2000–2009
Zion mitten in Babylon
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Zion mitten in Babylon

Wir müssen nicht die Maßstäbe, die Sitten und die Moral Babylons übernehmen. Wir können Zion mitten in Babylon schaffen.

Im letzten Sommer hatten meine Frau und ich die Gelegenheit, nach San Diego in Kalifornien zu reisen und dort Shakespeares Macbeth am Old Globe Theater anzusehen. Wir besuchten zwei Vorstellungen, weil unsere Tochter Carolyn eine der drei Hexen in dem Stück spielte. Natürlich freuten wir uns, sie in dem Stück zu sehen, und noch mehr freuten wir uns, als sie in einem dramatischen Augenblick jene berühmten Worte sagte: „Ha! Mir juckt der Daumen schon, sicher naht ein Sündensohn.“ (4. Akt, 1. Szene, Zeile 40, 41.)

Als ich dies hörte, dachte ich daran, wie nützlich es wäre, ein Frühwarnsystem zu haben, das uns mitteilt, wenn sich Böses naht, damit wir darauf vorbereitet sind. Das Böse naht sich uns unweigerlich, ob wir nun ein Frühwarnsystem haben oder nicht.

Einmal fuhren meine Frau und ich abends über Land und näherten uns einer großen Stadt. Als wir über die Hügel fuhren und die hellen Lichter am Horizont sahen, stieß ich meine Frau an und sagte: „Schau, die Stadt Babylon!“

Natürlich gibt es heute keine bestimmte Stadt, die Babylon verkörpert. Babylon war zur Zeit des alten Israel eine Stadt, die sinnlich, dekadent und korrupt geworden war. Das bedeutendste Gebäude in der Stadt war der Tempel eines falschen Gottes, den wir oft als Bel oder Baal bezeichnen.

Sinnlichkeit, Korruption, Dekadenz und die Verehrung falscher Götter sind jedoch in vielen Städten, groß und klein, auf der ganzen Erde zu sehen. Der Herr hat gesagt: „Sie suchen nicht den Herrn, um seine Rechtschaffenheit aufzurichten, sondern jedermann wandelt auf seinem eigenen Weg und nach dem Abbild seines eigenen Gottes, dessen Abbild dem der Welt gleicht.“ (LuB 1:16.)

Zu viele Menschen in der Welt sind dem alten Babylon ähnlich geworden, indem sie auf ihren eigenen Wegen gewandelt und einem Gott gefolgt sind, dessen Abbild dem der Welt gleicht.

Zu den größten Herausforderungen, vor denen wir stehen, gehört, dass wir fähig sein müssen, in dieser Welt zu leben, aber irgendwie nicht von dieser Welt zu sein. Wir müssen Zion mitten in Babylon schaffen.

„Zion mitten in Babylon“ – welch brillianter, strahlender Ausdruck für ein Licht, das inmitten geistiger Finsternis leuchtet. Welch eine Vorstellung, die wir fest im Herzen tragen können, wenn wir sehen, wie sich Babylon immer mehr ausbreitet. Wir sehen Babylon in unseren Städten, wir sehen Babylon in unserem Land, wir sehen Babylon überall.

Und mit dem Übergreifen Babylons müssen wir mitten in ihm Zion schaffen. Wir dürfen uns von dem kulturellen Umfeld, das uns umgibt, nicht verschlingen lassen. Wir erkennen selten, in welchem Maß wir ein Produkt unseres kulturellen Umfelds und unserer Zeit sind.

Zur Zeit des alten Israel war das Volk des Herrn eine Insel des einzig wahren Gottes, umgeben von einem Meer des Götzendienstes. Die Wellen dieses Meeres brachen sich pausenlos an der Küste Israels. Trotz des Gebotes, sich kein Gottesbild zu machen und sich davor niederzubeugen, konnte Israel, beeinflusst vom kulturellen Umfeld des Ortes und der Zeit, anscheinend nicht anders. Trotz des Verbots des Herrn und entgegen dem, was Propheten und Priester sagten, ging Israel immer wieder fremden Göttern nach und beugte sich vor ihnen nieder.

Wie konnte Israel den Herrn vergessen, der es aus Ägypten geführt hatte? Sie wurden ständig von dem, was in ihrem Umfeld populär war, bedrängt.

Wie heimtückisch ist doch das kulturelle Umfeld, in dem wir leben! Es durchdringt unsere Umgebung, und wir halten uns für vernünftig und logisch, während wir nur allzu oft durch die moralische Gesinnung geprägt werden, die man auf Deutsch Zeitgeist nennt, das heißt, unser kulturelles Umfeld und die Zeit prägen uns.

Da meine Frau und ich Gelegenheit hatten, in zehn verschiedenen Ländern zu leben, konnten wir die Wirkung der moralischen Gesinnung auf das Verhalten beobachten. Bräuche, die in einem Kulturraum vollkommen annehmbar sind, gelten in einem anderen als inakzeptabel; eine Ausdrucksweise, die mancherorts als höflich gilt, wird andernorts verabscheut. Die Menschen in jedem Kulturkreis bewegen sich in einem Kokon selbstzufriedener Selbsttäuschung, voll und ganz überzeugt, dass die Dinge wirklich so sind, wie sie sie sehen.

Unser kulturelles Umfeld hat die Tendenz zu bestimmen, welches Essen wir mögen, wie wir uns kleiden, was höfliches Verhalten ausmacht, welchen Sport wir treiben sollen, welchen Musikgeschmack wir haben sollen, wie wichtig Bildung ist und welche Einstellung wir zur Ehrlichkeit haben. Es beeinflusst die Menschen auch im Hinblick darauf, wie wichtig Erholung oder Religion sind, es beeinflusst Frauen in Bezug darauf, ob sie dem Beruf oder dem Kinderkriegen den Vorrang geben, und es hat einen machtvollen Einfluss auf unsere Einstellung zur Fortpflanzungskraft und zu sittlichen Fragen. Nur zu oft sind wir wie Marionetten, während unser kulturelles Umfeld bestimmt, was „in“ ist.

Es gibt natürlich einen Zeitgeist, auf den wir achten sollen, nämlich die moralische Gesinnung des Herrn, die Kultur des Volkes Gottes. Petrus drückt das so aus: „Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1 Petrus 2:9.)

Das ist die moralische Gesinnung derjenigen, die die Gebote des Herrn halten, auf seinen Wegen wandeln und „von jedem Wort leben, das aus dem Mund Gottes hervorkommt“ (LuB 84:44). Wenn uns das zu etwas Besonderem macht, dann sei es so.

Meine Aufgabe beim Bau des Manhattan-Tempels gab mir die Gelegenheit, schon vor der Weihung ziemlich oft in diesem Tempel zu sein. Es war wunderbar, in vollkommener Stille im celestialen Saal zu sitzen, ohne dass auch nur ein Laut von den geschäftigen Straßen New Yorks draußen zu hören war. Wie war es möglich, dass der Tempel so ehrfürchtig still war, wo doch das geschäftige Treiben der Metropole nur ein paar Meter entfernt war?

Die Antwort lag in der Bauweise des Tempels. Der Tempel war innerhalb der Mauern eines bereits bestehenden Gebäudes angelegt worden, und die Innenwände des Tempels waren nur an sehr wenigen Verbindungspunkten mit den Außenwänden verbunden. So begrenzte der Tempel – Zion – den Einfluss Babylons oder der Welt draußen.

Hierin kann eine Lehre für uns liegen. Wir können das wirkliche Zion unter uns schaffen, indem wir das Ausmaß begrenzen, in dem Babylon unser Leben beeinflusst.

Als Nebukadnezzar etwa 600 v. Chr. aus Babylon kam und Juda besiegte, führte er das Volk des Herrn fort. Nebukadnezzar wählte einige der jungen Männer für eine besondere Ausbildung und Schulung aus.

Unter ihnen waren Daniel, Hananja, Mischaël und Asarja. Sie waren die Begünstigten unter den jungen Leuten, die nach Babylon gebracht worden waren. Der Diener des Königs wies sie an, von den Speisen des Königs zu essen und von seinem Wein zu trinken.

Machen wir uns einmal richtig klar, unter welchem Druck die vier jungen Männer standen. Sie waren von einer Siegermacht als Gefangene fortgeführt worden und befanden sich am Hof eines Königs, der die Macht hatte, über ihr Leben oder ihren Tod zu bestimmen. Und doch weigerten Daniel und seine Brüder sich, das zu tun, wovon sie glaubten, dass es falsch war, wie sehr die babylonische Kultur auch von dessen Richtigkeit überzeugt war. Und für diese Treue und diesen Mut segnete der Herr sie und gab ihnen „Wissen und Verständnis in jeder Art Schrifttum und Weisheit“ (Daniel 1:17).

Von unserem kulturellen Umfeld dazu verleitet, erkennen wir unsere Götzenverehrung oft kaum, weil unsere Fäden von dem, was in der babylonischen Welt populär ist, gezogen werden. Es ist wahrhaftig so, wie der Dichter Wordsworth gesagt hat: „Zu nah steht uns die Welt.“ („The World Is Too Much with Us; Late and Soon“, in The Complete Poetical Works of William Wordsworth, Seite 353.)

In seinem ersten Brief schreibt Johannes: „Ich schreibe euch …, dass ihr stark seid und dass das Wort Gottes in euch bleibt und dass ihr den Bösen besiegt habt. Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist!“ (1 Johannes 2:14,15.)

Wir müssen nicht die Maßstäbe, die Sitten und die Moral Babylons übernehmen. Wir können Zion mitten in Babylon schaffen. Wir können unsere eigenen Maßstäbe für Musik, Literatur, Tanz, Film und Sprache haben. Wir können unsere eigenen Maßstäbe für Kleidung, Benehmen, Höflichkeit und Respekt haben. Wir können in Übereinstimmung mit den Sittengesetzen des Herrn leben. Wir können begrenzen, wie viel von Babylon wir durch die Kommunikationsmedien in unser Zuhause lassen.

Wir können als ein Zionsvolk leben, wenn wir es möchten. Wird es schwer sein? Natürlich, schließlich brechen die Wellen der babylonischen Kultur unaufhörlich über unsere Küste herein. Wird es Mut erfordern? Selbstverständlich.

Wir waren immer schon hingerissen von Geschichten über den Mut derjenigen, die vor übermächtigen Herausforderungen standen und sie überwanden. Mut ist die Grundlage für all unsere anderen Tugenden; der Mangel an Mut hingegen schmälert jede unserer anderen Tugenden. Wenn wir Zion mitten in Babylon haben wollen, werden wir Mut brauchen.

Haben Sie sich schon einmal vorgestellt, dass Sie irgendetwas Mutiges tun würden, wenn es hart auf hart käme? Ich tat es als Junge. Ich stellte mir vor, dass jemand in Gefahr wäre und ich ihn unter Einsatz meines eigenen Lebens rettete. Oder ich stellte mir vor, dass ich bei einer gefährlichen Auseinandersetzung mit einem furchterregenden Gegner den Mut hätte, diesen zu überwältigen. Dieser Art sind unsere Vorstellungen in der Jugend!

Ein Leben von fast siebzig Jahren hat mich gelehrt, dass solche heroischen Gelegenheiten selten sind, wenn sie überhaupt kommen.

Aber die Gelegenheiten, für das Rechte einzustehen, wenn der Druck, der auf uns ausgeübt wird, subtiler Art ist und sogar unsere Freunde uns dazu ermuntern, der Götzenverehrung der Zeit nachzugeben – diese Gelegenheiten kommen weitaus häufiger. Kein Fotograf ist dort, um den Heldenmut festzuhalten, kein Journalist wird es auf die Titelseite einer Zeitung bringen – nur in der stillen Betrachtung unseres Gewissens werden wir wissen, dass wir vor dieser Mutprobe gestanden haben: Zion oder Babylon?

Lassen Sie sich nicht täuschen. Viel von Babylon, wenn nicht das meiste davon, ist schlecht. Und wir werden kein Jucken in unserem Daumen verspüren, das uns warnt. Aber die Wellen kommen, eine nach der anderen, und schlagen gegen unser Land. Wird es Zion sein oder Babylon?

Wenn Babylon die Stadt der Welt ist, dann ist Zion die Stadt Gottes. Der Herr hat über Zion gesagt: „Zion kann nicht anders aufgebaut werden als nur nach den Grundsätzen des Gesetzes des celestialen Reiches“ (LuB 105:5) und „dies ist Zion – die im Herzen Reinen“ (LuB 97:21).

Wo immer wir uns auch aufhalten, in welcher Stadt wir auch leben mögen: Wir können unser eigenes Zion nach den Grundsätzen des celestialen Reiches aufbauen und stets danach trachten, die im Herzen Reinen zu werden. Zion ist das Schöne, und der Herr hält es in seinen Händen. Unser Zuhause kann ein Ort der Zuflucht und des Schutzes sein – genau wie Zion.

Wir müssen nicht wie Marionetten in der Hand der Kultur des Ortes und der Zeit sein. Wir können mutig sein, auf den Pfaden des Herrn gehen und ihm nachfolgen. Wenn wir dies tun, werden wir Zion genannt werden und das Volk des Herrn sein.

Ich bete darum, dass wir gestärkt werden, um dem Ansturm Babylons zu widerstehen, und dass wir Zion in unseren Familien und Gemeinwesen schaffen können – damit wir Zion wahrhaftig mitten in Babylon haben.

Wir trachten nach Zion, weil es die Wohnstätte unseres Herrn Jesus Christus, unseres Erretters und Erlösers ist. In Zion und von Zion ausgehend wird sein strahlendes, hell leuchtendes Licht scheinen, und er wird für immer herrschen. Ich gebe Zeugnis, dass er lebt und uns liebt und über uns wacht.

Im Namen Jesu Christi. Amen.