2000–2009
Für den Herrn heranwachsen
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Für den Herrn heranwachsen

Von denjenigen, die tatsächlich „für den Herrn heranwachsen“ wollen, wird unbeirrter Dienst an anderen selbst unter schwierigen Umständen gefordert.

Vor ein paar Monaten fuhr ich mit zwei couragierten älteren Missionarinnen im Auto. Sie waren fest entschlossen, die Wohnung eines Mitglieds ihrer Gemeinde im Osten der Vereinigten Staaten zu finden. Sie lag mitten in der Stadt. Während ich hinten im Auto saß und den Atem anhielt, plärrte das Navigationssystem in regelmäßigen Abständen: „Bitte wenden! Bitte wenden!“ Unbeeindruckt empfahl die Missionarin, die den Stadtplan las, eine Abzweigung nach der anderen durch den Straßendschungel hindurch, bis wir schließlich die Wohnung der Schwester fanden, der sie versprochen hatten, dass sie ihr Lesen und Schreiben beibringen.

Durch ihr Handeln und ihre Einstellung verkörperten diese bemerkenswerten Schwestern etwas, was viel mehr ist als nur eine Folge ihrer Lebensjahre auf Erden. Sie demonstrierten wahre geistige Reife.

Helaman, der große Prophet im Buch Mormon, nannte seine Söhne Nephi und Lehi nach ihren Vorfahren, und „sie fingen an, für den Herrn heranzuwachsen“.1 Ob wir nun jung oder schon älter sind – wir alle müssen das Gleiche tun.

Der Gedanke, für den Herrn heranzuwachsen, ist fesselnd. Anders als beim körperlichen Heranwachsen tritt das geistige Wachstum erst dann ein, wenn wir uns dazu entschließen, wie der Apostel Paulus es ausgedrückt hat, das abzulegen, was Kind an uns ist.2

Das tägliche Gebet und das Schriftstudium, das Einhalten der Gebote und der Bündnisse, die wir mit der Taufe und im Tempel geschlossen haben, sind grundlegend dafür, dass man für den Herrn heranwächst. Wir lernen, auf seinen Wegen zu gehen, indem wir das tun, was uns dem himmlischen Vater näher bringt, und indem wir unsere Kinder und andere darin unterweisen, dies ebenfalls zu tun. Wir legen das ab, was Kind an uns ist, wenn wir uns dazu entschließen, wahrhaft christlich zu werden und anderen so zu dienen, wie er es möchte.

Als die Kirche in dieser Evangeliumszeit gegründet wurde, erklärte der Herr, dass diejenigen, die „durch die Taufe in seine Kirche aufgenommen werden“, teilweise diejenigen sein würden, die „willens sind, den Namen Jesu Christi auf sich zu nehmen, mit der Entschlossenheit, ihm bis ans Ende zu dienen“.3 Das bedeutet, alle Tage unseres Lebens „standhaft und unverrückbar …, stets reich an guten Werken“4 zu sein. Heute, wo die Kirche in 170 Ländern auf der Erde wächst, wird von denjenigen, die tatsächlich „für den Herrn heranwachsen“ wollen, unbeirrterDienstan anderen selbst unter schwierigen Umständen gefordert. Diese Ausbreitung der Kirche bedeutet, dass viele von uns die Möglichkeit haben werden, Neubekehrten zu dienen.

Ich erlebte ein unvergessliches Beispiel dessen, wie Neubekehrten im Evangelium auf solch unbeirrte Weise gedient wurde, als ich die beiden engagierten Missionarinnen begleitete – die eine war eine fast achtzigjährige Witwe, die andere eine alleinstehende Mutter um die sechzig. Falsch abzubiegen konnte sie nicht abschrecken. In dieser Gemeinde wurde ich auch Zeuge eines weiteren Beispiels.

Sie besteht aus Mitgliedern aller Altersstufen und aus vielen Ländern, denen es wirtschaftlich nicht allen gleich gut geht und die unterschiedliche Erfahrung in der Kirche haben. Zu denen mit der größten Erfahrung in der Kirche gehören einige viel beschäftigte junge Paare, die noch studieren, kaum Zeit und kleine Kinder haben.

Ich habe dort eine junge Mutter gesehen, die die Neubekehrten in der Gemeinde als Besuchslehrerinnen betreut hat. Ihr Mann passte auf das Baby auf, während sie zwei afrikanischen Schwestern begeistert zeigte, wie man sich liebevoll umeinander kümmert. Das bedeutete, dass sie diesen Schwestern nicht nur beibrachte, in einem neuen Land zurechtzukommen, sondern auch, sich auf ihre neue Religion einzustellen.

Durch ihr Vorbild lehrte sie die afrikanischen Schwestern, wie man einander so dient, dass es dem Herrn gefällt. Die Worte des Apostels Paulus beschreiben einfühlsam das, was ich darin sah, wie sich diese Betreuerin für Besuchslehrarbeit gegenüber Neubekehrten verhielt: „Wir sind euch freundlich begegnet … [, wir] waren … euch zugetan und wollten euch nicht nur am Evangelium Gottes teilhaben lassen, sondern auch an unserem eigenen Leben; denn ihr wart uns sehr lieb geworden.“5 Bei jedem Besuch sorgte die junge Betreuerin für Aufmunterung, sie ging sanft hilfreich zur Hand und trug die Besuchslehrbotschaft vor.

Mit der Zeit bereiteten die Schwestern die Besuchslehrbotschaft gemeinsamvor, um sie anderen Schwestern nach Hause zu bringen. Wenn sie unterwegs waren, stellten sie Bedürfnisse fest, halfen sofort und wurden so wahre FHV-Schwestern, die sich dazu verpflichtet haben, einander aufzurichten, zu trösten und zu ermutigen. Ich glaube, ich werde immer, wenn ich die Worte „ihre Herzen in Einigkeit und gegenseitiger Liebe verbunden“6 höre, an diese drei glücklichen, liebevollen Schwestern denken, die durch ihr unbeirrtes Dienen gezeigt haben, was es bedeutet, für den Herrn heranzuwachsen.

Abgesehen von unentwegtem, unbeirrtem Dienen können wir uns auch dadurch entschließen, für den Herrn heranzuwachsen, dass wir bereit sind, im Glauben vorwärts zu streben– selbst dann, wenn wir nicht genau wissen, was wir tun sollen. Betrachten Sie Nephis Bericht, wie ihm geboten wurde, ein Schiff zu bauen. Er berichtet über den Sachverhalt:

„Und es begab sich: Der Herr sprach zu mir, nämlich: Du sollst ein Schiff bauen auf die Weise, die ich dir zeigen werde …

Und ich sagte: Herr, wohin soll ich gehen, dass ich Erz finde zum Schmelzen, damit ich ein Werkzeug machen kann …?“7

Nephi stellte die zu erfüllende Aufgabe nicht in Frage. Vielmehr bewies er in dieser Situation wie auch schon vorher geistig reife Erkenntnis: „Und so sehen wir, dass die Gebote Gottes erfüllt werden müssen. Und wenn es so ist, dass die Menschenkinder die Gebote Gottes halten, nährt er sie und stärkt sie und bereitet Mittel, wodurch sie das vollbringen können, was er ihnen geboten hat.“8 Kurz gesagt, Nephi schaute nach einer Lösung und nicht auf die Hindernisse, denn er wusste – er wusste –, dass er bei seinem Heranwachsen für den Herrn von Gott Hilfe dabei erhalten konnte und würde, jedes erhaltene Gebot auszuführen.

In derselben Gemeinde konnte ich in der sanften, liebevollen Sorge eines Bischofs denselben Glauben beobachten. Er vergeudete angesichts der enormen Bedürfnisse einer immer größer werdenden Zahl von Neubekehrten keine Zeit mit Verzweiflung. Vielmehr strebte er vorwärts, indem er die erfahreneren Mitglieder der Kollegien des Aaronischen und Melchisedekischen Priestertums zur Mithilfe heranzog, um Neubekehrte aus Afrika und Lateinamerika auf ihre Priestertumsaufgaben vorzubereiten. Die neuen Brüder wurden darin unterwiesen, wie man das Abendmahlsgeschirr beim Austeilen hält und wie man sich hinkniet und das Brot und Wasser andächtig segnet. Ihre erfahreneren, oftmals jüngeren Brüder übten gemeinsam mit ihnen die Worte der Abendmahlsgebete, damit sie sich sicher fühlten, wenn sie sie sprachen. Danach sprachen alle Brüder gemeinsam über die Heiligkeit dieser wichtigen heiligen Handlung des Priestertums.

Wir alle haben schon erlebt, dass wir unsere Entschlossenheit, anderen zu dienen und unsere Bereitschaft, im Glauben vorwärts zu streben, zeigen mussten. Als mir mein Mann am Telefon erzählte, dass wir statt unserer Missionsberufung einen schwierigen Auftrag in Afrika bekommen hatten, antwortete ich: „Das kriege ich hin. Ich glaube, ich kriege das hin.“ Durch meine Worte zeigte ich, dass ich mich dazu verpflichtet hatte, im Glauben vorwärts zu streben – erneut im Vertrauen, dass der Herr mir helfen würde. Ich zeigte meine Bereitschaft, für den Herrn heranzuwachsen.

Wie dieser glaubenstreue Bischof, diese engagierten Schwestern und ich bestätigen können, wird, während wir ständig für den Herrn heranwachsen, von uns gefordert, alles zu tun, was wir können, und manchmal sogar etwas, was unser Wissen übersteigt. Die Herausforderungen mögen gewaltig und der Weg manchmal unbekannt sein. Auch wenn man hie und da einmal den falschen Weg einschlägt, können diejenigen, die bestrebt sind, wirklich christlich zu sein – fest entschlossen, anderen zu dienen, und bereit, im Glauben vorwärts zu streben – die große geistige Wahrheit widerhallen lassen, die Nephi aussprach, als er mit dem Schiffbau fortfuhr: „Und ich betete oft zum Herrn; darum zeigte der Herr mir Großes.“9 Wenn einem Großes gezeigt wird – was für ein Geschenk, was für eine Segnung für all diejenigen, die sich dazu entschlossen haben, für den Herrn heranzuwachsen! Mögen wir sanft und liebevoll sein und unerschütterliche geistige Reife zeigen, darum bete ich demütig im NamenJesu Christi. Amen.