2000–2009
Heute
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Heute

Wenn wir heute so gelebt haben, dass wir auf die reinigende Gnade des Sühnopfers Anspruch haben, werden wir für immer bei Gott leben.

Vor drei Wochen betrat ich das Gestern. In diesem Augenblick entdeckte ich das Heute neu. Und über das Heute möchte ich sprechen.

Ein kirchlicher Auftrag hatte mich über die Weiten des Pazifiks nach Vietnam geführt. Dies war für mich mehr als ein Flug über einen Ozean. Es war ein Schritt in die Vergangenheit. Vor über 40 Jahren diente ich auf den Schlachtfeldern dieses Landes als Infanterieoffizier. In den dazwischen liegenden Jahrzehnten haben sich Erinnerungen an diesen Ort, an das Volk und an meine Waffenkameraden in meinen Kopf eingebrannt. Jakob schrieb einst: „Unser Leben ist vergangen, als sei es für uns … ein Traum.“ (Jakob 7:26.) So war es auch bei mir. Und jetzt kehrte ich nach fast einem halben Jahrhundert aus meiner Welt der Erinnerungen an den Ort des Geschehens zurück. Als meine kirchlichen Aufgaben erledigt waren, beschloss ich, die Schauplätze der erbitterten Kämpfe von damals noch einmal zu besuchen. In Begleitung meiner lieben Frau machte ich mich auf die Pilgerreise.

Ich bin mir nicht sicher, was ich dort nach so vielen Jahren vorzufinden erwartete. Was ich dort sah, hatte ich jedoch gewiss nicht erwartet: Statt eines vom Krieg gezeichneten Volkes sah ich junge, dynamische Menschen. Statt einer vom Granatfeuer vernarbten Landschaft fand ich friedliche, grüne Felder. Sogar der Dschungel war nachgewachsen. Ich glaube, ich hatte irgendwie erwartet, das Gestern vorzufinden, doch was ich fand, war das Heute und die Verheißung eines strahlenden Morgens. Ich wurde daran erinnert: „Wenn man am Abend auch weint, am Morgen herrscht wieder Jubel.“ (Psalm 30:6.)

Als ich erneut das Schlachtfeld betrat und noch einmal einen Dschungelpfad entlangging, hörte ich in Gedanken das Rattern eines Maschinengewehrs, das Pfeifen eines Schrapnells und den Klang von Handfeuerwaffen. Ich sah erneut die sonnengebräunten jungen Gesichter von Freunden, die das „höchste Maß an Hingabe erwiesen haben“ (Abraham Lincoln, Gettysburg Address). Und ich dachte insbesondere an einen Mann und einen Tag – einen einzigen Tag, den 3. April 1966. Es war Palmsonntag – kurz vor Ostern –, fast auf den Tag genau vor 42 Jahren.

Unser Infanteriebataillon war bereits seit mehreren Monaten in Vietnam. Ich war Leutnant, der Führer eines Schützenzugs. Wir waren fast ständig in Kampfhandlungen verwickelt. Bei Tagesanbruch befand sich unser Bataillon tief in feindlichem Gebiet. Früh am Morgen sandten wir einen etwa zehn Mann starken Spähtrupp aus. Darunter befand sich Sergeant Arthur Morris. Einige der Männer wurden bei einem Feuergefecht verwundet, auch Sergeant Morris hatte eine kleine Fleischwunde. Schließlich humpelten die Männer des Trupps zurück zu unserer Stellung.

Wir forderten per Funk einen Rettungshubschrauber an. Als wir die Verwundeten an Bord luden, drängte ich Sergeant Morris, auch an Bord zu gehen. Er wollte nicht. Ich drängte ihn wieder. Wieder lehnte er ab. Ich ermahnte ihn noch einmal. Noch einmal weigerte er sich. Schließlich sagte ich: „Sergeant Morris, ab in den Hubschrauber!“

Er sah mich mit ernster, flehentlicher Miene an. „Bitte, Sir“, sagte er und dann diese Worte, die mich für immer verfolgen werden: „Die können einen zähen, alten Kerl wie mich nicht umbringen.“

Diese Szene ist in meinem Kopf eingebrannt wie ein Schlachtengemälde: die Lichtung im Dschungel, das ungeduldige Schlagen der Rotorblätter, der Pilot, der mich erwartungsvoll ansieht, und mein Freund, der darum bittet, bei seinen Männern bleiben zu dürfen. Ich gab nach. Ich winkte dem Hubschrauber – der Rettungsleine ins Morgen – ab. Noch vor Sonnenuntergang lag mein guter Freund, Sergeant Arthur Cyrus Morris, tödlich getroffen am Boden. Und in meinem Kopf hallten immer wieder seine Worte nach: „Die können mich nicht umbringen, nicht umbringen …“

Natürlich lag er in einer Hinsicht furchtbar falsch. Das irdische Leben ist so zerbrechlich. Ein einziger Herzschlag, ein einziger Atemzug trennt diese Welt von der nächsten. Im einen Augenblick war mein Freund noch lebendig und voller Energie, im nächsten war sein unsterblicher Geist entflohen und hatte seine irdische Wohnstatt als leblosen Lehmklumpen zurückgelassen. Der Tod ist ein Vorhang, durch den wir alle gehen müssen, und wie Sergeant Arthur Morris weiß niemand von uns, wann das geschieht. Die größte aller Herausforderungen, denen wir uns gegenübersehen, ist vielleicht das trügerische Gefühl, dass das Erdenleben endlos weitergeht, und die logische Folgerung, dass wir es auf morgen verschieben können, Vergebung zu suchen und zu gewähren, was, wie das Evangelium Jesu Christi lehrt, zu den Hauptaufgaben des Erdenlebens zählt.

Diese tiefgründige Wahrheit macht Amulek im Buch Mormon deutlich:

„Denn siehe, dieses Leben ist die Zeit, da der Mensch sich vorbereiten soll, Gott zu begegnen; ja, siehe, der Tag dieses Lebens ist der Tag, da der Mensch seine Arbeiten verrichten soll. … Deshalb flehe ich euch an, den Tag eurer Umkehr nicht bis zum Ende aufzuschieben; … denn der gleiche Geist, der euren Körper zu der Zeit beherrscht, da ihr aus diesem Leben scheidet, dieser selbe Geist wird die Macht haben, euren Körper in jener ewigen Welt zu beherrschen.“ (Alma 34:32-34; Hervorhebung hinzugefügt.)

Wie scharf sich Amulek hier doch ausdrückt – „der Tag dieses Lebens“! Der Apostel Jakobus formulierte es so: „Ihr wisst doch nicht, was morgen mit eurem Leben sein wird. Rauch seid ihr, den man eine Weile sieht; dann verschwindet er.“ (Jakobus 4:14.) Und so, wie wir sind, wenn wir aus diesem Leben scheiden, sind wir auch, wenn wir ins nächste eintreten. Glücklicherweise haben wir das Heute.

So furchtbar falsch Sergeant Morris einerseits auch lag, andererseits hatte er mehr als Recht! Wir sind tatsächlich unsterblich, in dem Sinne, dass das Sühnopfer Christi den Tod bezwingt, in physischer wie in geistiger Hinsicht. Und vorausgesetzt, dass wir heute so gelebt haben, dass wir auf die reinigende Gnade des Sühnopfers Anspruch haben, werden wir für immer bei Gott leben. Dieses Leben ist weniger eine Zeit des Nehmens und Anhäufens als eine Zeit des Gebens und Werdens. Das Erdenleben ist das Schlachtfeld, auf dem Gerechtigkeit und Barmherzigkeit aufeinandertreffen. Aber sie müssen nicht als Gegner aufeinandertreffen, denn sie werden für alle, die das Heute klug nutzen, durch das Sühnopfer Jesu Christi versöhnt.

Uns bleibt nur, diese Vergebung sowohl zu suchen als auch zu gewähren – sowohl umzukehren als auch anderen Nächstenliebe zu erweisen. Dann können wir durch die Tür schreiten, die der Erlöser uns aufhält, und so die Schwelle von diesem Leben in die Erhöhung passieren. Heute ist der Tag, an dem wir anderen ihre Übertretungen vergeben sollen, in dem sicheren Wissen, dass der Herr uns dann auch die unseren vergibt. Lukas fordert uns kurz und bündig auf: „Seid barmherzig!“ (Lukas 6:36; Hervorhebung hinzugefügt.) Vollkommenheit mag uns hier unerreichbar sein, aber wir können barmherzig sein. Und letztendlich gehören Umkehr und Vergebung zu den wichtigsten Anforderungen, die Gott an uns stellt.

Meine Pilgerreise in die Vergangenheit war abgeschlossen, und ich blickte über die friedlichen Felder des Heute und erkannte in ihrer Fruchtbarkeit das verheißungsvolle Morgen. Ich dachte an meinen Freund, Sergeant Arthur Cyrus Morris. Ich dachte an jenen schicksalhaften Palmsonntag von gestern. Und ich war unendlich dankbar für den Erlöser am Ostermorgen, der uns Leben gewährt, der unter alles hinabgefahren ist und es so ermöglicht, dass wir uns über alles erheben – morgen, wenn wir nur das Heute nutzen! Im Namen Jesu Christi. Amen.