2016
    Eine um Hilfe flehende Seele
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    AUS DER MISSION

    Eine um Hilfe flehende Seele

    Der Verfasser lebt in Missouri.

    Er sah nicht gerade freundlich aus. Sollten wir ihn wirklich ansprechen? Einerseits hatte ich Angst, aber andererseits wollte ich unbedingt mit ihm sprechen.

    man in hooded jacket

    Fotos von David Stoker

    Ich war als Vollzeitmissionar in Catania in Italien. Einmal schien einfach überhaupt nichts mehr voranzugehen. Hinter uns lag eine Woche, in der fast alles schiefgegangen war, und jeder Tag stellte uns auf die Probe, ob wir es schafften, zuversichtlich zu bleiben, zu lächeln und eifrig weiterzuarbeiten.

    Eines Abends waren wir fest entschlossen, den Lauf der Dinge zu ändern. Wir gingen in den Park in der Nähe unserer Wohnung und sprachen dort Menschen an. Da sahen wir einen Mann auf einer Bank sitzen. Er ließ den Kopf hängen und hatte eine Zigarette im Mund. Er war von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet und hatte die Kapuze seiner dicken Jacke über den Kopf gezogen. Er sah nicht gerade freundlich aus. Sollten wir ihn wirklich ansprechen? Ich sah den Mann an, mein Mitarbeiter sah den Mann an, dann sahen wir einander an und wieder hinüber zu dem Mann.

    Elder Farley fragte mich: „Haben wir schon einmal mit ihm gesprochen?“

    „Ich glaube schon, denn ich habe das Gefühl, ihn zu kennen“, erwiderte ich.

    „Mir geht es genauso“, sagte Elder Farley.

    Also gingen wir auf ihn zu. Einerseits hatte ich Angst. Normalerweise würde ich jemanden wie ihn nicht ansprechen. Aber andererseits wollte ich unbedingt mit ihm sprechen.

    „Guten Abend, wie geht es Ihnen?“, fragten wir.

    Er schaute mit einem finsteren Blick auf, als wolle er fragen: „Wer stört mich in meinem Schlummer?“ Doch er sagte ganz leise: „Guten Abend.“ Wir stellten uns als Missionare vor, und er sagte sofort, er sei Atheist und glaube an gar nichts. Wir fragten nach dem Grund, was ihn offensichtlich überraschte.

    „Ganz einfach, weil ich meine Mutter, meinen Vater, meine Schwester und meine Nichte in einem einzigen Monat verloren habe. Und seitdem ist mein Leben nur schrecklich und einsam. Religion hat das alles nur noch schlimmer gemacht.“

    Wir fragten ihn, ob er wisse, wo seine Lieben jetzt sind.

    „Auf dem Friedhof in Catania, dort liegen sie schon lange“, erwiderte er.

    Wir erzählten ihm von der Geisterwelt und der Auferstehung. Wir erklärten ihm, dass wir alle aus Körper und Geist bestehen und dass der Tod lediglich eine vorübergehende Trennung von Körper und Geist ist. Wir sagten ihm, dass seine Familie auf ihn wartet. Eines Tages könnten sie alle wieder mit ihrem Körper vereint werden und gemeinsam ewig leben.

    Er schaute uns verwirrt an und sagte: „Ich habe nichts davon verstanden. Könnten Sie das alles noch einmal wiederholen?“

    Wir wiederholten alles noch einmal. Verwundert zog er die Augenbraue nach oben und fragte: „Ihr sagt also, ich habe einen Geist und einen Körper? Meine Familie wartet nur auf mich? Ihr wird jetzt das Evangelium gepredigt?“

    Wir lasen ihm einige Verse aus Alma 40 und weiteren Kapiteln vor, und er schaute uns an und fragte: „Warum habe ich das alles noch nie gehört?“

    Ich glaube, ich bin noch nie einem demütigeren Menschen begegnet. Dieser Mann war schon so lange Zeit umhergeirrt, verwirrt und einsam. Er nahm einfach alles auf, was wir sagten. Er meinte, er habe nur wenig davon verstanden, weil er das alles noch nie gehört habe, aber es gefiel ihm.

    Wir erklärten ihm, wie wir durch das Beten Antwort erhalten. Er hatte seit über dreißig Jahren nicht gebetet, das letzte Mal hatte er als Kind in einer Kirche ein Gebet aufgesagt. Als wir darüber sprachen, wie der Heilige Geist uns Antwort gibt, fragte er, was für ein Gefühl das ist. Da jeder den Heiligen Geist anders empfindet, erzählten wir beide, wie wir ihn verspüren. Ich sagte ihm, es sei, als würde man von seiner Mutter in die Arme geschlossen, nachdem man sie lange Zeit nicht gesehen hat. Ich hatte den Eindruck, ich solle ihm verheißen, dass er das Gleiche empfinden könne und werde: ein Gefühl, als würde seine Mutter, die ihm schon so lange fehlte, ihn umarmen.

    Wir fragten ihn, ob wir mit ihm beten dürften. Völlig überrascht fragte er: „Jetzt? Hier im Park?“

    „Man kann immer und überall beten“, sagte ich ihm. „Gott wünscht sich, dass wir mit ihm sprechen, und er freut sich sehr darauf, von Ihnen zu hören, weil er lange nichts von Ihnen gehört hat.“

    Er hatte noch nie jemand frei beten hören, sondern kannte nur auswendig gelernte Gebete an irgendwelche Kirchenheilige. Daher war er ziemlich neugierig, zu erfahren, wie das mit dem Beten funktioniert. Wir neigten den Kopf. Mein Mitarbeiter betete für unseren neuen Freund, Alfio, und bat um Segnungen, Hilfe und Trost für ihn. Er bat darum, Alfio möge die Antwort spüren, dass es seiner Familie gut geht und dass es Gott wirklich gibt. Nachdem wir mit dem Beten fertig waren, sah uns Alfio mit riesengroßen Augen an.

    „Ich muss euch etwas sagen“, sagte er. „Und ich erzähle keine Lügen, schon gar nicht, wenn es um so etwas geht. Ich hatte gerade das Gefühl, als hätte mich meine Mutter fest in die Arme geschlossen. Mich hat schon sehr lange Zeit niemand mehr umarmt. Das war eben ein wunderschönes Gefühl. Ich möchte noch viel mehr solcher Umarmungen spüren! Was muss ich tun, damit ich wieder dieses Gefühl habe?“

    man looking up

    Am nächsten Tag trafen wir uns wieder. Alfio setzte sich neben uns auf die gleiche Bank und sagte: „Elders, mein ganzes Leben lang habe ich die Kapuze über den Kopf gezogen, den Kopf hängen lassen und den Boden angestarrt. Ich habe nie den Kopf gehoben. Seit dem Gebet gestern gehe ich aufrecht und schaue mir alles an. Die Welt ist wirklich schön!“

    Ich brauche wohl kaum zu sagen, dass wir uns mit Alfio noch weiter unterhalten haben, um sein Leben mit mehr Umarmungen, mehr Licht und mehr Blicken nach oben zu füllen. Der angsteinflößende Mann auf der Bank, der so ablehnend wirkte, war in Wahrheit eine um Hilfe flehende Seele, die sich wünschte, die Liebe des Vaters im Himmel wieder zu spüren.