2018
    Sonnenaufgang
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    Betrachtungen

    Sonnenaufgang

    Der Verfasser lebt in Idaho.

    Dieses Leben ist nicht das Ende. Es erwarten uns noch viel Schönheit und Glück und Freude.

    Sunset

    Foto von Getty Images

    Der Wintermorgen war klar und kalt, als ich noch vor der Dämmerung mit den morgendlichen Arbeiten auf meiner Milchfarm begann. Bedrückt dachte ich über die Ereignisse der vergangenen Woche nach. Ein tragischer Unfall hatte unser kleines Tal erschüttert. Ein alter Freund aus meiner Schulzeit, sein kleiner Sohn, seine Tochter im Teenageralter und drei ihrer Freundinnen waren bei einem furchtbaren Autounfall ums Leben gekommen. Meine Kinder waren mit den Mädchen befreundet gewesen. Unsere Familie und viele andere hatten die Woche gemeinsam mit den betroffenen Familien getrauert. Wir waren in der Woche bereits bei drei Beerdigungen gewesen und würden heute an der letzten, der Beerdigung des Vaters und seiner beiden Kinder, teilnehmen.

    Als ich mich mit dem Geschehenen auseinandersetzte, quälten mich vorrangig zwei Fragen.

    Erstens trauerte ich um die Kinder und fragte mich, warum sie von uns genommen worden waren, noch ehe sie vieles von dem, was das Leben zu bieten hat, erleben konnten. Sie würden jetzt nicht mehr heranwachsen, heiraten, eine Mission erfüllen, Kinder haben und die vielen anderen Freuden des irdischen Lebens erfahren.

    Zweitens: Auch wenn ich spürte, dass wir als Gemeinschaft den Familien gerne Trost spenden wollten, so schien mir doch, dass wir nichts tun konnten – dass keine Anstrengung ihren Schmerz lindern konnte.

    Als ich meiner Arbeit nachging, kam der Schwiegervater meines verstorbenen Freundes unerwartet vorbei. Auch er war Viehzüchter und hatte stets alle Hände voll zu tun. Nun musste er schnellstens ein Kalb kaufen. Nach dem Handel sprachen wir eine Weile darüber, wie es ihm und seiner Familie ging. Ich drückte meinen Wunsch aus, etwas mehr für sie tun zu können. Ich fühlte mich bei den Bemühungen, ihren Schmerz zu lindern, so hilflos. Ich war jedoch davon beeindruckt, wie ruhig und friedevoll er schien, trotz allem, was seine Familie durchmachte.

    Auf einmal erkannte ich, dass die Antwort auf eine meiner Fragen schon die ganze Zeit da gewesen war. Ich hatte mich darum gesorgt, wie ich meinen trauernden Freunden Trost spenden könnte, und dabei vergessen, dass wahrer Trost und Frieden vom Heiligen Geist kommt. Diese Familien wurden mit einem vermehrten Maß an Trost aus dem Himmel gesegnet, den nur der Vater im Himmel schenken kann. Ich wusste, dass sie den Trost des Herrn erhielten, von dem im Buch Mormon die Rede ist:

    „Er wird euch in euren Bedrängnissen trösten, und er wird sich eurer Sache annehmen …

    O ihr alle, die ihr im Herzen rein seid, hebt das Haupt empor und empfangt das angenehme Wort Gottes, und weidet euch an seiner Liebe, denn das dürft ihr, wenn ihr festen Sinnes seid, immerdar.“ (Jakob 3:1,2.)

    Nachdem wir uns voneinander verabschiedet hatten, trat ich aus dem Stall und bemerkte den untergehenden Vollmond im Westen. Es war wunderschön anzusehen. Dann drehte ich mich um und sah, wie die Sonne im Osten aufging. Es war, als bestünde der ganze Himmel nur aus Farben. Der untergehende Mond war ein herrlicher Anblick, die aufgehende Sonne war atemberaubend. Als ich innehielt und über diesen Kontrast nachdachte, erkannte ich, dass unser sterbliches Leben – ganz gleich, wie schön es uns scheint und wie glücklich wir sind – im Vergleich zu der Schönheit und dem Glück, die vor uns liegen, wenn wir treu und gehorsam sind, verblasst. Mir wurde klar, dass diejenigen, die gestorben waren, eigentlich nichts verloren hatten. Sie waren während des Erdenlebens tapfer gewesen und ihnen würden nun bedeutendere Erfahrungen und größere Freude zuteilwerden.

    Später ging ich mit meiner Familie zu der letzten Beerdigung. Das Tabernakel war an jenem Tag überfüllt und platzte förmlich aus allen Nähten, da die ganze Gemeinschaft ihre Unterstützung bekundete. Die Menschen in unserem Tal verspürten einen besonderen Frieden, der auch über jenen Tag hinaus noch eine ganze Weile nachklang. Eltern bauten eine innigere Beziehung zu ihren Kindern auf und uns wurde bewusst, dass unser Erdenleben kurz ist und dass wir die Liebe zu unserer Familie und zu unseren Freunden öfter zum Ausdruck bringen müssen. Ich wurde daran erinnert, wie sehr der Herr uns liebt und wie schön der Erlösungsplan ist. Dieses Leben ist nicht das Ende. Es erwarten uns noch viel Schönheit und Glück und Freude.