2002
„Wie ein bewässerter Garten‘
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„Wie ein bewässerter Garten“

„Wir sollten [den Zehnten und die übrigen Spenden] zahlen, um unserem großzügigen und barmherzigen Vater im Himmel unsere Liebe zu bekunden.“ Unbeirrbar und unaufhaltsam breitet sich die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage auf der ganzen Erde aus. In Daniels Worten handelt es sich um den Stein, der „ohne Zutun von Menschenhand … vom Berg losbrach“1. Jesaja beschrieb das, was er vorhergesehen hat, so: der Herr werde „an diesem Volk seltsam handeln, so seltsam, wie es niemand erwartet“.2 Ja, es ist schon erstaunlich! Die Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi ist voller Wunder, Offenbarungen und Kundgebungen aller Art. Und vieles davon hat sich zu unseren Lebzeiten zugetragen.

Ich war 17 Jahre alt, ehe überhaupt außerhalb von Nordamerika ein Zionspfahl gegründet wurde. Inzwischen gibt es weit über tausend Pfähle – auf fernen Kontinenten und auf den Inseln des Meeres. Wir haben jetzt 125 Tempel, die in Betrieb oder angekündigt sind, und zwar über die Hälfte davon (64) außerhalb der Vereinigten Staaten. Ich war fast 16, ehe es außerhalb der Bundesstaaten der USA und der Provinzen Kanadas auch nur einen Tempel gab.

Wir haben miterlebt, wie die Offenbarung kam, dass alle würdigen männlichen Mitglieder im entsprechenden Alter das Priestertum tragen dürfen – ein Segen, der das Werk in vielen Teilen der Welt vorangebracht hat. Wir haben miterlebt, dass unsere heiligen Schriften ganz oder teilweise in fast 100 Sprachen veröffentlicht wurden. Wir haben miterlebt, wie die langerwarteten Siebzigerkollegien geschaffen wurden, denen große Männer aus vielen Ländern angehören, die jetzt in vielen Ländern dienen. Vor kurzem hat Präsident Hinckley die Gründung des Ständigen Ausbildungsfonds bekannt gegeben, der mit der Zeit vielen Menschen an den entlegensten Orten der Erde zum Segen gereichen kann. Und so wird die Kirche immer internationaler.

Ich mache hier diese kurze Zusammenfassung, um Ihr Augenmerk auf ein weiteres Wunder, eine weitere Offenbarung sozusagen, zu lenken, die die Mitglieder der Kirche im Allgemeinen bisher vielleicht übersehen haben. Eigentlich war beabsichtigt, dies der Öffentlichkeit bekannt zu machen. Ich meine die Entscheidung, die die führenden Brüder vor über zehn Jahren getroffen haben, nämlich dass die Mitglieder der Kirche – ob hier oder im Ausland – keine weiteren besonderen Zahlungen mehr leisten oder anderweitig Gelder aufbringen sollen.

Diese Entscheidung wurde zur Zeit des großen internationalen Wachstums getroffen, das ich gerade geschildert habe. Wie konnte das in finanzieller Hinsicht bewerkstelligt werden? Wie konnten wir an immer mehr entlegene Orte gehen, wenn wir gleichzeitig unsere Mitglieder von allen zusätzlichen finanziellen Verpflichtungen befreiten? Logisch wäre es in einer solchen Situation doch vielleicht gewesen, wenn wir genau das Gegenteil getan hätten.

Wie haben wir es geschafft? Ich will es Ihnen sagen – die präsidierenden Brüder glaubten von ganzem Herzen daran, dass der Zehnte und die freiwilligen Spenden – also das Grundsatzprogramm des Herrn – auch vom jüngsten Mitglied der Kirche akzeptiert werden und dass die Treue gegenüber solchen göttlichen Grundsätzen uns alle Wege ebnet.

Ich war noch nicht im Kollegium der Zwölf, als jene weitreichende Entscheidung getroffen wurde, aber ich kann mir vorstellen, welche Diskussionen stattgefunden haben und welchen Glauben die präsidierenden Räte der Kirche aufbringen mussten. Was mochte geschehen, wenn die Führer der Kirche keine speziellen Anforderungen mehr stellten und die Heiligen den Zehnten und die übrigen Spenden nicht zahlten? Soweit ich weiß, wurde diesem Gedanken nicht ernsthaft Beachtung geschenkt. Die Brüder gingen im Glauben voran – im Glauben an Gott, an die offenbarten Grundsätze, an uns. Sie blickten nicht zurück. Das war ein erhebender (wenn auch fast unbemerkt vergangener) Tag in der Entwicklung der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage.

Um diese Entscheidung zu ehren, müssen wir Mitglieder der Kirche genauso reif damit umgehen. Ich möchte deshalb fünf Gründe dafür anführen, warum wir alle, ob reich oder arm, ob schon ein Leben lang Mitglied der Kirche oder erst seit gestern, treu den Zehnten und die übrigen Spenden zahlen sollen.

Erstens: Tun Sie es um Ihrer Kinder und Enkelkinder willen; sie sind die heranwachsende Generation, und wenn wir nicht Acht geben, wachsen sie vielleicht in der Kirche auf, ohne zu ahnen, wie ihre Tempel und Gemeindehäuser, ihr Seminar und ihre geselligen Veranstaltungen finanziert werden. Lehren Sie Ihre Kinder, dass viele der Segnungen in der Kirche deshalb vorhanden sind, weil wir alle den Zehnten und die übrigen Spenden zahlen. Lehren Sie sie, dass diese Segnungen sonst gar nicht möglich wären.

Und nehmen Sie ihre Kinder immer zur Zehntenerklärung mit, so wie der Enkel von Howard W. Hunter vor ein paar Jahren seinen Vater begleitet hat. Der Bischof erklärte ihm damals, wie sehr er sich darüber freute, dass der junge Bruder Hunter den vollen Zehnten zahlen wollte. Er nahm die Münzen entgegen und fragte den Jungen, ob er glaube, dass das Evangelium wahr ist. Der Junge gab ihm seinen vollen Zehnten, 14 Cent, und antwortete, das Evangelium sei wohl wahr, aber „doch ganz schön teuer“.3 Ja, die Gebäude, Programme und Materialien, die ich eben erwähnt habe, kosten Geld, und es ist wichtig, dass unsere Kinder das schon in der Jugend lernen.

Zweitens: Zahlen Sie den Zehnten, damit Sie ein Recht haben, die dafür verheißenen Segnungen zu beanspruchen. „Ja, stellt mich auf die Probe damit, spricht der Herr der Heere, und wartet, ob ich euch dann nicht die Schleusen des Himmels öffne und Segen im Übermaß auf euch herabschütte.“4 Nachdem ihr Mann in Nauvoo den Märtyrertod gestorben war und sie mit ihren fünf Kindern in den Westen gezogen war, zahlte Mary Fielding Smith trotz ihrer Armut immer den Zehnten. Als jemand im Zehntenbüro eines Tages meinte, sie solle doch nicht von den paar Kartoffeln, die sie in diesem Jahr geerntet hatte, auch noch den Zehnten zahlen, erklärte sie ihm ungehalten: „William, du solltest dich was schämen. Willst du mir etwa einen Segen vorenthalten? Wenn ich den Zehnten nicht zahle, kann ich doch wohl damit rechnen, dass der Herr mir seinen Segen vorenthält. Ich zahle den Zehnten nicht nur, weil es sich um ein Gesetz Gottes handelt, sondern weil ich dafür gesegnet werden will. [Ich brauche den Segen.] Ich erwarte, dass ich für meine Familie sorgen kann, wenn ich dieses und die übrigen Gesetze einhalte.“ 5

Ich kann gar nicht alle Möglichkeiten aufzählen, wie man für den Gehorsam gegenüber diesem Grundsatz gesegnet wird, aber ich bezeuge, dass der geistige Segen weit über den wirtschaftlichen Nutzen hinausgeht. Ich habe beispielsweise schon erlebt, dass Gottes Verheißung „Den Fresser wehre ich von euch ab“6 in Erfüllung gegangen ist. Dieser Segen, dass wir vor dem Bösen beschützt werden, ist über mich und meine Lieben in so reichem Maß ausgegossen worden, dass ich es gar nicht angemessen würdigen könnte. Ich glaube aber, dass das Gefühl der Sicherheit von Gott zumindest zum Teil darauf zurückzuführen ist, dass wir – jeder für sich und als Familie – fest entschlossen sind, den Zehnten zu zahlen.

Drittens: Zahlen Sie den Zehnten, um auf diese Weise kundzutun, dass der Besitz materieller Güter und das Anhäufen weltlichen Reichtums nicht Ihr höchstes Lebensziel darstellt. Wie ein junger Ehemann und Vater, der noch studiert und mit wenig Geld auskommen muss, mir vor kurzem erklärt hat: „Die entscheidenden Augenblicke im Leben eines Heiligen der Letzten Tage kommen vielleicht, wenn wir direkt gegen den Strom der Kultur, in der wir leben, schwimmen müssen. Das Zehntenzahlen ist ein solcher Augenblick. Wir leben in einer Welt, die großen Wert auf materiellen Besitz legt und das Misstrauen gegenüber jedem fördert, der es auf unser Geld abgesehen hat, und wir geben diese Vorbehalte auf und geben großzügig und voll Vertrauen. Dadurch sagen wir, dass wir anders sind, dass wir Gottes auserwähltes Geschlecht sind. In einer Gesellschaft, die uns sagt, dass Geld unser wichtigster Vermögenswert sei, sagen wir mit allem Nachdruck, dass dem nicht so ist.“7

Präsident Spencer W. Kimball hat einmal von einem Mann erzählt, der mit seinen gewaltigen Ländereien und seinen bemerkenswerten Besitztümern geprahlt hatte – Wälder und Weinberge, Herden und Felder, Teiche und Häuser und alle möglichen Besitztümer. Er war darauf sehr stolz gewesen, war aber bis an sein Lebensende nicht bereit, dafür den Zehnten zu zahlen oder auch nur anzuerkennen, dass es Gaben Gottes waren. Präsident Kimball sprach bei der Beerdigung des Mannes und merkte an, dass dieser Großgrundbesitzer nun in einem rechteckigen Stück Erde zur Ruhe gebettet wurde, „der Länge und Breite eines großen, schweren Mannes entsprechend“.8 Und die Antwort auf die uralte Frage „Was musste er zurücklassen?“ lautet stets, dessen können Sie gewiss sein: „Alles.“ Wir tun also gut daran, uns im Himmel Schätze zu sammeln, wo nicht Steuern, sondern die Lehre Worten wie Stand, Erbteil, Testament und letzter Wille ihre Bedeutung verleiht.9

Viertens: Zahlen Sie den Zehnten und die übrigen Spenden ehrlich und redlich, da sie Gott ja von Rechts wegen zustehen. Einer der eindringlichsten Sätze in den heiligen Schriften ist wohl die donnernde Frage Jahwes: „Darf der Mensch Gott betrügen? [Und wir fragen]: Womit betrügen wir dich?“ Er antwortet: „Mit den Zehnten und Abgaben!“10

Das Zahlen des Zehnten ist keine nette Geste, mit der wir Gott ein karitatives Geschenk machen. Mit dem Zehnten zahlen wir eine Schuld ab. Elder James E. Talmage hat dies einmal als Vertrag zwischen uns und dem Herrn bezeichnet. Er stellte sich vor, dass der Herr sagt: „Du brauchst so vieles in der Welt – Essen, Kleidung und eine Wohnung für deine Familie, den üblichen Komfort des Lebens. … Du sollst haben, was du brauchst, um dies alles zu erwerben; aber vergiss nicht, dass es mir gehört. Ich verlange, dass du mir für das, was ich dir gebe, Miete zahlst. Dein Leben besteht allerdings nicht aus beständigen Einnahmen. … Statt es so zu halten wie viele Vermieter auf der Erde, die verlangen, dass man die Miete im Voraus zahlt, egal wie gut es einem geht oder welche Aussichten man hat, … wirst du mich nur bezahlen, wenn du etwas erhalten hast und gemäß dem, wie viel du erhalten hast. Wenn du dann in einem Jahr sehr gut verdient hast, [sind deine zehn Prozent] etwas mehr; wenn du dann im nächsten Jahr in Bedrängnis gerätst und nicht mehr so viel verdienst wie vorher, [sind deine zehn Prozent] weniger. [Egal in welcher Situation du bist – der Zehnte ist gerecht.]“

„Haben Sie schon einmal einen Vermieter auf der Erde gefunden, der bereit war, mit Ihnen einen so [gerechten] Vertrag abzuschließen?“ fragt Elder Talmage. „Wenn ich bedenke, wie großzügig das alles ist“, so sagt er, „habe ich das Gefühl, ich könnte wohl kaum den Blick zum Himmel erheben, wenn ich versuchen würde, [Gott] um das zu betrügen, was ihm [von Rechts wegen zusteht]“.11

Das führt uns zum fünften Grund dafür, den Zehnten und die übrigen Spenden zu zahlen. Wir sollten sie zahlen, um unserem großzügigen und barmherzigen Vater im Himmel unsere Liebe zu bekunden. In seiner Gnade teilt Gott an die Hungrigen Brot und an die Armen Kleidung aus. Während unseres Lebens gehören wir alle dann und wann dazu, ob in zeitlicher oder in geistiger Hinsicht. Das Evangelium ist für uns alle wie die strahlende Morgenröte, die die Finsternis der Unwissenheit und des Kummers, der Furcht und der Verzweiflung vertreibt. Seine Kinder in einem Land nach dem anderen haben ihn angerufen, und der Herr hat geantwortet. Dadurch, dass das Evangelium sich in der ganzen Welt ausbreitet, befreit Gott die Erschöpften von ihrer Last und befreit er die Unterdrückten. Seine liebevolle Güte macht unser Leben, ob reich oder arm, nah oder fern, „einem bewässerten Garten“ gleich, „einer Quelle, deren Wasser niemals versiegt.“12

Ich bin zutiefst dankbar für jede Segnung des Evangeliums Jesu Christi, besonders für die größte aller Gaben Gottes, nämlich das beispielhafte Leben und den sühnenden Tod seines einziggezeugten Sohnes. Ich weiß, dass ich dem Himmel nichts von diesem Wohlwollen jemals zurückzahlen kann, aber ich habe viele Möglichkeiten, mich wenigstens zu bemühen, meine Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen. Eine dieser Möglichkeiten ist das Zahlen des Zehnten und der übrigen freiwilligen Spenden. Ich möchte etwas zurückgeben, doch ich will (wie König David es zum Ausdruck brachte) „keine unbezahlten … Opfer darbringen“.13

Ich bezeuge, dass der Grundsatz des Zehnten von Gott kommt. Er wird uns in den Schriften so einfach dargelegt, dass wir seinen göttlichen Ursprung nicht bezweifeln können. Mögen wir immer Anspruch auf diese Segnungen erheben können. Darum bete ich im Namen Jesu Christi. Amen.

Anmerkungen

  1. Daniel 2:45.

  2. Jesaja 29:14.

  3. Zitiert von David B. Haight in Conference Report, April 1981, Seite 57.

  4. Maleachi 3:10.

  5. In: Conference Report, April 1900, Seite 48.

  6. Maleachi 3:11.

  7. Persönliche Korrespondenz.

  8. In: Conference Report, April 1968, Seite 74.

  9. Siehe Matthäus 6:19–21.

  10. Maleachi 3:8.

  11. The Lord’s Tenth, (Broschüre, 1968), Seite 10 f.

  12. Siehe Jesaja 58:11; siehe auch Jesaja 58:6–10.

  13. 2 Samuel 24:24.