1990–1999
An meinen Sohn, den Missionar
Oktober 1991


An meinen Sohn, den Missionar

„Der wahre Erfolg einer Mission … ist dir ins Herz eingraviert und ebenso denen, deren Leben sich aufgrund deines Einflusses für immer geändert hat.”

Meine lieben Brüder, was für ein schönes Gefühl es ist, mit würdigen Priestertumsträgern zusammenzusein! Darunter sind auch viele junge Männer. Einige von euch warten vielleicht noch auf ihren neunzehnten Geburtstag, andere jedoch haben bereits ihre Missionsberufung erhalten. An euch möchte ich heute Abend einige Gedanken richten.

Am 15. Mai dieses Jahres ereignete sich in unserer Familie etwas, das sich buchstäblich hundertmal pro Woche in vielen HLT- Familien auf der ganzen Welt wiederholt. Nach einer Zeit angespannter Erwartung erreichte uns ein Brief vom Propheten, der die Missionsberufung für unseren Sohn Bradley enthielt. Es war der dritte Brief dieser Art, den wir in unserer Familie erhalten haben, doch es ist jedesmal wieder das erstemal. Der Brief erreichte uns an einem Tag, als ich in der Mission unterwegs war, so daß der ungeöffnete Brief bis spät am Abend auf Brads Schreibtisch im Missionsheim in Wien liegenblieb. Doch dann war der Augenblick gekommen, und wir kamen alle zusammen -

Mutter, Vater, der jüngere Bruder Stephen und natürlich Bradley.

Wie in vielen Familien gibt es auch in unserer Familie eine Art Tradition, wie der Brief geöffnet wird. Zunächst befühlte einer nach dem ändern den Umschlag, drehte und wendete ihn und hielt ihn gegen das Licht, als ob er so den Inhalt erkennen könnte. Dann nahm jeder ein Blatt Papier und schrieb auf, wohin Bradley wohl berufen wurde: Japan, Neuseeland, Frankreich. Endlich wurde der Umschlag mit zittrigen Fingern geöffnet, was einige Zeit dauerte und die Spannung noch erhöhte. Schließlich hielt Brad den Brief in Händen: „Lieber Elder Neuenschwander, Sie sind hiermit berufen, als Missionar der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage zu dienen. Sie sind der Mission Warschau in Polen zugeteilt/’

In solchen Momenten kommen einem leicht die Tränen, wohl aus den unterschiedlichsten Gründen. Mutter bekommt feuchte Augen, wenn sie daran denkt, daß ein weiterer Sohn das Nest verläßt und in die Welt hinausgeschickt wird. Vater erinnert sich lebhaft an seine Berufung nach Finnland, wenn sie auch schon viele Jahre zurückliegt. Stephen begreift, daß diese letzte Abreise eines älteren Bruders bedeutet, daß er nun endlich zu Hause der Älteste ist. Seine Tränen gelten aber auch dem stillen Versprechen, daß auch er in nicht allzuferner Zeit einen solchen Brief erhalten wird.

Die älteren Brüder zu Hause in Amerika, die selbst schon auf Mission waren, wurden angerufen. Sie freuten sich sehr, zeigten sich jedoch scheinbar enttäuscht, daß Brad nicht nach Neu-Mexiko oder München berufen worden war, wo sie gedient hatten. Die Großeltern waren begeistert, daß ein weiterer Enkel würdig war, dem Herrn zu dienen.

Geschäftige Tage der Vorbereitung begannen. Der 10. Juli kam viel zu schnell, und

Brad mußte gehen. Einem Sohn, der nun ein Missionar ist, an der Missionarsschule Lebewohl zu sagen, fällt einem auch mit zunehmender Praxis nicht leichter. Das können viele von Ihnen sicher bestätigen.

Wenn es einmal etwas ruhiger war, sprachen Brad und ich über seine Mission. Vier Jahre lang hatte er im Missionsheim in Wien Missionare kommen und gehen sehen. Manche waren sogar nach Polen gegangen. Und doch habe ich noch manches auf dem Herzen, was ich ihm und euch sagen möchte, jetzt, da er selbst diese großartige Erfahrung machen kann.

Du selbst machst deine Mission zum Erfolg Deine Mission wird genau das sein, was du daraus machen willst. Dein großartiger Missionspräsident, Präsident Whipple, und gute Mitarbeiter werden dir zwar auf dem Weg helfen, aber vergiß nie, daß du allein für den Erfolg deiner Mission ausschlaggebend bist. Die Verantwortung für die Berufung, die du bereitwillig und freudig angenommen hast, ruht auf deinen Schultern. Du hast Missionare in vielen verschiedenen Ländern und Situationen gesehen. Du hast auch beobachtet, daß in ganz ähnlichen Situationen der eine Missionar erfolgreich ist, der andere weniger. Der Unterschied lag in der Einstellung und dem Wunsch des jeweiligen Missionars. Nutze die unvermeidlichen Schwierigkeiten der Missionsarbeit als Treppenstufen für dein eigenes geistiges Wachstum. Fasse jetzt den Entschluß, daß dich nichts davon abhalten wird, deine Missionsberufung groß zu machen und ehrenhaft zu erfüllen.

Vereinfache dein Leben

Wie die meisten Missionare hast du, Brad, gerade die Schule hinter dir - aktive und abwechslungsreiche Jahre. Dein Erfolg als Missionar hängt jedoch zumindest teilweise davon ab, inwieweit es dir gelingt, dein Leben zu vereinfachen und dich auf den Zweck deiner Berufung zu konzentrieren. Dein bisheriges Leben hat sich vor allem um deine eigenen Bedürfnisse gedreht, doch jetzt muß es dir um das Wohlergehen anderer gehen. Manche Missionare kämpfen mit Schwierigkeiten, weil sie die Vergangenheit nicht hinter sich lassen wollen und sich folglich nie gänzlich der Missionsarbeit widmen. Ein erfolgreicher Missionar kann auf keinen Fall mit einem Bein in der Welt und mit dem anderen in der Missionsarbeit stehen. Einem erfolgreichen Missionar gelingt dieser Übergang. Er läßt alles zurück, was ihn von seinem hauptsächlichen Zweck abhalten könnte. Nimm nicht zuviel Extragepäck mit auf Mission, weder im Koffer, noch im Geist.

Sei belehrbar

Was für eine Berufung du in der Kirche auch innehast, es wird immer jemanden geben, der über dich präsidiert. Er unterweist dich in deinen Aufgaben und macht dir Mut. Brad, sei weise und demütig genug, um von ihnen zu lernen. 1987 hat Eider Boyd K. Packer uns, den neuen Missionspräsidenten, gesagt, daß die Führer der Kirche uns vieles lehren können, wenn wir lernen, still zu sein. Ich halte das für einen guten Rat. Und ich habe seither die Erfahrung gemacht, daß jemand, der belehrbar ist, auch jemand ist, dem man vertrauen kann. Das gilt nicht nur für die Mission, sondern für alle Berufungen in der Kirche.

Sei gehorsam

Die Missionsregeln sind wichtig, so wie die Gebote wichtig sind. Wir müssen sie befolgen und erkennen, daß sie uns Kraft, Führung und Grenzen geben. Der kluge Missionar begreift den Zweck der Regeln und läßt sie für sich arbeiten. Deine Mission ist eine Zeit der Selbstdisziplin, das Auge nur auf eine Sache gerichtet. Von dir wird verlangt, auf einiges zu verzichten, was zu deinem bisherigen Leben gehört hat: Musik, Fernsehen, Videos, Romane, ja, sogar Mädchen. An all dem ist nichts Schlechtes, Brad, aber auch am Essen ist nichts Schlechtes, solange man nicht fastet. Wenn man aber fastet, ist selbst ein Teelöffel voll Wasser nicht angebracht.

Halte dich an die heilige Schrift

Missionare sind manchmal der Meinung, sie brauchten Nachschlagewerke zur heiligen Schrift, um ihr Evangeliumswissen zu

erweitern. Glaube mir, Brad, sie sind für dein Evangeliumsstudium auf Mission nicht notwendig. Laß die heiligen Schriften deine Lehrbücher sein. Der Herr hat seinen Ältesten erklärt: „Ihr seid … ausgesandt, … um die Menschenkinder das zu lehren, was ich euch durch die Macht meines Geistes in die Hand gegeben habe;

und ihr werdet aus der Höhe belehrt werden. Heiligt euch, dann werdet ihr … mit Kraft ausgerüstet werden, damit ihr geben könnt, wie ich es gesagt habe.” (LuB 43:15,16.)

Du wirst feststellen, daß der Herr zu seinem Wort steht. Die Verheißung, die er dir als Missionar gibt, ist wahr.

Achte den Titel, den du trägst

Es gibt nur wenige Männer in der Kirche, die den Titel „Eider” tragen, einer davon bist du - ein Vollzeitmissionar. Achte diesen Titel, Brad; sprich mit Ehrfurcht davon. Viele Männer haben ihm Ehre gebracht, auch deine Brüder.

Handle du genauso.

Sieh die Dinge im richtigen Verhältnis

Der wahre Erfolg einer Mission läßt sich nicht auf einer Tabelle festhalten. Er ist dir ins Herz eingraviert und ebenso denen, deren Leben sich aufgrund deines Einflusses für immer geändert hat. Gib oft Zeugnis. Ein Missionar kann durch nichts mehr Macht und positiven Einfluß ausüben als durch sein klares und einfaches Zeugnis. Dein Zeugnis ist der erste Schritt zur Bekehrung derer, die du belehrst. Hab den Mut, andere einzuladen, ihr Leben zu ändern und zu Christus zu kommen, indem sie sich an die Grundsätze und Verordnungen des Evangeliums halten.

Der Herr hat zu den Nephiten gesagt: „Dies aber ist das Gebot: Kehrt um, all ihr Enden der Erde, und kommt zu mir, und laßt euch in meinem Namen taufen, damit ihr durch den Empfang des Heiligen Geistes geheiligt werdet, damit ihr am letzten Tag makellos vor mir stehen könnt.

Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Dies ist mein Evangelium.” (3 Nephi 27:20,21.) Sei anderen durch dein Priestertum und deine Gegenwart ein Segen.

Brad, liebe jede Minute deiner Mission. Du dienst dem wunderbaren Volk der Polen. Liebe ihr Land, ihr Essen, ihre Gebräuche, ihre Sprache und ihr kulturelles Erbe. Es wird dein Leben bereichern und dein Verständnis erweitern.

Das Werk, mit dem du befaßt bist, ist wahr. Du lehrst das wiederhergestellte Evangelium Jesu Christi. Es ist die Verheißung der Errettung an alle, die zuhören und die Botschaft annehmen. Davon gebe ich Zeugnis im Namen Jesu Christi. Amen.

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