1990–1999
Kinder des Bundes
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Kinder des Bundes

Wenn wir wissen, wer wir sind und was Gott von uns erwartet, wenn uns sein Gesetz „ins Herz geschrieben ist", dann sind wir geistig geschützt.

Ich habe für meine Ansprache das Thema „Kinder des Bundes" gewählt, das ich den heiligen Schriften entnommen habe.1 Eingangs möchte ich ein wenig über Ereignisse der jüngsten Zeit sprechen, wie ich sie als Kollege von Präsident Howard W. Hunter und als Vater erlebt habe, und dann über Erlebnisse aus meiner Zeit als Arzt.

Die vergangenen Wochen waren für meine Frau und mich sehr hart. Wir mußten nicht nur von unserem geliebten Propheten, Präsident Hunter, Abschied nehmen, sondern dreiunddreißig Tage davor auch von unserer geliebten Tochter Emily. Emily, Mutter von fünf Kindern, hatte gerade ihren siebenunddreißigsten Geburtstag gefeiert, als sie auf die andere Seite abberufen wurde.

Präsident Hunter hatte großen Einfluß auf Emily. Sie hatte seine Aufforderung an alle erwachsenen Mitglieder der Kirche, einen Tempelschein zu haben, sehr begrüßt. Ihr und ihrem Mann, Bradley Wittwer, waren die regelmäßigen Tempelbesuche heilig. Sie betrachteten den „Tempel des Herrn als das große Symbol ihrer Mitgliedschaft und als den Ort, an dem sie ihre heiligsten Bündnisse eingegangen waren". Sie war darum bemüht, dem „Beispiel des Herrn Jesus Christus nachzueifern".2

Obwohl Präsident Hunter und Emily durch ihre Krankheit beide sehr leiden mußten, kam nie ein zorniges Wort über ihre Lippen. Vielmehr hatten sie beschlossen, voll Liebe und Glauben auszuharren. Wenn wohlmeinende Freunde und Angehörige Emily ihre Anteilnahme bekundeten, sagte sie immer fröhlich: „Macht euch doch keine Sorgen, es geht mir gut!" Und wenn sie ein Telefongespräch beendete, sagte sie nicht, wie üblich, „Auf Wiederhören", sondern: „Ich liebe dich!"

Als Präsident Boyd K. Packer und ich unseren letzten Besuch bei Präsident Hunter machten, winkte er seiner Frau, griff nach ihrer Hand und sagte lächelnd: „Ich fühle mich viel besser, wenn du in meiner Nähe bist."

Ich habe bittere Tränen vergossen und mir gewünscht, ich hätte für unsere Tochter und für unseren Präsidenten mehr tun können. Wenn ich die Macht der Auferstehung hätte, wäre ich versucht gewesen, sie zurückzubringen. Als ordinierter Apostel, dem wie allen Aposteln alle Schlüsselgewalt des Gottesreichs anvertraut ist, habe ich doch keine Schlüsselgewalt über die Auferstehung. Diese Schlüsselgewalt hat Jesus Christus inne, und er macht davon Gebrauch - für Emily, für Präsident Hunter und für alle Menschen - nämlich zur von ihm bestimmten Zeit.3

Emily und Präsident Hunter haben den Tod nicht gefürchtet. Sie waren mit dem Herrn heilige Bündnisse eingegangen, die sie in Ehren gehalten hatten, und sie wußten, daß er jeden Bund, den er mit ihnen geschlossen hatte, genauso treu einhalten würde4. Sie führten als „Kinder des Bundes" ein gutes Leben.

Vor Jahren habe ich als Medizinstudent viele Patienten mit Krankheiten gesehen, denen man heute vorbeugen kann. Heute kann man die Menschen gegen Krankheiten impfen, die damals noch Behinderungen und den Tod nach sich zogen. Eine ärztliche Methode, jemanden gegen eine Krankheit immun zu machen, ist die Impfung, auch Inokulation genannt. Der Begriff Inokulation fasziniert mich. Er stammt aus dem Lateinischen: in bedeutet soviel wie „innen", und oculus bedeutet „Auge". Inokulieren heißt also wörtlich übertragen, daß jemandem ein „Auge" eingepflanzt wird, das ihn wachsam vor Schaden bewahrt.

Eine Krankheit wie Polio kann den Körper verkrüppeln oder gar vernichten. Sünde kann den Geist verkrüppeln oder zerstören. Den verheerenden Auswirkungen von Polio kann man heute durch die Impfung vorbeugen, aber den verheerenden Auswirkungen der Sünde muß man auf andere Art vorbeugen. Gegen Übeltun kann kein Arzt uns impfen. Geistiger Schutz kommt nur vom Herrn5 - und auf seine Weise. Jesus impft nicht, sondern er vermittelt uns seine Lehre. Die Gotteslehre dient dann sozusagen dazu, uns den Blick, das „wachsame innere Auge", dafür zu vermitteln, wie wir unseren Geist schützen können.

Jesus gibt sich zu erkennen und vermittelt seine Lehre

Wenn Jesus seine Lehre vermittelt, sagt er häufig zunächst einmal deutlich, wer er ist;6 dann sagt er, wer seine Anhänger sind. Ich zitiere aus seinen Worten an die Menschen im alten Amerika. Dort sagte, er: „Ich bin Jesus Christus, der Sohn Gottes."7

„Alle Propheten seit Samuel und denen, die nach ihm folgten, … haben von mir gezeugt.

Und siehe, ihr seid die Kinder der Propher ten; und ihr seid vom Haus Israel; und ihr seid von dem Bund, den der Vater mit euren Vätern gemacht hat, indem er zu Abraham sprach: Und in deinen Nachkommen werden alle Geschlechter der Erde gesegnet sein.

Der Vater hat nun mich zuerst für euch erweckt und mich gesandt, euch zu segnen, indem ich einen jeden von euch von seinen Übeltaten abwende, und dies, weil ihr die Kinder des Bundes seid."8

Wir bewegen uns einen Riesenschritt auf die geistige Immunität zu, wenn uns klar ist, was mit „Kinder des Bundes" gemeint ist. Welchen Bund meint der Herr? „Den Bund, den er mit Abraham gemacht hat."9 Weiter sagt der Herr: „Ich werde des Bundes gedenken, den ich mit meinem Volk gemacht habe; und ich habe mit ihnen den Bund gemacht, daß ich sie zu der von mir bestimmten Zeit sammeln werde."10

Der Bund mit Abraham

Der Bund, den der Herr zuerst mit Abraham machte11 und dann Isaak12 und Jakob13 gegenüber bekräftigte, ist von überragender Bedeutung. Er barg mehrere Verheißungen in sich:

  • Abrahams Nachkommen sollten zahlreich sein und ein Anrecht auf ewige Vermehrung und auf das Priestertum haben.

  • Er sollte der Vater vieler Völker werden.

  • Christus und Könige sollten von Abraham abstammen.

  • Seinen Nachkommen sollten bestimmte Länder als Erbteil gehören.

  • Durch seine Nachkommen sollten alle Länder der Erde gesegnet werden.

  • Der Bund sollte immerwährend sein selbst über tausend Generationen hinweg.14

Manche dieser Verheißungen haben sich bereits erfüllt; andere müssen sich noch erfüllen. Ich zitiere aus einer Prophezeiung, die fast 600 Jahre vor Christi Geburt gegeben wurde: „Darum hat unser Vater nicht nur von unseren Nachkommen gesprochen, sondern auch vom ganzen Haus Israel, und auf den Bund hingewiesen, der in den Letzten Tagen erfüllt werden wird. Diesen Bund hat der Herr für unseren Vater Abraham gemacht."15

Genau wie verheißen ist der Herr in diesen Letzten Tagen erschienen, um den Bund, den er mit Abraham gemacht hat, zu erneuern. Er hat dem Propheten Joseph Smith gesagt: „Abraham empfing Verheißungen in bezug auf seine Nachkommen - ja, die Frucht seiner Lenden; und du, nämlich mein Knecht Joseph, bist aus seinen Lenden. … Diese Verheißung gilt auch für euch, weil ihr von Abraham seid."16

Auch wir sind Kinder des Bundes. Wie diejenigen vor alters haben auch wir das heilige Priestertum und das immerwährende Evangelium erhalten. Abraham, Isaak und Jakob sind unsere Vorfahren. Wir gehören zu Israel. Wir haben ein Anrecht darauf, das Evangelium, die Segnungen des Priestertums und ewiges Leben zu erhalten. Die Länder der Erde werden durch unsere Anstrengungen und durch die Arbeit unserer Nachkommen gesegnet. Die buchstäblichen Nachkommen Abrahams und diejenigen, die durch Adoption in seine Familie aufgenommen werden, erhalten die verheißenen Segnungen - gesetzt den Fall, sie nehmen den Herrn an und befolgen seine Gebote.

Der Prophet Elija kam, um die Kenntnis von diesen Verheißungen, die den Vätern gemacht wurden, uns ins Herz zu pflanzen.17 Später kam das Buch Mormon hervor - als Zeichen dafür, daß der Herr begonnen hatte, seine Bundeskinder zu sammeln.18 In diesem Buch, das für unsere Zeit geschrieben wurde, steht: „Dann könnt ihr wissen, daß der Bund, den der Vater mit den Kindern Israel … gemacht hat, bereits anfängt, sich zu erfüllen. …

Denn siehe, der Herr wird des Bundes gedenken, den er für das Volk vom Haus Israel gemacht hat."19

Der neue und immerwährende Bund

Ja, der Herr hat uns nicht vergessen. Und damit wir ihn nicht vergessen, erhalten die Kinder des Bundes seine Lehre, die ihnen kraft des Bundes zusteht. Brigham Young hat gesagt: „Alle Heiligen der Letzten Tage treten in den neuen und immerwährenden Bund ein, wenn sie in diese Kirche eintreten. … Sie treten in den neuen und immerwährenden Bund ein, um das Reich Gottes und kein anderes Reich zu unterstützen."20

Bei der Taufe geloben wir, dem Herrn zu dienen und seine Gebote zu halten. Wenn wir das Abendmahl nehmen, erneuern wir diesen Bund. Wir können auch den Bund des Priestertums21 und die krönenden Segnungen der Begabung, die Lehre und die Bündnisse erhalten, die es nur im Tempel gibt.

Der neue und immerwährende Bund des Evangeliums gestattet es uns, im Tempel die Ehe zu schließen und einst in der ersten Auferstehung hervorzukommen und „Throne, Reiche, Mächte und Gewalten, Herrschaften und … Erhöhung und Herrlichkeit in allem" zu empfangen.22

Die Kinder von Eltern, die auf diese Weise geheiratet haben, sind von Natur aus Erben der Segnungen des Priestertums. Sie sind im Bund gehören. „Für sie ist kein Adoptionsritus und keine Siegelung vonnöten, damit sie ihren Platz unter den Nachkommen der Verheißung einnehmen können."23

Der Lohn für den Gehorsam gegenüber den Geboten übersteigt fast die menschliche Vorstellungskraft. Hier werden die Kinder des Bundes zu Seelen, die der Sünde widerstehen. Und im Jenseits werden Präsident Hunter, Emily, die übrigen Kinder des Bundes und jede andere Generation mit der vorhergehenden verbunden - zur großen Familie Gottes. Großer Trost entspringt der Erkenntnis, daß unsere Lieben durch den Bund fest mit uns verbunden bleiben.

Einigkeit unter den Kindern des Bundes

Die Heiligen der Letzten Tage kennen dieses Wort des Herrn: „Wenn ihr nicht eins seid, dann seid ihr nicht mein."24

„Diese große Einigkeit ist das Kennzeichen der wahren Kirche Christi", so Präsident Gordon B. Hinckley. „Sie ist bei unseren Mitgliedern in aller Welt zu spüren. … Wir beten füreinander, damit wir in Einigkeit und Stärke vorwärtsgehen."25

In aller Welt aber hört man, wie schrille Stimmen heftig streiten und andere mit unfreundlichen Namen belegen. Dem Vornamen werden häufig herabsetzende Spitznamen hinzugefügt, die oft sogar an die Stelle des Vornamens treten. Leider verschleiern solche herabsetzenden Namen die wahre Eigenheit der Kinder des Bundes.

Gott dagegen verwendet Namen, die einigen und heiligen. Wenn wir das Evangelium annehmen und uns taufen lassen, werden wir von neuem geboren und nehmen den heiligen Namen Jesu Christi auf uns.26 Wir werden als seine Söhne und Töchter adoptiert und sind somit Brüder und Schwestern. Er ist der Vater unseres neuen Lebens. Wir werden Miterben der Verheißungen, die der Herr Abraham, Isaak und Jakob und ihren Nachkommen gegeben hat.27

Petrus hat in bezug auf unsere Zeit etwas Erhebendes gesagt. Er sagt, die Mitglieder der Kirche seien „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde".28 Das sind wahrlich erhebende Worte - ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde! Es ist ein wundervolles Kompliment.

Wenn wir wissen, wer wir sind und was Gott von uns erwartet, wenn uns sein Gesetz „ins Herz geschrieben ist",29 dann sind wir geistig geschützt. Wir werden bessere Menschen. Wenn die Nephiten wirklich rechtschaffen waren, benutzten sie keine herabsetzenden Spitznamen, und „wegen der Gottesliebe, die dem Volk im Herzen wohnte, gab es im Land keinen Streit".30

„Es gab keine … Lamaniten noch sonst irgendwelche iten; sondern sie waren eins, die Kinder Christi, und Erben des Reiches Gottes."31

Wir lernen hier also aus der Geschichte, daß in unserem Vokabular keine Namen vorkommen sollen, die uns voneinander trennen. Paulus hat gelehrt: „Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid, einer' in Christus Jesus."32

Er lädt uns ein, „zu ihm zu kommen und an seiner Güte teilzuhaben; und er weist niemanden ab, der zu ihm kommt schwarz oder weiß, geknechtet oder frei, männlich oder weiblich; … und alle sind vor Gott gleich".33

Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist in diesen Letzten Tagen wiederhergestellt worden, damit sich die Verheißungen, die der Herr vor alters gemacht hat, erfüllen. Das gehört zur „Wiederherstellung von allem".34 Die Kinder des Bundes, die fest zu ihrer Verpflichtung stehen, bleiben auch inmitten von Widrigkeiten standhaft. Wir werden „gezüchtigt und geprüft, … selbst wie Abraham, dem geboten war, seinen einzigen Sohn darzubringen".35 Aber diese Verheißung des Herrn schenkt uns Kraft: „Ihr seid rechtmäßige Erben gemäß dem Fleische und seid mit Christus in Gott vor der Welt verborgen gewesen -,

darum sind euch euer Leben und das Priestertum erhalten geblieben und müssen notwendigerweise durch euch und eure Linie erhalten bleiben, bis alles wiederhergestellt wird. …

Darum, gesegnet seid ihr, wenn ihr fortfahrt, in meiner Güte den Ändern ein Licht und meinem Volk Israel durch dieses Priestertum ein Erretter zu sein."36.

Wenn uns diese Lehre fest ins Herz geschrieben ist, ist dem Tod der Stachel genommen und wir stehen unter geistigem Schutz. Die Kinder des Bundes werden gesegnet - hier und im Jenseits - das bezeuge ich im Namen Jesu Christi. Amen.