2000–2009
Werkzeuge für den Frieden des Herrn
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Werkzeuge für den Frieden des Herrn

Verfallen auch wir, die wir den Namen Christi auf uns genommen haben, unbewusst in Verhaltensweisen wie Verleumdung, üble Nachrede oder verbittertes Klischeedenken?

Ich habe eine gute Bekannte, die einer politischen Gesprächsrunde angehört, die jede Woche im US-Fernsehen gezeigt wird. Ihre Rolle dort hat sie folgendermaßen beschrieben: „Wir werden aufgefordert zu sprechen, ohne vorher darüber nachzudenken.“ Wir leben anscheinend in einem Zeitalter, in dem viele sprechen ohne nachzudenken und damit eher emotionale Reaktionen als überdachte Antworten hervorrufen. Sei es auf nationaler oder auf internationaler Bühne, in privaten Beziehungen oder in der Politik, zu Hause oder in der Öffentlichkeit – der Ton wird schärfer, und es scheint eher gewollt als unbeabsichtigt zu sein, Kränkungen zuzufügen oder aber gekränkt zu reagieren.

Der Herr hat uns von Beginn an im Lauf der Geschichte wiederholt gewarnt, dass der Satan den Menschen das Herz zum Zorn aufstacheln werde1. Im Buch Mormon murrte Laman so gezielt, dass er damit zum Zorn aufstachelte, Wut schürte und zum Mord anstiftete.2 Mehr als einmal erfahren wir im Buch Mormon von irregeleiteten und schlechten Männern, die zum Zorn aufstachelten und Kriege herbeiführten. Zur Zeit des Hauptmanns Moroni entfachte der abtrünnige Amalikkja den Lamaniten das Herz gegen das Volk Nephi.3 Amulon und die schlechten Priester Noas, Nehor, Korihor und Zoram (die Liste ehrloser Männer zieht sich durch das gesamte Buch Mormon) – sie alle waren Agitatoren, die Misstrauen säten, Kontroversen anheizten und Hass schürten.

Als der Herr zu Henoch sprach, machte er deutlich, dass die Zeit seiner Geburt wie auch die Zeit, die seinem Zweiten Kommen vorangehen würde, Tage „der Schlechtigkeit und Vergeltung“4 sein würden. Außerdem hat der Herr gesagt, dass in den Letzten Tagen unvermischt Grimm über die Erde ausgegossen werden wird.5Grimm wird zum einen definiert als der rechtschaffene Unwille Gottes und zum anderen als leidenschaftlicher Zorn oder unbändige, überschäumende Wut, was äußerst menschlich ist. Ersteres entspringt der Sorge eines liebevollen Vaters, dessen Kinder oft lieblos sind und ihr eigenes Blut hassen6, wohingegen die letztere Art des Grimms einem Volk zu verdanken ist, das „ohne Ordnung und ohne Barmherzigkeit“ ist und „in [seiner] Verderbtheit stark geworden“7 ist. Ich fürchte, die Erde erlebt beide Arten des Grimms, und ich denke, der Grimm Gottes wird vor allem von denen hervorgerufen, die das Herz der Menschen zu Schlechtigkeit, Verunglimpfungen, Hass unddaraus resultierender Gewalt aufstacheln.

Die ersten Opfer menschlichen Grimms sind Wahrheit und Verständnis. Jakobus hat uns geraten, „schnell bereit [zu] sein zu hören, aber zurückhaltend im Reden und nicht schnell zum Zorn bereit; denn im Zorn tut der Mensch nicht das, was vor Gott recht ist.“8 Wie Henoch feststellte, ist Gottes Thron verankert in Friede, Gerechtigkeit und Wahrheit.9 Seien es nun falsche Freunde oder unredliche Lehrer, Künstler oder Entertainer, Kommentatoren oder Verfasser von Leserbriefen an Lokalzeitungen oder Menschen, die nach Macht oder Reichtum trachten – hüten wir uns vor all denen, die uns so sehr zum Zorn reizen wollen, dass besonnenes Denken und Milde auf der Strecke bleiben.

Alma forderte an den Wassern Mormon diejenigen, die mit Gott einen Bund schließen wollten, auf, als Zeugen Gottes aufzutreten und einer des anderen Last zu tragen.10 Wir, die wir fürwahr einen heiligen Bund geschlossen haben, müssen dem Weg, der Wahrheit und dem Leben treu bleiben, nämlich Jesus Christus.

Verfallen auch wir, die wir den Namen Christi auf uns genommen haben, unbewusst in Verhaltensweisen wie Verleumdung, üble Nachrede oder verbittertes Klischeedenken? Haben uns persönliche, politische, berufliche oder religiöse Meinungsverschiedenheiten dazu verleitet, Andersdenkende in gewisser Weise zu dämonisieren? Halten wir inne, um Verständnis für die scheinbar abweichenden Standpunkte anderer aufzubringen, und suchen wir nach so vielen Gemeinsamkeiten wie möglich?

Ich weiß noch, wie ich als Student eine kritische Abhandlung über einen bedeutsamen politischen Philosophen geschrieben habe. Es war deutlich, dass ich mit ihm nicht übereinstimmte. Meine Dozentin sagte mir, meine Arbeit sei gut, aber nicht gut genug. Ehe Sie Ihre Kritik deutlich machen, sagte sie, müssen Sie zunächst das beste Argument für den Standpunkt, dem Sie widersprechen, vortragen, eines, das der Philosoph selbst akzeptieren könnte. Ich schrieb die Abhandlung neu. Ich war immer noch ganz anderer Meinung als der Philosoph, aber ich verstand ihn besser und konnte sowohl die Stärken und Vorteile als auch die Beschränkungen seiner Auffassung erkennen. Ich hatte eine Lektion gelernt, die ich seither in allen Lebensbereichen angewandt habe.

General Andrew Jackson sagte, als er bei der Schlacht von New Orleans die Front abschritt, zu seinen Männern: „Meine Herren, halten Sie Ihre Gewehre etwas niedriger im Anschlag!“ Ich glaube, viele von uns müssen ihre „Gewehre“ etwas niedriger im Anschlag halten. Andererseits müssen wir das Niveau unserer Gespräche und öffentlichen Äußerungen anheben. Wir müssen es vermeiden, den Standpunkt anderer verzerrt wiederzugeben oder ihnen, wie man sagt, „etwas in den Mund zu legen“ oder ungerechtfertigt abfällig über ihre Motive und ihren Charakter zu sprechen. Wir müssen, wie der Herr uns rät, ehrliche, weise und gute Männer und Frauen unterstützen, wo auch immer sie sich befinden, und erkennen, dass es „unter allen Glaubensgemeinschaften, Parteien und Konfessionen“ Menschen gibt, denen die Wahrheit des Evangeliums nur deshalb vorenthalten ist, weil sie nicht wissen, wo sie zu finden ist.11 Wollen wir dieses Licht verbergen, weil wir uns in eine Gesellschaft einfügen, in der es gang und gäbe ist, zu verleumden,in Klischees zu denken, andere zu kränken und gekränkt zu reagieren?

Manchmal neigen wir im Umgang mit Menschen, die gegensätzliche Ansichten haben, viel zu schnell zu Spott und Zynismus. Wir demoralisieren sie oder würdigen sie herab, um sie oder ihre Ansichten bloßzustellen. Dies ist eine der Lieblingsmethoden derer, die in dem großen und geräumigen Gebäude zu Hause sind, das Vater Lehi in einer Vision gesehen hat12. Judas, der Bruder Christi, warnte: „Am Ende der Zeit wird es Spötter geben, die sich von ihren gottlosen Begierden leiten lassen. Sie werden die Einheit zerstören, denn es sind irdisch gesinnte Menschen, die den Geist nicht besitzen.“13

Eng verwandt mit dem Spott ist eine zynische Einstellung. Zyniker sind geneigt, Fehler zu suchen und andere dabei zu ertappen. Mehr oder minder deutlich zeigen sie höhnischen Zweifel an Aufrichtigkeit und Redlichkeit. Jesaja sprach von denen, „die Böses tun wollen“ und „andere als Verbrecher verleumden, die dem Richter, der am Tor sitzt, Fallen stellen und den Unschuldigen um sein Recht bringen mit haltlosen Gründen“14. Diesbezüglich hat uns der Herr in den Letzten Tagen geraten: „Hört auf, Fehler aneinander zu finden … Und vor allem: Bekleidet euch mit dem Band der Nächstenliebe wie mit einem Mantel, denn es ist dies das Band der Vollkommenheit und des Friedens.“15

Präsident George Albert Smith hat festgestellt: „Auf der Welt gibt es nichts Schädlicheres oder Abträglicheres für die Menschheit als Hass, Vorurteil, Argwohn und die lieblose Einstellung, die einige Menschen gegenüber ihren Mitmenschen haben.“16 In politischer Hinsicht warnte er: „Immer wenn Ihre politische Meinung Sie dazu bringt, schlecht über Ihre Brüder zu sprechen, muss Ihnen klar sein, dass Sie sich auf gefährlichem Boden bewegen.“17 In Bezug auf die großartige Mission des Gottesreiches in den Letzten Tagen sagte er: „Diese Kirche, der wir angehören, ist nicht militant. Dies ist eine Kirche, die der Welt Frieden anbietet. Es ist nicht unsere Aufgabe, in die Welt hinauszugehen und Fehler an anderen zu finden, auch nicht, Menschen zu kritisieren, weil sie nicht verstehen. Es ist jedoch unser Vorzug, in Güte und Liebe zu ihnen zu gehen und sie an der Wahrheit teilhaben zu lassen, die der Herr in diesen Letzten Tagen offenbart hat.“18

Der Herr hat uns zu einem Volk gemacht, das einen besonderen Auftrag hat. Wie er bereits Henoch in alter Zeit gesagt hat, sollte die Zeit, in der wir leben, eine Zeit der Finsternis sein, aber auch eine Zeit, in der Rechtschaffenheit aus dem Himmel herabkommen und Wahrheit aus der Erde hervorkommen sollte, um noch einmal Zeugnis von Christus und seinem Sühnopfer zu geben. Diese Botschaft sollte die Erde überfluten, und die Auserwählten des Herrn sollten von den vier Enden der Erde gesammelt werden.19 Wo auch immer in der Welt wir leben, wir sind als Volk zu Werkzeugen für den Frieden des Herrn geformt worden. Wie Petrus gesagt hat, sind wir Gottes besonderes Eigentum geworden, damit wir die großen Taten dessen verkünden, „der [uns] aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. Einst [waren wir] nicht sein Volk, aber jetzt [sind wir] Gottes Volk.“20 Wir können es uns nicht leisten, uns einer Welt anzupassen, in der es alltäglich ist, andere zu kränken und selbst gekränkt zureagieren. Vielmehr dürfen wir, wie der Herr sowohl Paulus als auch Mormon offenbart hat, weder neiden noch uns voll Stolz aufblähen. Wir lassen uns nicht leicht zum Zorn reizen und handeln auch nicht ungehörig. Wir freuen uns nicht am Übeltun, sondern an der Wahrheit. Mit Sicherheit ist dies die reine Christusliebe, die wir verkörpern.21

In einer Welt, die von Grimm erfüllt ist, hat uns der Prophet unserer Zeit, Präsident Gordon B. Hinckley, ermahnt: „Nun gibt es vieles, was wir in diesen gefährlichen Zeiten tun können und müssen. Wir können unsere Meinung über die Lage kundtun, wie wir sie sehen, aber wir dürfen uns gegenüber unseren Brüdern und Schwestern in den verschiedenen Ländern, die auf der einen oder der anderen Seite stehen, niemals auf böse Worte oder Taten einlassen. Politische Meinungsverschiedenheiten rechtfertigen keinen Hass und keine Böswilligkeit. Ich hoffe, dass das Volk des Herrn in schwierigen Zeiten miteinander in Frieden lebt, unabhängig davon, welcher Regierung oder Partei unsere Treue gilt.“22

Verfallen wir als wahre Zeugen Christi in diesen Letzten Tagen nicht in Finsternis, sodass wir, wie Petrus es gesagt hat, „kurzsichtig“ werden, sondern bringen wir in Denken, Wort und Tat Früchte unseres Zeugnisses von Christus und seines wiederhergestellten Evangeliums hervor.23 Gott lebt. Jesus Christus ist der Weg, die Wahrheit und das Leben. Joseph Smith, der große Prophet der Wiederherstellung, war das Werkzeug, durch das wir zu einem Volk gemacht wurden, das auch heute durch einen Propheten Gottes – Präsident Gordon B. Hinckley – geführt wird. Erneuern wir jeden Tag die reine Christusliebe in unserem Herzen und überwinden wir mit unserem Herrn die Finsternis der Welt.

Im Namen Jesu Christi. Amen.