1990–1999
Der Wind des Herrn
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Der Wind des Herrn

Ganz gleich wie unsere Prüfungen aussehen, wir dürfen niemals sagen: „Es ist genug." Nur Gott ist berechtigt, das zu sagen. Wir müssen fragen: „Was kann ich sonst noch tun?"

Der vierte Glaubensartikel lautet: „Wir glauben, daß die ersten Grundsätze und Verordnungen des Evangeliums sind: erstens der Glaube an den Herrn Jesus Christus; zweitens die Umkehr; drittens die Taufe durch Untertauchen zur Sündenvergebung; viertens das Händeauflegen zur Gabe des Heiligen Geistes."

Wenn wir hierüber nachsinnen, erkennen wir, daß der erste Grundsatz - der Glaube an den Herrn Jesus Christus - allen anderen zugrundeliegt. Man braucht nämlich Glauben an Christus, um umzukehren oder sich taufen zu lassen oder irgendeine andere heilige Handlung des Evangeliums zu vollziehen. Jesus hat uns die rettende Umkehr ermöglicht, und er hat der Taufe ihren Sinn verliehen. Wenn wir an ihn glauben, kehren wir um und lassen uns taufen. Wenn wir nicht umkehren, wenn wir uns nicht taufen lassen oder wenn wir nicht bereit sind, seine Gebote zu befolgen, liegt der Grund darin, daß wir nicht genug Glauben an ihn haben. So stehen Umkehr, Taufe und alle übrigen Grundsätze und Verordnungen nicht für sich allein, sondern sie ergeben sich aus unserem Glauben an Christus. Ohne Glauben an ihn tun wir wenig, was ewigen Wert hat. Mit Glauben an ihn konzentrieren wir uns darauf, das zu tun, was ewigen Wert hat.

Man braucht tiefen, beständigen Glauben an Christus, um getreu bis ans Ende des Erdenlebens auszuharren. Manchmal beten wir um Kraft zum Ausharren, widersetzen uns aber gerade dem, was uns solche Kraft geben würde. Zu oft suchen wir den leichtesten Weg und vergessen, daß wir dadurch stark werden, daß wir etwas überwinden, wozu wir uns mehr anstrengen müssen, als wir normalerweise geneigt sind. Der Apostel Paulus hat gesagt: „Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt." (Philipper 4:13.) Lassen Sie mich ein Beispiel anführen:

Vor Jahren war ich als junger Missionar einer Gruppe von siebzehn kleinen Inseln im Südpazifik zugeteilt. Damals waren Segelboote die einzige Verbindung zwischen den Inseln. Bedingt durch Mißverständnisse und Überlieferungen war es sehr schwer, Menschen zu finden, die bereit waren, uns zuzuhören. Aber eines Tages sagte uns ein Mitglied, wenn wir am nächsten Tag bei Sonnenuntergang im Hafen einer bestimmten Insel wären, würde dort eine Familie auf uns warten, um sich belehren zu lassen.

Welche Freude das brachte! Es war, als ob man ein Goldstück findet. Ich arbeitete damals allein, fand aber schnell vier Mitglieder, die erfahrene Segler waren und mich am nächsten Tag zu der Insel bringen wollten. Früh am nächsten Morgen brachen wir auf. Eine freundliche Brise trieb uns schnell die Küste entlang und durch die Öffnung im Riff hinaus auf den weiten Pazifischen Ozean.

Einige Stunden lang kamen wir gut voran. Aber als die Sonne immer höher stieg und das Boot sich weiter vom Land entfernte, ließ der Wind nach und hörte schließlich ganz auf. Wir schaukelten nur noch ziellos auf der glatten Wasserfläche dahin.

Wer mit dem Segeln vertraut ist, weiß, daß man Wind braucht, um irgendwohin zu gelangen. Manchmal gibt es einen kräftigen Wind ohne Sturm und schweren Seegang, aber oft kommt das auch zusammen. Die Seeleute fürchten den Sturm nicht, denn er bringt das, was man zum Segeln am dringendsten braucht: Wind. Was die Seeleute fürchten, ist kein Wind oder eine Flaute.

Die Zeit verging. Die Sonne stieg höher, die See wurde noch ruhiger. Nichts rührte sich. Bald merkten wir, daß wir nicht rechtzeitig bis Sonnenuntergang ankommen würden, wenn nicht etwas geschah. Ich schlug vor, zu beten und den Herrn um Wind zu bitten. Gab es für eine Gruppe von Menschen einen Wunsch, der rechtschaffener war? Ich sprach das Gebet. Als ich fertig war, kam uns alles noch ruhiger vor als zuvor. Wir trieben weiter auf dem Ozean dahin.

Dann schlug einer der älteren Männer vor, daß wir uns alle niederknien und unseren Glauben und unsere Gebete vereinen sollten. Das taten wir. Es gab ein geistiges Ringen, aber als der letzte die Augen öffnete, hatte sich nichts verändert. Nichts rührte sich. Die Segel hingen schlaff und lustlos herab. Selbst das leichte Plätschern der Wellen, die gegen das Boot schlugen, hatte aufgehört.

Die Zeit verrann, und wir begannen zu verzweifeln. Derselbe Mann schlug nun vor, daß wir uns wieder hinknien sollten, und alle sollten nacheinander laut beten. Viele schöne, gläubige, dringende Gebete stiegen zum Himmel auf. Aber als der letzte geendet hatte und alle die Augen wieder öffneten, brannte die Sonne noch heißer als zuvor. Der Ozean schien wie aus Glas zu sein. Es war fast, als ob der Satan uns auslachte: „Seht, ihr könnt nirgendwohin. Es gibt keinen Wind. Ihr seid in meiner Gewalt."

Ich dachte: „Da ist eine Familie am Hafen, die das Evangelium hören möchte. Wir sind hier mitten auf dem Meer und wollen sie belehren. Der Herr beherrscht die Elemente. Alles, was uns von dieser Familie trennt, ist ein wenig Wind. Warum schickt er ihn nicht? Es ist doch ein rechtschaffener Wunsch!"

Während ich so nachdachte, bemerkte ich, daß jener gläubige Bruder in den hinteren Teil des Bootes ging. Ich sah, wie er das winzige Rettungsboot losmachte, zwei Ruder darin befestigte und es vorsichtig ins Wasser setzte. Er schaute mich an und sagte leise: „Steig ein." Ich antwortete: „Was machst du? In dem kleinen Ding haben doch kaum zwei Leute Platz!"

„Verschwende jetzt nicht Zeit und Anstrengung. Steig einfach ein. Ich werde dich zu der Insel rudern, und wir müssen jetzt aufbrechen, wenn wir es bis Sonnenuntergang schaffen wollen." Ich schaute ihn ungläubig an. „Wohin willst du mich rudern?"

„Zu der Familie, die das Evangelium hören möchte. Wir haben einen Auftrag vom Herrn. Steig ein!" Ich war sprachlos. Bis zu der Insel waren es viele Meilen. Die Sonne war heiß, und der Mann alt. Aber als ich diesem treuen Bruder ins Gesicht schaute, spürte ich eine Intensität in seinem Blick, einen eisernen Willen in seinem ganzen Wesen und eine feste Entschlossenheit in der Stimme, als er sagte: „Bevor die Sonne heute untergeht, wirst du diese Familie belehren und ihr Zeugnis geben."

Noch einmal widersprach ich: „Du bist mehr als dreimal so alt wie ich. Laß mich rudern!" Mit demselben entschlossenen Blick und voll gläubigem Willen entgegnete der alte Mann: „Nein. Über laß das mir. Steig ins Boot. Verschwende nicht mehr Zeit mit Reden. Laß uns fahren." So stiegen wir ins Boot, ich vorn und der alte Mann in der Mitte, den Rücken mir zugekehrt. Die gläserne Oberfläche des Meeres wurde durch das Eindringen dieses kleinen Bootes gestört und schien zu klagen: „Dies ist mein Gebiet. Bleibt draußen." Kein Luftzug rührte sich, kein Laut war zu hören außer dem Knarren der Ruder, als das kleine Fahrzeug sich langsam vom Segelboot entfernte. Der alte Mann krümmte den Rücken und begann zu rudern. Eintauchen, durchziehen, ausheben. Eintauchen, durchziehen, ausheben. Jedes Eintauchen des Ruders schien die Entschlossenheit des spiegelartigen Ozeans zu brechen. Jedes Durchziehen des Ruders bewegte das winzige Boot vorwärts, trennte die glasigen Wasser, um Platz zu machen für den Boten

des Herrn. Eintauchen, durchziehen, ausheben. Der alte Mann schaute nicht auf, er redete und rastete nicht, sondern ruderte, ruderte, ruderte. Stunde um Stunde ging dahin. Die Muskeln an Rücken und Armen, gestärkt durch Glauben und angetrieben durch unerschütterliche Entschlossenheit, bewegten sich in wunderbarem Gleichmaß wie ein Uhrwerk. Es war ein schöner Anblick. Wir bewegten uns ruhig und unaufhaltsam unserem Ziel entgegen. Der alte Mann konzentrierte seine Anstrengung und seine Energie darauf, die Berufung zu erfüllen, die er vom Herrn erhalten hatte - einen Missionar zu einer Familie zu bringen, die das Evangelium hören wollte. An diesem Tag war er der Wind des Herrn.

Gerade als die Sonne in den Ozean tauchte, berührte das Boot das Ufer. Dort im Hafen wartete wirklich eine Familie. Der alte Mann sprach zum erstenmal seit Stunden und sagte: „Geh. Lehre sie die Wahrheit. Ich warte hier."

Ich watete ans Ufer und stellte mich der Familie vor. Dann ging ich mit ihnen nach Hause und lehrte sie das Evangelium. Als ich Zeugnis gab von der Macht Gottes in dieser Kirche, sah ich im Geiste einen alten

Tonganer vor mir, der zu einem weit entfernten Hafen ruderte und dort geduldig wartete. Ich bezeugte mit einer Inbrunst, wie ich sie nie stärker gefühlt habe, daß Gott den Menschen die Kraft gibt, seinen Willen zu tun, wenn sie nur Glauben an ihn haben. Ich sagte zu der Familie: „Wenn wir Glauben an den Herrn Jesus Christus ausüben, sind wir in der Lage, etwas zu tun, was wir sonst nicht tun könnten. Wenn unser Herz fest entschlossen ist, das Rechte zu tun, gibt der Herr uns die Kraft, es zu tun."

Die Familie glaubte und ließ sich später taufen. In den Annalen der Geschichte wird kaum jemand von dieser kleinen Begebenheit erfahren. Kaum jemand wird von dieser unbedeutenden Insel wissen, von der wartenden Familie oder dem unbedeutenden alten Mann, der nicht ein einziges Mal über Müdigkeit, lahme Arme, Schmerzen im Rücken oder im ganzen Körper klagte. Er sprach weder von Durst noch von der sengenden Sonne oder der Hitze des Tages, während er ohne zu klagen und ohne sich zu schonen Stunde um Stunde ruderte. Er sprach nur davon, daß er ein Werkzeug Gottes sein und einen Missionar dorthin bringen durfte, wo er die Wahrheit denen verkünden konnte, die sie hören wollten. Aber Gott weiß es! Er gab ihm an jenem Tag die Kraft, sein Wind zu sein, und er gibt auch uns die Kraft, sein Wind zu sein, wenn das nötig ist.

Wie oft tun wir nicht mehr, weil wir um Wind beten, und es kommt keiner? Wir beten um etwas Gutes, und es kommt nicht; darum sitzen wir da und warten und tun nichts mehr. Wir sollen immer um Hilfe beten, aber wir sollen auch immer auf Inspiration und auf Eindrücke achten, die uns auf eine andere Weise vorgehen lassen, als wir uns eigentlich vorgenommen haben. Auf dem Segelboot haben fünf Männer gebetet, aber nur einer hat gelauscht und gehandelt. Gott hört unsere Gebete. Gott weiß mehr als wir. Er hat so unendlich viel mehr Erfahrung als wir. Wir dürfen nie aufhören vorwärtszugehen, weil wir denken, daß uns der Weg versperrt sei oder daß die einzige Tür, durch die wir gehen können, verschlossen sei. Ganz gleich, wie unsere Prüfungen aussehen, wir dürfen niemals sagen: „Es ist genug." Nur Gott ist berechtigt, das zu sagen. Wir müssen fragen: „Was kann ich sonst noch tun?" und dann auf die Antwort horchen und handeln!

Ich werde diesen alten Mann niemals vergessen. Ich bete darum, daß unser Glaube an den Herrn Jesus Christus immer wachsen möge und daß wir diesen Glauben durch unsere Taten beweisen. Ich weiß, er lebt, und er liebt uns. Ich weiß, er schenkt uns Kraft und Mut. Ich weiß, er hilft und heilt. Ich weiß, er vergibt und errettet. Im Namen Jesu Christi. Amen.