Liahona
    Nach dem Selbstmord meines Freundes bat ich um Hilfe
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    Junge Erwachsene

    Nach dem Selbstmord meines Freundes bat ich um Hilfe

    Ich dachte, ich könnte meine Depression allein überwinden, doch besser wurde es erst, als ich schließlich um Hilfe bat.

    woman reaching out to young man

    Illustration von Mitchell McAlevey

    Als ich vor einigen Jahren bei der Arbeit war, erfuhr ich, dass sich ein guter Freund von mir umgebracht hatte. Ich war schockiert – ich wusste überhaupt nicht, wie ich reagieren sollte. Ich weiß noch, dass ich stumm an meinem Tisch saß und zu nichts fähig war.

    Alle möglichen Gedanken und Gefühle strömten auf mich ein und verwirrten mich. Doch ich sagte mir immer wieder, dass alles mit mir in Ordnung sei und dass ich darüber hinwegkommen würde. In den dann folgenden Monaten wurde ich jedoch von Traurigkeit und depressiver Stimmung überwältigt. Ich weinte viel und konnte oft nicht schlafen. An manchen Tagen schaffte ich es nicht einmal aus dem Bett heraus. Ich hatte das Gefühl, meine Gebete würden nicht erhört oder überhaupt gehört. Das Lesen in den heiligen Schriften kam mir oberflächlich und geistlos vor. Ich hatte die Hoffnung verloren und meinte, es würde niemals besser werden.

    Lange traute ich mich nicht, mit jemandem über meine Gefühle zu sprechen. Die Leute um mich wussten, dass ich jemanden verloren hatte, und boten Gespräche und ihre Unterstützung an, aber ich lehnte das immer ab. „Ich möchte ihnen nicht zur Last fallen“, dachte ich. „Außerdem haben sie ja auch genug eigene Probleme, um die sie sich kümmern müssen. Warum sollten sie sich für meine interessieren?“

    Eines Sonntags war meine Trauer schier unerträglich. Ich konnte während der Abendmahlsversammlung kaum still sitzen. Als die Versammlung endlich zu Ende war, stürmte ich in den Flur. Ich wollte einfach nur schnell weg von dort. Kurz vor der Eingangstür kam mir jedoch eine Frau aus meiner Gemeinde entgegen, die einige Jahre zuvor einen Sohn durch Selbstmord verloren hatte. Als sich unsere Blicke begegneten, sagte mir der Geist, dass es an der Zeit sei, darüber zu sprechen, was in mir vorging.

    Es machte mir Angst, aber mit zitternder Stimme sprach ich sie an und fragte: „Kann ich kurz mit Ihnen reden? Ich brauche Hilfe.“

    Sie hörte mir zu, während ich erklärte, was geschehen war und wie es mir ging. Ohne Zögern legte sie ihre Hand auf meinen Arm und schaute mich mit Tränen in den Augen an. „Ich möchte nur, dass du weißt, dass du keine Schuld daran hast und dass du geliebt wirst“, sagte sie.

    Während wir weiter miteinander sprachen, konnten wir beide die Tränen nicht zurückhalten. Für mich war es, als ob die Wolkendecke über mir aufbrach. Endlich erreichte mich wieder etwas Licht. Alles, was sie mir an diesem Tag im Flur sagte, war eine Antwort auf meine Gebete.

    Ich lernte daraus vor allem, dass der Heilungsprozess erst anfangen konnte, als ich begann, über meine Gefühle zu sprechen. Aus irgendeinem Grund hatte ich mir eingeredet, dass ich alles allein schaffen konnte und keine Hilfe brauchte. Obwohl ich es nicht gesehen hatte, war ich von Menschen umgeben gewesen, die mich liebten und mir helfen wollten.

    Ich lernte, was es heißt, wenn wir sagen, wir sollen „eines Herzens und eines Sinnes“ (Mose 7:18) sein: Es heißt, dass eure Leiden auch meine sind und meine Schmerzen auch eure sind. Das heißt nicht nur, dass wir anderen helfen, wenn es nötig ist, sondern auch, dass wir bereit sind, Hilfe anzunehmen, wenn wir welche brauchen. Zuzulassen, dass andere mir helfen, hat den Stein ins Rollen gebracht und letztendlich dazu geführt, dass ich psychisch wieder vollkommen stabil wurde.

    Dieses Erlebnis ist nun einige Jahre her und ich kann ehrlich sagen, dass ich jetzt so glücklich bin wie nie zuvor. Durch viel Anstrengung und letztendlich durch die Gnade Gottes bin ich stärker geworden als ich vor all dem war. Beten, dienen, verletzlich sein, demütig sein, Therapie, zahlreiche Segnungen und vieles mehr haben mir geholfen, so zu sein, wie ich heute bin. Ich verdanke dem Vater im Himmel, meiner Familie und guten Freunden viel, weil sie mir durch diese Zeit hindurchgeholfen haben. Wie dankbar bin ich dafür, dass ich um Hilfe gebeten habe – es war der erste Schritt zur Heilung.