1990–1999
Es geht um die Wahrheit
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Es geht um die Wahrheit

Alles Lernen, das nicht darauf gerichtet ist, zu den Wurzeln der Wahrheit vorzudringen, die man erst dann findet, wenn man ehrlich geworden ist, führt zu nichts.

In, Lehre und Bündnisse', Abschnitt l, Vers 4, lesen wir: „Und die Stimme der Warnung wird an alles Volk ergehen, nämlich durch den Mund meiner Jünger, die ich mir in diesen letzten Tagen erwählt habe."

Diese warnende Botschaft erinnert uns daran, daß wir Menschen Geistkinder des Vaters im Himmel sind, des Urhebers und Vollenders aller Wahrheit, und daß wir in diesem irdischen, gefallenen Zustand verloren sind, wenn wir nicht zulassen, daß das Licht Christi, der Geist der Wahrheit, unser beständiger und allumfassender Führer wird.

Mit der Botschaft von der Wiederherstellung erfahren wir, daß unsere Entscheidungsfreiheit in der Sterblichkeit durch die untrennbare Verbindung unseres Geists mit den Elementen dieser Erde, nämlich „das Fleisch" oder den „natürlichen Menschen" (siehe LuB 88:15) geprüft wird. Durch diese Offenbarung wird uns nicht nur klar, woher das Elend der Menschheit rührt, sondern wir erhalten auch die Schlüssel und die Kraft, die uns befähigen, diesem Elend ein für allemal ein Ende zu bereiten. Durch die Beschäftigung mit dem Erlösungsplan erhalten wir einen tieferen Einblick und erkennen, daß unser Leben bedeutet: das „wirkliche Ich", das „Geistkind Gottes", das in Unschuld und Schönheit erschaffen wurde, steht im Kampf um Leben und Tod mit den Elementen der Erde, dem „Fleisch", das, in seinem derzeitigen, unerlösten Zustand, vom Feind Gottes versucht und beeinflußt wird.

Aus den Offenbarungen im Buch Mormon wissen wir, daß dieser Feind voll Ingrimm und Schläue darum kämpft, alle Menschen so elend zu machen, wie er es ist (siehe 2 Nephi 2:27). Jesus Christus sucht und findet durch sein Licht jedes Kind Gottes, das sich nach Rechtschaffenheit und Wahrheit sehnt und darum ringt und das um Hilfe ruft. Ohne Christus können wir den inneren Kampf nicht gewinnen. Ohne den Erlösungsplan Christi und ohne sein Sühnopfer wären wir alle verloren. Wir wußten das, ehe wir zur Erde kamen, und wir können es wieder spüren, wenn uns durch das Licht Christi das Verständnis belebt wird (siehe LuB 88:11).

Es geht um die Wahrheit, liebe Brüder und Schwestern, und die Wahrheit findet man nur durch kompromißlose Selbsterziehung zur Ehrlichkeit, damit man das ursprüngliche „wirkliche Ich" sieht, das Kind Gottes, in seiner Unschuld und mit seinem Potential - ja im Gegensatz zum Einfluß, der vom anderen Teil des Ich herrührt, nämlich vom „Fleisch" mit seinen egoistischen Wünschen und seiner Torheit. Nur in diesem Zustand völliger Ehrlichkeit können wir die Wahrheit in ihrem ganzen Ausmaß sehen. Ehrlichkeit ist vielleicht nicht alles, aber ohne Ehrlichkeit ist alles nichts. Ehrlichkeit ist letztlich eine Gabe des Geistes, durch die die wahren Jünger Christi in sich die Kraft spüren, auf so eindrucksvolle Weise von der Wahrheit Zeugnis zu geben, daß sie uns bis ins Innerste dringt.

Ein großartiges Beispiel dafür, welche Wirkung das Predigen der Propheten hat, ist im Buch Mormon verzeichnet. König Benjamin verkündet aus Liebe und Sorge um das Wohlergehen seines Volkes die Wahrheit, den Erlösungsplan. Das geschieht auf so kompromißlose, reine Weise, daß die Menschen sich ihrer Nichtigkeit und ihres unwerten und gefallenen Zustands völlig bewußt werden (siehe Mosia 4:5). Dieser letzte Schritt der ehrlichen Bewußtmachung, durch den wir uns in unserer sündigen, sterblichen Existenz sehen, veranlaßt das Volk von König Benjamin, wie mit einer Stimme laut zu rufen: „O sei barmherzig, und wende das sühnende Blut Christi an, damit wir Vergebung empfangen für unsere Sünden." (Mosia 4:2.)

Ein Jünger Christi, der durch das Hören des Wortes der Wahrheit initiiert ist, ist daher, auch in allen täglichen Verrichtungen, ständig darum bemüht, durch stilles Gebet und Nachsinnen sich seiner selbst zutiefst bewußt zu sein, um im Zustand der Sanftmut und Herzensdemut zu verbleiben. Der Prophet Moroni weist auf folgendes hin: „Auf Sanftmut und Herzensdemut hin kommt der Besuch des Heiligen Geistes, und dieser Tröster erfüllt mit Hoffnung und vollkommener Liebe." (Moroni 8:26.)

Mit dieser tiefen Einsicht in den tödlichen Kampf, der sich in uns abspielt, sind wir uns schmerzlich dessen bewußt, daß wir nur unter der Bedingung völliger, schonungsloser Ehrlichkeit gegen uns selbst den Herrn, den Gott der Wahrheit, um Hilfe bitten und von ihm Hilfe erhalten können.

Diesen Kampf müssen alle Kinder des himmlischen Vaters ausfechten, ob sie darum wissen oder nicht. Aber ohne die durchdringende Erkenntnis vom Erlösungsplan und ohne den Einfluß des göttlichen Lichtes Christi, das uns Einsicht verleiht, geht der Kampf im Unterbewußtsein vor sich, was heißt, daß uns die Schlachtfelder nicht einmal bekannt sind und wir keine Chance haben, zu gewinnen. Die inneren Kämpfe, die im Unterbewußtsein vor sich gehen, auf unbekannten Schlachtfeldern, führen zu Niederlagen, die uns auch im Unterbewußtsein schaden. Diese Niederlagen finden im bewußten Leben ihren Ausdruck im Elend, zum Beispiel als mangelndes Selbstbewußtsein, als das Fehlen von Glück und Freude, von Glauben und Zeugnis und als Überreaktion auf unser Unterbewußtsein, die in Stolz, Arroganz und anderen Formen des Fehlverhaltens, auch in Grausamkeit und Unanständigkeit, ihren Ausdruck finden.

Nein! Ohne Christus gibt es keine Errettung, und Christus kann nur dann mit uns sein, wenn wir den Preis bezahlen und ständig um Ehrlichkeit gegenüber uns selbst ringen. Zur großen Tragik unseres Lebens gehört es, daß wir erleben, wie uns der Widersacher durch die Einflüsse des „Fleisches" täuschen kann, indem er uns seine Bilder von der Wahrheit vorgaukelt. Unser Gehirn, der große Computer, in dem alle Fakten und Erinnerungen gespeichert sind, kann auch durch das „Fleisch" programmiert werden, das mit seinen ichbezogenen Gedanken das geistige Ich betrügt. Wenn wir nicht, durch Beten und Nachsinnen, ständig darum bemüht sind, zu völliger Selbsterkenntnis und Ehrlichkeit zu gelangen, dann kann unser sogenannter Intellekt auf der Grundlage von vorgetäuschten Wahrheiten viele Verstandesspiele spielen, um zu beeindrucken, um Gewinn zu erlangen, um einzuschüchtern und sogar um die Wahrheit mit den eitlen Ergebnissen der Täuschung zu manipulieren.

Über solche Menschen schrieb der Apostel Paulus: „Die Menschen werden selbstsüchtig sein, … prahlerisch, überheblich, … ohne Ehrfurcht.

Den Schein der Frömmigkeit werden sie wahren, doch die Kraft der Frömmigkeit werden sie verleugnen. … immer lernen und … doch nie zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen." (2 Timotheus 3:2,5,7.)

Alles Lernen, das nicht darauf gerichtet ist, zu den Wurzeln der Wahrheit vorzudringen, die man erst dann findet, wenn

man ehrlich geworden ist, führt zu nichts. In diesem Streben erkennen wir plötzlich, wie wir beten sollen. Paulus sagt: „Denn wir wissen nicht, worum wir in rechter Weise beten sollen; der Geist selber tritt jedoch für uns ein." (Römer 8:26.)

Durch den Geist der Wahrheit erleuchtet, können wir dann darum beten, daß wir die Wahrheit zunehmend ertragen und wegen ihr nicht zornig werden (siehe 2 Nephi 28:28). In der Tiefe eines solchen Gebets gelangen wir vielleicht schließlich zu jenem einsamen Ort, wo wir uns plötzlich in aller Ernsthaftigkeit nackt sehen. Hin sind alle kleinen Lügen der Selbstverteidigung. Wir sehen uns in unserer Eitelkeit und falschen Hoffnung auf fleischliche Sicherheit. Schockiert sehen wir unsere vielen Schwächen, unseren Mangel an Dankbarkeit auch für Kleinigkeiten. Jetzt befinden wir uns an jenem heiligen Ort, den zu betreten scheinbar nur wenige den Mut finden, da dies jeder entsetzliche Ort der unstillbaren Qual in Feuer und Brennen ist. Dies ist der Ort, an dem wahre Umkehr geboren wird. Dies ist der Ort, wo die Bekehrung und die Wiedergeburt der Seele stattfinden. Dies ist der Ort, wo die Propheten waren, ehe sie zum Dienst berufen wurden. Dies ist der Ort, an dem ein Bekehrter sich wiederfindet, ehe er das Verlangen danach haben kann, sich zur Sündenvergebung taufen zu lassen. Dies ist der Ort, wo Heiligung und erneute Weihung und die Erneuerung der Bündnisse stattfinden. Dies ist der Ort, wo man plötzlich das Sühnopfer Christi versteht und annimmt. Dies ist der Ort, wo die Seele plötzlich, wenn feierliche Verpflichtungen eingegangen worden sind, beginnt, „das Lied der erlösenden Liebe zu singen" und wo der unerschütterliche Glaube an Christus geboren wird (siehe Alma 5:26). Dies ist der Ort, wo wir plötzlich die Himmel offen sehen und die Liebe des himmlischen Vaters, die uns mit unbeschreiblicher Freude erfüllt, rückhaltlos spüren. Wenn uns diese Liebe das Herz erfüllt, werden wir uns nie wieder damit zufriedengeben, nur wir selbst zu sein und unser eigenes Leben zu leben. Wir werden erst dann zufrieden sein, wenn wir uns in die Arme des liebenden Christus begeben haben und er all unser Tun lenkt, und alles, was wir sagen, von ihm eingegeben ist. Wie er gesagt hat: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen." (Johannes 15:5.)

Hören wir deshalb, liebe Brüder und Schwestern, der warnenden Stimme zu. Und nehmen wir den Geist der Wahrheit an, damit wir durch das Sühnopfer unseres Herrn schuldlos befunden werden. Das sage ich im Namen Jesu Christi. Amen.