Generalkonferenz
    Mrs. Patton – die Geschichte geht weiter
    Fußnoten
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    Mrs. Patton – die Geschichte geht weiter

    Bestimmt dachte der himmlische Vater daran, was sie brauchte. Er wollte, dass sie die tröstlichen Wahrheiten des Evangeliums hört.

    Ich vermisse heute meinen Amtsbruder James E. Faust und grüße seine liebe Frau und seine Kinder. Ich bin sicher, er dient dem Herrn jetzt anderswo. Ich begrüße auch die soeben bestätigten Generalautoritäten, Präsident Eyring, Elder Cook und Elder González, und versichere sie meiner vollen Unterstützung.

    Vor 38 Jahren habe ich anlässlich einer Generalkonferenz, die im Tabernakel auf dem Tempelplatz abgehalten wurde, über einen Freund aus Kindertagen gesprochen: Arthur Patton, der jung starb. Die Ansprache hatte den Titel: „Mrs. Patton, Arthur lebt“.1 Ich wandte mich darin an Arthurs Mutter, Mrs. Patton, die kein Mitglied der Kirche war. Auch wenn ich wenig Hoffnung hatte, dass sie tatsächlich diese Ansprache hören würde, wollte ich alle, die meine Stimme hören konnten, an der herrlichen Evangeliumsbotschaft von Hoffnung und Liebe teilhaben lassen. Vor kurzem hatte ich das Gefühl, ich solle noch einmal über Arthur sprechen und Ihnen berichten, was im Anschluss an diese damalige Ansprache geschehen ist.

    Zuerst möchte ich Ihnen von Arthur erzählen. Er hatte blondes, lockiges Haar und ein Lächeln, das von einem Ohr zum anderen reichte. Er war größer als alle anderen in der Klasse. Das war wohl der Grund, weshalb Arthur 1940 die Rekrutierungsoffiziere zum Narren halten und sich im zarten Alter von 15 zur Marine melden konnte, als der große Konflikt, der sich zum Zweiten Weltkrieg auswachsen sollte, bereits den Großteil Europas in Mitleidenschaft gezogen hatte. Für Arthur und die meisten Jungen war der Krieg ein großes Abenteuer. Ich weiß noch, wie umwerfend er in der Marineuniform aussah. Wir alle wünschten uns, wir wären älter oder wenigstens größer gewesen, sodass auch wir uns freiwillig hätten melden können.

    Die Jugend ist ein besonderer Abschnitt im Leben. Wie Longfellow schrieb:

    Wie herrlich Jugend ist! Wie hell ihr Schein.

    Voll Täuschung, Hoffen, Träumen darf sie sein!

    Vom Anfang spricht dies Buch, kommt nie am Ende an.

    Heldin ist jede Frau, und Freund ein jeder Mann!2

    Arthurs Mutter war sehr stolz auf den blauen Stern, der ihr Wohnzimmerfenster schmückte. Er zeigte allen Vorbeigehenden, dass ihr Sohn die Uniform des Landes trug und im aktiven Dienst war. Wenn ich an ihrem Haus vorbeikam, machte sie oft die Tür auf und bat mich herein, um den jüngsten Brief von Arthur zu lesen. Ihre Augen füllten sich jedes Mal mit Tränen, und dann bat sie mich, vorzulesen. Arthur war das Ein und Alles seiner verwitweten Mutter.

    Ich sehe noch immer die rauen Hände von Mrs. Patton vor mir, wie sie sorgfältig den Brief in den Umschlag zurücksteckte. Die Hände zeugten von harter Arbeit. Mrs. Patton arbeitete als Putzfrau in einem Bürogebäude in der Innenstadt. Jeden Tag ihres Lebens, außer sonntags, konnte man sie mit Eimer und Besen in der Hand den Gehsteig hinuntergehen sehen, das graue Haar zu einem festen Knoten zusammengebunden, vom Alter gebeugt, die Schultern erschlafft von der Arbeit.

    Im März 1944, der Krieg war inzwischen auf seinem Höhepunkt, wurde Arthur von der USS Dorsey, einem Zerstörer, auf die USS White Plains, einen Flugzeugträger, versetzt. Als das Schiff vor Saipan im Südpazifik lag, wurde es angegriffen. Arthur war einer derjenigen an Bord, die auf See verschollen blieben.

    Der blaue Stern wurde von seinem Ehrenplatz am vorderen Fenster des Hauses der Familie Patton entfernt. An seine Stelle kam ein goldener Stern, der anzeigte, dass derjenige, für den der blaue Stern gestanden hatte, im Kampf gefallen war. Ein Licht erlosch im Leben von Mrs. Patton. Sie versank in völliger Dunkelheit und tiefer Verzweiflung.

    Ich hatte ein Gebet im Herzen, als ich den vertrauten Weg zum Haus der Pattons ging und mich fragte, welche tröstlichen Worte wohl von den Lippen eines einfachen Jungen kommen könnten.

    Die Tür öffnete sich und Mrs. Patton umarmte mich, wie sie ihren Sohn umarmt hätte. Das Haus wurde zu einem Gotteshaus, als eine gramgebeugte Mutter und ein mehr als unzulänglicher Junge zum Gebet niederknieten.

    Als wir uns von den Knien erhoben, blickte mir Mrs. Patton in die Augen und sagte: „Tommy, ich gehöre keiner Kirche an, aber du. Sag mir: Wird Arthur wieder leben?“ So gut ich konnte bezeugte ich ihr, dass Arthur tatsächlich wieder leben wird.

    Bei der Generalkonferenz vor so vielen Jahren, als ich diese Geschichte erzählte, erwähnte ich, dass ich Mrs. Patton aus den Augen verloren hatte, dass ich jedoch noch einmal ihre Frage beantworten wollte: „Wird Arthur wieder leben?“

    Ich sprach vom Erlöser der Welt, der durch die staubigen Straßen der Dörfer ging, die wir heute voller Ehrfurcht das Heilige Land nennen, der Blinde sehend machte, Taube hören ließ, Lahme gehend machte und Tote wieder zum Leben erweckte; von ihm, der uns einfühlsam und liebevoll versichert hat: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben.“3

    Ich sprach davon, dass wir vom Meister des Himmels und der Erde, nämlich Jesus Christus, dem Herrn, den Plan des Lebens erhalten haben und eine Erklärung, welchen Lauf das Leben in der Ewigkeit nimmt. Um die Bedeutung des Todes zu verstehen, müssen wir den Sinn des Lebens zu schätzen wissen.

    Ich wies darauf hin, dass der Herr in dieser Evangeliumszeit verkündet hat: „Und nun, wahrlich, ich sage euch: Ich war im Anfang beim Vater und bin der Erstgeborene.“4 „Der Mensch war auch im Anfang bei Gott.“5

    Jeremia, der Prophet, schrieb:

    „Das Wort des Herrn erging an mich:

    Noch ehe ich dich … formte, habe ich dich ausersehen, noch ehe du … hervorkamst, habe ich dich geheiligt, zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt.“6

    Von der majestätischen Welt der Geister aus betreten wir die große Bühne des Lebens, um unseren Gehorsam gegenüber allem, was Gott gebietet, zu beweisen. Auf der Erde wachsen wir vom hilflosen Säugling zum wissbegierigen Kind und dann zum nachdenklichen Erwachsenen heran. Wir erleben Freude und Trauer, Erfüllung und Enttäuschung, Erfolg und Misserfolg. Wir schmecken Süßes und erfahren auch Bitteres. So ist das Erdenleben.

    Und zu jedem Leben gehört auch die Erfahrung, die man Tod nennt. Niemand ist davon ausgenommen. Alle müssen durch sein Tor schreiten.

    Den meisten ist dieser unwillkommene Gast namens Tod etwas unheimlich und mysteriös. Möglicherweise ist es die Angst vor dem Unbekannten, die viele sein Kommen fürchten lässt.

    Arthur Patton starb schnell. Bei anderen zieht sich das Sterben hin. Wir wissen durch das offenbarte Wort Gottes, dass „der Geist eines jeden Menschen, sobald er aus diesem sterblichen Leib geschieden ist, … zu dem Gott heimgeführt wird, der ihm das Leben gegeben hat“.7

    Ich versicherte Mrs. Patton und allen anderen, die zuhörten, dass Gott sie niemals im Stich lassen würde – dass er seinen einziggezeugten Sohn in die Welt gesandt hatte, um uns durch sein Beispiel zu lehren, was für ein Leben wir führen sollten. Sein Sohn starb am Kreuz, um alle Menschen zu erlösen. Seine Worte, die er an die trauernde Marta und an seine Jünger richtete, bringen uns heute Trost:

    „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben.“8

    „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?

    … Ich [komme] wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“9

    Ich wiederholte die Zeugnisse von Johannes, dem Offenbarer, und dem Apostel Paulus. Johannes schrieb nieder:

    „Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. …

    Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren.“10

    Paulus erklärte: „Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.“11

    Ich setzte hinzu, dass wir bis zum herrlichen Morgen der Auferstehung im Glauben wandeln müssen. „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht.“12

    Ich versicherte Mrs. Patton, dass Jesus sie und alle anderen eingeladen hat:

    „Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.

    Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.“13

    In meiner Botschaft erklärte ich Mrs. Patton, dass dieses Wissen ihr in ihrem Kummer Halt geben könne, dass sie niemals in der tragischen Situation der ungläubigen Frau sein würde, die am Grab ihres Sohnes, als der Sarg an Mutter Erde übergeben wurde, gesagt haben soll: „Dies ist der Abschied, mein Sohn. Der Abschied für immer.“ Sie konnte stattdessen erhobenen Hauptes, ohne den Mut sinken zu lassen und mit unerschütterlichem Glauben aufschauen, über die sich sanft brechenden Wellen des blauen Pazifiks hinwegblicken und flüstern: „Auf Wiedersehen, Arthur, mein lieber Sohn. Auf Wiedersehen, bis wir wieder zusammen sind.“

    Ich zitierte die Worte Tennysons, so als würde Arthur sie an sie richten:

    Die Sonne versinkt, der Abendstern scheint,

    hell der Ruf mir ergeh.

    Ich wünscht’, dass die Brandung des Riffes dann schweigt,

    wenn ich einst steche in See.

    Dämmerung und Abendgeläut,

    dann ist alle Helligkeit fort.

    Es sei keine Trauer im Abschied heut,

    geh ich dann an Bord.

    Trägt auch aus der Heimat Raum und Zeit

    die Flut mich heute weit fort,

    meinen Steuermann bin ich zu treffen bereit,

    hab erreicht ich den anderen Ort.14

    Als ich damals vor so vielen Jahren meine Ansprache beendete, gab ich Mrs. Patton mein persönliches Zeugnis als besonderer Zeuge und sagte ihr, dass Gott, unser Vater, von ihr wüsste – und dass sie durch aufrichtiges Gebet mit ihm sprechen könne. Auch er habe einen Sohn gehabt, der gestorben ist, nämlich Jesus Christus, den Herrn, und dieser sei unser Mittler beim Vater, der Fürst des Friedens, unser Erretter und göttlicher Erlöser, und eines Tages würden wir ihn von Angesicht zu Angesicht sehen.

    Ich hoffte, dass meine Botschaft an Mrs. Patton andere erreichen und berühren würde, die einen geliebten Menschen verloren hatten.

    Und jetzt, liebe Brüder und Schwestern, erzähle ich Ihnen den Rest der Geschichte. Ich hielt diese Ansprache am 6. April 1969. Wie gesagt, ich hatte wenig Hoffnung, wenn überhaupt, dass Mrs. Patton diese Ansprache tatsächlich hören würde. Ich hatte keinen Grund anzunehmen, dass sie sich die Generalkonferenz anhören würde. Wie gesagt: Sie war kein Mitglied der Kirche. Und dann erfuhr ich, dass etwas geschehen war, was an ein Wunder grenzte. Nachbarn von Mrs. Terese Patton, die nach Kalifornien gezogen war, waren Heilige der Letzten Tage. Ohne zu wissen, wer bei der Konferenz sprechen würde oder welche Themen zur Sprache kommen würden, luden sie sie zu sich nach Hause ein, um mit ihnen eine Versammlung der Generalkonferenz anzuhören. Sie nahm die Einladung an und hörte deshalb genau die Versammlung, in der ich mich direkt an sie wandte.

    In der ersten Maiwoche 1969 erhielt ich zu meiner Überraschung und Freude einen Brief, der in Pomona, Kalifornien, abgestempelt und auf den 29. April 1969 datiert war. Er war von Mrs. Terese Patton. Ich lese Ihnen einen Teil dieses Briefes vor:

    „Lieber Tommy!

    Ich hoffe, es macht Ihnen nichts aus, dass ich Sie Tommy nenne, denn so habe ich Sie in Erinnerung. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für diese tröstliche Ansprache danken soll, die Sie gehalten haben.

    Arthur war 15 Jahre alt, als er zur Marine ging. Er fiel einen Monat vor seinem 19. Geburtstag, am 5. Juli 1944.

    Es ist wundervoll, dass Sie an uns gedacht haben. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen für Ihre tröstlichen Worte danken soll, sowohl als Arthur gestorben war wie auch jetzt in Ihrer Ansprache. Ich hatte all die Jahre viele Fragen, und Sie haben sie beantwortet. Was Arthur betrifft, habe ich jetzt Frieden gefunden. … Möge Gott Sie segnen und behüten.

    Liebe Grüße,

    Terese Patton“15

    Brüder und Schwestern, ich glaube nicht, dass es ein Zufall war, dass ich das Gefühl hatte, bei der Frühjahrs-Generalkonferenz 1969 genau diese Worte sagen zu müssen. Auch glaube ich nicht, dass es Zufall war, dass Mrs. Terese Patton von ihren Nachbarn nach Hause eingeladen wurde, um mit ihnen ebendiese Versammlung der Konferenz anzuhören. Bestimmt dachte der himmlische Vater daran, was sie brauchte. Er wollte, dass sie die tröstlichen Wahrheiten des Evangeliums hört.

    Auch wenn Mrs. Patton schon vor langer Zeit von dieser Welt gegangen ist, fühlte ich mich sehr gedrängt, Ihnen zu erzählen, auf welche Weise der himmlische Vater sie gesegnet und für diese Witwe in ihrer Not gesorgt hat. Ich bezeuge Ihnen von ganzem Herzen, dass der himmlische Vater einen jeden von uns liebt. Er hört das aus demütigem Herzen gesprochene Gebet, er hört unseren Hilferuf, so wie er Mrs. Patton gehört hat. Sein Sohn, unser Erretter und Erlöser, spricht heute zu uns allen: „Ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wer meine Stimme hört und die Tür öffnet, bei dem werde ich eintreten.“16

    Werden wir auf das Klopfen hören? Werden wir diese Stimme hören? Werden wir dem Herrn die Tür öffnen, damit wir die Hilfe empfangen, die er uns so bereitwillig gibt? Ich bete darum, dass es so sein wird. Im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.