2000–2009
Mit der Zunge von Engeln
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Mit der Zunge von Engeln

Unsere Worte sollten, wie unsere Taten, angefüllt sein mit Glauben, Hoffnung und Nächstenliebe.

Der Prophet Joseph Smith vertiefte unser Verständnis von der Macht der Sprache, als er sagte: „Jedes Wesen, das durch Glauben wirkt, wirkt durch Worte. Gott sprach: ‚Lasst Licht sein; und es ward Licht.‘ Josua sprach, und die großen Lichter, die Gott erschaffen hatte, standen still. Elija gebot, und die Himmel waren für drei Jahre und sechs Monate verschlossen, sodass es nicht regnete. … Das alles wurde durch Glauben getan. … Glaube wirkt also durch Worte, und durch [Worte] wurden und werden seine mächtigsten Werke vollbracht.“1 Wie alle Gaben, die „von oben“ kommen, sind Worte „heilig und [müssen] mit Sorgfalt und unter dem Drängen des Geistes gesprochen werden“.2

In dem Bewusstsein, wie mächtig und heilig Worte sind, möchte ich uns im Hinblick darauf, wie wir zueinander sprechen und wie wir von uns selbst sprechen, zu Vorsicht raten, sollte das erforderlich sein.

Eine Zeile aus den Apokryphen drückt den Ernst dieses Themas besser aus, als ich es kann. Dort heißt es: „Peitschenhieb schlägt Striemen, Zungenhieb zerbricht Knochen.“3 Mit dieser schmerzhaften Vorstellung vor Augen war ich besonders beeindruckt, als ich im Brief des Jakobus las, dass es eine Möglichkeit für mich gibt, ein „vollkommener Mann“ zu sein.

Jakobus sagte: „Denn wir alle verfehlen uns in vielen Dingen. Wer sich [jedoch] in seinen Worten nicht verfehlt, ist ein vollkommener Mann und kann auch seinen Körper völlig im Zaum halten.“

Er führt das Bild vom Zaumzeug weiter und schreibt: „Wenn wir den Pferden den Zaum anlegen, damit sie uns gehorchen, lenken wir damit das ganze Tier.

Oder denkt an die Schiffe: Sie sind groß und werden von starken Winden getrieben, und doch lenkt [man] sie … mit einem ganz kleinen Steuer.“

Dann kommt Jakobus zum Punkt: „So ist auch die Zunge nur ein kleines Körperglied. … [Doch] wie klein kann ein Feuer sein, das einen großen Wald in Brand steckt.

Auch die Zunge ist ein Feuer, … der Teil, der den ganzen Menschen verdirbt …; sie selbst aber ist von der Hölle in Brand gesetzt.

Denn jede Art von Tieren, auf dem Land und in der Luft, was am Boden kriecht und was im Meer schwimmt, … ist vom Menschen auch gezähmt worden;

doch die Zunge kann kein Mensch zähmen, dieses ruhelose Übel, voll von tödlichem Gift.

Mit ihr preisen wir den Herrn und Vater, und mit ihr verfluchen wir die Menschen, die als Abbild Gottes erschaffen sind.

Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch. Meine Brüder, so darf es nicht sein.“4

Also das sind doch recht deutliche Worte! Offensichtlich meint Jakobus nicht, dass unsere Zunge immer bösartig ist, noch, dass alles, was wir sagen, „voll von tödlichem Gift“ ist. Aber er meint eindeutig, dass zumindest manches, was wir sagen, destruktiv und sogar giftig sein kann – und das ist eine erschreckende Anklage für einen Heiligen der Letzten Tage! Die Stimme, die aufrichtig Zeugnis gibt, inbrünstige Gebete spricht und die Lieder Zions singt, kann dieselbe Stimme sein, die schimpft und kritisiert, beschämt und erniedrigt, Schmerzen zufügt und dabei den eigenen Geist und den anderer zerstört. „Aus ein und demselben Mund kommen Segen und Fluch“, grämt sich Jakobus. „Meine Brüder [und Schwestern]“, sagt er, „so darf es nicht sein.“

Ist das etwas, woran wir alle ein wenig arbeiten könnten? Ist dies ein Bereich, in dem jeder von uns versuchen könnte, ein bisschen mehr „vollkommen“ zu sein?

Ehemänner, Ihnen ist das heiligste Geschenk anvertraut worden, das Gott Ihnen geben kann – eine Ehefrau, eine Tochter Gottes, die Mutter Ihrer Kinder, die sich Ihnen für Liebe und eine glückliche Gemeinschaft aus freien Stücken selbst gegeben hat. Denken Sie an die liebevollen Worte, die Sie ihr gesagt haben, als Sie um sie warben. Denken Sie an die Segen, die Sie ihr gaben, als sie ihr liebevoll die Hände auflegten. Sehen Sie sich selbst und sie als den Gott und die Göttin, die Sie beide von Natur aus sind, und denken Sie dann an Augenblicke, in denen kalte, scharfe und unbeherrschte Worte fielen. Angesichts des Schadens, der mit der Zunge angerichtet werden kann, wundert es kaum, dass der Erretter sagte: „Nicht das, was durch den Mund in den Menschen hineinkommt, macht ihn unrein, sondern was aus dem Mund des Menschen herauskommt, das macht ihn unrein.“5 Ein Mann, der nicht einmal im Traum daran denken würde, seine Frau zu schlagen, kann mit der Rohheit gedankenloser oder unfreundlicher Äußerungen– wenn auch nicht ihre Knochen – so doch sicher ihr Herz brechen. Körperliche Misshandlung wird in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage einhellig und unmissverständlich verurteilt. Falls es überhaupt möglich ist, etwas noch härter zu verurteilen, so sprechen wir noch energischer gegen jede Form sexuellen Missbrauchs. Heute möchte ich mich gegen jede verbale und emotionale Misshandlung eines anderen aussprechen, besonders aber, wenn ein Mann seine Frau so behandelt. Meine Brüder, so darf es nicht sein.

In diesem Sinne sprechen wir ebenso zu den Schwestern, denn diese Sünde, die verbale Misshandlung, kennt kein Geschlecht. Ehefrauen, wie steht es mit der unbeherrschten Zunge in Ihrem Mund, mit der Macht zum Guten oder Bösen in Ihren Worten? Wie kann es nur sein, dass eine so liebliche, in ihrer göttlichen Natur so engelhafte Stimme, die dem Schleier so nahe, instinktiv so sanft und von Natur aus so gütig ist, sich dann plötzlich in etwas so Schrilles, Bissiges, Schneidendes und Unbeherrschtes verwandeln kann? Die Worte einer Frau können schneidender sein als jeder Dolch, der je geschmiedet wurde, und können die Menschen, die sie liebt, dazu treiben, dass sie sich hinter eine Mauer zurückziehen, die weiter entfernt ist, als es sich jemand zu Beginn des Wortwechsels je hätte vorstellen können. Schwestern, in Ihrem großartigen Geist ist kein Platz für bittere oder grobe Äußerungen irgendwelcher Art, einschließlich Tratsch oder Verleumdung oder gehässige Bemerkungen. Lassen Sie es nicht zu, dassvon unserem Zuhause oder unserer Gemeinde oder unserer Nachbarschaft gesagt wird, dass „die Zunge … ein Feuer [ist], eine Welt voll Ungerechtigkeit“.

Darf ich diesen Rat erweitern und ihn zu einer Familiensache machen. Wir müssen ungemein umsichtig sein, wenn wir mit einem Kind sprechen. Was wir sagen oder nicht sagen, wie wir es sagen und wann, ist sehr, sehr wichtig für die Entwicklung des Selbstverständnisses eines Kindes. Aber noch wichtiger ist es für die Entwicklung seines Glaubens an uns und seines Glaubens an Gott. Seien Sie aufbauend in allen Äußerungen, die Sie an ein Kind richten – immer. Sagen Sie nicht einmal im Scherz zu ihm, dass es dick oder dumm oder faul oder unattraktiv sei. Sie würden das nie in bösartiger Weise tun, aber die Kinder erinnern sich daran und kämpfen vielleicht jahrelang darum, es zu vergessen – und zu vergeben. Und versuchen Sie nicht, Ihre Kinder miteinander zu vergleichen, selbst wenn Sie meinen, dass Sie geschickt darin seien. Sie sagen vielleicht in bester Absicht, dass „Susanne hübsch ist und Sandra intelligent“, aber alles, woran Susanne sich erinnern wird, ist, dass sie nicht intelligent ist, und Sandra, dass sienicht hübsch ist. Loben Sie jedes Kind persönlich für das, was es ist, und helfen Sie ihm, der bei uns so verbreiteten Besessenheit zu entgehen, zu vergleichen, zu wetteifern und nie das Gefühl zu haben, gut genug zu sein.

Bei all dem gehe ich davon aus, es versteht sich von selbst, dass negatives Reden allzu oft negativem Denken entspringt, einschließlich dem negativen Denken über uns selbst. Wir sehen unsere eigenen Fehler, wir sprechen – oder denken zumindest – kritisch über uns, und mit einem Mal sehen wir alles und jeden so. Kein Sonnenschein, keine Rosen, keine Aussicht auf Hoffnung oder Glück. Es dauert nicht lange, dann sind wir und jedermann um uns herum unglücklich.

Mir gefällt, was Elder Orson F. Whitney einmal gesagt hat: „Der Geist des Evangeliums ist optimistisch. Er vertraut auf Gott und betrachtet alles positiv. Der andere, der pessimistische Geist zieht Menschen herab und entfernt sie von Gott, sieht das Negative, murrt und beklagt sich und gehorcht nur langsam.“6 Folgen wir der Aufforderung des Erretters: „Seid guten Mutes!“7 (In der Tat scheint es mir, dass wir dieses Gebot vielleicht öfter brechen als fast jedes andere!) Sprechen Sie hoffnungsvoll. Sprechen sie ermutigend, auch über sich selbst. Versuchen Sie, nicht ständig zu klagen und zu jammern. Wie einmal gesagt wurde: „Selbst im goldenen Zeitalter der Zivilisation hat zweifellos irgendjemand gemault, dass alles zu gelb aussieht.“

Ich habe oft gedacht, dass es für Nephi vielleicht leichter zu ertragen war, mit Stricken gebunden und mit Ruten geschlagen zu werden, als sich Lamans und Lemuels ständiges Murren anzuhören.8 Sicher muss er mindestens einmal gesagt haben: „Schlagt noch einmal zu. Ich kann euch immer noch hören.“ Ja, das Leben hat seine Probleme, und ja, wir werden mit Negativem konfrontiert, aber bitte nehmen Sie eine von Elder Hollands Lebensregeln an: Kein Unglück ist so schlimm, dass es durch Jammern nicht noch schlimmer würde.

Paulus sagte es offen, aber sehr hoffnungsvoll. Er sagte zu uns allen: „Über eure Lippen komme kein böses Wort, sondern nur ein gutes, das den, der es braucht, stärkt, und dem, der es hört, Nutzen bringt.

Beleidigt nicht den Heiligen Geist Gottes …

Jede Art von Bitterkeit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung … verbannt aus eurer Mitte!

Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, weil auch Gott euch durch Christus vergeben hat.“9

In seinem tief bewegenden letzten Zeugnis ruft Nephi uns auf, „dem Sohn [Gottes] mit voller Herzensabsicht [nachzufolgen]“, und verspricht: „Nachdem ihr … die Taufe mit Feuer und mit dem Heiligen Geist empfangen habt, [könnt ihr] mit neuer Zunge reden, ja, selbst mit der Zunge von Engeln. … Und … wie könnt ihr mit der Zunge von Engeln reden, außer durch den Heiligen Geist? Engel reden durch die Macht des Heiligen Geistes; darum reden sie die Worte von Christus.“10 In der Tat war und ist Christus, seinem Lieblingsjünger Johannes zufolge, „das Wort“11, voller Gnade und Wahrheit, voller Barmherzigkeit und Mitgefühl.

Also, Brüder und Schwestern, versuchen wir doch in diesem langen, ewigen Streben, unserem Erretter ähnlicher zu sein, jetzt wenigstens auf diese eine Weise „vollkommene Männer und Frauen“ zu sein – indem wir uns nicht durch Worte verletzen, oder positiver gesagt, indem wir mit neuer Zunge reden, mit der Zunge von Engeln. Unsere Worte sollten, wie unsere Taten, angefüllt sein mit Glauben, Hoffnung und Nächstenliebe, den drei großen christlichen Geboten, die in der heutigen Welt so sehr gebraucht werden. Wenn solche Worte unter dem Einfluss des Geistes gesprochen werden, können sie Tränen trocknen, Herzen heilen, Leben erquicken, Hoffnung kann zurückkehren, Zuversicht kann sich durchsetzen. Ich bete darum, dass meine Worte Sie, selbst bei diesem schwierigen Thema, ermutigen und nicht entmutigen, dass Sie an meiner Stimme hören können, dass ich Sie lieb habe, weil dem so ist. Seien Sie vor allem bitte gewiss, dass Ihr Vater im Himmel Sie liebt, ebenso sein einziggezeugter Sohn. Wenn sie zu Ihnen sprechen – undsie werden es tun – wird es weder im Sturm sein, noch im Erdbeben, noch im Feuer, sondern mit einer sanften und leisen, zarten und gütigen Stimme, nämlich mit der Zunge von Engeln.12 Mögen wir uns alle an dem Gedanken freuen, dass wir, wenn wir Erbauendes und Ermutigendes zu den geringsten unserer Brüder und Schwestern und zu den Kleinen sagen, wir es auch Gott sagen.13 Im Namen Jesu Christi. Amen.

  1. Lectures on Faith, Seite 72f.; Hervorhebung hinzugefügt

  2. LuB 63:64

  3. Jesus Sirach 28:17

  4. Jakobus 3:2-10; Hervorhebung hinzugefügt

  5. Matthäus 15:11

  6. Frühjahrs-Generalkonferenz 1917

  7. Matthäus 14:27; Markus 6:50; Johannes 16:33

  8. Siehe 1 Nephi 3:28-31; 18:11-15

  9. Epheser 4:29-32

  10. 2 Nephi 31:13,14; 32:2,3

  11. Johannes 1:1

  12. Siehe 1 Könige 19:11,12

  13. Siehe Matthäus 25:40