2000–2009
Lektionen des Lebens gelernt
zurück weiter

Lektionen des Lebens gelernt

Ich bitte euch eindringlich, euer Leben zu prüfen. Stellt fest, wo ihr seid und was ihr tun müsst, um die Art Mensch zu werden, die ihr sein möchtet.

In letzter Zeit habe ich über viele der wunderbaren Erfahrungen nachgedacht, die ich in meinem Leben gemacht habe. Als ich meinem himmlischen Vater meinen Dank für diese großartigen Segnungen und Gelegenheiten zum Ausdruck gebracht habe, ist mir bewusst geworden, wohl mehr als je zuvor, wie entscheidend dabei meine Entwicklungsjahre waren.

Viele der wichtigsten und prägendsten Momente meines Lebens erlebte ich als junger Mann. Die Lektionen, die ich damals lernte, formten meinen Charakter und bestimmten mein Schicksal. Ohne sie wäre ich heute ein ganz anderer Mann und an einem ganz anderen Ort. Heute Abend möchte ich ein paar Minuten über einige dieser Erfahrungen sprechen und darüber, was ich daraus gelernt habe.

Ein Footballspiel an der Highschool gegen eine konkurrierende Schule werde ich nie vergessen. Ich stand als Offensivspieler auf der Außenseite und hatte die Aufgabe, entweder den gegnerischen Verteidiger zu blocken oder zu versuchen, mich freizulaufen, damit der Spielmacher mir den Ball zuwerfen konnte. Warum ich mich gerade an dieses Spiel so gut erinnere, liegt daran, dass der Kerl auf der anderen Seite des Balles – der Mann, den ich blocken sollte – ein Riese war.

Ich war nicht gerade sonderlich hochgewachsen. Aber dieser Kerl fand vermutlich nicht seinesgleichen. Ich weiß noch, wie ich zu ihm aufschaute und dachte, dass er vermutlich doppelt so viel wog wie ich. Man darf nicht vergessen, dass wir damals nicht die Schutzausrüstung hatten, wie sie die Spieler heute tragen. Mein Helm war aus Leder, und ich hatte keinen Gesichtsschutz.

Je länger ich darüber nachdachte, desto klarer war die Ernüchterung: Sollte ich je zulassen, dass er mich fing, konnte ich meine Mannschaft den Rest der Saison vom Krankenbett aus anfeuern.

Zum Glück war ich schnell. Den größten Teil der ersten Halbzeit gelang es mir, ihm aus dem Weg zu gehen.

Außer bei einem Spielzug.

Unser Spielmacher lief ein paar Schritte zurück, um einen Pass zu werfen. Ich stand frei. Er warf, und der Ball flog auf mich zu.

Das einzige Problem war, dass ich hinter mir einen schwerfälligen Galopp hörte. Mich durchzuckte der Gedanke: Wenn ich den Ball hier fing, war es durchaus möglich, dass mir meine Mahlzeiten in Zukunft durch eine Sonde verabreicht würden. Doch der Ball flog auf mich zu, und meine Mannschaft verließ sich auf mich. Also streckte ich die Hände aus, und – im letzten Moment – sah ich auf.

Da war er.

Ich weiß noch, dass der Ball meine Hände traf. Ich weiß noch, dass ich versuchte, ihn zu halten. Und ich weiß auch noch, dass ich den Ball auf dem Rasen aufschlagen hörte. Was danach geschah, weiß ich nicht mehr so genau, denn der Riese traf mich so hart, dass ich nicht mehr sicher war, auf welchem Planeten ich mich befand. Doch ich erinnere mich an eine tiefe Stimme, die aus einem dunklen Nebel sprach: „Geschieht dir recht, was spielst du auch in der falschen Mannschaft!“

William McKinley Oswald war der Footballtrainer meiner Highschool. Er war ein großartiger Trainer und hatte einen nachhaltigen Einfluss auf mich. Ich glaube jedoch, dass er seine Methode, die Spieler zu motivieren, wohl von einem Spieß bei der Armee gelernt hatte.

An diesem Tag machte Coach Oswald während der Halbzeitbesprechung die ganze Mannschaft darauf aufmerksam, dass ich den Ball verloren hatte. Dann zeigte er auf mich und fragte: „Wie konnte das passieren?“

Er sprach nicht gerade mit gedämpfter Stimme.

„Ich will wissen, warum du den Pass hast fallen lassen.“

Ich stammelte kurz ein paar Worte und beschloss dann, die Wahrheit zu sagen. „Ich habe nicht auf den Ball geachtet“, sagte ich.

Mein Trainer sah mich an und sagte: „Das stimmt, du hast nicht auf den Ball geachtet. Tu das nie wieder. Durch solche Fehler verliert man das Spiel.“

Ich respektierte Coach Oswald. Auch wenn ich mich schrecklich fühlte, entschloss ich mich, das zu tun, was mein Trainer sagte. Ich schwor mir, den Ball nie wieder aus den Augen zu lassen, selbst wenn das bedeutete, dass ich mich von dem Riesen auf der anderen Seite der Linie in den Boden stampfen lassen musste.

Wir liefen zurück aufs Spielfeld, und die zweite Halbzeit begann. Es war ein knappes Spiel. Obwohl meine Mannschaft gut gespielt hatte, lagen wir gegen Ende des vierten Viertels um vier Punkte zurück.

Beim nächsten Spielzug rief unser Spielmacher meine Zahl. Ich lief wieder nach vorn und wieder stand ich frei. Der Ball flog auf mich zu. Doch dieses Mal stand der Riese direkt vor mir und zwar genau richtig, um den Ball abzufangen.

Er streckte die Arme aus, aber der Ball flog ihm durch die Finger. Ich sprang hoch, ließ den Ball keine Sekunde aus den Augen, griff danach und holte ihn herunter und erzielte den Touchdown, der das Spiel für uns entschied.

Von der anschließenden Feier weiß ich nicht mehr viel, aber ich erinnere mich gut an den Gesichtsausdruck meines Trainers.

„So und nicht anders achtet man auf einen Ball“, sagte er.

Ich glaube, ich habe eine Woche lang gelächelt.

Ich habe viele großartige Männer und Frauen kennengelernt. Auch wenn ihre Lebensumstände ganz unterschiedlich sind und sie ganz unterschiedliche Talente und Ansichten haben, so haben sie doch eines gemeinsam: Sie arbeiten eifrig und beharrlich daran, ihre Ziele zu erreichen. Es ist leicht, sich ablenken zu lassen und das aus den Augen zu verlieren, was im Leben am wichtigsten ist. Ich habe mich bemüht, die Lektionen von Coach Oswald nicht zu vergessen und festzulegen, welche Werte mir wichtig sind, damit ich das im Auge behalten kann, worauf es wirklich ankommt.

Ich bitte euch eindringlich, euer Leben zu prüfen. Stellt fest, wo ihr seid und was ihr tun müsst, um die Art Mensch zu werden, die ihr sein möchtet. Setzt euch inspirierende, edle und rechtschaffene Ziele, die eure Vorstellungskraft beflügeln und in eurem Herzen Begeisterung wecken. Und dann lasst sie nicht mehr aus den Augen. Arbeitet beharrlich daran, sie zu erreichen.

„Wer mit Zuversicht seine Träume zu verwirklichen sucht“, schrieb Henry David Thoreau, „und sich bemüht, das Leben zu führen, das er sich vorgestellt hat, der hat Erfolg, wie er ihn kaum erwartet hat.“1

Mit anderen Worten: Lasst den Ball nie aus den Augen!

Ich lernte noch eine weitere Lektion auf dem Footballfeld, da lag ich gerade unter zehn anderen Spielern begraben. Es war ein Meisterschaftsspiel. Ich sollte mit dem Ball durch die Mitte laufen und den Touchdown erzielen, der uns in Führung bringen sollte. Ich übernahm den Ball und stürzte mich zwischen die gegnerischen Spieler. Ich wusste, dass ich nicht weit von der Ziellinie entfernt war, aber ich wusste nicht, wie weit. Ich steckte zwar unter den anderen Spielern fest, aber ich konnte doch meine Finger ein bisschen nach vorn strecken und die Ziellinie spüren. Sie war nur fünf Zentimeter entfernt.

In diesem Moment war ich versucht, den Ball nach vorn zu schubsen. Ich hätte es tun können. Wenn dann die Schiedsrichter schließlich einen Spieler nach dem anderen heruntergeholt hätten, wäre ich ein Held gewesen. Niemand hätte es je erfahren.

Von einem solchen Augenblick hatte ich schon als kleiner Junge geträumt. Und jetzt war ich so nah dran. Doch dann erinnerte ich mich an die Worte meiner Mutter. „Joseph“, hatte sie oft gesagt, „tu, was recht ist, und achte nicht auf die Folgen. Tu, was recht ist, dann kommt am Ende alles in Ordnung.“

Ich hätte diesen Touchdown so gerne erzielt! Aber noch lieber, als in den Augen meiner Freunde ein Held zu sein, wollte ich in den Augen meiner Mutter ein Held sein. Also ließ ich den Ball dort, wo er war – fünf Zentimeter von der Ziellinie entfernt.

Damals war es mir nicht bewusst, aber das war eine prägende Erfahrung. Hätte ich dem Ball einen Schubs gegeben, dann wäre ich einen Augenblick lang der Größte gewesen, aber ich hätte für diesen vergänglichen Ruhm einen zu hohen und dauerhaften Preis gezahlt – mein Gewissen hätte eine Narbe abbekommen, die mir mein Leben lang geblieben wäre. Ich wusste, dass ich tun musste, was recht war.

Das Licht Christi hilft uns, Recht und Unrecht zu unterscheiden. Wenn wir zulassen, dass Versuchungen die leise Stimme unseres Gewissens ersticken, dann werden Entscheidungen schwierig.

Meine Eltern haben mich gelehrt, schnell zu reagieren, wenn ich versucht werde, und sofort und mit Nachdruck „Nein!“ zu sagen. Diesen Rat empfehle ich auch euch. Meidet die Versuchung.

Eine weitere Lektion, die ich gelernt habe, war die Freude, die der Dienst am Nächsten bringt. Ich habe schon einmal erzählt, dass mein Vater, der der Bischof unserer Gemeinde war, mich beauftragte, einen Wagen voll zu laden und Nahrungsmittel und Sonstiges zu bedürftigen Familien zu bringen. Er war nicht der Einzige, der den Wunsch hatte, den Bedrängten zu helfen.

Vor fünfundsiebzig Jahren präsidierte Bischof William F. Perschon über die 4. Gemeinde des Pfahles Pioneer in Salt Lake City. Er war ein Einwanderer aus Deutschland, ein Bekehrter, und er sprach mit starkem Akzent. Er war ein guter Geschäftsmann, aber vor allem zeichnete er sich durch sein großes Mitgefühl aus.

Jede Woche während der Priestertumsversammlung ließ Bischof Perschon die Träger des Aaronischen Priestertums den folgenden Satz aufsagen: „Priestertum bedeutet dienen; da ich das Priestertum trage, werde ich dienen.“

Das war nicht nur so dahingesagt. Wenn Witwen Unterstützung brauchten, waren Bischof Perschon und die Träger des Aaronischen Priestertums zur Stelle. Wenn ein Gemeindehaus gebaut wurde, waren Bischof Perschon und die Träger des Aaronischen Priestertums zur Stelle. Wenn die Zuckerrüben und die Kartoffeln auf der Wohlfahrtsfarm von Unkraut befreit oder geerntet werden mussten, waren Bischof Perschon und die Träger des Aaronischen Priestertums zur Stelle.

Später war William Perschon in der Pfahlpräsidentschaft und hatte viel Einfluss auf einen jungen Bischof namens Thomas S. Monson. In den 50er Jahren wurde Bischof Perschon berufen, über die Schweiz-Österreich-Mission zu präsidieren. Er spielte beim Bau des ersten Tempels, der „in Übersee“ gebaut wurde, nämlich in Bern, eine maßgebliche Rolle.

Man kann nicht an Bischof Perschon denken, ohne an seine Fürsorge und sein Mitgefühl für andere zu denken und an seinen unermüdlichen Eifer, dies auch andere zu lehren. Von den jungen Trägern des Aaronischen Priestertums, über die er als Bischof präsidierte, wurden neunundzwanzig später selbst einmal Bischof. Zehn dienten in einer Pfahlpräsidentschaft. Fünf wurden Missionspräsidenten, drei nahmen die Berufung als Tempelpräsident an und zwei wurden Generalautoritäten.2

Das ist die Stärke eines großartigen Führers, Brüder. Das ist die Stärke des Dienens.

Obwohl es mir damals gar nicht so bewusst war, weiß ich heute, dass diese Lektionen – und viele andere, die ich als Jugendlicher gelernt habe – die Grundlage waren, auf die sich mein ganzes Leben aufbaute.

Wir alle besitzen geistige Gaben. Manche sind mit der Gabe des Glaubens gesegnet, andere mit der Gabe der Heilung. In der gesamten Kirche sind alle geistigen Gaben vorhanden. Ich selbst bin vor allem für eine geistige Gabe dankbar, nämlich dass ich mit einem gehorsamen Geist gesegnet worden bin. Wenn ich klugen Rat von meinen Eltern oder den Führern der Kirche hörte, dann beachtete ich ihn und bemühte mich, ihn zu einem Teil meines Denkens und Handelns zu machen.

Brüder im Priestertum, ich bitte euch eindringlich, die Gabe eines gehorsamen Geistes zu pflegen. Der Erretter hat gelehrt: „Wer diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, … wer aber meine Worte hört und nicht danach handelt, ist wie ein unvernünftiger Mann.“3

Woher wissen wir, ob wir klug oder töricht sind? Wenn wir inspirierten Rat hören, befolgen wir ihn. Das ist der Test, ob wir klug oder töricht sind.

Was nützt es uns, wenn wir weisen Rat anhören, aber nicht beachten? Was nützt uns Erfahrung, wenn wir nicht daraus lernen? Was nützen uns die heiligen Schriften, wenn wir nicht an den Worten festhalten und sie in unser Leben aufnehmen?

Präsident Gordon B. Hinckley hat verheißen, dass der himmlische Vater „Segen auf diejenigen herabschütten [wird], die den Geboten gehorchen“.4

Ich bekräftige, was er gesagt hat.

Ich bezeuge, dass Jesus der Messias ist, der Erlöser aller Menschen. Ich bezeuge, dass Gott nicht weit entfernt ist. Er sorgt sich um uns und liebt seine Kinder. Propheten, Seher und Offenbarer leiten den Fortschritt der wiederhergestellten Kirche Jesu Christi. Präsident Gordon B. Hinckley ist der neuzeitliche Prophet für die Kirche und die Welt.

Ich danke meinem Schöpfer für dieses wunderbare Leben, in dem jeder von uns die Gelegenheit hat, Lektionen zu lernen, die wir auf anderem Wege nicht ganz verstehen könnten.

Meine lieben Brüder, mögen wir uns rechtschaffene Ziele setzen und daran arbeiten, sie zu erreichen, das tun, was recht ist, und uns in Liebe unseren Mitmenschen zuwenden. Dies ist mein Gebet und mein Zeugnis. Im Namen Jesu Christi. Amen.

  1. Walden, J. Lyndon Shanley, Hg., 1971, Seite 323

  2. Brief von Elder Glen L. Rudd an Präsident Thomas S. Monson, 5. Februar 1987

  3. Matthäus 7:24,26

  4. „Dies ist das Werk des Herrn“, Der Stern, Juli 1995, Seite 65