2010–2019
Seien Sie gläubig, nicht ungläubig

Seien Sie gläubig, nicht ungläubig

Wir müssen uns bewusst jeden Tag Zeit nehmen, uns von der Welt zu lösen und mit dem Himmel zu verbinden

Vor kurzem wachte ich auf und bereitete mich auf mein Schriftstudium vor. Ich nahm mein Smartphone, setzte mich auf einen Stuhl neben dem Bett und wollte die App Archiv Kirchenliteratur öffnen. Ich entsperrte mein Telefon und wollte gerade mit dem Studium anfangen, als ich ein halbes Dutzend Benachrichtigungen über Textnachrichten und E-Mails sah, die während der Nacht eingegangen waren. Ich dachte: „Ach, ich les schnell die Nachrichten und dann widme ich mich gleich den Schriften.“ Nun ja, zwei Stunden später las ich immer noch Textnachrichten, E-Mails, Kurznachrichten und Posts in den sozialen Medien. Als ich merkte, wie spät es war, machte ich mich hektisch fertig. An diesem Morgen versäumte ich mein Schriftstudium und erhielt folglich nicht die erhoffte geistige Nahrung.

Geistige Nahrung

Viele von Ihnen kennen das bestimmt auch. Die moderne Technik ist für uns in vielerlei Hinsicht ein Segen. Sie kann uns mit Freunden und der Familie verbinden und uns mit Informationen und Nachrichten über aktuelle Ereignisse in aller Welt versorgen. Sie kann uns aber auch von der wichtigsten Verbindung ablenken – unserer Verbindung zum Himmel.

Ich wiederhole, was unser Prophet, Präsident Russell M. Nelson, gesagt hat: „Wir leben in einer komplexen, zunehmend streitbaren Welt. Durch ständig verfügbare soziale Medien und Nachrichten rund um die Uhr werden wir unablässig mit Botschaften bombardiert. Wenn wir die geringste Hoffnung haben wollen, diese Unzahl von Stimmen und menschlichen Philosophien, die die Wahrheit bekämpfen, zu prüfen, müssen wir lernen, Offenbarung zu empfangen.“

Weiter hat Präsident Nelson uns gewarnt: „Es wird in künftigen Tagen nicht möglich sein, ohne den führenden, leitenden, tröstenden und steten Einfluss des Heiligen Geistes geistig zu überleben.“1

Vor Jahren erzählte Präsident Boyd K. Packer von einer Herde Rotwild, die wegen heftigen Schneefalls von ihrem natürlichen Lebensraum abgeschnitten war und möglicherweise verhungern würde. Wohlmeinende Leute versuchten, die Tiere zu retten, und verteilten mehrere Wagenladungen Heu in dem Gebiet. Normalerweise fressen Hirsche und Rehe kein Heu, aber man hoffte, es würde sie wenigstens durch den Winter bringen. Leider wurden die meisten Tiere später tot aufgefunden. Sie hatten das Heu zwar gefressen, aber es hatte sie nicht genährt, und so waren sie mit vollem Magen verhungert.2

Viele Nachrichten, mit denen wir im heutigen Informationszeitalter bombardiert werden, sind in geistiger Hinsicht damit vergleichbar: Wir können sie den ganzen Tag konsumieren, aber sie nähren uns nicht.

Wo finden wir wahre geistige Nahrung? Meistens ist sie kein Trendthema in den sozialen Medien. Wir finden sie, wenn wir auf dem Weg der Bündnisse „vorwärtsstreben“, uns dabei „beständig an der eisernen Stange fest[halten]“ und „von der Frucht des Baumes“ des Lebens essen.3 Das bedeutet, dass wir uns bewusst jeden Tag Zeit nehmen müssen, uns von der Welt zu lösen und mit dem Himmel zu verbinden.

In seinem Traum sah Lehi Menschen, die von der Frucht aßen, sich dann aber infolge des Einflusses, der von dem großen und geräumigen Gebäude – also dem Stolz der Welt – ausging, davon abwandten.4 Es ist möglich, dass junge Leute in einer Familie aufwachsen, die der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage angehört, dass sie alle für sie gedachten Versammlungen und Unterrichte besuchen, sogar an heiligen Handlungen im Tempel teilnehmen und dann „auf verbotene Pfade“ abbiegen und verlorengehen.5 Wie kann das geschehen? Oft liegt es daran, dass sie zwar einiges tun, was nach außen hin geistig erscheint, dass sie aber nicht wahrhaft bekehrt sind. Sie sind gefüttert, aber nicht genährt worden.

Ich habe aber auch viele von euch jungen Mitgliedern der Kirche kennengelernt, die intelligent, stark und glaubenstreu sind. Ihr wisst, dass ihr Söhne und Töchter Gottes seid und er euch ein Werk aufgetragen hat. Ihr liebt Gott „mit eurem ganzen Herzen, aller Macht, ganzem Sinn und aller Kraft“6. Ihr haltet eure Bündnisse und dient anderen. Das fängt schon zuhause an. Ihr übt Glauben aus, kehrt um und verbessert euch jeden Tag, und das verschafft euch beständige Freude. Ihr bereitet euch auf die Segnungen des Tempels und anderes vor, was euch als wahren Nachfolgern des Erretters offensteht. Ihr tragt dazu bei, die Welt auf das Zweite Kommen vorzubereiten, indem ihr alle einladet, zu Christus zu kommen und die Segnungen seines Sühnopfers zu empfangen. Ihr seid mit dem Himmel verbunden.

Ja, ihr steht vor Herausforderungen. Aber das geht jeder Generation so. Dies ist unsere Zeit, und wir müssen gläubig, nicht ungläubig sein. Ich bezeuge, dass der Herr unsere Herausforderungen kennt und uns durch Präsident Nelsons Führung darauf vorbereitet, ihnen entgegenzutreten. Ich glaube, dass der vor kurzem erfolgte Aufruf des Propheten nach einer auf das Zuhause ausgerichteten Kirche, unterstützt durch das, was wir in unseren Gebäuden tun,7 uns helfen soll, in dieser Zeit der geistigen Unterernährung zu überleben – ja, sogar zu gedeihen.

Das Zuhause als wichtigster Ort

Was bedeutet es, eine auf das Zuhause ausgerichtete Kirche zu sein? Ein Zuhause kann in den verschiedenen Teilen der Welt ganz unterschiedlich aussehen. Vielleicht gehören Sie zu einer Familie, die schon seit vielen Generationen in der Kirche ist. Oder Sie sind vielleicht das einzige Mitglied der Kirche in Ihrer Familie. Unter Ihnen sind Verheiratete und Ledige, manche haben Kinder zuhause, andere nicht.

Ungeachtet Ihrer Lebensumstände können Sie Ihr Zuhause zum wichtigsten Ort machen, wo Sie das Evangelium lernen und leben. Das bedeutet einfach, dass man selbst die Verantwortung für seine Bekehrung und sein geistiges Wachstum übernimmt. Es bedeutet, dass man Präsident Nelsons Rat befolgt und das „Zuhause in einen Schutzraum für den Glauben verwandelt“8.

Der Widersacher wird Ihnen einreden wollen, dass geistige Nahrung nicht notwendig ist oder – was noch hinterlistiger ist – dass man damit warten kann. Er ist der Meister der Ablenkung und der Erfinder des Aufschiebens. Er wird Sie auf Dinge aufmerksam machen, die dringend erscheinen, in Wirklichkeit aber gar nicht wichtig sind. Er möchte, dass Sie sich so „viele Sorgen“ machen, dass Sie das Eine vernachlässigen, was „notwendig“ ist.9

Wie dankbar bin ich doch für meine „guten Eltern“10, die ihre Kinder in einem Zuhause aufgezogen haben, wo diese beständig geistig genährt wurden, wo es liebevolle Beziehungen gab und man sinnvollen Freizeitbeschäftigungen nachging. Die Lehren, die sie mir in meiner Jugend vermittelten, sind mir sehr zugutegekommen. Liebe Eltern: Bitte bauen Sie eine feste Beziehung zu Ihren Kindern auf. Sie benötigen mehr von Ihrer Zeit und nicht weniger.

Die Kirche als Stütze

Die Kirche unterstützt Sie dabei. Unsere Erfahrungen in der Kirche können die geistige Ernährung, die zuhause erfolgt, in ihrer Wirkung verstärken. Diese Art von Unterstützung durch die Kirche gab es dieses Jahr schon in der Sonntagsschule und in der Primarvereinigung. In den Versammlungen des Aaronischen Priestertums und der Jungen Damen geht es jetzt damit weiter. Ab Januar 2020 wird der Lehrplan für diese Versammlungen ein wenig angepasst. Es werden noch immer Evangeliumsthemen besprochen, doch die Themen werden auf den Leitfaden Komm und folge mir nach! – Für den Einzelnen und die Familie abgestimmt. Das ist eine kleine Änderung, die aber großen Einfluss auf die geistige Ernährung der Jugendlichen haben kann.

Welche Unterstützung bietet die Kirche außerdem? In der Kirche nehmen wir vom Abendmahl, das uns jede Woche hilft, unsere Verpflichtung gegenüber dem Erretter zu erneuern. Auch versammeln wir uns in der Kirche mit anderen Gläubigen, die die gleichen Bündnisse geschlossen haben. Die liebevollen Beziehungen, die wir zu anderen Jüngern Jesu Christi entwickeln, können eine starke Stütze sein, wenn wir vor allem zuhause ein Jünger sein wollen.

Als ich 14 war, zog meine Familie in einen anderen Stadtteil. Das mag einem nicht als eine große Tragödie erscheinen, aber für mich war es damals verheerend. Es bedeutete, von Menschen umgeben zu sein, die ich nicht kannte. Es bedeutete, dass alle anderen jungen Männer in meiner Gemeinde eine andere Schule besuchten als ich. Mit meinen 14 Jahren dachte ich: „Wie konnten meine Eltern mir das nur antun?“ Mir war, als sei mein Leben ruiniert.

Bei den Aktivitäten der Jungen Männer konnte ich dann aber die anderen Mitglieder meines Kollegiums kennenlernen, und sie wurden meine Freunde. Außerdem nahmen die Mitglieder der Bischofschaft und die Berater für das Aaronische Priestertum nach und nach Anteil an meinem Leben. Sie kamen zu Sportveranstaltungen, an denen ich teilnahm. Sie schrieben mir Zettel mit aufmunternden Botschaften, die ich bis heute aufbewahrt habe. Sie hielten weiter Kontakt zu mir, als ich aufs College und schließlich auf Mission ging. Einer von ihnen war sogar am Flughafen, als ich wieder nach Hause kam. Ich werde für diese guten Brüder ewig dankbar sein und für die Mischung aus Liebe und hohen Erwartungen. Sie wiesen mir den Weg zum Himmel, und mein Leben wurde schön, ich war glücklich und hatte Freude.

Wie zeigen wir als Eltern und Führungsverantwortliche den Jugendlichen, dass sie den Weg der Bündnisse nicht allein gehen müssen? Zum einen bauen wir persönliche Beziehungen auf, zum anderen laden wir sie zu großen und kleinen Zusammenkünften ein – von FSY-Tagungen und Jugendlagern bis hin zu den wöchentlichen Kollegiums- oder Klassenaktivitäten. Unterschätzen Sie nie die Kraft, die daraus resultiert, dass man sich mit anderen versammelt, die ebenfalls versuchen, stark zu sein. Liebe Bischöfe und sonstige Führungsverantwortliche, konzentrieren Sie sich bitte darauf, die Kinder und Jugendlichen in Ihrer Gemeinde zu nähren. Sie benötigen mehr von Ihrer Zeit und nicht weniger.

Ob Sie nun Führungsverantwortlicher, Nachbar, Kollegiumsmitglied oder einfach ein Mitglied aus der Gemeinde sind: Wenn Sie die Gelegenheit haben, auf einen jungen Menschen Einfluss zu nehmen, helfen Sie ihm, sich mit dem Himmel zu verbinden. Ihr Einfluss könnte genau die Unterstützung durch die Kirche sein, die er braucht.

Brüder und Schwestern, ich bezeuge, dass Jesus Christus an der Spitze dieser Kirche steht. Er inspiriert die Führer der Kirche und führt uns zu der geistigen Nahrung, die wir brauchen, um in diesen Letzten Tagen zu überleben und erfolgreich zu sein. Diese geistige Nahrung wird uns helfen, gläubig und nicht ungläubig zu sein. Im Namen Jesu Christi. Amen.