2000–2009
Das Priestertum – eine heilige Gabe
zurück weiter

Das Priestertum – eine heilige Gabe

Es ist unsere Pflicht, unser Leben so zu führen, dass wir immer des Priestertums würdig sind, das wir tragen.

Brüder, wir sind heute Abend als eine machtvolle Versammlung des Priestertums sowohl hier im Konferenzzentrum als auch an anderen Orten überall in der Welt zusammengekommen. Es ist mir eine Ehre, zu Ihnen sprechen zu dürfen. Ich bete darum, dass die Inspiration des Herrn meine Gedanken führen und mir das eingeben wird, was ich sagen soll.

Als ich in den vergangenen Wochen überlegte, was ich Ihnen heute Abend sagen soll, musste ich immer wieder daran denken, welcher Segen es doch ist, dass wir das heilige Priestertum Gottes tragen. Wenn wir die Welt als Ganzes betrachten, mit ihren über sechseinhalb Milliarden Bewohnern, wird uns klar, dass wir eine sehr kleine, auserwählte Gruppe darstellen. Wir, die wir das Priestertum tragen, sind, wie es der Apostel Petrus sagte, „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft“.1

Präsident Joseph F. Smith hat das Priestertum definiert als „die Kraft Gottes, die dem Menschen übertragen wurde und ihn befähigt, hier auf der Erde zur Errettung der Menschen zu wirken, … durch die [der Mensch] den Willen Gottes kundtun kann, so als ob Engel hier wären und dies selbst täten; durch die der Mensch ermächtigt ist, auf Erden etwas zu binden, und es wird auch im Himmel gebunden sein, und auf Erden etwas zu lösen, und es wird auch im Himmel gelöst sein.“ Er fügte hinzu: „[Das Priestertum] ist heilig und muss von den Mitgliedern heilig gehalten werden.“2

Meine Brüder, das Priestertum ist eine Gabe, die nicht nur besondere Segnungen mit sich bringt, sondern auch ernste Pflichten. Es ist unsere Pflicht, unser Leben so zu führen, dass wir immer des Priestertums würdig sind, das wir tragen. Wir leben in einer Zeit, in der wir von vielem umgeben sind, was uns auf Pfade locken soll, die zu unserer Vernichtung führen können. Um solche Pfade zu meiden, braucht man Entschlossenheit und Mut.

Was zählt, ist Mut. Diese Wahrheit ist mir vor vielen Jahren auf höchst eindringliche und dramatische Weise klar geworden. Ich war damals Bischof. Die allgemeine Versammlung unserer Pfahlkonferenz fand in der Assembly Hall auf dem Tempelplatz in Salt Lake City statt. Unsere Pfahlpräsidentschaft sollte umgebildet werden. Träger des Aaronischen Priestertums, darunter auch Mitglieder von Bischofschaften, sorgten für die Musik. Als wir unser erstes Lied gesungen hatten, trat Präsident Joseph Fielding Smith, die besuchende Autorität, ans Rednerpult und verlas die Namen der neuen Pfahlpräsidentschaft und legte sie zur Bestätigung vor. Dann sagte er, dass Percy Fetzer, der unser neuer Pfahlpräsident wurde, sowie John Burt, der Erster Ratgeber wurde, – beide waren Ratgeber in der bisherigen Präsidentschaft gewesen – vor Beginn der Konferenz über ihre neue Berufung informiert worden waren. Doch dann erklärte er, dass ich, der ich als Zweiter Ratgeber in die neue Präsidentschaft berufen worden war, davon nichts gewusstund erst davon erfahren hatte, als mein Name zur Bestätigung vorgelegt wurde. Dann verlautete er: „Wenn Bruder Monson bereit ist, diese Berufung anzunehmen, freuen wir uns, nun von ihm zu hören.“

Als ich am Pult stand und auf das Meer von Gesichtern hinabblickte, musste ich an das Lied denken, das wir soeben gesungen hatten. Es handelte vom Wort der Weisheit und trug den Titel: „Hab Mut, mein Junge, sag Nein!“ Ich nahm also meine Berufung an und sprach über das Thema: „Hab Mut, mein Junge, sag Ja!“ Immer wieder müssen wir unseren Mut beweisen – den Mut, für unsere Überzeugung einzustehen, den Mut, unsere Aufgaben zu erfüllen, den Mut, unser Priestertum zu ehren.

Wohin wir auch gehen, unser Priestertum begleitet uns. Stehen wir an „heiligen Stätten“?3 Präsident J. Reuben Clark Jr., der viele Jahre lang Ratgeber in der Ersten Präsidentschaft war, hat gesagt: „Das Priestertum ist kein Anzug, den man ausziehen und später wieder anziehen kann. … Abhängig von uns selbst [kann es] eine immerwährende Gabe sein.“ Weiter sagte er: „Wenn wir wirklich die … Überzeugung [hätten] …, dass wir [das Priestertum] nicht beiseite legen können und dass Gott uns zur Rechenschaft ziehen wird, wenn wir es [herabwürdigen], hielte es uns davon ab, so manches zu tun und manche Orte aufzusuchen. Wenn wir immer dann, wenn wir einen kleinen Abstecher vom geraden und engen Pfad machen wollen, denken: ‚Ich nehme auch mein Priestertum dorthin mit. Sollte ich das tun?‘, dauert es gar nicht lange, bis wir wieder auf dem geraden und engen Pfad sind.“4

Präsident Spencer W. Kimball hat gesagt: „Der Macht des Priestertums, das Sie tragen, sind keine Grenzen gesetzt. Die Grenzen ziehen Sie, wenn Sie nicht im Einklang mit dem Geist des Herrn leben, und Sie begrenzen selbst die Macht, die Sie ausüben.“5

Meine Brüder im Priestertum – vom jüngsten bis zum ältesten – gestalten Sie Ihr Leben so, wie der Herr es verlangt? Sind Sie würdig, das Priestertum Gottes zu tragen? Wenn Sie es nicht sind, dann fassen Sie hier und jetzt den Entschluss dazu, bringen Sie den nötigen Mut auf und nehmen Sie alle erforderlichen Änderungen vor, damit Ihr Leben so wird, wie es sein soll. Um die See des Erdenlebens sicher zu überqueren, brauchen wir die Führung des ewigen Seemanns – ja, des großen Jahwe. Wenn wir im Auftrag des Herrn handeln, haben wir auch ein Anrecht auf seine Hilfe.

In meinem Leben habe ich unzählige Male erlebt, wie er mir geholfen hat. Gegen Ende des Zweiten Weltkrieges wurde ich achtzehn Jahre alt und wurde zum Ältesten ordiniert – eine Woche, bevor ich meinen Dienst in der Marine antrat. Ein Bruder aus der Bischofschaft meiner Gemeinde war am Bahnhof, um mir Lebewohl zu sagen. Kurz vor der Abfahrt des Zuges gab er mir ein Buch in die Hand, das ich Ihnen hier zeige. Es trägt den Titel: Handbuch für Missionare. Ich lachte und meinte: „Ich gehe zur Marine, nicht auf Mission.“ Er antwortete: „Nimm es trotzdem. Vielleicht kannst du es gebrauchen.“

Und so war es dann auch. In der Grundausbildung zeigte uns unser Kompaniechef, wie wir unsere Kleidung am besten im großen Seesack unterbringen konnten. Er gab uns den Rat: „Wenn ihr einen harten, rechteckigen Gegenstand habt, den ihr unten in den Sack legen könnt, verrutschen die Kleidungsstücke nicht so leicht.“ Ich dachte: Woher bekomme ich einen harten, rechteckigen Gegenstand? Da fiel mir genau der passende rechteckige Gegenstand ein, nämlich das Handbuch für Missionare. So erwies es sich 12 Wochen lang unten in dem Seesack als nützlich.

Am Abend vor unserem Weihnachtsurlaub dachten wir wie immer an zu Hause. In der Kaserne war es still. Plötzlich merkte ich, dass mein Kamerad im Bett neben mir – Leland Merrill, ein Mitglied der Kirche – vor Schmerzen stöhnte. Ich fragte: „Was ist los, Merrill?“

Er antwortete: „Mir ist so furchtbar schlecht.“

Ich riet ihm, zum Krankenrevier zu gehen, aber er meinte, dass er dann gewiss nicht über Weihnachten nach Hause dürfe. Ich legte ihm dann nahe, ruhig zu sein, damit er nicht die ganze Kaserne aufweckt.

Die Stunden zogen sich dahin, und er stöhnte immer lauter. Schließlich flüsterte er verzweifelt: „Monson, du bist doch Ältester, oder?“ Das bejahte ich, und daraufhin bat er mich: „Gib mir einen Segen.“

Mir wurde schlagartig bewusst, dass ich noch nie einen solchen Segen gespendet und auch noch nie einen bekommen hatte. Ich war auch noch nie bei einem solchen Segen dabei gewesen. Inständig betete ich zu Gott, er möge mir helfen. Und es kam die Antwort: „Schau unten in deinen Seesack.“ Also leerte ich um zwei Uhr morgens meinen Seesack aus. Dann las ich im Licht der Nachtlampe in jenem harten, rechteckigen Gegenstand – dem Handbuch für Missionare – nach, wie man einen Krankensegen gibt. Mit etwa hundertzwanzig neugierigen Matrosen als Zuschauern gab ich Merrill Leland einen Segen. Noch ehe ich meine Sachen wieder eingepackt hatte, schlief er schon wie ein Kind.

Am nächsten Morgen drehte er sich lächelnd zu mir um und sagte: „Monson, ich bin froh, dass du das Priestertum hast!“ Seine Freude wurde nur von meiner Dankbarkeit übertroffen – nicht nur für das Priestertum, sondern auch dafür, dass ich würdig war, in einer Notsituation die erforderliche Hilfe zu bekommen und die Macht des Priestertums auszuüben.

Brüder, unser Herr und Heiland hat gesagt: „Komm und folge mir nach!“6 Wenn wir seine Einladung annehmen und ihm nachfolgen, wird er uns den Weg weisen.

Im April 2000 erlebte ich diese Führung. Rosa Salas Gifford, die ich nicht kannte, hatte mich angerufen. Sie erklärte, dass ihre Eltern aus Costa Rica für ein paar Monate zu Besuch seien, und nur eine Woche vor ihrem Anruf war bei ihrem Vater, Bernardo Agusto Salas, Leberkrebs festgestellt worden. Sie erzählte, die Ärzte hatten der Familie gesagt, ihr Vater werde nur noch ein paar Tage leben. Dann sagte sie, es sei der große Wunsch ihres Vaters, mich vor seinem Tod kennenzulernen. Sie gab mir ihre Adresse in Salt Lake City und fragte, ob ich nicht vorbeikommen und ihren Vater besuchen könne.

Aufgrund von Sitzungen und Verpflichtungen kam ich erst ziemlich spät aus dem Büro. Doch ich fuhr nicht gleich nach Hause, denn ich fühlte mich gedrängt, weiter nach Süden zu fahren und Bruder Salas noch an diesem Abend zu besuchen. Ich hatte die Adresse zur Hand und versuchte, das Haus zu finden. Es war ziemlich viel Verkehr, und es wurde langsam dunkel. Ich fuhr an der Stelle vorbei, wo die Straße mit dem Haus hätte abzweigen müssen. Ich konnte nichts entdecken. Ich gebe allerdings nicht so schnell auf. Ich fuhr einmal um den Block und kam zurück. Wieder nichts. Noch einmal versuchte ich es, und noch immer sah ich die Straße nicht. In mir kam das Gefühl auf, dass ich jetzt ruhigen Gewissens nach Hause fahren könne. Ich hatte mir ja alle Mühe gegeben, aber ich konnte das Haus einfach nicht finden. Stattdessen betete ich still um Hilfe. Ich wurde inspiriert, aus der Gegenrichtung auf diese Gegend zuzufahren. Ich fuhr ein Stück weiter, wendete und war nun auf der anderen Seite der Straße. Auf dieser Seite warauch viel weniger Verkehr. Als ich mich der Stelle wieder näherte, konnte ich in dem schwachen Licht ein umgefallenes Straßenschild sehen, das zur Seite gedreht am Straßenrad lag – und einen fast unsichtbaren, unkrautübersäten Feldweg, der zu einem kleinen Wohnblock und einem einzelnen, winzigen Haus führte, das etwas weiter von der Hauptstraße entfernt war. Als ich auf die Häuser zufuhr, winkte mir ein kleines Mädchen in einem weißen Kleid zu, und da wusste ich, dass ich die Familie gefunden hatte.

Ich wurde hineingebeten und dann in das Zimmer geleitet, in dem Bruder Salas lag. Um das Bett herum saßen drei Töchter und ein Schwiegersohn sowie Schwester Salas. Alle außer dem Schwiegersohn waren aus Costa Rica. Man konnte Bruder Salas ansehen, wie schlimm es um ihn stand. Ein ausgefranstes, feuchtes Tuch – kein Handtuch oder Waschlappen, ein feuchtes Tuch mit ausgefransten Rändern – lag auf seiner Stirn und verdeutlichte, in welch bescheidenen wirtschaftlichen Verhältnissen die Familie lebte.

Nach einigem Zureden öffnete Bruder Salas die Augen, und ein schwaches Lächeln huschte über seine Lippen, als ich seine Hand nahm. Ich sagte: „Ich bin hergekommen, weil ich Sie besuchen wollte.“ Tränen stiegen ihm in die Augen – und mir auch.

Ich fragte, ob er einen Segen haben wolle, und alle in der Familie waren damit einverstanden. Da der Schwiegersohn nicht das Priestertum trug, gab ich dem Mann allein einen Priestertumssegen. Die Worte flossen mir dank der Führung durch den Geist des Herrn regelrecht aus dem Mund. Ich zitierte darin auch die Worte des Heilands aus Lehre und Bündnisse, Abschnitt 84, Vers 88: „Ich werde vor [deinem] Angesicht hergehen. Ich werde zu [deiner] rechten Hand sein und zu [deiner] linken, und mein Geist wird in [deinem] Herzen sein und meine Engel rings um [dich], um [dich] zu stützen.“ Nach dem Segen sprach ich den trauernden Angehörigen noch ein wenig Mut zu. Ich wählte meine Worte mit Bedacht, damit sie mein Englisch verstehen konnten. Und dann sagte ich ihnen in dem bisschen Spanisch, das ich beherrsche, dass ich sie lieb habe und dass unser Vater im Himmel sie segnen wird.

Ich ließ mir die Familienbibel geben und zeigte ihnen Johannes 3, Vers 4: „Ich habe keine größere Freude, als zu hören, dass meine Kinder in der Wahrheit leben.“ Ich sagte ihnen: „Das ist es, was Ihr Ehemann und Vater Ihnen mit auf den Weg geben möchte, da er sich jetzt bereitmacht, dieses irdische Leben zu verlassen.“

Bruder Salas‘ lieber Frau liefen die Tränen übers Gesicht, als sie mich dann noch bat, die Angaben für die beiden Schriftstellen, die ich angeführt hatte, aufzuschreiben, damit die Familie sie nachlesen könne. Ich hatte gerade nichts zum Schreiben bei der Hand, also öffnete Schwester Salas ihre Handtasche und holte einen Zettel heraus. Als ich ihn nahm, sah ich, dass es eine Zehntenquittung war. Ich war sehr berührt, als mir bewusst wurde, dass die Familie trotz ihrer ärmlichen Umstände treu den Zehnten zahlte.

Nach einem bewegenden Abschied wurde ich zum Auto zurückgebracht. Als ich nach Hause fuhr, dachte ich über den besonderen Geist nach, den wir verspürt hatten. Und ich fühlte – wie schon so oft in der Vergangenheit – Dankbarkeit dafür, dass mein Vater im Himmel durch mich das Gebet eines anderen Menschen erhört hatte.

Meine Brüder, denken wir immer daran: Das Priestertum Gottes, das wir tragen, ist eine heilige Gabe, die uns und denjenigen, denen wir dienen, die Segnungen des Himmels schenkt. Mögen wir, wo auch immer wir sein mögen, dieses Priestertum ehren und schützen. Mögen wir immer im Auftrag des Herrn handeln, damit wir immer ein Anrecht auf seine Hilfe haben.

Es tobt ein Krieg um die Seelen der Menschen – Ihre und meine. Er geht unvermindert weiter. Wie ein Fanfarenstoß ergeht das Wort des Herrn an Sie und mich und an die Träger des Priestertums überall: „Darum lasst nun einen jeden seine Pflicht lernen und mit allem Eifer das Amt ausüben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.“7

Mögen wir alle den Mut dazu haben. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.

  1. 1 Petrus 2:9

  2. Gospel Doctrine, 5. Auflage, 1939, Seite 139f.

  3. LuB 45:32; 87:8; 101:22

  4. Herbst-Generalkonferenz 1951

  5. The Teachings of Spencer W. Kimball, Hg. Edward L. Kimball, 1982, Seite 498

  6. Lukas 18:22

  7. LuB 107:99