2000–2009
Einer aus der Menge
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Einer aus der Menge

Mögen wir ruhig und bestimmt zu unserem Erlöser voranstreben, und zwar im Glauben daran, dass wir ihm wichtig sind und dass er die Macht hat, uns zu heilen und zu erretten.

Im Lukasevangelium lesen wir von einer Frau, die zwölf lange Jahre an Blutungen gelitten hatte. Auf der Suche nach ärztlicher Hilfe hatte sie alle ihre Mittel ausgeschöpft, aber ohne Erfolg. Inmitten einer Menschenmenge drängte die Frau sich von hinten an Jesus heran und berührte den Saum seines Gewandes. Jesus wollte wissen, wer ihn berührt hatte, denn er spürte, dass Kraft von ihm ausgeströmt war. Die Apostel konnten seine Frage nicht verstehen und sagten: „Meister, die Leute drängen sich doch von allen Seiten um dich und erdrücken dich fast.“1 Da bekannte die Frau zitternd und voller Furcht, dass sie es gewesen war, die ihn berührt hatte, und dass sie augenblicklich geheilt worden war. Der Erlöser schickte sie in Frieden fort und sagte ihr, dass ihr Glaube ihr geholfen habe.

Aus dieser interessanten kleinen Begebenheit kann man viel lernen, und sie regt sehr zum Nachdenken an.

Ich stelle mir diese Menschenmenge vor. Sie muss ziemlich groß gewesen sein, denn die Menschen drängten sich um Jesus. Vielleicht war es auch sehr laut, denn die Menschen schoben und drängelten, um ihn besser sehen zu können. Ich frage mich, warum sie gekommen waren. Die meisten kamen wohl aus Neugier. Wohin Jesus auch ging, eilten ihm die Nachricht seines Kommens und Geschichten von seinen Wundertaten voraus. Vielleicht hofften die Menschen, etwas Außergewöhnliches zu sehen, etwas, was man nicht verpassen sollte. Es wird zwar nicht erwähnt, aber wahrscheinlich waren auch Pharisäer in der Menge, die ja immer in der Nähe zu sein schienen, um auf eine Gelegenheit zu warten, Jesus eine Falle zu stellen, ihn zu beschämen oder einen Grund zu finden, ihn zu verurteilen. Waren sogar einige in der Menschenmenge gekommen, um ihn zu verspotten?

In dieser Menge befand sich eine Frau. Ich stelle mir eine einfache, vielleicht sogar ängstliche Frau vor. Sie nähert sich von hinten dem Herrn, und dann bekennt sie voller Scham, dass sie den Saum seines Gewandes berührt hat. Diese Frau war nach all den Schwierigkeiten, die sie durchgemacht hatte, erschöpft und verarmt. Sie brauchte dringend Hilfe. Äußerlich war sie von den anderen Menschen in der Menge kaum zu unterscheiden. Niemand versuchte sie aufzuhalten, als sie sich Jesus näherte. Sicherlich bemerkten die Apostel sie nicht und versuchten auch nicht, sie aufzuhalten. Aber es gab etwas, was sie an dem Tag von allen anderen in der Menge unterschied. Obwohl sie in diesem Gedränge eingezwängt war, arbeitete sie sich entschlossen und unauffällig voran und hatte dabei nur ein Ziel vor Augen: Sie wollte zum Heiland gelangen, sie glaubte daran, dass er die Macht hatte, sie zu heilen, dass sie ihm wichtig war und dass er ihr aus der Not helfen würde. Allein darin unterschied sie sich von der Menge. Die Menge kam, um zu schauen, aber die Frau kam, um geheilt zu werden.

Es gibt in den heiligen Schriften weitere interessante Berichte darüber, wie sich nur eine einzige gläubige Person in einer Menschenmenge befand. Alma war unter den schlechten Priestern von König Noa. Über diese Männer wird gesagt, dass sie in ihrem Herzensstolz überheblich waren, faul und götzendienerisch, und dass sie dem Volk Lügen und Nichtigkeiten erzählten.2 Sie hatten die Wege des Herrn verkehrt, weil sie ihr Herz nicht darauf verwandt hatten, sie zu verstehen.3 Als Abinadi ihnen Umkehr predigte, verspotteten sie ihn und brachten ihn schließlich um. Diese Menschenmenge war wahrlich böse. Aber, so steht es in der heiligen Schrift, „es war einer unter ihnen“4, der glaubte. Nur Alma nahm sich zu Herzen, was Abinadi gesagt hatte. Mutig verließ er die Menge, um dem Herrn zu folgen. Der Einfluss, den dieser eine Mann aus der Menge auf die Geschichte der Nephiten nahm, ist unermesslich.

Eine der bekanntesten Menschenmengen im Buch Mormon befindet sich in dem großen und geräumigen Gebäude aus Lehis Vision vom Baum des Lebens. Das Gebäude war voller Menschen, alt und jung, männlich und weiblich, und sie verspotteten diejenigen, die von der Frucht des Baumes aßen, und zeigten mit dem Finger auf sie.5 Leider hörten einige, die von der Frucht gekostet hatten, auf die Menschenmenge und „fielen ab auf verbotene Pfade und gingen verloren“6. Aber es gab auch andere, die von der Frucht aßen und die Menschenmenge nicht beachteten.7 Sie waren es, die sich aller Segnungen vom Baum des Lebens erfreuen konnten.

In Wahrheit geht es bei diesen Geschichten nicht um Menschenmengen, sondern um Einzelne in der Menge. Letztendlich geht es dabei um Sie und um mich. Wir alle befinden uns in den Menschenmengen dieser Welt. Die meisten von uns sind wie diese Frau, die trotz der Menschenmenge zum Erretter kommt. Wir alle haben den Glauben, dass eine einzige Berührung den Schmerz in unserer Seele heilen und die Bedürfnisse, die wir in unserem Innersten tragen, erfüllen kann.8 Die neu getauften Mitglieder der Kirche in vielen Ländern sind oft wie Alma. Sie sind die einzigen in ihrer Familie und in ihrem Freundeskreis, die die Worte des Lebens hören. Trotzdem haben sie den Mut, das Evangelium anzunehmen und sich einen Weg durch die Menschenmenge zu bahnen. Ich glaube, jeder von uns versteht, was es bedeutet, in Sicht- und Hörweite derer, die uns verspotten, von der erfüllenden Frucht des Baumes des Lebens zu essen, und was es bedeutet, immer wieder den Mut aufzubringen, die Menge nicht zu beachten.

Man kann sehr einsam sein und es schwer haben, wenn man sich durch die Menschenmengen dieser Welt kämpft. Ihr Einfluss auf denjenigen, der sich löst, um nach Besserem zu streben, kann sehr stark und nur sehr schwer zu überwinden sein.

Wer ist besser dazu in der Lage als unser Erretter, den Einzelnen in der Menschenmenge zu erreichen, ihm Halt zu geben und ihn schließlich zu retten? Er versteht, was es heißt, in einer geringschätzigen Menge auszuharren und trotzdem standhaft zu bleiben. Die Menschenmengen dieser Welt erkennen ihn nicht, sie sagen, „er [hat] keine schöne und edle Gestalt“ und „er [sieht] nicht so aus, dass wir Gefallen [finden] an ihm“9. König Benjamin sagte, dass die Welt „ihn für einen Menschen halten“ wird.10 Jesaja beschreibt die Stellung, die Jesus unter den Menschenmengen der Welt einnimmt, so:

„Er wurde verachtet und von den Menschen gemieden, ein Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut. … Er [war] verachtet; wir schätzten ihn nicht.

Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. Wir meinten, er sei von Gott geschlagen, von ihm getroffen und gebeugt.“11

Nephi schreibt: „Und wegen ihres Übeltuns wird die Welt über ihn urteilen, er sei ein Nichts.“12

Aber schließlich wird der erstgeborene Sohn Gottes, der so oft verkannt und missverstanden wurde, nicht mehr einer aus der Menge sein, sondern hervortreten als der Gesalbte, der Erretter und Erlöser der Welt. Der Erlöser selbst sagte demütig dieses Hervortreten voraus, als er zu gewissen Hohenpriestern und Ältesten sprach: „Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, er ist zum Eckstein geworden.“13

Meine lieben Brüder und Schwestern, ich bete darum, dass jeder von uns sicher durch die Menschenmengen dieser Welt gelangt. Mögen wir in allen Lebenslagen ruhig und bestimmt zu unserem Erlöser voranstreben, und zwar im Glauben daran, dass wir ihm wichtig sind und dass er die Macht hat, uns zu heilen und zu erretten. Mögen wir die Worte des Lebens beachten, und an der Frucht, die daraus erwächst, in vollem Maße, beständig und mutig teilhaben. Im Namen Jesu Christi. Amen.