Generalkonferenz
    Nach allem, was wir tun können
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    Nach allem, was wir tun können

    Wir als Mitglieder der Kirche Jesu Christi haben uns entschieden, keine gewöhnlichen Männer und Frauen zu sein.

    Mir wurde gesagt, bisher sei noch niemand gestorben, während er eine Ansprache bei der Generalkonferenz gehalten hat. Sollte es heute vorkommen, bitte ich Sie um Verzeihung.

    Als ich in Argentinien meinen Wehrdienst ableistete, las ich ein Buch, an dessen Autor ich mich nicht mehr erinnere. Er schrieb: „Ich entscheide mich dafür, kein gewöhnlicher Mensch zu sein; ich habe das Recht, jemand Außergewöhnliches zu sein, wenn ich kann.“

    Jemand Außergewöhnliches zu sein bedeutet, erfolgreich, einzigartig und herausragend zu sein.

    Dieser Satz hat sich mir in Herz und Sinn eingeprägt. Ich dachte damals und denke auch heute, dass wir als Mitglieder der Kirche Jesu Christi uns entschieden haben, keine gewöhnlichen Männer und Frauen zu sein. Bei den letzten Wörtern, nämlich ‚wenn ich kann‘, musste ich daran denken, dass es nicht genügt, sich nur taufen und konfirmieren zu lassen. Vielmehr müssen wir das Versprechen achten und erfüllen, das wir dem Herrn an diesem denkwürdigen Tag gegeben haben.

    Lehi hat seinem Sohn Jakob erklärt: „Darum sind die Menschen gemäß dem Fleische frei; und alles ist ihnen gegeben, was für den Menschen notwendig ist. Und sie sind frei, um Freiheit und ewiges Leben zu wählen durch den großen Mittler für alle Menschen oder um Gefangenschaft und Tod zu wählen gemäß der Gefangenschaft und Macht des Teufels; denn er trachtet danach, dass alle Menschen so elend seien wie er selbst.“ (2 Nephi 2:27.)

    Zweifellos trachten wir nach Freiheit und ewigem Leben. Wir zittern beim bloßen Gedanken daran, dass wir sterben und Gefangene des Teufels werden könnten.

    Nephi hat deutlich erklärt, was wir tun müssen. Er sagte: „Denn wir wissen, dass wir durch Gnade errettet werden, nach allem, was wir tun können.“ (2 Nephi 25:23.)

    Ich meine, dass alles, was wir tun können, zunächst einmal bedeutet, dass wir von unseren Sünden umkehren. Wir werden nie unser göttliches Potenzial ausschöpfen, wenn wir in unseren Sünden verharren.

    Ich habe schöne Erinnerungen an den Tag meiner Taufe. Ich war acht Jahre alt. Ich wurde im Zweig Liniers getauft; es war das erste Gemeindehaus der Kirche, das in Südamerika gebaut wurde. Nach meiner Taufe ging ich mit meiner Familie nach Hause. Mein ältester Bruder wollte, wie so oft, ein bisschen mit mir raufen. Ich rief aus: „Rühr mich nicht an, ich darf nicht sündigen!“ Doch als die Tage vergingen, erkannte ich, dass es unmöglich war, bis ans Ende meines Lebens sündenfrei zu bleiben.

    Es ist schwer, das Leid zu tragen, das uns auferlegt wird, aber die wirkliche Qual im Leben ist, die Folgen unserer eigenen Schwächen und Sünden zu tragen, die wir uns selbst auferlegen.

    Es gibt nur einen einzigen Weg, uns von diesem Leid zu befreien, und das ist aufrichtige Umkehr. Meine Erfahrung ist: Wenn ich dem Herrn ein reuiges Herz und einen zerknirschten Geist darbringe, gottgewollte Traurigkeit für meine Sünden empfinde, mich demütige und meine Fehler bereue, dann löscht er durch sein wundersames Sühnopfer meine Sünden aus und denkt nicht mehr an sie.

    Der argentinische Dichter José Hernández schreibt in seinem bekannten Buch Martín Fierro:

    Der Mensch verliert vieles

    und manches findet sich wieder.

    Doch lass dir gesagt sein

    und präg es dir ein:

    Wer die Scham verliert,

    gewinnt sie nie wieder.

    (La Vuelta de Martín Fierro, Teil 2, von Martín Fierro, 1879, 32. Gesang; zweisprachige Ausgabe, engl. Übersetzung von C. E. Ward, 1967, Seite 493.)

    Wenn wir wegen unserer Sünden oder unredlichem Tun keine gottgewollte Traurigkeit empfinden, können wir uns unmöglich zu einem herausragenden Menschen entwickeln.

    Ein weiterer wichtiger Grundsatz, den wir beachten müssen, um alles zu tun, was wir können, ist, dass wir die Gelegenheiten, die das Leben im Evangelium uns ständig bietet, erkennen und nutzen und dabei anerkennen, dass der Herr uns alles gegeben hat, was wir haben. Er ist verantwortlich für alles Gute in unserem Leben.

    Eine weitere bleibende Aufgabe für uns ist, dass wir alles tun, was wir können, um allen Menschen das Evangelium des Glücks zu bringen.

    Vor einiger Zeit erhielt ich einen Brief von Bruder Rafael Pérez Cisneros aus Galicien in Spanien, der mir von seiner Bekehrung erzählte. Er schreibt unter anderem:

    „Ich hatte überhaupt keine Vorstellung vom Sinn des Lebens oder der Bedeutung der Familie. Als ich schließlich die Missionare hereinließ, sagte ich zu ihnen: ‚Tragen Sie mir Ihre Botschaft vor, aber ich warne Sie: Nichts bringt mich dazu, die Religion zu wechseln.‘ Bei diesem ersten Besuch hörten meine Kinder und meine Frau aufmerksam zu. Ich fühlte mich ausgeschlossen. Ich hatte Angst, und ohne weiter nachzudenken ging ich ins Schlafzimmer. Ich schloss die Tür und betete aus tiefster Seele, wie ich es nie zuvor getan hatte: ‚Vater, wenn es stimmt, dass diese jungen Männer deine Jünger sind und gekommen sind, um uns zu helfen, dann lass es mich bitte wissen.‘ Im gleichen Augenblick fing ich an zu weinen wie ein kleines Kind. Die Tränen flossen reichlich, und ich empfand tiefes Glück wie noch nie zuvor. Ich ging auf in dem tiefen Gefühl der Freude und des Glücks, das mir in die Seele drang. Ich wusste, dass dies Gottes Antwort auf mein Gebet war.

    Meine ganze Familie ließ sich taufen und nun sind wir im Schweizer Tempel gesiegelt worden. Dieser Segen macht mich zum glücklichsten Mann der Welt.“

    Gewiss motiviert uns diese Geschichte, alles zu tun, was wir können, um die Freude weiterzugeben, mit der man gesegnet wird, wenn man nach dem Evangelium des Glücks lebt.

    Der letzte Gedanke, den ich heute ansprechen möchte, ist, dass wir alles tun sollen, was wir können, bis unsere irdische Bewährungszeit abgelaufen ist. Zweifellos haben wir leuchtende Beispiele dafür, wie Präsident Gordon B. Hinckley und viele andere Männer und Frauen, die in einem Alter, in dem es anderen wohl viel zu beschwerlich wäre, weiterhin treu dienen.

    In meiner Zeit als Präsident der Spanien-Mission Bilbao war ich beeindruckt von den hervorragenden Mitgliedern und Missionaren, die ich kennenlernte. Mit großem Können und viel Liebe brachten sie das Werk voran, wie viele treue Mitglieder der Kirche in anderen Teilen der Welt auch. Ihnen allen spreche ich meine Hochachtung und Bewunderung aus.

    Der Herr hat gesagt, dass es ihn freut, „die zu ehren, die mir in Rechtschaffenheit und in Wahrheit bis ans Ende dienen.

    Groß wird ihr Lohn sein und ewig wird ihre Herrlichkeit sein.“ (LuB 76:5,6.)

    Mögen wir die Worte Nephis immer in Herz und Sinn bewahren:

    „Erwache, meine Seele! Welke nicht länger in Sünde dahin. …

    Meine Seele wird sich freuen an dir, mein Gott und der Fels meiner Errettung.“ (2 Nephi 4:28,30.)

    Ich bete demütig darum, dass der Herr uns segnen möge, alles zu tun, was wir können, auf diesem außergewöhnlichen Weg, den wir gewählt haben, und von dem ich bezeuge, dass er der richtige ist. Im Namen Jesu Christi. Amen.