1990–1999
Wir haben die Treue gehalten
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Wir haben die Treue gehalten

Diese fernen, isolierten Dörfer, wo es häufig schwierig ist, sich zu einer bestimmten Religion zu bekennen und nach den Grundsätzen des Evangeliums zu leben, können uns manch Wundervolles lehren.

Im Rahmen unserer Berufung als Generalautorität besuchen wir verschiedene Länder, Orte und Gruppen. Manchmal sind solche Reisen mit Gefahren verbunden, und es kommt auch vor, daß wir die Orte, die wir besuchen sollen, gar nicht erst erreichen.

Einmal hatte ich den Auftrag, einen Pfahl in den herrlichen Bergen des peruanischen Hochlands zu besuchen. Diese Einheit der Kirche war schon seit zwei Jahren nicht mehr von einer Generalautorität besucht worden, weil die Reise dorthin mit Gefahren verbunden war. Nachdem wir die nötigen Genehmigungen eingeholt hatten, begannen wir mit der Hilfe des Missionspräsidenten die fünfstündige Reise, die uns in das wunderschöne Tal des Mantaro-Flusses führte.

Als wir am Pfahlhaus ankamen, warteten der Pfahlpräsident und seine Ratgeber schon auf uns. Als sie uns sahen, strahlten sie vor Freude und schlössen uns brüderlich in die Arme. Rund drei Jahre zuvor waren in dieser Stadt zwei unserer geliebten Missionare getötet worden. Nachdem ich den Pfahlpräsidenten herzlich an mich gedrückt hatte, um ihm zu zeigen, wie lieb er mir war, fragte ich: „Haben Sie in der Zeit, in der wir nicht kommen konnten, sehr leiden müssen?" Er antwortete mit Tränen in den Augen: „Ja, wir haben sehr gelitten, aber

wir haben die Treue gehalten." Dieser einfache Satz ging uns sehr zu Herzen, und wir konnten spüren, daß die Hand des Herrn in dieser schwierigen Zeit, die sie als Volk und als Mitglieder der Kirche durchgemacht hatten, mit ihnen gewesen war.

Während wir mit ihnen zusammen waren, erfuhren wir vieles, darunter auch, wie man in einer solchen Gegend, fern von den großen Städten und vom Hauptsitz der Kirche, die Treue hält. Aus dem, was wir erfuhren, haben sich fünf Grundsätze herauskristallisiert, die ihnen geholfen haben, ihre Schwierigkeiten zu überwinden.

Erstens: sie haben niemals aufgehört, dem Herrn zu vertrauen, und haben all ihren Glauben auf ihn gerichtet. Das war die Grundlage ihrer Zuversicht. Sie vertrauten darauf, daß er sie beschützt und führt. Der Herr hat gesagt: „Wenn ihr Glauben an mich habt, werdet ihr Macht haben, alles zu tun, was mir ratsam ist." (Moroni 7:33.)

Gelegentlich suchen wir in unserer Verzweiflung andere Wege, andere Führer. Aber diejenigen, die uns beraten, können uns gar nicht immer helfen, da sie unsere geistigen Bedürfnisse nicht kennen. Sie können uns den Rat und die Offenbarung, die wir in schwierigen Umständen brauchen, gar nicht geben.

Wir haben das großartige Beispiel der Söhne Mosias, die im Land Nephi dienten und so manche Schwierigkeit und Prüfung durchmachen mußten. Aber weil sie dem Herrn vertrauten, segnete er sie mit seinem Geist „und sprach zu ihnen: Seid getrost! Und sie waren getrost. … Doch sollt ihr in langen Leiden und in Bedrängnissen geduldig sein, damit ihr ihnen gutes Beispiel in mir zeigt, und ich will euch zu einem Werkzeug in meiner Hand machen, um viele Seelen zu erretten." (Alma 17:10,11.)

Zweitens: Sie blieben im Beten treu. Jedes Mitglied, ob Erwachsene, Kinder oder Jugendliche, hielt sich jeden Tag treu an diese heilige Verpflichtung und betete voll Glauben - allein und mit seiner Familie. Wie wir wissen, können wir beim Beten mit dem himmlischen Vater sprechen. Er hört uns zu, weil wir seine Kinder sind und weil er uns liebt; und ihm ist sehr daran gelegen, uns zu segnen, wenn wir seine Gebote halten.

Als Jesus Christus die Nephiten unterwies, erklärte er ihnen: „Darum müßt ihr immer in meinem Namen zum Vater beten; und alles, was ihr den Vater in meinem Namen bittet - sofern es recht ist und ihr darauf vertraut, daß ihr es empfangen werdet -, siehe, das wird euch gegeben werden. Betet in euren Familien immer in meinem Namen zum Vater, damit eure Frauen und Kinder gesegnet seien." (3 Nephi 18:19-21.) Niemand hätte ihnen größere Gewißheit darüber geben können, daß der Vater im Himmel sie hört, als sein eigener Sohn.

Drittens: sie hörten nicht auf, die heiligen Schriften zu studieren. In den heiligen Schriften fanden sie den Glauben, den sie brauchten, um die Angst zu überwinden; sie fanden Lösungen für ihre Probleme, göttlichen Trost, liebevolle Ratschläge des Vaters im Himmel und vor allem die Gewißheit, daß sie in Rechtschaffenheit zum ewigen Leben hingeführt wurden. „Ihr erforscht die Schriften, weil ihr meint, in ihnen das ewige Leben zu haben; gerade sie legen Zeugnis über mich ab." (Johannes 5:39.) Sie lebten inmitten aller Schwierigkeiten nach diesem Gebot. Ein Mitglied dort sagte: „Wir sind dem Herrn nie näher, als wenn wir in den heiligen Schriften lesen."

Viertens: Sie führten die Priestertumsprogramme durch. Wegen der beiden Todesfälle waren die Vollzeitmissionare abgezogen worden. Um den Verlust wettzumachen, teilte man diejenigen, die auf Mission gewesen waren, dazu ein, diejenigen das Evangelium zu lehren, die es hören wollten. Die Mitgliederfamilien empfahlen Leute. Das Heimlehren nahm zu. Niemand wurde übersehen. Sie hatten, wie sie sagten, die Treue gehalten.

Fünftens: sie demütigten sich vor dem Herrn. Sie reinigten sich, sie kehrten um, sie waren bemüht, als Heilige zusammenzuleben und miteinander zu teilen, was sie hatten. Sie fasteteten, wenn Probleme auftauchten oder wenn sie bedroht waren.

Diese einfachen und doch mächtigen Grundsätze befähigten sie, auszuharren und als Mitglieder der Kirche dem Glauben treu zu bleiben. Diese fernen, isolierten Dörfer, wo es häufig schwierig ist, sich zu einer bestimmten Religion zu bekennen und nach den Grundsätzen des Evangeliums zu leben, können uns manch Wundervolles lehren. Wh- können uns vorstellen, daß es schwer ist, dort zu leben und die Treue zu halten. Nur ihr Vertrauen auf Gott und der Glaube an Jesus Christus machen sie stark und reinigen sie.

Auch für diejenigen, die allein in der Kirche sind, deren Familie sich nicht bekehrt hat, die ihren Ehepartner oder ein Kind verloren haben, muß es schwierig sein, die Treue zu halten. Man braucht großen Mut, um nicht aufzugeben, aber wir können immer aus der Höhe getröstet werden.

Unsere Pioniere haben sich nicht beklagt; sie haben den Glauben nicht verleugnet und sich nicht abgewandt. Man kann sich kaum vorstellen, wie schrecklich einsam sich die Mitglieder der Kirche in den ersten Jahren gefühlt haben müssen, als sie noch eine kleine Gruppe und die einzigen Mitglieder der Kirche auf der ganzen Erde waren. Sie wurden verfolgt und gedemütigt, und manche kamen ums Leben. Der Glaube an den Herrn, den sie in diesen großen Schwierigkeiten entwickelten, machte sie stark und gleichzeitig demütig. Es muß sehr schwer gewesen sein, die Treue zu halten, wo es doch soviel Widerstand, soviel Einsamkeit und soviel Schmerz gab. Es war eine herrliche Zeit, eine Zeit der Märtyrer - die Zeit, in der die Grundlage dieser mutigen und begeisternden Religion gelegt wurde.

Präsident Kimball hat zu diesem Thema einmal gesagt: „Durch Leiden kann jemand zum Heiligen werden, wenn er Geduld und Selbstbeherrschung lernt. Jesus Christus brauchte sein Leiden, um zu lernen." („Tragedy or Destiny", Ansprache an der Brigham Young University, 6. Dezember 1955.)

Wie dankbar wir doch für diejenigen sind, die uns durch ihr schlichtes Beispiel erlauben, ihnen in dem Bestreben, zum Vater im Himmel zurückzukehren, nachzufolgen, ohne schwach zu werden. Vielleicht macht die Isolation die kleinen und abgelegenen Städte und Dörfer stärker und reiner.

Zum Schluß der Konferenz in jenem Pfahl habe ich den Mitgliedern versichert, daß Gott sie liebt, daß die Erste Präsidentschaft und die Zwölf Apostel an sie denken und daß wir deshalb dort waren - um ihnen zu bezeugen, daß sie Teil der Kirche sind, daß wir sie nicht vergessen haben und daß wir für sie beten. Sie waren von Herzen dankbar und lächelten wieder - als demütige Mitglieder, die durch den Geist des Herrn getröstet worden waren.

Ein würdiger älterer Mann, fast achtzig Jahre alt, sprach in einer der Konferenzversammlungen das Schlußgebet. Er brachte zum Ausdruck, wie dort der Propheten gedacht wurde. Er sagte in seinem Gebet: „Himmlischer Vater, wir danken dir, daß du einen deiner Diener hierher ins Mantaro-Tal gesandt hast, wo dein geliebter Diener, Präsident Kimball, niedergekniet ist und dieses Land gesegnet hat, das es uns ernähren und immer für unseren Lebensunterhalt sorgen möge."

Welch großer Vorzug es doch ist, daß wir heute in der Gegenwart der Propheten Gottes sein und ihren liebevollen Einfluß spüren dürfen. Da die Kirche in aller Welt so rasch wächst, können viele unserer guten Mitglieder ihr Leben lang nie einen dieser wundervollen Führer sehen. Aber ich bezeuge Ihnen, sie lieben die Generalautoritäten, sie folgen ihren Lehren, und sie warten demütig und geduldig auf den Tag, an dem sie zu Füßen der Propheten sitzen dürfen.

Die Lage in den Ländern der Erde ist einem ständigen Wandel unterworfen, aber an vielen Orten, ob in den frostigen Bergeshöhen, in den warmen Tälern, am Flußufer oder in der Wüste, wo auch immer Mitglieder der Kirche sind, gibt es immer Menschen, die nach diesen Grundsätzen leben und dadurch ihren Mitmenschen ein Segen sind. Stellen wir uns mutig den Schwierigkeiten unseres irdischen Daseins, wo wir auch leben und wie schwierig die Umstände auch sein mögen. Wir wollen die Treue halten.

Wir freuen uns, daß wir heute einen neuen Propheten und seine Ratgeber, die wir lieben und unterstützen, bestätigen durften. In den kommenden Tagen können wohl in fast allen Ländern der Erde, auch an den entlegensten Orten, unsere Mitglieder freudig die Hand heben, um sie zu bestätigen, so wie wir es heute getan haben.

Eines Tages wird unsere irdische Reise beendet sein und wir werden in die Gegenwart des himmlischen Vaters zurückkehren. Ich bete, daß wir dann den gleichen Mut haben wie der Apostel Paulus und sagen können, was er einst zu Timotheus gesagt hat: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Lauf vollendet, die Treue gehalten." (2 Timotheus 4:7.)

Möge der Herr uns segnen, daß wir immer tapfer, demütig und treu bleiben. Im Namen Jesu Christi. Amen.