2000–2009
Denke daran und gehe nicht zugrunde!
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Denke daran und gehe nicht zugrunde!

Das „Erinnern“, so wie Gott es möchte, ist ein fundamentaler und errettender Grundsatz des Evangeliums.

Es ist mir eine Ehre, nach Schwester Parkin zu sprechen. Ihr Dienst und ihre Lehren und auch die ihrer Ratgeberinnen sind uns allen zugute gekommen. Etwa um diese Zeit vor achtzehneinhalb Jahren stand ich nahe an diesem Pult und wartete darauf, dass das gemeinsame Lied vorbei war; dann sollte ich vortreten und meine erste Generalkonferenzansprache halten. Meine Nervosität muss offensichtlich gewesen sein. Elder L. Tom Perry, der hinter mir stand, beugte sich vor und flüsterte mir auf seine positive, ansteckende Art ins Ohr: „Ganz ruhig, wir haben schon seit Jahren niemanden mehr an diesem Rednerpult verloren!“

Diese aufmunternden Worte und die wenigen Minuten danach, in denen ich erstmals zu einem weltweiten Publikum von Mitgliedern der Kirche sprach, sind mir eine kostbare Erinnerung. Wie Sie alle sammle ich beständig Erinnerungen, die ich, wenn sie mir wieder einfallen, als äußerst nützlich und schön empfinde. Obwohl ich mir als junger Mann vorgenommen habe, andere niemals zu langweilen, indem ich in Erinnerungen schwelge, wenn ich älter werde, erzähle ich heute nur zu gern bei fast jeder Gelegenheit von meinen Erinnerungen. Heute jedoch möchte ich über einen Gesichtspunkt der Erinnerung im Evangelium Jesu Christi sprechen, der weit darüber hinausgeht, dass einem von allein wieder etwas einfällt, was einen freut.

Wenn wir einmal genau betrachten, wie der Begriff erinnern in den heiligen Schriften gebraucht wird, erkennen wir, dass das „Erinnern“, so wie Gott es möchte, ein fundamentaler und errettender Grundsatz des Evangeliums ist. Und zwar deshalb: Wenn ein Prophet mahnt, sich an etwas zu erinnern bzw. an etwas zu denken, ist das häufig ein Aufruf zur Tat: zu hören, zu sehen, zu tun, zu gehorchen, zur Umkehr.1 Wenn wir uns auf die Weise Gottes erinnern, überwinden wir die menschliche Neigung, uns für den Lebenskampf lediglich zu rüsten, und nehmen den Kampf tatsächlich auf, indem wir alles in unserer Macht Stehende tun, um der Versuchung standzuhalten und nicht zu sündigen.

König Benjamin forderte derart aktives Erinnern von seinem Volk:

„Und schließlich kann ich euch nicht alles sagen, wodurch ihr Sünde begehen könnt; denn es gibt mancherlei Mittel und Wege, selbst so viele, dass ich sie nicht aufzählen kann.

Aber so viel kann ich euch sagen, wenn ihr nicht Acht habt auf euch und eure Gedanken und eure Worte und eure Taten und nicht die Gebote Gottes beachtet und nicht im Glauben an das fest bleibt, was ihr über das Kommen unseres Herrn gehört habt, selbst bis ans Ende eures Lebens, müsst ihr zugrunde gehen. Und nun, o Mensch, denke daran und gehe nicht zugrunde.“2

Woran sollen wir sonst noch denken, nachdem wir einmal erkannt haben, wie entscheidend es für uns ist, dass wir uns erinnern? Da wir heute versammelt sind, um dieses historischen Tabernakels zu gedenken und es erneut zu weihen, möchte ich zum Beispiel antworten, dass die Geschichte der Kirche Jesu Christi und ihrer Mitglieder es wert ist, an sie zu denken. In den heiligen Schriften hat die Geschichte der Kirche hohen Stellenwert. Sie macht sogar einen großen Teil der Schriften aus. Am Gründungstag der Kirche gebot der Herr dem Propheten Joseph Smith: „Siehe, ein Bericht soll unter euch geführt werden.“3 Joseph Smith befolgte dieses Gebot, indem er Oliver Cowdery, den Zweiten Ältesten der Kirche und seinen wichtigsten Helfer, zum ersten Geschichtsschreiber der Kirche ernannte. Wir führen Berichte als Erinnerungsstütze, und von der Zeit Oliver Cowderys bis zum heutigen Tag ist ein Bericht über die Anfänge und den Fortschritt der Kirche geführt worden. Dieser außergewöhnliche Geschichtsbericht erinnertuns daran, dass Gott den Himmel erneut aufgetan und Wahrheiten offenbart hat, die unsere Generation zur Tat rufen.

Unter allem, was Geschichtsschreiber in all diesen Jahren gesammelt, aufbewahrt und niedergeschrieben haben, zeigt nichts deutlicher, welche Bedeutung und Macht der Geschichte der Kirche innewohnen, als die einfache und ehrliche Schilderung von Joseph Smith, wie ihm Gottvater und dessen Sohn Jesus Christus erschienen sind, was in unseren Geschichtsbüchern nun als die erste Vision bekannt ist. In Worten, die Generationen von Missionaren sich eingeprägt und Wahrheitssuchern in aller Welt zitiert haben, beschreibt Joseph Smith, auf welch wundersame Weise seine im Gebet vorgetragene Frage beantwortet wurde, welche Kirche die richtige sei:

„[Ich sah] gerade über meinem Haupt, heller als das Licht der Sonne, eine Säule aus Licht, die allmählich herabkam, bis sie auf mich fiel. …

Als das Licht auf mir ruhte, sah ich zwei Personen von unbeschreiblicher Helle und Herrlichkeit über mir in der Luft stehen. Eine von ihnen redete mich an, nannte mich beim Namen und sagte, dabei auf die andere deutend: Dies ist mein geliebter Sohn. Ihn höre!“4

Joseph Smith hörte ihn wahrhaftig! Millionen haben seinen Bericht gehört oder gelesen, daran geglaubt und das Evangelium Jesu Christi angenommen, zu dessen Wiederherstellung er beigetragen hat. Ich glaube Joseph Smith und weiß, dass er ein wahrer Prophet Gottes war. Ich kann nicht an sein Erlebnis bei der ersten Vision denken, ohne dass ich im Innersten aufgerüttelt werde, mich mehr zu engagieren und mehr zu tun.

Niemand schätzt den Wert der Geschichte der Kirche höher als Präsident Gordon B. Hinckley. Wir lieben seinen Sinn für Humor, aber sein Sinn für Geschichte ist ebenso ausgeprägt. Seine Schriften und Ansprachen sind mit inspirierenden Begebenheiten und Anekdoten aus unserer Vergangenheit gespickt. Als unser lebender Prophet betont er bewusst die Vergangenheit und die Zukunft, damit wir rechtschaffener in der Gegenwart leben können. Dank seiner Aussagen begreifen wir, dass das Erinnern uns ermöglicht, in unserer Vergangenheit die Hand Gottes zu erkennen, so wie Prophezeiung und Glauben uns die Gewissheit von Gottes Hand in unserer Zukunft geben. Präsident Hinckley erinnert uns daran, wie die Mitglieder während der Anfänge der Kirche ihre Herausforderungen gemeistert haben, damit wir dank der Gnade Gottes mit größerem Glauben die unseren meistern können. Indem er unsere Vergangenheit lebendig erhält, verbindet er uns mit den Menschen, Orten und Ereignissen, die unser geistiges Erbe ausmachen, und spornt uns dadurchzu besserem Dienen, größerem Glauben und größerer Freundlichkeit an.

Beispielhaft erzählt Präsident Hinckley uns auch offen aus seiner Vergangenheit und der seiner Familie. Unzähligen entmutigten neuen Missionaren war es ein Trost, zu erfahren, dass auch Präsident Hinckley zu Beginn seiner Mission den Mut verlor und das seinem Vater beichtete. Mutig zitierte er gar die knappe Antwort seines Vaters: „Lieber Gordon, ich habe deinen letzten Brief erhalten. Ich kann dir nur eins raten: Vergiss dich selbst und geh an die Arbeit!“5 Über 70 Jahre später sind wir alle Zeugen, wie sehr sich Präsident Hinckley diesen Rat zu Herzen genommen hat. Sein edler Charakter und seine prophetische Weisheit sind ein überzeugender Beweis dafür, wie nützlich es ist, die Geschichte der Kirche und die eigene im Gedächtnis zu behalten.

Man könnte noch viel mehr über das Erinnern und seinen Zweck im Evangelium Jesu Christi sagen. Wir sprechen oft davon, an unsere heiligen Bündnisse und an Gottes Gebote zu denken, auch an die errettenden heiligen Handlungen für unsere verstorbenen Vorfahren und daran, diese zu vollziehen. Am wichtigsten ist: Wir sprechen davon, dass wir an unseren Erretter Jesus Christus denken müssen, und zwar nicht nur, wenn es gerade passt, sondern immer, denn das möchte er.6 Wir bezeugen, immer an ihn zu denken, wenn wir vom Abendmahl nehmen. Dafür wird uns verheißen, dass sein Geist immer mit uns sein wird. Interessanterweise ist das derselbe Geist, den der himmlische Vater sendet, damit er „[uns] an alles [erinnert]“7.Wenn wir also würdig vom Abendmahl nehmen, treten wir mit der Hilfe des Geistes in einen äußerst wohltuenden Kreislauf des Erinnerns ein – unser Denken und unsere Hingabe kehren immer wieder zu Christus und seinem Sühnopfer zurück.

Zu Christus zu kommen und in ihm vollkommen zu werden ist, so glaube ich, letztlich der Zweck allen Erinnerns.8 Daher bete ich, dass Gott uns segnen möge, dass wir uns immer erinnern, vor allem an seinen vollkommenen Sohn, und nicht zugrunde gehen. Ich gebe dankbar Zeugnis von der Göttlichkeit Christi und seiner errettenden Macht. Im Namen Jesu Christi. Amen.

  1. Siehe 2 Nephi 1:12, Mosia 6:3, Helaman 5:14

  2. Mosia 4:29,30

  3. LuB 21:1

  4. Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:16,17

  5. Gordon B. Hinckley, Faith: The Essence of True Religion, Seite 115

  6. Siehe 3 Nephi 18:7,11

  7. Johannes 14:26

  8. Siehe Moroni 10:32,33