1990–1999
Göttliche Vergebung
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Göttliche Vergebung

Die Umkehr, die zur Vergebung führt, beginnt und endet mit dem Glauben an Jesus Christus, dem Urheber und Vollender unseres Glaubens.

Der Erretter der Welt, der Erlöser aller Kinder Gottes, Jesus von Nazaret hat die Macht, Sünden zu vergeben. Sein eigenes Zeugnis dieser Macht ist im Neuen Testament verzeichnet (Matthäus 9:6; Markus 2:10, Lukas 5:20,24). Seine Apostel Petrus und Paulus gaben Zeugnis von dieser Wahrheit (Apostelgeschichte 5:31; 13:38,39; Epheser 1:7) wie auch die Propheten des Buches Mormon (Enos 1:5; Mosia 4:3; Moroni 6:8) sowie die der Neuzeit (LuB 61:2).

Über die Jahrhunderte hin haben viele große Freude und Seelenfrieden erfahren, weil sie die Vergebung des Herrn verstanden und angenommen haben. Andererseits tragen manche noch immer an der Last der Schuld, der Gewissensbisse und des Zweifels an sich selbst, weil sie die Lehre Christi nicht ganz verstehen und kein festes Zeugnis davon haben.

Vor kurzem führte ich ein Gespräch unter vier Augen mit jemandem, der nach einer schweren Übertretung gewaltige Anstrengungen unternommen hatte, umzukehren und von denen, die er verletzt hatte, von der Kirche sowie vom Herrn Vergebung zu erlangen. Als ich ihn fragte: „Haben Sie das Gefühl, der himmlische Vater hat Ihnen vergeben?", bejahte er zögernd, jedoch mit Gewißheit. „Wie erlangen wir göttliche Vergebung?" fragte ich.

Er schilderte, wie er sein vergangenes sündhaftes Verhalten abgelegt, sich den zuständigen Priestertumsführern bekannt und sich bemüht hatte, denen Wiedergutmachung zu leisten, die er verletzt hatte. Er schilderte ferner, wie er sich bemüht hatte, den Grundsätzen des Evangeliums und den Maßstäben der Kirche entsprechend zu leben.

Der Erretter und sein Sühnopfer blieben unerwähnt. Er implizierte offenbar, daß göttliche Vergebung sich durch diejenigen Schritte erlangen läßt, die sich auf den Wandel des eigenen Verhaltens beschränken. Dieser Bruder hatte sich aufrecht bemüht umzukehren; dennoch schien er noch immer von Gewissensbissen und Reue sowie von dem Gefühl niedergedrückt, er müsse noch immer für seine Sünden büßen.

Leider ist das kein Einzelfall. Meines Wissens lassen sich auch andere von vergangenen Fehlern - großen wie kleinen - niederdrücken, weil sie den Erlösungsplan und die Barmherzigkeit des Vaters nicht völlig oder richtig verstehen. Wer solche Lasten trägt, kämpft sich vielleicht sinnlos durch ein Leben ohne Freude und Seelenfrieden, die die beabsichtigte Folge wahrer Umkehr und göttlicher Vergebung sind.

Wer annimmt, daß er den Preis für seine Sünden zahlen kann oder muß, um auf diese Weise göttliche Vergebung zu erlangen, wird sich nicht frei fühlen, sein göttliches Potential zu verwirklichen, nämlich ewiges Leben zu erlangen.

Tatsache ist: wir können uns nicht selbst erretten.

Am besten können wir mit Hilfe des Buches Mormon richtig verstehen, wie man Vergebung erlangt. Betrachten wir einige Beispiele näher: Enos hat für uns aufgezeichnet, was er infolge der Worte seines Vaters in bezug auf das ewige Leben erlebt hatte, als er allein im wald war.

„Und meine Seele hungerte; und ich kniete vor meinem Schöpfer nieder und schrie zu ihm in machtvollem Gebet und

voll Flehen für meine Seele; … Und eine Stimme erging an mich, nämlich: Enos, deine Sünden sind dir vergeben, … darum war meine Schuld weggefegt. Und ich sprach: Herr, wie geht das zu? Und er sprach zu mir: wegen deines Glaubens an Christus." (Enos 4-8.)

Wie geht das zu? Über diese Frage kann sich jeder Gedanken machen. Wieder wenden wir uns zum besseren Verständnis dem Buch Mormon zu. Lehi sagt uns, daß die göttliche Absicht unserer irdischen Prüfungszeit erfordert, daß wir in allem einen Gegensatz erleben und, da wir Gutes von Bösem unterscheiden können, unsere sittliche Entscheidungsfreiheit ausüben, Entscheidungen treffen und für die Folgen verantwortlich sind. (Siehe 2 Nephi 2.)

Vom Propheten Alma lernen wir, daß wir einem göttlichen Gesetz unterstehen, das alle zu einem gewissen Grad übertreten haben, wodurch wir den Forderungen der Gerechtigkeit ausgesetzt sind. (Siehe Alma 41:14,18.)

Die Gerechtigkeit Gottes stützt sich auf göttliche Gesetze, laut denen wir empfangen, was wir entsprechend unserem Gehorsam beziehungsweise Ungehorsam gegenüber dem Gesetz verdienen.

Die Gerechtigkeit läßt dem Übetreter keine Vergebung zuteil werden, sondern erlegt ihm Strafe auf. (Siehe LuB 82:4.) Niemand ist davon ausgenommen. (LuB 107:84.) Nach allem, was wir tun können, um umzukehren, sind wir noch immer den Forderungen der Gerechtigkeit und ihren Strafen ausgesetzt, die wir nicht erfüllen können.

Alma berichtet uns jedoch vom Plan der Barmherzigkeit des Vaters, durch den der Sohn Gottes für die Sünden der Welt sühnen würde und „die Forderungen der Gerechtigkeit zu befriedigen, auf daß Gott ein vollkommener und gerechter, aber auch barmherziger Gott sei". (Alma 42:15.)

Das stellvertretende Sühnopfer Christi befriedigt die Gerechtigkeit Gottes. Darum erweist Gott Barmherzigkeit, wodurch wir Vergebung für unsere Übertretung erlangen können, und zwar durch Glauben an den Erlöser sowie Gehorsam gegenüber den Gesetzen und Verordnungen des Evangeliums.

Lehi belehrte seinen Sohn Jakob folgendermaßen: „Darum kommt die Erlösung im heiligen Messias und durch ihn; denn er ist voller Gnade und Wahrheit. Siehe, er bringt sich selbst als Opfer für Sünde dar, um dem Zweck des Gesetzes Genüge zu leisten für alle, die ein reuiges Herz und einen zerknirschten Geist haben." (2 Nephi 2:6,7.) Die Umkehr, die zur Vergebung führt, beginnt und endet mit dem Glauben an Jesus Christus, dem Urheber und Vollender unseres Glaubens. (Siehe Moroni 6:4.) Unser Glaube an ihn, den Erretter und Erlöser, führt in uns zu einer gottgewollten Traurigkeit für unsere Übertretungen, ein reuiges Herz und einen zerknirschten Geist sowie die Einsicht, daß wir selbst verantwortlich sind. Hierauf folgt eine Änderung unserer Einstellung und eine Hinkehr zu Gott.

Wir nehmen uns vor, Ungehorsam, ja, sogar Sorglosigkeit abzulegen und gewissenhaft danach zu streben, unseren Vater im Himmel besser zu erkennen und zu lieben und seine Gesetze und Gebote zu befolgen. Dabei beten wir zu unserem Vater um Vergebung, um Kraft, der Versuchung zu widerstehen und um Inspiration, um unser Leben mit dem zu füllen, was gut ist und dem Herrn gefällt. Wir bitten diejenigen um Vergebung, denen wir unrecht getan haben, und bemühen uns, im Rahmen des Möglichen Wiedergutmachung zu leisten.

Wenn unser Verhalten in der Vergangenheit unseren Stand in der Kirche berührt, bekennen wir gegenüber den zuständigen Autoritäten der Kirche und unterstellen uns bei Bedarf der Kirchendisziplin, die nicht nur als Strafe gedacht ist, sondern heilen und erneuern soll. Während wir umkehren, verspüren wir Reue, Gewissensbisse und Schuld, was uns Leiden verursacht. Jedoch befriedigt unser eigenes Leiden nicht die Forderungen der Gerechtigkeit, die auf den Ungehorsam gegenüber dem göttlichen Gesetz folgen. Wir können den Preis für unsere Sünden nicht selbst bezahlen.

Der auferstandene Christus hat gesagt „Denn siehe, ich, Gott, habe das für alle gelitten, damit sie nicht leiden müssen, sofern

sie umkehren." (LuB 19:16.) Die Nephiten hat er gefragt: „Wollt ihr nicht jetzt zu mir zurückkommen und von euren Sünden umkehren und euch bekehren, damit ich euch heile?" (3 Nephi 9:13.)

Gottes Gabe der Vergebung ist erst dann vollständig, wenn sie angenommen wird. Wahre und vollständige Umkehr ist ein Vorgang, durch den wir mit Gott wieder versöhnt werden und die göttliche Gabe der Vergebung annehmen.

Mit den Worten Nephis: „Daß wir durch Gnade errettet werden - nach allem, was wir tun können." (2 Nephi 25:23.)

Die Auswirkung der unbegrenzten Sühne war zweierlei: Erstens, Auferstehung und Unsterblichkeit für alle Menschen, und zwar ohne Bedingung. Zweitens, ewiges Leben für jeden, der die vorgeschriebenen Bedingungen erfüllt, nämlich: Glaube an Jesus Christus als Erretter und Erlöser und danach Umkehr.

Ferner müssen wir uns für die erhöhenden heiligen Handlungen des Evangeliums mit den dazugehörigen Bündnissen qualifizieren, ständig danach streben, diese Bündnisse zu halten und die Gebote Gottes zu befolgen.

Als irdische Menschen werden wir trotz unseres Vorsatzes und unserer Bemühungen immer wieder Fehler machen. Wie Nephi, der sich seiner Schwächen, der Versuchungen und vergangenen Fehler bewußt war, können wir jedoch sagen: „Doch ich weiß, in wen ich mein Vertrauen gesetzt habe." (2 Nephi 4:19.) Daraus ergibt sich der Vorsatz, uns erneut anzustrengen, von selbst.

Wenn wir göttliche Vergebung erlangen wollen, müssen wir selbst die Barmherzigkeit des Vaters anerkennen und annehmen,

die uns mit dem Sühnopfer Jesu Christi zuteil wird. Wir müssen uns aufs neue verpflichten, den Grundsätzen des Evangeliums zu gehorchen. Beispiele für diesen Vorgang und die Folgen finden sich im Buch Mormon. Nachdem das Volk König Benjamins die Lehre vom Sühnopfer gelehrt bekommen hatte, wurde es sich seiner vergangenen Übertretungen bewußt und flehte um Barmherzigkeit, so daß sie durch das sühnende Blut Jesu Christi Vergebung ihrer Sünden erlangen konnten, denn, sagten sie, „wir glauben an Jesus Christus, den Sohn Gottes …

und … der Geist des Herrn [kam] über sie, und sie wurden von Freude erfüllt, weil sie Vergebung für ihre Sünden empfangen hatten und weil sie Frieden im Gewissen hatten wegen des überaus großen Glaubens, den sie an Jesus Christus hatten". (Mosia 4:2,3.)

Wir können uns alle fragen: „Wie kann ich wissen, daß mir vergeben worden ist?"

Wenn wir die Schritte der Vergebung abgeschlossen haben und uns auf die Barmherzigkeit und Gnade Gottes verlassen, geben wir von selbst Zeugnis vom Erretter und seinem Sühnopfer und wir bemühen uns, ein beispielhafter Jünger zu sein

Eider Bruce R. McConkie, ein Apostel des Herrn Jesus Christus, hat uns die folgenden tröstenden Worte hinterlassen:

„Das Verhältnis zwischen dem Zeugnisgeben durch die Macht des Heiligen Geistes und der Sündenvergebung verdeutlicht eine herrliche Evangeliumswahrheit. Immer wenn glaubenstreue Heilige den Heiligen Geist bei sich haben, sind sie vor dem Herrn rein und unbefleckt, denn der Geist wohnt nicht in einem unreinen Körper.

Das heißt, sie empfangen somit Vergebung für die Sünden, die sie nach der Taufe begangen haben." (The Mortal Messiah, 3:40,41.)Im Zentrum des Evangeliums steht das stellvertretende Sühnopfer des Erretters, das die Forderungen der göttlichen Gerechtigkeit befriedigt und Gottes Barmherzigkeit wirksam werden läßt, was eine allumfassende, bedingungslose Auferstehung sowie das ewige Leben für denjenigen zur Folge hat, der Jesus Christus als Erlöser annimmt und die Grundsätze, Verordnungen und Bündnisse des Evangeliums einhält.

Der Prophet Jesaja hat in alter Zeit gesagt: „Hört auf, … Böses zu tun! Lernt, Gutes zu tun! … Wären eure Sünden auch rot wie Scharlach, sie sollen weiß werden wie Schnee. Wären sie rot wie Purpur, sie sollen weiß werden wie Wolle." (Jesaja 1:16-18.)

Und weiter: „Aber er hat unsere Krankheit getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. … Er wurde durchbohrt wegen unserer Verbrechen, wegen unserer Sünden zermalmt. Zu unserem Heil lag die Strafe auf ihm, durch seine Wunden sind wir geheilt." (Jesaja 53:4,5.)

Der Prophet dieser Evangeliumszeit, Joseph Smith, und sein Gefährte Sidney Rigdon gaben Zeugnis vom Evangelium, wie es im Abschnitt 76 des Buches, Lehre und Bündnisse' aufgezeichnet ist. Jeder von uns kann ein ähnliches geistiges Zeugnis haben. Daher, so meine ich, können wir ihr Zeugnis in den folgenden Worten ausdrücken, als wäre es unseres:

„Und dies ist das Evangelium … Er ist in die Welt gekommen, nämlich Jesus, um sich für [mich] kreuzigen zu lassen und um [meine] Sünden zu tragen und um [mich] zu heiligen und um [mich] von allem Unrecht zu säubern; durch ihn [kann ich] errettet werden." (LuB 76:40-42.)

Zum Schluß diese Verse aus einem beliebten Lied: Wie gütig sein Gebot! Es spricht von seiner Lieb. Komm wirf auf ihn der Sorge Last und folg des Geistes Trieb! Drückt dich die Sorge schwer, die Leid und Kummer schafft, hol im Gebet beim Vater dein dir Trost und neue Kraft.Des Vaters Gut' bleibt fest, wenn alles andre flieht, drum trau auf ihn, faß neuen Mut, sing dankbar ihm sein Lied. (Gesangbuch, Nr. 10.)

Ich bezeuge Ihnen feierlich die Wahrheit dessen, was ich Sie gelehrt habe. Im heiligen Namen unseres Herrn und Erretters, Jesus Christus. Amen.