Nächstenliebe: Familie um Familie, Haus um Haus
    Fußnoten

    Nächstenliebe: Familie um Familie, Haus um Haus

    Als Frauen des Bundes können wir die Welt – Familie um Familie und Haus um Haus – durch Nächstenliebe, durch kleine und einfache Taten der reinen Liebe verändern.

    Vor einigen Jahren besuchten mein Mann und ich Ostberlin. Brocken der einst berüchtigten Mauer, die die Bürger der Stadt getrennt hatte, lagen herum – als Mahnmal dafür, dass die Freiheit über die Gefangenschaft triumphiert hatte. Auf einem dieser Mauerstücke stand mit dicken, ungleichmäßigen roten Buchstaben: „Viele kleine Leute an vielen kleinen Orten, die viele kleine Taten tun, können die Welt verändern.“ Ich finde, dass dieser Satz ausdrückt, was jede von uns – als Frau des Bundes – bewirken kann, wenn wir vortreten und dem Herrn unser Herz und unsere Hände darbringen, indem wir unsere Mitmenschen emporheben und lieben.

    Dabei kommt es nicht darauf an, ob wir der Kirche ein paar Tage oder schon unser ganzes Leben lang angehören, ob wir alleinstehend, verheiratet, geschieden, verwitwet, reich, arm, gebildet oder ungebildet sind, ob wir in der Großstadt leben oder in der tiefsten Provinz. Wir Frauen des Bundes haben uns der Sache Christi durch das Taufbündnis und die Tempelbündnisse geweiht. Wir können die Welt – Familie um Familie und Haus um Haus – durch Nächstenliebe, durch kleine und einfache Taten der reinen Liebe verändern.

    Nächstenliebe, die reine Christusliebe, ist die „höchste, edelste, stärkste Art von Liebe“1, für die wir „mit der ganzen Kraft des Herzens zum Vater“2 beten, um sie zu besitzen. Elder Dallin H. Oaks lehrt uns, dass Nächstenliebe „keine Tat, sondern ein Zustand ist“.3 Die Nächstenliebe, die wir tagtäglich ausüben, ist „nicht mit Tinte [geschrieben], sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes … – wie auf Tafeln – in Herzen von Fleisch“.4 Nach und nach verändern unsere gütigen Taten unser Wesen, definieren unseren Charakter und machen uns schließlich zu Frauen, die mit Mut und Hingabe zum Herrn sagen: „Hier bin ich, sende mich!“

    Als unser Vorbild zeigte der Erretter uns durch seine Taten, was Nächstenliebe bedeutet. Jesus diente nicht nur der Menge, sondern zeigte auch seine tiefe Liebe und Fürsorge für seine Familie. Selbst während er am Kreuz schreckliche Qualen litt, dachte er an seine Mutter und ihre Bedürfnisse.

    „Bei dem Kreuz Jesu [stand] seine Mutter. … Als Jesus seine Mutter sah und bei ihr den Jünger, den er liebte, sagte er zu seiner Mutter: Frau, siehe, dein Sohn! Dann sagte er zu dem Jünger: Siehe, deine Mutter! Und von jener Stunde an nahm sie der Jünger zu sich.“5

    Mich bewegt es, dass diese Schriftstelle zeigt, wie hingebungsvoll sich Johannes ihrer annahm. In [der englischen Bibel] heißt es, dass er sie zu sich nach Hause nahm. Ich glaube, dass die wichtigsten Taten der Nächstenliebe klein und einfach und doch von ewiger Bedeutung sind und bei uns zu Hause vollbracht werden.

    Beim täglichen Versuch, geduldig und liebevoll mit einem quengligen Baby, mit anstrengenden Teenagern, schwierigen Zimmergenossen, einem weniger aktiven Ehepartner oder alt gewordenen oder behinderten Eltern umzugehen, fragen wir uns vielleicht: „Ist das, was ich tue, überhaupt wichtig? Ist es von Bedeutung? Bewirke ich irgend etwas?“ Liebe Schwestern, was Sie tun, ist wirklich wichtig! Es ist von sehr, sehr großer Bedeutung. Jeden Tag lernen wir zu Hause – immer wieder –, dass die Nächstenliebe, die reine Christusliebe, niemals aufhört. So viele FHV-Schwestern bewirken viel Gutes, indem sie ihrer Familiedienen. Diese glaubenstreuen Frauen erhalten kein Lob von der Welt – trachten auch nicht danach –, aber sie haben Erbarmen und bewirkenvieles.6

    Wer sind diese Frauen, die etwas bewirken? In Nauvoo öffneten unsere FHV-Schwestern aus der Anfangszeit inmitten erdrückender Armut ihr Herz und nahmen viele Neubekehrte, die in die Stadt strömten, bei sich auf. Sie teilten ihr Essen und ihre Kleidung, und, was noch wichtiger ist, sie ließen sie an ihrem Glauben an die erlösende Liebe des Erretters teilhaben.

    Schwester Knell ist in unserer Zeit eine der Frauen des Bundes, die etwas bewirkt eine Witwe über 80 mit einem 47 Jahre alten Sohn, der von Geburt an geistig und körperlich behindert ist. Vor ein paar Jahren setzte sich diese liebe Schwester ein Ziel, das alle für unerreichbar hielten, nämlich ihrem Sohn Keith das Lesen beizubringen. Lesen zu lernen war sein größter Wunsch, aber die Ärzte hatten gemeint, er sei dazu nicht fähig. Mit gläubigem Herzen und dem Wunsch, ihrem Sohn das Leben zu verschönern, sagte diese demütige Witwe zu ihm: „Ich weiß, dass der Vater im Himmel dich segnen wird, so dass du das Buch Mormon lesen kannst.“

    Schwester Knell schrieb: „Keith musste sich unheimlich anstrengen und auch für mich war es nicht leicht. Anfangs erlebten wir schlimme Tage, weil ich mich aufregte. Es war ein zeitraubender Kampf um jedes einzelne Wort. Jeden Morgen setze ich mich zu ihm. Mit einem Bleistift zeige ich auf jedes Wort, damit er nicht abgelenkt wird. Nach sieben langen Jahren und einem Monat hatte Keith das Buch Mormon endlich zu Ende gelesen.“ Seine Mutter meinte: „Ihn einen Vers ohne Hilfe lesen zu hören, ist so aufregend, dass ich es gar nicht in Worte fassen kann.“ Sie bezeugt: „Ich weiß, dass Wunder geschehen, wenn wir unser Vertrauen in den Herrn setzen.“7

    In aller Welt – in Afrika, Asien, im Pazifikraum, in ganz Amerika und in Europa – bewirken gütige Frauen gemeinsam mit ihrer Familie auch etwas im Gemeinwesen. Auf der winzigen Insel Trinidad helfen Schwester Ramoutar, eine vielbeschäftigte FHV-Leiterin, und ihre Familie Kindern aus der Nachbarschaft. Die Familie Ramoutar lebt in einem Dorf, das „von Drogen befallen“ ist, wo viele Eltern und Erwachsene alkoholabhängig sind oder mit Drogen handeln. Die Kinder sind in großer Gefahr und werden oft überhaupt nicht beaufsichtigt. Viele besuchen nicht einmal die Schule.

    Jeden Donnerstagabend sitzen bis zu 30 Kinder im Alter von 3 bis 19 Jahren auf dem überdachten Platz vor dem Haus der Familie Ramoutar und beteiligen sich eifrig an der „großen, glücklichen Familie“, wie die Gruppe genannt wird. Dabei beten sie, singen Kirchenlieder oder auch lustigere Lieder und erzählen, was sie in dieser Woche Gutes getan haben. Manchmal findet auch ein nützlicher Unterricht statt, der von einem Arzt, einem Polizisten, einem Lehrer oder unseren Missionaren abgehalten wird, beispielsweise über die sechs Tipps von Präsident Gordon B. Hinckley an die Jugend. Familie Ramoutar rettet Kinder durch ihre kleinen und einfachen Taten der Nächstenliebe. Weil in der „großen, glücklichen Familie“ über das Evangelium gesprochen wurde, haben sich einige taufen lassen.

    Liebe FHV-Schwestern, ich weiß, dass wir, wo und unter welchen Umständen wir auch leben, als Frauen des Bundes, in Rechtschaffenheit vereint, die Welt verändern können. Wie Alma bezeuge ich, dass „durch Kleines und Einfaches … Großes zustande gebracht“ wird.8 Zu Hause bezeugen diese kleinen und einfachen Taten – unsere Taten der Nächstenliebe, die wir jeden Tag verrichten – unsere Einstellung: „Hier bin ich, sende mich!“

    Ich bezeuge, dass der größte Akt der Nächstenliebe in der Zeit und in aller Ewigkeit das Sühnopfer Jesu Christi war. Bereitwillig legte er sein Leben nieder, um für meine und Ihre Sünden zu sühnen. Ich will mich seiner Sache weihen und habe den Wunsch, ihm immer zu dienen, wohin er mich auch beruft. Im Namen Jesu Christi. Amen.

    1. Bible Dictionary, Seite 632.

    2. Moroni 7:48.

    3. „Werden – unsere Herausforderung“, Liahona, Januar 2001, Seite 42.

    4. 2 Korinther 3:3.

    5. Johannes 19:25-27.

    6. Siehe Judas 1:22.

    7. Brief aus dem Archiv der FHV-Verwaltung.

    8. Alma 37:6.