    Lucy konnte sich noch gut daran erinnern, wie er ihr mit gerade einmal einundzwanzig Jahren zum ersten Mal erzählt hatte, Gott habe ihm die Platten anvertraut. Den ganzen Morgen war sie angespannt gewesen, voller Angst, er könne mit leeren Händen vom Hügel zurückkehren, wie schon die vier Jahre zuvor. Doch bei seiner Rückkehr hatte er sie schnell beruhigen können. „Sorge dich nicht“, hatte er gesagt. „Es ist alles in Ordnung!“ Zum Beweis, dass er den Bericht tatsächlich erhalten hatte, hatte er ihr dann die in ein Taschentuch gewickelten Sehersteine, die der Herr für die Übersetzung der Platten bereitgestellt hatte, in die Hand gegeben.

    Nur ein paar Gläubige waren dabei zugegen gewesen, und die meisten von ihnen hatten zur Familie gehört. Inzwischen lebten über elftausend Heilige aus Nordamerika und Europa in Nauvoo, wo sich die Kirche in den vergangenen sechs Jahren gesammelt hatte. Einige waren noch neu in der Kirche und hatten Joseph und dessen Bruder Hyrum, die im Juni 1844 von einer Pöbelhorde erschossen worden waren, gar nicht kennenlernen können.2 Aus diesem Grund wollte Lucy über die beiden Verstorbenen sprechen. Bevor die Heiligen aufbrachen, wollte sie Zeugnis dafür ablegen, dass Joseph zum Propheten berufen worden war und welche Rolle ihre Familie bei der Wiederherstellung des Evangeliums gespielt hatte.

    Seit über einem Monat setzten gesetzlose Horden immer wieder Häuser und Läden von Heiligen in benachbarten Siedlungen in Brand. Viele Familien fürchteten um ihr Leben und waren nach Nauvoo geflohen, wo sie fürs Erste sicher waren. Im Laufe der Wochen war der Pöbel jedoch immer stärker geworden und ging gezielter vor. Bald schon war es vereinzelt zu Gefechten mit den Heiligen gekommen. Derweil unternahmen weder die Regierung von Illinois noch die Bundesregierung irgendetwas, um die Rechte der Heiligen zu wahren.3

    Die Führer der Kirche waren überzeugt, dass es nur noch eine Frage der Zeit war, bis der Pöbel Nauvoo angriff. Sie hatten einen vorläufigen Waffenstillstand ausgehandelt und eingewilligt, dass die Heiligen bis zum Frühjahr den Landkreis verließen, doch die Lage blieb angespannt.4

    Durch göttliche Offenbarung geleitet, wollten Brigham Young und die übrigen Mitglieder des Kollegiums der Zwölf Apostel die Heiligen umsiedeln – über sechzehnhundert Kilometer weiter nach Westen, jenseits der Rocky Mountains, knapp außerhalb der Landesgrenze. Als präsidierendes Kollegium der Kirche hatten die Zwölf den Heiligen diese Entscheidung am ersten Tag der Herbstkonferenz bekanntgegeben.

    „Der Herr hat die Absicht, uns einem größeren Wirkungskreis zuzuführen“, hatte Parley Pratt verkündet. „Dort können wir uns auch an den reinen Grundsätzen Freiheit und Gleichberechtigung erfreuen.“5

    Lucy wusste, dass ihr die Heiligen auf der Reise zur Seite stehen würden, sollte sie ebenfalls aufbrechen. In Offenbarungen war den Heiligen aufgetragen worden, sich an einem Ort zu sammeln, und die Zwölf waren entschlossen, den Willen des Herrn auszuführen. Lucy war jedoch alt geworden und meinte, sie werde wohl nicht mehr lange leben. Sie wollte nach ihrem Tod in Nauvoo bei Joseph, Hyrum und anderen verstorbenen Angehörigen – darunter auch ihr Mann, Joseph Smith Sr. – begraben werden.

    Außerdem blieben die meisten ihrer noch lebenden Angehörigen in Nauvoo. William, ihr einziger noch lebender Sohn, hatte dem Kollegium der Zwölf Apostel angehört, verwarf diese jedoch als Führer und weigerte sich, in den Westen zu ziehen. Auch ihre drei Töchter Sophronia, Katharine und Lucy blieben zurück, ebenso wie ihre Schwiegertochter Emma, die Witwe des Propheten.

    Als Lucy zu den Anwesenden sprach, forderte sie ihre Zuhörer eindringlich auf, sich um die bevorstehende Reise nicht zu sorgen. „Verliert nicht den Mut. Meint nicht, ihr könntet euch einen Wagen und all die anderen Sachen nicht beschaffen“, sagte sie. Trotz Armut und Verfolgung hatte ihre eigene Familie das Gebot des Herrn erfüllt und das Buch Mormon veröffentlicht. Sie riet allen, auf die Führer zu hören und gut zueinander zu sein.

    „Brigham hat gesagt, dass nur ein ehrliches Herz euch ans Ziel bringt“, betonte sie. „Wer verärgert ist, den erwartet auch Ärger.“

    Lucy berichtete noch mehr von ihrer Familie und sprach darüber, welch schreckliche Verfolgung die Heiligen in Missouri und Illinois hatten erleiden müssen und welche Prüfungen noch vor ihnen lagen. „Ich bete darum, dass der Herr die Führer der Kirche, Bruder Brigham und die anderen, segnen möge“, sagte sie. „Wenn ich in die nächste Welt übergehe, möchte ich euch alle wiedersehen.“6


    Etwas über einen Monat später lag für Wilford Woodruff in seinem Büro in Liverpool, wo der Apostel damals als Präsident der Britischen Mission der Kirche tätig war, ein Brief von Brigham Young bereit. „Wir haben diesen Herbst hier jede Menge Leid und Schwierigkeiten erlebt“, berichtete Brigham seinem Freund. „Daher ist es ratsam, dass wir von hier fortgehen. Nur so können wir uns den Frieden bewahren.“7

    Wilford war beunruhigt, jedoch keineswegs überrascht. Er hatte in der Zeitung von den Angriffen des Pöbels in und um Nauvoo gelesen, aber nicht gewusst, wie ernst die Lage mittlerweile war. „In welch seltsamen Zeiten wir doch leben“, dachte Wilford, nachdem er den Brief gelesen hatte. Die Regierung behauptete, dass Unterdrückte von ihr beschützt und Vertriebene aufgenommen würden, aber Wilford konnte sich nicht entsinnen, dass sie den Heiligen auch nur einmal geholfen hatte.

    „Der Staat Illinois und die gesamten Vereinigten Staaten haben den Becher ihres Übeltuns gefüllt“, schrieb er in sein Tagebuch. „Die Heiligen tun gut daran, sich aus ihrer Mitte zu entfernen.“8

    Glücklicherweise befanden sich die meisten aus Wilfords Familie in Sicherheit. Seine Frau Phebe und die beiden Jüngsten, Susan und Joseph, waren bei ihm in England. Phebe Amelia, die andere Tochter, wohnte bei Verwandten in den Oststaaten, anderthalbtausend Kilometer entfernt, und war daher außer Gefahr.

    Ihr ältester Sohn Willy hingegen war noch immer in Nauvoo, wo sich gute Freunde um ihn kümmerten. Brigham berichtete in seinem Brief, dass sich der Junge in Sicherheit befand, aber Wilford konnte es kaum abwarten, seine Familie endlich wieder vereint zu sehen.9

    Als Kollegiumspräsident gab Brigham Wilford Instruktionen, was als Nächstes zu tun sei. „Schicke keine weiteren Siedler zu uns“, schrieb er. „Sie sollen in England warten, bis sie auf dem Schiff den Pazifik überqueren können.“ Auch wünschte er, dass die amerikanischen Missionare in England, die noch nicht die heiligen Handlungen des Tempels empfangen hatten, unverzüglich nach Nauvoo zurückkehrten, um sie dort zu empfangen.10

    In den darauffolgenden Tagen schickte Wilford den amerikanischen Ältesten, die zu der Zeit in England predigten, Briefe, in denen er sie über die Verfolgung in Nauvoo informierte. Er und Phebe hatten die heiligen Handlungen zwar bereits empfangen, beschlossen aber dennoch, ebenfalls nach Hause zurückzukehren.

    „Ein Teil meiner Familie ist in den Staaten über dreitausend Kilometer zerstreut“, erklärte Wilford den Heiligen in Großbritannien in einer Abschiedsrede. „Ich halte es jetzt für meine Pflicht, dorthin zurückzukehren und meine Kinder zu sammeln, damit sie mit dem Lager der Heiligen aufbrechen können.“

    Wilford ernannte seinen Amtsvorgänger Reuben Hedlock noch einmal zum Präsidenten der Britischen Mission. Auch wenn er ihm nicht ganz vertraute, weil Reuben die Gelder der Kirche in der Vergangenheit schlecht verwaltet hatte, gab es doch in England niemanden, der mehr Erfahrung mit den Führungsaufgaben in einer Mission hatte. Hinzu kam, dass Wilford kaum Zeit hatte, einen geeigneteren Ersatz zu finden. War er erst mit dem Kollegium der Zwölf Apostel wieder zusammen, würde er einen anderen an Reubens Stelle empfehlen.11


    Während sich Wilford und Phebe auf die Rückkehr nach Nauvoo vorbereiteten, vernahm Samuel Brannan, der präsidierende Älteste der Kirche in New York, das Gerücht, die Bundesregierung wolle die Heiligen eher entwaffnen und ausrotten als zulassen, dass sie das Land verließen und sich möglicherweise mit Mexiko oder Großbritannien verbündeten, die im Westen jeweils große Gebiete für sich beanspruchten. Alarmiert schrieb Sam unverzüglich an Brigham Young, um von der Gefahr zu berichten.

    Der Brief erreichte Nauvoo gerade, als neue Gefahren drohten. Brigham und einige weitere Apostel hatten eine Vorladung vor Gericht erhalten, nachdem man sie fälschlich der Täuschung bezichtigt hatte, und sollten nun von einem Gesetzeshüter verhaftet werden.12 Als die Apostel Sams Brief gelesen hatten, beteten sie um Schutz und baten den Herrn, die Heiligen in Sicherheit aus der Stadt zu bringen.13

    Wenig später schien Thomas Ford, der Gouverneur von Illinois, Sams Bericht zu bestätigen. „Höchstwahrscheinlich wird die Regierung in Washington, D. C. eingreifen und die Mormonen daran hindern, westwärts in ein Gebiet jenseits der Rocky Mountains zu ziehen“, warnte er. „Viele kluge Leute sind tatsächlich davon überzeugt, dass sich die Mormonen, falls sie dorthin gelangen, den Briten anschließen und für mehr Ärger denn je sorgen.“14

    Im Januar 1846 kam Brigham Young oft mit dem Kollegium der Zwölf Apostel und dem Rat der Fünfzig, einem Gremium, das sich um die weltlichen Angelegenheiten des Gottesreiches auf Erden kümmerte, zusammen. Sie überlegten, wie man am besten und schnellsten aus Nauvoo aufbrechen und einen neuen Sammlungsort für die Heiligen aufrichten könne. Heber Kimball, ebenfalls ein Apostel, schlug vor, sie sollten so bald wie möglich eine kleine Gruppe Heiliger in den Westen führen.

    „Stellt eine Gruppe zusammen, die sich entsprechend ausrüsten kann“, riet er. „Sie soll jederzeit bereit sein aufzubrechen, sobald sie dazu aufgerufen wird, vorauszugehen und für ihre Angehörigen und die Armen einen Ort vorzubereiten.“

    „Wenn ein Vortrupp loszieht, um im Frühling Getreide auszusäen, muss er schon am 1. Februar aufbrechen“, betonte Apostel Orson Pratt. Er fragte, ob es nicht sogar klüger sei, sich nicht ganz so weit entfernt niederzulassen, damit sie schon früher das Land bebauen konnten.

    Diese Idee gefiel Brigham jedoch nicht. Der Herr hatte die Heiligen bereits angewiesen, sich beim großen Salzsee anzusiedeln. Der See gehörte zum Großen Becken, einem riesigen schalenförmigen Gebiet, umgeben von Bergen. Der Großteil des Beckens war trockene Wüstenlandschaft, die sich nur schwer bebauen ließ, weshalb nur wenige Amerikaner den Wunsch hegten, in den Westen zu ziehen.

    „Wenn wir uns inmitten der Berge an dem vorgeschlagenen Ort niederlassen, wird uns kein anderes Land darum beneiden“, war Brighams Gedanke. Er wusste, dass das Gebiet bereits von Indianerstämmen besiedelt war, hoffte jedoch, dass diese und die Heiligen friedlich nebeneinander leben konnten.15

    Schon seit Jahren hatten sich die Heiligen bemüht, den Indianern in den Vereinigten Staaten das Evangelium zu verkünden, und bei den Indianerstämmen im Westen wollten sie das fortsetzen. Wie die meisten weißen Amerikaner hielten auch viele Heilige mit weißer Hautfarbe ihre Kultur der der Indianer für überlegen. Über deren Sprachen und Bräuche wussten sie nur wenig. Dennoch gehörten für sie auch die Indianer zum Haus Israel, und sie sahen in ihnen potenzielle Verbündete, weshalb sie darauf hofften, mit den Ute, den Schoschonen und weiteren Stämmen im Westen Freundschaft zu schließen.16

    Am 13. Januar kam Brigham erneut mit den Räten zusammen. Er wollte wissen, wie viele Heilige vorbereitet waren, Nauvoo binnen sechs Stunden zu verlassen. Er war allerdings überzeugt, dass die meisten Heiligen bis zum Ablauf der Frist im Frühjahr in der Stadt in Sicherheit waren. Damit der Vortrupp schneller vorankam, sollten sich ihm nur so wenige Familien wie möglich anschließen.

    „Nehmt die Familien derer mit, die sich in Gefahr befinden und vermutlich vor Gericht geladen werden“, sagte er. Alle anderen sollten erst im Frühjahr in den Westen aufbrechen, nachdem der Vortrupp die Berge erreicht und eine neue Siedlung gegründet hatte.17


    Der Hafen von New York glitzerte im Sonnenlicht, als sich am Nachmittag des 4. Februars 1846 eine Menschenmenge am Kai drängte, um sich von der Brooklyn zu verabschieden. Das 450 Tonnen schwere Schiff fuhr zur Bucht von San Francisco an der Küste Kaliforniens, einem dünn besiedelten Gebiet im Nordwesten Mexikos. An Deck des Schiffes befanden sich über zweihundert Heilige, die ihren Angehörigen und Freunden zuwinkten. Viele von ihnen konnten es sich nicht leisten, mit dem Wagen in den Westen zu ziehen.18

    Ihr Anführer war der sechsundzwanzigjährige Sam Brannan. Nach der Herbstkonferenz hatten die Zwölf Apostel ihn beauftragt, ein Schiff zu chartern und eine Gruppe Heilige aus dem Osten nach Kalifornien zu bringen. Dort sollten sie warten, um dann irgendwo im Westen mit der Hauptgruppe der Kirche zusammenzutreffen.

    „Flieht aus Babylon!“, hatte der Apostel Orson Pratt sie gewarnt. „Nicht ein Heiliger darf in den Vereinigten Staaten zurückbleiben.“19

    Bald schon charterte Sam die Brooklyn zu einem erschwinglichen Preis, und es wurden zweiunddreißig kleine Kajüten zur Unterbringung der Passagiere zurechtgezimmert. Sam forderte die Heiligen auf, Pflüge, Schaufeln, Hacken, Heugabeln und weitere Werkzeuge mitzunehmen, damit sie Felder bestellen und Häuser bauen konnten. Ungewiss, was vor ihnen lag, verstauten sie genügend Proviant, ein wenig Vieh, drei Getreidemühlen, Mahlsteine, Drehbänke, Nägel, eine Druckerpresse und Schusswaffen an Bord. Ein Wohltätigkeitsverein hatte dem Schiff außerdem genügend Bücher gespendet, dass es für eine ordentliche Bibliothek ausreichte.20

    Als sich Sam auf die Reise vorbereitete, warnte ihn ein ihm bekannter Politiker aus Washington, dass die Regierung nach wie vor entschlossen war, die Heiligen vom Aufbruch aus Nauvoo abzuhalten. Auch bot er Sam an, sich zusammen mit einem Geschäftsmann, der in Kalifornien wirtschaftliche Interessen verfolgte, bei der Regierung für die Kirche einzusetzen, sofern ihm die Heiligen dafür die Hälfte der Ländereien überließen, die sie im Westen erwerben würden.

    Sam war sich bewusst, dass die Bedingungen der Abmachung keineswegs gut waren, aber er sah in den Männern Freunde, die die Heiligen beschützen konnten. Ein paar Tage vor der Abfahrt der Brooklyn hatte Sam einen Vertrag aufsetzen lassen und ihn an Brigham geschickt mit der eindringlichen Bitte, ihn zu unterzeichnen. „Alles wird gut ausgehen“, versprach er.21

    Er informierte Brigham ferner, er wolle in der Bucht von San Francisco eine Stadt gründen, möglicherweise sogar einen neuen Sammlungsort für die Heiligen. „Ich werde den am besten geeigneten Ort auswählen!“, schrieb er. „Sofern es der Wille des Herrn ist, werde ich alles für euch vorbereitet haben, noch bevor ihr eintrefft.“22

    Als die Brooklyn ihren Liegeplatz verließ, war Sam überzeugt, dass für die Sicherheit der Heiligen, die Nauvoo verließen, gesorgt war und dass die Passagiere an Bord eine reibungslose Fahrt erwartete. Das Schiff sollte der Meeresströmung folgen, die stürmische Südspitze Amerikas umrunden und dann in den Pazifik vorstoßen. Nach der Ankunft in Kalifornien wollte man eine Stadt gründen und ein neues Leben im Westen beginnen.

    Ein Dampfschiff lotste die Brooklyn vom Kai, und die Angehörigen und Freunde am Pier riefen den Heiligen drei Abschiedsrufe zu, die von den Passagieren an Bord mit drei Rufen erwidert wurden. Das Schiff gelangte zur Hafenmündung, spreizte die Toppsegel und ließ sich von einer leichten Brise zum Atlantik treiben.23


    Am gleichen Tag, als die Brooklyn nach Kalifornien ablegte, überquerte der Vortrupp mit fünfzehn Wagen den Mississippi westlich von Nauvoo und schlug am Sugar Creek im Territorium Iowa sein Lager auf.

    Vier Tage später traf sich Brigham Young ein letztes Mal mit den Aposteln im Nauvoo-Tempel.24 Der Tempel an sich war zwar noch nicht geweiht worden, wohl aber das Dachgeschoss, und die Brüder hatten dort über fünftausend Heiligen, die sich schon sehr darauf gefreut hatten, das Endowment zukommen lassen. Auch hatten sie etwa dreizehnhundert Ehepaare für Zeit und Ewigkeit aneinander gesiegelt.25 Einige dieser Siegelungen betrafen auch Mehrehen, die einige wenige treue Heilige in Nauvoo eingegangen waren, nachdem der Herr diesen Grundsatz Joseph Smith Anfang der 30er Jahre des 19. Jahrhunderts offenbart hatte.26

    Brigham hatte vorgehabt, ab dem 3. Februar, also dem Tag, als die ersten Wagen aus Nauvoo aufbrachen, keine heiligen Handlungen mehr zu vollziehen, aber den ganzen Tag lang hatten sich die Heiligen um den Tempel geschart, weil sie diese Handlungen unbedingt vor der Abreise noch empfangen wollten. Anfangs wollte Brigham sie fortschicken. „Wir werden noch weitere Tempel bauen und weitere Gelegenheiten erhalten, die Segnungen des Herrn zu empfangen“, bekräftigte er immer wieder. „Wir sind in diesem Tempel reich belohnt worden, selbst wenn wir hier nun keinen weiteren Lohn mehr erhalten.“

    Brigham erwartete, die Menge werde sich auflösen, und machte sich auf den Heimweg. Doch er kam nicht weit. Er kehrte zurück und sah, dass der Tempel noch immer zum Bersten voll war. Hunderte hungerten und dürsteten nach dem Wort Gottes. An diesem Tag empfingen noch zweihundertfünfundneunzig weitere Heilige die Tempelsegnungen.27

    Nachdem die Verordnungsarbeit im Tempel vollendet war, knieten die Apostel um den Altar des Tempels und beteten um eine sichere Reise in den Westen. Keiner wusste, welche Prüfungen ihnen in den nächsten Wochen und Monaten bevorstanden. In Wegweisern und Karten war für den Großteil der Reise in die Berge von unmarkierten Wegen die Rede. Entlang des Weges gab es überall Flüsse und Bäche sowie reichlich Wild und Büffel, die die Prärie durchstreiften. Dennoch war das Gelände mit nichts zu vergleichen, was die Heiligen jemals durchreisen mussten.28

    Sie wollten niemanden in Gefahr zurücklassen und hatten daher gemeinsam gelobt, jedem zu helfen, der in den Westen ziehen wollte – vor allem auch den Armen, den Kranken und den Verwitweten. „Wenn ihr eurem Bund treu bleibt, wird der große Gott auf dieses Volk die nötigen Mittel herabschütten, damit es dieses Vorhaben gewissenhaft ausführen kann“, hatte Brigham den Heiligen bei der Herbstkonferenz im Tempel verheißen.29

    Am 15. Februar lastete dieser Bund schwer auf Brighams Schultern, als er den Mississippi überquerte. An jenem Nachmittag schob und zog er viele Wagen über einen verschneiten, verschlammten Hügel sechs Kilometer westlich des Flusses. Nur noch wenige Stunden Tageslicht verblieben, ehe der anbrechende Abend den Weg verdunkeln würde, aber Brigham war entschlossen, nicht zu ruhen, bis jeder Wagen der Heiligen sicher im Lager am Sugar Creek auf der Westseite des Flusses angekommen war.30

    Inzwischen hatte sich das Vorhaben, noch in diesem Jahr einen kleinen Vortrupp in die Berge vorauszuschicken, bereits verzögert. Brigham und die anderen Führer der Kirche hatten die Stadt später als geplant verlassen, und einige Heilige hatten den Rat, in Nauvoo zu bleiben, missachtet, den Fluss überquert und sich im Lager am Sugar Creek dem Vortrupp zugesellt. Weil viele Familien so schnell aus der Stadt geflüchtet waren, waren sie nicht ausreichend vorbereitet und schlecht ausgerüstet.

    Brigham wusste noch nicht, wie er vorgehen sollte. Wegen dieser Heiligen kämen die anderen gewiss langsamer voran. Er wollte sie jedoch auch nicht nach Nauvoo zurückschicken, nachdem sie von dort schon aufgebrochen waren. Für ihn war Nauvoo inzwischen zu einem Gefängnis geworden und kein Ort für das Volk Gottes. Der Weg in den Westen führte in die Freiheit.

    Er und die Zwölf mussten wohl einfach vorwärtsstreben und darauf vertrauen, dass der Herr ihnen half, eine Lösung zu finden.31