2000–2009
Sorge um den Einzelnen
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Sorge um den Einzelnen

Jesus Christus ist unser größtes Vorbild. Er war von Menschenmengen umgeben und sprach zu Tausenden, dennoch trug er immer Sorge um den Einzelnen.

Ich bin dankbar für die Gelegenheit, heute mit Ihnen in diesem herrlichen Konferenzzentrum zu sein. Obwohl diese Versammlung sehr groß ist, stimmt es mich demütig, dass sie nur einen Bruchteil der Millionen Menschen ausmacht, die noch die Worte, die bei dieser Konferenz gesprochen werden, sehen, hören und lesen werden.

Natürlich werden wir unseren geliebten Präsidenten Gordon B. Hinckley vermissen. Durch seinen Einfluss sind wir jedoch alle bessere Menschen geworden. Dank seiner Führung ist die Kirche stärker. Die Welt ist in der Tat ein besserer Ort, weil es eine Führungspersönlichkeit wie Präsident Gordon B. Hinckley gab.

Ich möchte gerne ein paar Worte über unsere neue Erste Präsidentschaft sagen.

Ich kenne Präsident Monson schon sehr lange. Er ist ein mächtiger Mann in Israel, der dazu vorherordiniert wurde, über diese Kirche zu präsidieren. Er ist bekannt für seine fesselnden Geschichten und Gleichnisse, aber wir, die wir ihn näher kennen, wissen, dass sein Leben ein praktisches und nachahmenswertes Beispiel für die Anwendung dieser Geschichten ist. Obgleich es ein Kompliment für ihn ist, dass viele der Großen und Mächtigen dieser Welt ihn kennen und wertschätzen, ist es vielleicht eine noch größere Anerkennung, dass viele der Geringsten ihn ihren Freund nennen.

Präsident Monson ist durch und durch freundlich und mitfühlend. Seine Worte und Taten künden davon, dass er um den Einzelnen besorgt ist.

Präsident Eyring ist ein kluger, gebildeter und geistiger Mann. Er ist nicht nur in der Kirche bekannt und anerkannt, sondern auch bei Menschen, die nicht unserem Glauben angehören. Er ist die Art Mensch, dem jeder zuhört, wenn er spricht. Er hat dem Namen Eyring große Ehre gemacht.

Ich lernte Präsident Uchtdorf kennen, als ich Gebietspräsident in Europa war. Vom ersten Augenblick an sah ich in ihm einen Mann von außerordentlicher geistiger Tiefe und außergewöhnlichen Fähigkeiten. Ich wusste, dass der Herr auf ihn achtete. Vor dreiundzwanzig Jahren hatte ich die Ehre, ihm die Berufung des Herrn zu überbringen, als Pfahlpräsident in Frankfurt zu dienen. Über die Jahre hinweg konnte ich beobachten, dass alles, wofür er verantwortlich war, gelang. Der Herr ist mit ihm. Wenn ich an Präsident Uchtdorf denke, fallen mir zwei deutsche Wörter ein: alles wohl!

Wahre Jünger Jesu Christi sind schon immer um den Einzelnen besorgt gewesen. Jesus Christus ist unser größtes Vorbild. Er war von Menschenmengen umgeben und sprach zu Tausenden, dennoch trug er immer Sorge um den Einzelnen. Er sagte: „Denn der Menschensohn ist gekommen, um zu retten, was verloren ist.“1 „Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eines davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Steppe zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?“2

Diese Belehrung richtet sich an jeden, der ihm nachfolgt. Uns ist geboten, diejenigen, die verloren gegangen sind, zu suchen. Wir müssen unseres Bruders Hüter sein. Wir können diesen Auftrag, den uns unser Erretter gegeben hat, nicht vernachlässigen. Wir müssen um den Einzelnen besorgt sein.

Heute möchte ich gerne über diejenigen sprechen, die verloren gegangen sind – sei es, weil sie anders sind, weil sie müde sind oder weil sie vom Weg abgekommen sind.

Einige gehen verloren, weil sie anders sind. Sie fühlen sich nicht zugehörig. Vielleicht stellen sie fest, dass sie sich, weil sie anders sind, langsam immer weiter von der Herde entfernen. Sie mögen anders aussehen, handeln, denken und sprechen als die andern und das lässt sie manchmal denken, dass sie nicht dazu passen. Sie schließen daraus, dass man sie nicht braucht.

Verbunden mit dieser falschen Vorstellung ist der irrige Glaube, dass alle Mitglieder der Kirche gleich aussehen, reden und sein sollten. Der Herr hat die Erde nicht mit einem kraftvollen Orchester von Persönlichkeiten bevölkert, um dann nur Wert auf die Pikkolos dieser Welt zu legen. Jedes Instrument ist wertvoll und trägt zur komplexen Schönheit einer Symphonie bei. Alle Kinder des himmlischen Vaters unterscheiden sich zu einem gewissen Grad, doch ein jedes hat seinen eigenen schönen Klang, der zur Bedeutung und Fülle des Ganzen beiträgt.

Diese Vielfalt der Schöpfung selbst gibt Zeugnis davon, wie wichtig dem Herrn alle seine Kinder sind. Er schätzt kein Fleisch höher als das andere, sondern er „lädt sie alle ein, zu ihm zu kommen und an seiner Güte teilzuhaben; und er weist niemanden ab, der zu ihm kommt, schwarz und weiß, geknechtet und frei, männlich und weiblich; … alle sind vor Gott gleich“3.

Ich erinnere mich aus meiner Jugend an einen älteren Jungen, der körperlich und geistig behindert war. Er hatte einen Sprachfehler und Schwierigkeiten beim Gehen. Die Jungen machten sich normalerweise über ihn lustig. Sie hänselten und verspotteten ihn, manchmal, bis er weinte.

Ich höre immer noch seine Stimme: „Ihr seid nicht nett zu mir“, sagte er. Aber sie hörten nicht auf, ihn zu verspotten, ihn zu schubsen und Witze über ihn zu reißen.

Eines Tages konnte ich es nicht länger ertragen. Obwohl ich erst sieben Jahre alt war, verlieh der Herr mir den Mut, meinen Freunden die Stirn zu bieten.

„Rührt ihn nicht an“, sagte ich zu ihnen. „Hört auf, ihn zu ärgern. Seid nett. Er ist ein Kind Gottes!“

Meine Freunde wichen zurück und wandten sich ab.

Damals fragte ich mich, ob meine Kühnheit meine Beziehung zu ihnen gefährden würde. Aber das Gegenteil trat ein. Von diesem Tag an wurde unsere Freundschaft noch enger. Sie erwiesen dem Jungen mehr Mitgefühl, sie wurden bessere Menschen. Soweit ich weiß, verspotteten sie ihn nie wieder.

Brüder und Schwestern, wenn wir nur mehr Mitgefühl für Menschen hätten, die anders sind als wir, würden viele Sorgen und Nöte der heutigen Welt leichter. Ganz gewiss würden unsere Familien und die Kirche ein heiligerer und himmlischerer Ort.

Einige gehen verloren, weil sie müde sind. Es kann einem leicht alles zu viel werden. Bei all dem Druck, der Zeit, die man uns raubt, und dem Stress, dem wir jeden Tag ausgesetzt sind, ist es kein Wunder, dass wir müde werden. Viele fühlen sich entmutigt, weil sie nicht an ihr Potenzial heranreichen. Andere fühle sich einfach zu schwach, um einen Beitrag leisten zu können. Auf diese Weise fallen einige, während die Herde weiterzieht, allmählich und fast unmerklich zurück.

Jeder fühlt sich ab und zu müde und erschöpft. Es scheint mir jetzt häufiger so zu ergehen als in meinen jungen Jahren. Joseph Smith, Brigham Young und selbst Jesus Christus wussten, was es bedeutet, müde zu sein. Ich möchte weder die Last, die die Mitglieder der Kirche auf ihren Schultern tragen, unterschätzen noch die emotionalen und geistigen Prüfungen, denen sie sich gegenübersehen, herabwürdigen. All dies kann erdrückend und oft schwer zu ertragen sein.

Ich habe jedoch ein Zeugnis von der erneuernden Kraft des Evangeliums Jesu Christi. Der Prophet Jesaja verkündete, der Herr „gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke“.4 Wenn ich mich müde fühle, denke ich an die Worte des Propheten Joseph Smith:

„Sollen wir in einer so großen Sache nicht vorwärtsgehen? Geht vorwärts und nicht rückwärts. Mut, Brüder, und auf, auf zum Sieg! Lasst euer Herz sich freuen und überaus froh sein. Lasst die Erde in Gesang ausbrechen. …

… Lasst die Wälder und alle Bäume des Feldes den Herrn preisen, … und alle Söhne Gottes sollen vor Freude jauchzen!“5

Sie, die Sie Mitglieder der Kirche sind und sich deshalb zurückhalten, weil Sie sich unzulänglich fühlen, bitte ich inständig, vorzutreten, die Schulter an das Rad zu stemmen und zu schieben. Selbst dann, wenn Sie glauben, dass Ihre Kraft nur wenig beiträgt: Die Kirche braucht Sie. Der Herr braucht Sie. Vergessen Sie nicht, der Herr erwählt oft „das Schwache der Welt“6, um seine Absichten zu verwirklichen.

Alle, die müde sind, können aus diesen Worten des Heilands Trost ziehen: „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“7 Vertrauen wir doch auf diese Verheißung. Die Macht Gottes kann uns geistig und körperlich mit Energie und Kraft erfüllen. Ich bitte Sie inständig, diesen Segen des Herrn anzustreben.

Wenn Sie sich ihm nahen, wird er sich Ihnen nahen, denn er hat verheißen: „Die aber, die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft, sie bekommen Flügel wie Adler. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.“8

Wenn wir um diejenigen besorgt sind, die müde sind, stehen wir „den Schwachen bei, hebe[n] die herabgesunkenen Hände empor, und stärke[n] die müden Knie“.9 Fürsorgliche Führer der Kirche berücksichtigen zwar die Grenzen des Einzelnen, sind aber sehr darauf bedacht, die Mitglieder so einzusetzen, dass sie ihre Kraft und ihr Können ausschöpfen. Führer lehren und unterstützen, üben aber keinen Druck aus, schneller zu laufen oder zu arbeiten, als die Kraft es erlaubt.10

Denken Sie daran: Manchmal kommen am Ende diejenigen am weitesten, die am langsamsten begonnen haben.

Einige gehen verloren, weil sie vom Weg abgeirrt sind. Mit Ausnahme des Herrn machen wir alle Fehler. Die Frage ist nicht, ob wir stolpern und fallen, sondern eher: Wie gehen wir damit um? Einige entfernen sich von der Herde, nachdem sie einen Fehler gemacht haben. Das ist bedauerlich. Wissen Sie denn nicht, dass die Kirche ein Ort ist, wo unvollkommene Menschen zusammenkommen – selbst mit all ihren irdischen Schwächen – und besser werden? Jeden Sonntag finden wir in jedem Gemeindehaus überall auf der Welt irdische, unvollkommene Männer, Frauen und Kinder, die in Brüderlichkeit und Nächstenliebe zusammenkommen und danach streben, bessere Menschen zu werden, vom Geist zu lernen und andere zu ermutigen und zu unterstützen. Ich wüsste nicht, dass an der Eingangstür eines unserer Gemeindehäuser ein Schild hinge, auf dem steht: „Eintritt nur für Vollkommene!“

Wegen unserer Unvollkommenheit brauchen wir die Kirche des Herrn. Dort werden seine erlösenden Lehren verkündet und seine errettenden heiligen Handlungen vollzogen. Die Kirche ermutigt und motiviert uns, bessere und glücklichere Menschen zu werden. Dort können wir uns auch im Dienst am Nächsten verlieren.

Der Herr weiß, dass wir alle Fehler machen. Deshalb hat er für unsere Sünden gelitten. Er möchte, dass wir wieder auf die Beine kommen und bestrebt sind, es besser zu machen. Bei den Engeln Gottes herrscht Freude über jeden einzelnen Sünder, der umkehrt.

Sie, die Sie sich entfernt haben, weil Sie verletzt wurden: Können Sie nicht Ihren Schmerz und Ihren Ärger beiseite legen? Können Sie Ihr Herz nicht mit Liebe füllen? Hier gibt es einen Platz für Sie. Kommen Sie in die Herde, weihen Sie Ihre Fähigkeiten, Talente und Fertigkeiten. Sie werden dadurch besser, und andere werden durch Ihr Beispiel gesegnet.

Für diejenigen, die sich wegen Fragen der Lehre entfernt haben: Wir können uns nicht für die Wahrheit entschuldigen. Wir können die Lehre, die vom Herrn selbst gegeben wurde, nicht leugnen. In dieser Hinsicht können wir keine Kompromisse eingehen.

Ich weiß, dass Menschen manchmal mit der Lehre nicht einverstanden sind. Sie gehen sogar so weit, sie töricht zu nennen. Aber ich wiederhole die Worte des Apostels Paulus, der sagte, dass Geistiges dem Menschen manchmal als Torheit erscheint. Dennoch: „Das Törichte an Gott ist weiser als die Menschen.“11

Es ist in Wahrheit so, dass Geistiges durch den Geist offenbart wird. „Der irdisch gesinnte Mensch aber lässt sich nicht auf das ein, was vom Geist Gottes kommt. Torheit ist es für ihn, und er kann es nicht verstehen, weil es nur mit Hilfe des Geistes beurteilt werden kann.“12

Wir bezeugen, dass das Evangelium Jesu Christi heute hier auf Erden vorhanden ist. Er verkündete die Lehre seines Vaters: „Wer bereit ist, den Willen Gottes zu tun, wird erkennen, ob diese Lehre von Gott stammt oder ob ich in meinem eigenen Namen spreche.“13

Ich weiß, dass jeder von Ihnen sich um einen geliebten Menschen sorgt. Machen Sie ihm Mut, helfen Sie ihm, stützen Sie ihn. Haben Sie ihn lieb. Seien Sie freundlich zu ihm. In einigen Fällen wird er zurückkommen. In anderen nicht. Aber lassen Sie uns in jedem Fall immer des Namens würdig sein, den wir auf uns nehmen – des Namens Jesu Christi.

Ich erhebe meine Stimme vor allen, die diese schöne Erde bewohnen, und gebe feierlich Zeugnis, dass Gott lebt und Jesus der Christus ist, unser Heiland und König! Er hat seine Wahrheit und sein Evangelium durch den Propheten Joseph Smith wiederhergestellt. Er spricht zu seinen Propheten und Aposteln. Präsident Thomas S. Monson ist der Gesalbte des Herrn und führt heute seine Kirche. Das bezeuge ich im Namen Jesu Christi. Amen.