2000–2009
Ein Vorbild an Rechtschaffenheit
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Ein Vorbild an Rechtschaffenheit

Es ist unsere Pflicht, so zu leben, dass wir ein Vorbild an Rechtschaffenheit sind.

Mir ist heute Abend bewusst, dass dies, liebe Brüder hier im Konferenzzentrum und an tausenden anderen Orten, die größte Zusammenkunft von Priestertumsträgern ist, die je stattgefunden hat. Wir gehören zur größten Bruderschaft der Welt. Welch ein Glück und Segen es doch ist, das Priestertum Gottes zu tragen!

Wir haben inspirierte Botschaften gehört und sind belehrt und erbaut worden. Ich bitte darum, dass Sie mich durch Ihren Glauben und Ihre Gebete unterstützen, wenn ich jetzt über die Gedanken und Gefühle spreche, die mich in letzter Zeit bei der Vorbereitung dieser Ansprache beschäftigt haben.

Als Träger des Priestertums sind wir in einer schwierigen Zeit auf die Erde gesandt worden. Wir leben in einer komplizierten Welt mit zahlreichen Konflikten, überall. Politische Machenschaften zerstören die Stabilität von Nationen, Despoten greifen nach der Macht, und Teile der Gesellschaft sind offenbar immer unterdrückt, chancenlos, bleiben zurück mit dem Gefühl, versagt zu haben.

Wir, die wir zum Priestertum Gottes ordiniert worden sind, können etwas ändern. Wenn wir uns der Hilfe des Herrn würdig erweisen, können wir aus einem Jungen etwas machen. Wir können Männern auf die Beine helfen. Wir können in seinem heiligen Dienst Wunder vollbringen. Unsere Möglichkeiten sind unbegrenzt.

Unsere Aufgabe ist es, ein gutes Vorbild zu sein. Uns stärkt die Tatsache, dass die größte Kraft in der heutigen Welt in der Macht Gottes liegt, die durch den Menschen wirkt. Wenn wir im Auftrag des Herrn handeln, Brüder, haben wir auch ein Anrecht auf seine Hilfe. Vergessen Sie das nie. Diese göttliche Hilfe beruht natürlich auf unserer Würdigkeit. Jeder muss sich fragen: Habe ich reine Hände? Habe ich ein reines Herz? Bin ich ein würdiger Diener des Herrn?

Uns umgibt vieles, was unsere Aufmerksamkeit von dem ablenken soll, was tugendhaft und gut ist, und uns zu dem verleiten will, was uns unwürdig macht, das Priestertum, das wir tragen, auszuüben. Ich spreche nicht nur zu den jungen Männern des Aaronischen Priestertums, sondern zu allen Altersgruppen. Unser Leben lang sind wir den verschiedensten Versuchungen ausgesetzt.

Brüder, sind wir wirklich jederzeit in der Lage, die heiligen Aufgaben zu erfüllen, die mit dem Priestertum, das wir tragen, verbunden sind? Ihr jungen Männer, die ihr Priester seid: Seid ihr rein an Körper und Geist, wenn ihr am Sonntag am Abendmahlstisch sitzt und das symbolträchtige Abendmahl segnet? Und ihr jungen Männer, die ihr Lehrer seid: Seid ihr würdig, das Abendmahl vorzubereiten? Ihr Diakone, wenn ihr den Mitgliedern der Kirche das Abendmahl austeilt, könnt ihr das in der Gewissheit tun, dass ihr euch geistig dafür bereit gemacht habt? Begreift jeder von euch voll und ganz, wie bedeutend jede der heiligen Aufgaben ist, die ihr erfüllt?

Meine lieben jungen Freunde, seid stark. Wir sind von Menschenphilosophien umgeben. Das Gesicht der Sünde verbirgt sich heute oft hinter der Maske der Toleranz. Lasst euch nicht täuschen; hinter der Fassade warten Kummer, Elend und Schmerz. Ihr wisst, was richtig und was falsch ist, und keine Verkleidung, wie ansprechend sie auch sein mag, kann das ändern. Das Wesen der Übertretung ändert sich nicht. Wenn euch sogenannte Freunde drängen, etwas zu tun, wovon ihr wisst, dass es falsch ist, dann tretet für das Rechte ein, auch wenn ihr ganz allein dasteht. Habt den sittlichen Mut, ein Licht zu sein, dem andere folgen können. Keine Freundschaft ist wertvoller als ein reines Gewissen, die eigene sittliche Reinheit – und welch wunderbares Gefühl ist es doch, zu wissen, dass ihr an dem euch bestimmten Platz steht, rein und mit der Gewissheit, dass ihr dessen würdig seid.

Meine Brüder im Melchisedekischen Priestertum, bemühen Sie sich jeden Tag eifrig, so zu leben, wie Sie sollen? Gehen Sie freundlich und liebevoll mit Ihrer Frau und Ihren Kindern um? Sind Sie ehrlich im Umgang mit Ihren Mitmenschen – jederzeit und unter allen Umständen?

Wenn einer von Ihnen auf dem Weg ausgerutscht ist, dann gibt es Menschen, die Ihnen helfen werden, wieder rein und würdig zu werden. Ihr Bischof oder Zweigpräsident ist gern bereit zu helfen und wird, voll Verständnis und Mitgefühl, alles in seiner Macht Stehende tun, um Sie auf dem Weg der Umkehr zu unterstützen, damit Sie wieder in Rechtschaffenheit vor dem Herrn stehen können.

Viele von Ihnen erinnern sich sicher an Präsident N. Eldon Tanner, der Ratgeber von vier Präsidenten der Kirche war. Er war ein verlässliches Vorbild an Rechtschaffenheit – in seiner gesamten beruflichen Laufbahn, als Politiker in Kanada und stets auch im Privatleben. Er hat uns diesen inspirierten Rat gegeben:

„Nichts bringt größere Freude und mehr Erfolg, als nach den Lehren des Evangeliums zu leben. Seien Sie ein Vorbild, üben Sie positiven Einfluss aus. …

Jeder von uns ist für eine bestimmte Arbeit vorherordiniert worden – als [Gottes] erwählter Diener, dem Gott das Priestertum und die Vollmacht anvertraut hat, in seinem Namen zu handeln. Denken Sie immer daran, dass es Menschen gibt, die sich nach Ihnen ausrichten, und dass Sie entweder guten oder schlechten Einfluss auf einzelne Menschen ausüben – einen Einfluss, der sich bis in künftige Generationen auswirken wird.“1

Meine Brüder, ich wiederhole, dass wir, die wir das Priestertum Gottes tragen, die Pflicht haben, so zu leben, dass wir ein Vorbild an Rechtschaffenheit sind, dem andere folgen können. Als ich darüber nachgedacht habe, wie wir ein solches Vorbild sein können, fiel mir ein Erlebnis ein, das ich vor einigen Jahren bei einer Pfahlkonferenz hatte. In der Hauptversammlung der Konferenz fiel mir ein Junge auf, der mit seiner Familie in der ersten Bank im Pfahlzentrum saß. Ich saß auf dem Podium. Während der Versammlung merkte ich plötzlich: Wenn ich ein Bein über das andere schlug, dann tat der Junge dasselbe. Als ich dann das Gleiche mit dem anderen Bein machte, machte er es mir sofort nach. Ich legte die Hände in den Schoß, und er tat dasselbe. Ich stützte das Kinn in die Hand, und er tat es auch. Was immer ich auch tat, er machte meine Bewegung nach. Das ging so weiter bis zu dem Zeitpunkt, da ich zu den Versammelten sprechen sollte. Ich beschloss, ihn auf die Probe zu stellen. Ich schaute ihm direkt in die Augen, um mir seiner Aufmerksamkeit sicher zu sein, und dann wackelte ich mit den Ohren. Er machte einen kläglichen Versuch, aber jetzt hatte ich ihn! Er schaffte es einfach nicht, mit den Ohren zu wackeln. Er wandte sich seinem Vater zu, der neben ihm saß, und flüsterte ihm etwas zu. Er zeigte auf seine Ohren und dann auf mich. Als sein Vater in meine Richtung blickte – sicher wollte er mich mit den Ohren wackeln sehen –, saß ich ernst und mit verschränkten Armen da, völlig regungslos. Der Vater warf einen skeptischen Blick auf seinen Sohn, der ein wenig niedergeschlagen aussah. Schließlich grinste der Junge verlegen und zuckte mit den Schultern.

Ich musste seither immer wieder an dieses Erlebnis denken, wenn ich darüber nachdachte, wie wir, vor allem, wenn wir jung sind, doch dazu neigen, das Beispiel unserer Eltern, Führer und Altersgenossen nachzuahmen. Der Prophet Brigham Young hat gesagt: „Wir dürfen niemals etwas tun, was wir bei unseren Kindern nicht sehen wollen. Wir sollen ihnen ein Beispiel geben, von dem wir uns wünschen, dass sie es nachahmen.“2

Zu allen, die Vater eines Jungen sind oder die Jugendführer sind, sage ich: Bemühen Sie sich, das Vorbild zu sein, das die Jungen brauchen. Natürlich soll in erster Linie der Vater Vorbild sein, und der Junge, der einen würdigen Vater hat, ist wahrhaft gesegnet. Aber selbst eine vorbildliche Familie mit eifrigen und treuen Eltern kann alle Unterstützung brauchen, die sie von guten Männern erhalten kann, die sich wahrhaft um einen kümmern. Außerdem gibt es Jungen, die keinen Vater haben oder deren Vater im Moment nicht das Vorbild ist, das sie brauchen. Für diese Jungen hat der Herr ein Netzwerk von Helfern in der Kirche vorgesehen – Bischöfe, Berater, Lehrer, Scoutführer, Heimlehrer. Wenn das Programm, das der Herr vorgesehen hat, ausgeführt wird und funktioniert, braucht es in der Kirche keinen jungen Mann zu geben, der nicht von guten Männern beeinflusst wird.

Wie einflussreich ein inspirierter Bischof, Berater oder Lehrer ist, hat sehr wenig mit äußeren Anzeichen von Macht oder einem Überfluss an weltlichen Gütern zu tun. Den größten Einfluss haben meist diejenigen, die im Herzen Begeisterung für die Sache der Wahrheit wecken, die dafür sorgen, dass Pflichterfüllung als wesentliches Merkmal wahrer Männlichkeit angesehen wird, die eine alltägliche Aufgabe in etwas verwandeln, was einem zeigt, welche Sorte Mensch man sein möchte.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, wer unser größtes Vorbild ist: unser Erlöser, Jesus Christus. Seine Geburt wurde von Propheten vorhergesagt. Engel verkündeten den Beginn seines irdischen Wirkens. Er „wuchs heran und wurde kräftig; Gott erfüllte [ihn] mit Weisheit, und seine Gnade ruhte auf ihm“3.

Er ließ sich von Johannes im Jordan taufen und begann sein öffentliches Wirken. Der Spitzfindigkeit des Satans kehrte er den Rücken. Er wandte sich der Aufgabe zu, die der Vater ihm bestimmt hatte, gab sein Herz und schließlich sein Leben. Und was für ein Leben das war: sündenfrei, selbstlos, edel und göttlich! Jesus arbeitete. Jesus liebte. Jesus diente. Jesus gab Zeugnis. Welch größerem Vorbild könnten wir nacheifern? Beginnen wir damit jetzt, noch heute Abend! Dann legen wir das alte Ich für immer ab und damit auch Versagen, Verzweiflung, Zweifel und Unglaube. Wir leben als neue Menschen voller Glaube, Hoffnung, Mut und Freude. Keine Aufgabe erscheint zu groß, keine Verantwortung zu schwer, keine Pflicht wird zur Last. Alles wird möglich.

Vor vielen Jahren habe ich einmal von jemandem erzählt, der sich den Erlöser zum Vorbild nahm, der in allen Stürmen des Lebens fest und treu blieb, stark und würdig. Mutig machte er seine Berufungen im Priestertum groß. Er ist für uns alle ein Vorbild. Er hieß Thomas Michael Wilson, Sohn von Willie und Julia Wilson aus Lafayette in Alabama.

Als er Teenager war und seine Familie noch nicht der Kirche angehörte, erkrankte er an Krebs, doch nach einer schmerzhaften Strahlenbehandlung erholte er sich wieder. Seine Krankheit führte seiner Familie vor Augen, dass das Leben nicht nur kostbar ist, sondern auch kurz sein kann. Sie begann, sich für Religion zu interessieren, um während der schweren Zeit Halt zu finden. Schließlich lernte sie die Kirche kennen, und nach einiger Zeit ließen sich alle taufen, außer dem Vater. Nachdem der junge Thomas Wilson das Evangelium angenommen hatte, wollte er unbedingt auf Mission gehen, obwohl er schon älter war als die meisten jungen Männer zu Beginn ihrer Mission. Mit 23 Jahren erhielt er seine Missionsberufung. Er wurde in die Utah-Mission Salt Lake City berufen.

Elder Wilsons Mitarbeiter bezeichneten seinen Glauben als bedingungslos, unbeirrbar und fest. Er war allen ein Vorbild. Nachdem er elf Monate auf Mission war, kam die Krankheit wieder durch. Er hatte Knochenkrebs, und ein Arm und eine Schulter mussten amputiert werden. Dennoch setzte er seine Mission beharrlich fort.

Elder Wilsons Mut und sein inniger Wunsch, auf Mission zu bleiben, berührten seinen Vater, der kein Mitglied war, so sehr, dass er sich mit den Lehren der Kirche beschäftigte und sich ihr ebenfalls anschloss.

Ich erfuhr, dass eine Untersucherin, die von Elder Wilson belehrt worden war, sich hatte taufen lassen, aber unbedingt von Elder Wilson, den sie so sehr schätzte, konfirmiert werden wollte. Zusammen mit einigen anderen fuhr sie zu ihm ins Krankenhaus. Elder Wilson legte ihr die Hand auf, die ihm noch geblieben war, und bestätigte sie als Mitglied der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Monat um Monat setzte Elder Wilson seinen wertvollen, aber so schmerzvollen Missionsdienst fort. Segen wurden gespendet; Gebete wurden gesprochen. Sein Beispiel an Hingabe bewirkte, dass auch die anderen Missionare so lebten, dass sie Gott näher waren.

Doch Elder Wilsons Zustand verschlechterte sich. Das Ende nahte. Er sollte nach Hause zurückkehren, aber er bat darum, noch einen weiteren Monat bleiben zu dürfen, und es wurde ihm gewährt. Er setzte seinen Glauben in Gott. Und Gott, auf den Thomas Michael Wilson so still vertraute, öffnete die Schleusen des Himmels und segnete ihn reichlich. Seine Eltern, Willie und Julia Wilson, und sein Bruder Tony kamen nach Salt Lake City, um den Sohn und Bruder nach Hause nach Alabama zu holen. Doch eine ersehnte und erbetene Segnung fehlte der Familie noch. Sie baten mich, mit ihnen in den Jordan-River-Tempel zu gehen, wo die heiligen Handlungen vollzogen wurden, die eine Familie für die Ewigkeit, aber auch schon in der Zeit, vereinen.

Danach verabschiedete ich mich von Familie Wilson. Ich sehe noch heute Elder Wilson vor mir, wie er mir dankt, dass ich bei ihm und seinen Lieben gewesen war. Er sagte: „Es ist nicht wichtig, was uns in diesem Leben widerfährt, solange wir das Evangelium Jesu Christi haben und danach leben. Es macht nichts aus, ob ich das Evangelium auf dieser oder auf der anderen Seite des Schleiers verkünde, solange ich es nur verkünden kann.“ Was für ein Mut! Was für ein Vertrauen! Was für eine Liebe! Familie Wilson machte sich auf den langen Heimweg nach Lafayette, wo Elder Thomas Michael Wilson von hier in die Ewigkeit hinüberglitt. Er trug sein Namensschild, als er beigesetzt wurde.

Meine Brüder, nun, da wir nach dieser allgemeinen Priestertumsversammlung nach Hause gehen, fassen wir doch den Entschluss, uns für unseren Tag und unsere Stunde bereit zu machen. Ehren wir das Priestertum, das wir tragen, indem wir dienen, anderen ein Segen sind und dazu beitragen, dass Seelen gerettet werden. Sie sind „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm“4, und Sie können etwas ändern. Diese Wahrheiten bezeuge ich im Namen Jesu Christi, unseres Erlösers. Amen.