2002
Die Pflicht ruft
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Die Pflicht ruft

„Wir alle haben die feierliche Pflicht, das Priestertum zu ehren und uns abzumühen, damit wir viele Menschen zum Herrn bringen.“

Meine lieben Brüder, ich empfinde es als große Verantwortung und doch auch als Vorzug, heute Abend zu Ihnen zu sprechen. Die erwartungsvolle Spannung vor der Generalkonferenz und damit auch vor der allgemeinen Priestertumsversammlung – ob wir persönlich oder über Satellit daran teilnehmen – stimmt unser Herz froh.

Der Herr hat deutlich darüber gesprochen, was unsere Aufgaben sind, und im 107. Abschnitt von Lehre und Bündnisse gibt er uns den feierlichen Auftrag: „Darum lasst einen jeden lernen, was ihm obliegt, und lasst ihn mit allem Eifer das Amt ausüben lernen, zu dem er bestimmt worden ist.“1

Manchmal ist die Erfüllung unserer Pflicht, die Reaktion auf eine göttliche Berufung oder auf eine geistige Eingebung nicht besonders überwältigend. Gelegentlich allerdings ist die Pflicht, darauf zu reagieren, geradezu überwältigend. Ich habe vor der Generalkonferenz im April 1966 eine solche Situation erlebt. Das war vor 35 Jahren, aber ich erinnere mich noch lebhaft daran.

Ich hatte den Auftrag erhalten, in einer der Konferenzversammlungen zu sprechen, und eine Ansprache mit dem Titel „Stell dich deinem Goliat“ vorbereitet und auswendig gelernt. Sie basierte auf dem berühmten Kampf zwischen David und Goliat in alter Zeit.

Dann rief Präsident David O. McKay bei mir an. Das Gespräch verlief etwa folgendermaßen: „Bruder Monson, hier ist Präsident McKay. Wie geht es Ihnen?“

Ich holte tief Luft und antwortete: „Mir geht es gut, ich freue mich auf die Konferenz.“

„Deshalb rufe ich auch an, Bruder Monson. Die Versammlung vom Samstagvormittag wird am Sonntag als unsere Osterbotschaft an die Welt ausgestrahlt. Ich werde über Ostern sprechen und möchte, dass Sie in dieser wichtigen Versammlung auch über dieses Thema sprechen.“

„Natürlich, Präsident, sehr gern.“

Und dann wurde mir klar, was dieses kurze Gespräch bedeutete. Plötzlich passte das Thema „Stell dich deinem Goliat“ nicht so recht zu Ostern. Ich wusste, dass ich mich noch einmal völlig neu vorbereiten musste. Dabei hatte ich kaum noch Zeit. Damit stand mein „Goliat“ vor mir.

An jenem Abend räumte ich den Küchentisch ab und stellte die Schreibmaschine darauf – zusammen mit einem großen Packen Schreibmaschinenpapier, dem guten alten Papierkorb, der all die falschen Ansätze aufnehmen sollte, die ein solches Unterfangen begleiten. Ich begann gegen 19 Uhr und hatte um 1 Uhr morgens noch keine Zeile geschrieben, mit der ich zufrieden war. Der Papierkorb war voll, aber in meinem Kopf war es leer. Was sollte ich tun? Die Uhr lief, nein, sie raste. Ich machte eine Pause und betete.

Kurz danach kam mir der Kummer meiner Nachbarn, Mark und Wilma Shumway, in den Sinn. Sie hatten vor kurzem ihr jüngstes Kind verloren. Ich dachte so für mich: Vielleicht kann ich mich direkt an sie wenden und am Rande auch an alle anderen, die einen Angehörigen verloren haben oder aus einem anderen Grund trauern. Meine Finger rasten über die Tasten der Schreibmaschine, konnten mit meinen Gedanken aber kaum Schritt halten.

Als das erste schwache Licht des Morgens durch unser Küchenfenster drang, war ich mit meiner Ansprache fertig. Nun musste ich sie noch auswendig lernen und sie dann vor der Welt halten. Selten ist es mir so schwer gefallen, den Auftrag eines Propheten zu erfüllen. Allerdings hatte der himmlische Vater mein Beten erhört. Das Erlebnis werde ich nie vergessen.

Zwei bedeutsame Schriftstellen kamen mir in den Sinn, als die Konferenzversammlung zu Ende war. Sie kennen sie beide, meine Brüder. Sie tragen kein Verfallsdatum. Die erste stammt von Nephi aus alter Zeit: „Ich will hingehen und das tun, was der Herr geboten hat; denn ich weiß, der Herr gibt den Menschenkindern keine Gebote, ohne ihnen einen Weg zu bereiten, wie sie das vollbringen können, was er ihnen geboten hat.“2

Die zweite ist diese Verheißung des Herrn selbst an uns alle: „Ich werde vor eurem Angesicht hergehen. Ich werde zu eurer rechten Hand sein und zu eurer linken, und mein Geist wird in eurem Herzen sein und meine Engel rings um euch, um euch zu stützen.“3

Viele von uns, die wir uns heute Abend versammelt haben, tragen das Melchisedekische Priestertum, während andere das Aaronische Priestertum tragen. Wir alle haben die feierliche Pflicht, das Priestertum zu ehren und uns abzumühen, damit wir viele Menschen zum Herrn bringen. Wir kennen seine Erklärung: „Die Seelen haben großen Wert in den Augen Gottes.“4 Tun wir alles, was wir tun sollen? Denken wir an die Worte von Präsident John Taylor: „Wenn ihr eure Berufung nicht groß macht, wird Gott euch für diejenigen, die ihr hättet erretten können, wenn ihr eure Pflicht getan hättet, zur Rechenschaft ziehen.“5

Der Wunsch, einander zu helfen, die Suche nach dem verlorenen Schaf ist nicht immer sofort erfolgreich. Gelegentlich kommt der Fortschritt nur langsam – unmerklich. So war es auch bei meinem langjährigen Freund Gill Warner. Er war gerade als Bischof berufen worden, als Douglas, ein Missionar aus seiner Gemeinde, eine Übertretung beging und die Mitgliedschaft in der Kirche verlor. Der Vater war traurig, die Mutter völlig am Boden zerstört. Douglas zog bald darauf in einen anderen Bundesstaat. Die Jahre eilten vorüber, aber Bischof Warner, inzwischen Mitglied des Hohen Rats, fragte sich immer noch, was aus Douglas geworden war.

1975 besuchte ich die Pfahlkonferenz in Bruder Warners Pfahl und hielt am frühen Sonntagmorgen eine Priestertumsführerschaftsversammlung ab. Ich sprach vom Disziplinarwesen der Kirche und davon, dass wir uns aufrichtig und liebevoll um jeden bemühen müssen, der vom Weg abgekommen ist. Gill Warner zeigte auf und erzählte kurz die Geschichte von Douglas. Zum Schluss fragte er mich: „Muss ich mich noch darum bemühen, dass Douglas wieder Mitglied der Kirche wird?“

Gill erinnerte mich später daran, dass meine Antwort auf seine Frage direkt und ohne Zögern kam: „Als sein früherer Bischof und als jemand, der ihn kennt und liebt, würden Sie sicher alles tun wollen, was Sie können, um ihn zurückzubringen.“

Gill Warner wusste nicht, dass Douglas’ Mutter in der vergangenen Woche gefastet und gebetet hatte, es möge ein Mann kommen und mithelfen, ihren Sohn zu erretten. Gill erfuhr dies, als er sich nach der Versammlung gedrängt fühlte, sie anzurufen und ihr zu berichten, dass er entschlossen war, zu helfen.

Gill begann seine Odyssee der Erlösung. Er nahm mit Douglas Kontakt auf. Gemeinsam erinnerten sie sich an die alten, die glücklichen Zeiten. Er gab Zeugnis, brachte seine Liebe zum Ausdruck und sprach von seiner Zuversicht. Nur langsam tat sich etwas. Häufig war er entmutigt, aber Schritt für Schritt machte Douglas Fortschritt. Endlich wurden die Gebete erhört, wurde die Mühe belohnt, wurde der Sieg errungen. Douglas wurde zur Taufe zugelassen.

Das Taufdatum wurde festgelegt, die Familie versammelte sich, und der frühere Bischof Gill Warner flog in die Stadt, wo Douglas wohnte, und vollzog die heilige Handlung.

So rettete ihn Bischof Warner – durch seine Liebe und sein Verantwortungsbewusstsein gegenüber einem früheren Priester im Aaronischen Priestertum – über dessen Kollegium er ja präsidiert hatte –, um keinen zu verlieren.

Es mag noch mehr geben, aber ich selbst kenne drei Bischöfe, die während ihrer Amtszeit in ihrem Priesterkollegium 48 und mehr junge Männer hatten, also mit anderen Worten ein komplettes Priesterkollegium, wie es in den heiligen Schriften steht. Diese drei Bischöfe waren Alvin R. Dyer, Joseph B. Wirthlin und Alfred B. Smith. Waren sie von ihrer Aufgabe überwältigt? Nicht im geringsten. Durch ihre eifrigen Bemühungen und mit der Hilfe der engagierten Eltern und des Segens des Herrn führten diese Bischöfe jedes Mitglied ihres Priesterkollegiums – fast ausnahmslos – zur Ordinierung zum Ältesten, zum Missionsdienst und zur Eheschließung im Tempel des Herrn. Während Bruder Dyer und Bruder Smith bereits in ihre ewige Ruhe eingegangen sind, ist Elder Joseph B. Wirthlin, ein Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel, heute Abend bei uns. Elder Wirthlin, Ihr Dienst und Ihre Führung für diese jungen Männer, die inzwischen älter sind, werden niemals vergessen sein.

Als Zwölfjähriger war ich der Sekretär meines Diakonskollegiums. Ich erinnere mich mit Freude an die vielen Aufträge, die wir Mitglieder des Kollegiums erfüllen durften. Das Abendmahl austeilen, das monatliche Fastopfer einsammeln, aufeinander Acht geben – all das fällt mir sofort ein. Am meisten Angst machte mir allerdings etwas, was ich in der Führerschaftsversammlung unserer Gemeindekonferenz erlebte. Das präsidierende Mitglied der Pfahlpräsidentschaft war William F. Perschon. Er bat einige Gemeindebeamte zu sprechen. Dann sagte er ohne Vorwarnung: „Jetzt hören wir den Rechenschaftsbericht und das Zeugnis von Thomas S. Monson, dem Sekretär des Diakonskollegiums.“ Ich erinnere mich an nichts, was ich damals gesagt habe, aber das Erlebnis habe ich nie vergessen.

Brüder, denken Sie an die Ermahnung des Apostels Petrus: „Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt.“6

Während des Zweiten Weltkriegs, als Teenager, war ich Präsident des Lehrerkollegiums. Ich wurde gebeten, den Rat aus Lehre und Bündnisse, Abschnitt 107, Vers 86, auswendig zu lernen und anzuwenden: „Dem Präsidenten über das Amt des Lehrers obliegt es, über [die] Lehrer zu präsidieren und mit ihnen Rat zu halten, indem er sie die Obliegenheiten ihres Amtes lehrt, wie in den Bündnissen angegeben.“ Ich bemühte mich nach besten Kräften, diese Pflicht zu erfüllen.

Dem Kollegium gehörte ein junger Mann namens Fritz Hoerold an. Er war nicht groß gewachsen, aber sein Mut war groß. Bald nach seinem siebzehnten Geburtstag trat er in die US-Marine ein und reiste zur Grundausbildung ab. Dann fand er sich auf einem riesigen Kriegsschiff wieder, das einen dieser blutigen Aufträge im Pazifik zu erledigen hatte. Sein Schiff wurde schwer beschädigt, und viele der Matrosen kamen um oder wurden verletzt.

Fritz erhielt nach einem dieser Einsätze Heimaturlaub. Er kam in unser Lehrerkollegium zurück. Der Kollegiumsberater bat ihn, zu uns zu sprechen. Er sah in seiner Marineuniform mit den Auszeichnungen aus dem Krieg blendend aus. Ich weiß noch, dass ich Fritz bat, uns Gedanken mitzuteilen, die für uns von Nutzen sein mochten. Mit einem ironischen Lächeln sagte er: „Meldet euch niemals freiwillig für irgendetwas!“

Ich sah Fritz seit jener Zeit, als wir siebzehn waren, nicht wieder, bis ich vor ein paar Jahren in einer Zeitschrift einen Artikel über jene Seeschlachten las. Ich fragte mich, ob Fritz Hoerold noch am Leben war und ob er irgendwo in Salt Lake City wohnte. Durch einen Anruf machte ich ihn ausfindig und schickte ihm die Zeitschrift zu. Er und seine Frau bedankten sich bei mir. Ich erfuhr, dass Fritz nie Ältester geworden und deshalb auch noch nie im Tempel gewesen war. Ich schrieb ihm einen Brief und forderte ihn auf, für die Segnungen des Tempels würdig zu werden. Zweimal trafen wir einander im Restaurant. Seine liebe Frau, Joyce, bat mich immer: „Bitte bemühen Sie sich auch weiter um meinen Mann.“ Seine Töchter stimmten in ihre Bitte ein. Ich redete ihm also weiter zu.

Vor ein paar Wochen sah ich in den Todesanzeigen in der Zeitung, dass Joyce, seine Frau, gestorben war. Ich wünschte mir, ich hätte mit meinem privaten Projekt, Fritz dazu zu bewegen, in den Tempel zu gehen, mehr Erfolg gehabt. Ich schrieb mir Zeit und Ort des Trauergottesdienstes für Schwester Hoerold auf, verlegte andere Termine und fuhr hin. Als Fritz mich sah, kam er sofort auf mich zu. Wir vergossen beide ein paar Tränen. Er bat mich, die Schlussansprache zu halten.

Als ich aufstand, um zu sprechen, sah ich Fritz und seine Familie an und sagte: „Fritz, ich bin heute als der Präsident des Lehrerkollegiums hier, dem wir beide einmal angehört haben.“ Ich sprach darüber, wie er und seine Familie für immer zusammensein konnten – nämlich durch die heiligen Handlungen des Tempels; und ich bot an, sie, wenn die Zeit gekommen war, auch zu vollziehen.

Zum Schluss sagte ich, wobei ich die Tränen kaum zurückhalten konnte, in Gegenwart aller Angehörigen und anderen Anwesenden: „Fritz, mein lieber Freund und Marinekollege, du hast Mut, du hast Entschlusskraft. Du hast in einer gefährlichen Zeit für dein Land dein Leben aufs Spiel gesetzt. Jetzt musst du dem Ruf der Pfeife des Maats, ‚Alle Mann an Bord, die Anker hoch!‘, folgen – und die Reise zur Erhöhung antreten. Joyce wartet dort auf dich. Ich weiß, deine lieben Kinder und Enkelkinder beten für dich. Fritz, als der Präsident deines Lehrerkollegiums aus längst vergangenen Tagen werde ich mich mit ganzem Herzen bemühen, dafür zu sorgen, dass du das Schiff, das dich und deine Lieben zur celestialen Herrlichkeit bringt, nicht verpasst.“

Ich grüßte ihn mit dem Marinegruß. Fritz stand auf und erwiderte den Gruß.

Brüder, mögen wir alle uns an diesen Spruch halten, den wir so gut kennen: „Tu deine Pflicht, das ist am besten. Der Herr tut dann das Seine.“ Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.

Anmerkungen

  1. LuB 107:99.

  2. 1 Nephi 3:7.

  3. LuB 84:88.

  4. LuB 18:10.

  5. Deseret News Semiweekly, 6. August 1878, Seite 1.

  6. 1 Petrus 3:15.