2018
    Kapitel 2: Ihn höre!
    Heruntergeladene Inhalte
    Ganzes Buch (PDF)
    Fußnoten
    Farbschema

    Kapitel 2

    Ihn höre!

    Dies ist das zweite Kapitel der neuen vierbändigen Reihe mit dem Titel Heilige: Die Geschichte der Kirche Jesu Christi in den Letzten Tagen. Das Buch wird in 14 Sprachen in gedruckter Form erscheinen, in der App Archiv Kirchenliteratur unter der Rubrik „Geschichte der Kirche“ und im Internet auf Heilige.lds.org. Weitere Kapitel erscheinen in künftigen Ausgaben, bis der erste Band im Laufe des Jahres veröffentlicht wird. Die Kapitel, die hier erscheinen, werden in 47 Sprachen in der App Archiv Kirchenliteratur und auf Heilige.lds.org bereitgestellt.

    Saints: The Standard of Truth

    Eines schönen Morgens im Frühling des Jahres 1820 stand Joseph zeitig auf und machte sich auf den Weg in die Wälder in der Nähe seines Elternhauses. Es war ein klarer, schöner Tag. Sanft fiel das Licht der aufgehenden Sonne durch das frische Grün der Bäume. Er wollte allein sein, wenn er betete. Er kannte eine ruhige Stelle, wo er gerade erst Bäume gefällt hatte. Sogar seine Axt steckte dort noch in einem Baumstumpf.1

    Als er die Stelle erreicht hatte, blickte er sich um. Er wollte sichergehen, dass er allein war, da er laut beten und dabei nicht gestört werden wollte.

    Als Joseph sich davon überzeugt hatte, dass er allein war, kniete er sich auf den kühlen Erdboden nieder und trug Gott die Wünsche vor, die sein Herz bewegten. Er flehte um Gnade und Vergebung und bat um Weisheit, weil er Antworten auf seine Fragen finden wollte. „O Herr“, betete er, „welcher Kirche soll ich mich anschließen?“2

    Doch während er betete, schien seine Zunge so stark anzuschwellen, dass er kein Wort mehr herausbrachte. Er hörte Schritte hinter sich, aber als er sich umdrehte, war niemand zu sehen. Er versuchte, weiter zu beten, doch die Schritte wurden immer lauter – so, als würde jemand auf ihn zukommen. Er sprang auf und sah sich um, doch noch immer war niemand zu sehen.3

    Plötzlich ergriff ihn eine unsichtbare Macht. Er versuchte noch einmal zu sprechen, doch seine Zunge war wie gelähmt. Eine dichte Finsternis zog sich um ihn herum zusammen, sodass er das Sonnenlicht nicht mehr sehen konnte. Zweifel überkamen ihn und schreckliche Bilder schossen ihm durch den Kopf, die ihn verwirrten und nicht mehr losließen. Er hatte das Gefühl, dass da ein reales, schreckliches, unvorstellbar mächtiges Wesen war, das ihn auslöschen wollte.4

    Joseph nahm alle Kraft zusammen und rief noch einmal Gott an. Endlich löste sich seine Zunge, und er flehte darum, aus diesem Zustand befreit zu werden. Doch stattdessen versank er immer tiefer in Verzweiflung. Unerträgliche Finsternis bemächtigte sich seiner, sodass er dachte, es sei um ihn geschehen.5

    In diesem Augenblick erschien über seinem Kopf eine Säule aus Licht. Langsam senkte sie sich herab. Es sah so aus, als würde sie die Bäume in Brand setzen. Als das Licht auf Joseph fiel, wich auch die unsichtbare Macht, und der Geist Gottes trat an ihre Stelle. Er erfüllte ihn mit Frieden und unaussprechlicher Freude.

    Joseph Smith's First Vision

    Joseph Smiths erste Vision, Gemälde von Greg K. Olsen

    Joseph blickte ins Licht und sah Gottvater über sich in der Luft stehen. Sein Gesicht strahlte heller und herrlicher als alles, was Joseph jemals gesehen hatte. Gott nannte ihn beim Namen und deutete auf ein weiteres Wesen, das neben ihm erschienen war. „Dies ist mein geliebter Sohn“, sagte er. „Ihn höre!“6

    Joseph blickte Jesus Christus ins Gesicht! Dieses erstrahlte ebenso hell und war von der gleichen Herrlichkeit erfüllt wie das des Vaters.

    „Joseph“, sagte der Erretter, „deine Sünden sind dir vergeben.“7

    Nun, da er die Last nicht mehr spürte, wiederholte Joseph seine Frage: „Welcher Kirche soll ich mich anschließen?“8

    „Du darfst dich keiner von ihnen anschließen“, erwiderte der Erretter. „Sie verkünden Menschengebote als Lehre und haben zwar eine Form der Gottesfurcht, aber leugnen deren Macht.“

    Der Herr erklärte Joseph, die Welt liege in Sünde. „Niemand tut Gutes“, sagte er. „Die Menschen haben sich vom Evangelium abgewandt und halten meine Gebote nicht.“ Heilige Wahrheiten waren verlorengegangen oder verfälscht worden. Der Herr verhieß Joseph jedoch, dass er ihm eines Tages die Fülle des Evangeliums offenbaren werde.9

    Als der Erretter sprach, erblickte Joseph eine ganze Schar von Engeln, und das Licht um sie herum leuchtete heller als die Mittagssonne. „Siehe, ja siehe, ich komme schnell“, erklärte der Herr, „angetan mit der Herrlichkeit meines Vaters.“10

    Joseph dachte, dass das lodernde Licht den ganzen Wald in Flammen aufgehen lassen müsse, doch wie bei Mose und dem brennenden Busch verzehrte es die Bäume nicht.11

    The Sacred Grove

    In diesem Hain in der Nähe des Hauses der Familie Smith kniete Joseph im Gebet, um zu erfahren, welcher Kirche er sich anschließen sollte.

    Als das Licht verblasste, lag Joseph auf dem Rücken und schaute auf zum Himmel. Die Säule aus Licht war verschwunden – genau wie es seine Schuldgefühle und seine Verwirrung waren. Sein Herz war von der Liebe Gottes erfüllt.12 Gottvater und Jesus Christus hatten zu ihm gesprochen, und er hatte nun selbst erkannt, wie er die Wahrheit herausfinden und Vergebung erlangen konnte.

    Die Vision hatte ihn so geschwächt, dass Joseph sich nicht bewegen konnte, und so blieb er noch im Wald liegen, bis seine Kräfte zurückkehrten. Auf wackligen Beinen kehrte er nach Hause zurück und lehnte sich an den Kamin. Seine Mutter sah ihn und fragte, was los sei.

    „Schon gut“, versicherte er ihr. „Mir fehlt weiter nichts.“13

    Einige Tage später sprach Joseph mit einem Prediger und berichtete ihm, was er im Wald erlebt hatte. Dieser Geistliche war gerade erst bei verschiedenen Erweckungsversammlungen äußerst rührig gewesen. Joseph ging davon aus, dass er seiner Vision Glauben schenken werde.

    Anfangs schien der Prediger seine Worte nicht weiter ernst zu nehmen. Es kam immer mal wieder vor, dass jemand behauptete, eine himmlische Vision gehabt zu haben.14 Dann jedoch wurde er ärgerlich und widersprach ihm. Josephs Geschichte sei vom Teufel, sagte er. Visionen und Offenbarungen gebe es schon lange nicht mehr und werde es nie wieder geben.15

    Joseph war überrascht, stellte jedoch bald fest, dass niemand ihm Glauben schenkte.16 Weshalb sollte es auch anders sein? Er war ja erst vierzehn Jahre alt und besaß kaum Schulbildung. Seine Familie war arm, und vermutlich würde er sein Leben lang nur Land bebauen und sich hie und da für einen Hungerlohn um Arbeit verdingen.

    Trotzdem hatte sein Zeugnis einige Leute dermaßen in Aufruhr versetzt, dass sie ihn verspotteten. Seltsam, dachte er, dass ein einfacher Junge mit keinerlei Bedeutung in der Welt zur Zielscheibe von so viel Verbitterung und Hohn werden konnte. „Wieso verfolgt man mich dafür, dass ich die Wahrheit sage?“, wollte er wissen. „Warum meint die Welt, sie könne mich dazu bringen, dass ich verleugne, was ich tatsächlich gesehen habe?“

    Diese Fragen beschäftigten Joseph bis an sein Lebensende. „Ich hatte tatsächlich ein Licht gesehen, und mitten in dem Licht hatte ich zwei Personen gesehen, und sie hatten wirklich zu mir gesprochen“, berichtete er später. „Und wenn man mich auch hasste und verfolgte, weil ich sagte, ich hätte eine Vision gesehen, so war es doch wahr.

    Das wusste ich, und ich wusste, dass Gott es wusste“, bezeugte er. „Und ich konnte es nicht leugnen.“17

    Als Joseph merkte, dass er seine Mitmenschen nur gegen sich aufbrachte, wenn er über die Vision sprach, behielt er sie lieber für sich. Er war zufrieden mit der Erkenntnis, die Gott ihm verschafft hatte.18 Erst später, als er aus New York fortgezogen war, versuchte er, die heiligen Ereignisse, die sich im Wald zugetragen hatten, schriftlich festzuhalten. Dabei beschrieb er sein Sehnen nach Vergebung und gab die warnenden Worte des Erretters wieder, dass die Welt umkehren müsse. Joseph gab sich zwar alle Mühe, die Erhabenheit jenes Augenblicks in eigenen Worten einzufangen, doch seine Ausdrucksweise blieb unbeholfen.

    In den Jahren danach machte er die Vision einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich und nahm dafür Schreiber zu Hilfe, die es ihm ermöglichten, das Unbeschreibliche besser auszudrücken. Er schilderte seinen Wunsch, die wahre Kirche zu finden, und beschrieb, wie zuerst Gottvater erschienen war, um seinen Sohn vorzustellen. Auf sein eigenes Streben nach Vergebung ging er nur wenig ein. Ihm lag mehr an der Feststellung, dass der Erretter eine Botschaft von allgemeingültiger Wahrheit hatte und dass das Evangelium wiederhergestellt werden musste.19

    Jedes Mal, wenn Joseph sein Erlebnis schriftlich festhielt, bezeugte er, dass der Herr sein Gebet gehört und erhört hatte. Als Junge hatte er erfahren, dass die Kirche Christi nicht mehr auf der Erde zu finden war. Der Herr hatte ihm jedoch verheißen, ihm zu gegebener Zeit mehr über sein Evangelium zu offenbaren. Folglich beschloss Joseph, auf Gott zu vertrauen, sich an das Gebot zu halten, das ihm im Wald gegeben worden war, und geduldig weitere Weisungen abzuwarten.20