1990–1999
Der Tag des Herrn
Oktober 1991


Der Tag des Herrn

„[Es gibt] für uns und unsere Kinder einen sicheren Schutz gegen die Seuche unserer Zeit. Der Schlüssel dazu ist überraschenderweise in der Sabbatheiligung zu finden.”

Meine Brüder und Schwestern und Freunde, ich mache mir schon seit einiger Zeit Gedanken darüber, worüber ich heute sprechen soll. Meine Gedanken scheinen von der Sorge geleitet worden zu sein, daß sich so viele in unserer Generation große Segnungen entgehen lassen, weil sie den Tag des Herrn nicht heilighalten.

Ich räume ein, daß der Sonntag, als ich ein kleiner Junge war, nicht gerade mein Lieblingstag war. Großvater legte alles still. Kein einziges Transportmittel stand uns zur Verfügung. Den Wagen durften wir nicht benutzen. Wir durften nicht einmal den Motor anlassen. Wir durften weder auf einem Pferd, noch auf einem Stier noch auf einem Schaf reiten. Es war der Sabbat, und gemäß dem Gebot brauchten auch die Tiere Ruhe. Wir gingen zu Fuß zur Kirche, und auch wenn wir noch anderswohin wollten, gingen wir zu Fuß. Ich kann ehrlich sagen, daß wir sowohl den Geist als auch den Buchstaben der Sabbatheiligung befolgten.

Aus heutiger Sicht scheint Großvaters Interpretation der Sabbatheiligung vielleicht etwas extrem, doch etwas ganz Wunderbares ist aus unserem Leben verschwunden.

Bis zum heutigen Tag habe ich noch nicht vollständig begriffen, was uns da eigentlich entglitten ist. Ein Teil davon war das Wissen, daß ich ganz sicher auf der Seite des Herrn stand. Dazu kam dann das Gefühl, daß der Einfluß des Satans nicht so nahe war. Vor allem aber war es die geistige Kraft, die daraus resultierte. Wir waren uns tief im Innern bewußt, daß die geistige „Fülle der Erde ” (LuB 59:16) unser war, wie es der Herr im 59. Abschnitt des Buches, Lehre und Bündnisse’ verheißen hat.

Seit den Tagen Adams ist das göttliche Gesetz des Sabbats mehr als jedes andere Gebot über viele Jahrhunderte hinweg immer wieder bekräftigt worden. Allein die ständige nachdrückliche Wiederholung läßt auf seine große Bedeutung schließen. In Genesis erfahren wir, daß Gott uns bei der Erschaffung der Erde selbst ein Beispiel gesetzt hat:

„So wurden Himmel und Erde vollendet und ihr ganzes Gefüge.

Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er geschaffen hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk vollbracht hatte.

Und Gott segnete den siebten Tag und erklärte ihn für heilig; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk der Schöpfung vollendet hatte.” (Genesis 2:1-3.)

In biblischen Zeiten war das Gebot, am Sabbat zu ruhen und Gott anzubeten, so streng, daß jeder, der sich nicht daran hielt, mit dem Tod bestraft wurde (siehe Exodus 31:15). Selbst die Erde erhielt die Sabbatruhe: „Aber im siebten Jahr soll das Land eine vollständige Sabbatruhe zur Ehre des Herrn halten: Dein Feld sollst du nicht besäen und deinen Weinberg nicht beschneiden.” (Levitikus 25:4.)

Der Sabbat wurde zur Zeit des Alten Testaments als gesegneter und heiliger Tag bezeichnet (siehe Exodus 20:11), als Symbol für einen ewigen Bund (siehe Exodus 31:16), als ein Tag heiliger Versammlung (siehe Levitikus 23:3).

Jesus bestätigte, wie wichtig die Sabbatheiligung war, wollte diesen Teil der Gottesverehrung jedoch in einem anderen Geist verstanden wissen. Ihm ging es nicht um die genaue Einhaltung der unzähligen Verhaltensregeln, was man nun am Tag des Herrn tun durfte und was nicht; vielmehr versicherte er, daß es erlaubt ist, am Sabbat Gutes zu tun (siehe Matthäus 12:12). Er lehrte uns: „Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat” (Matthäus 12:8) und führte den Grundsatz ein, daß „der Sabbat für den Menschen da [ist], nicht der Mensch für den Sabbat” (Markus 2:27). Er tat am Sabbat Gutes, beispielsweise die Heilung eines Gelähmten (siehe Markus 2:1-12) sowie die Heilung des Mannes mit der verdorrten Hand (siehe Matthäus 12:10-13). Das göttliche Gebot, den Sabbat heiligzuhalten, ist also in unserer Zeit nicht mehr im Gesetzbuch verankert, sondern vielmehr Ausdruck der eigenen Ergebenheit und Selbstverpflichtung gegenüber Gott.

Die große neuzeitliche Offenbarung über die Sabbatheiligung ist im 59. Abschnitt des Buches, Lehre und Bündnisse’ enthalten:

„Und damit du dich selbst noch mehr von der Welt unbefleckt halten mögest, sollst du an meinem heiligen Tag ins Haus des Betens gehen und deine heiligen Handlungen darbringen;

denn wahrlich, das ist der Tag, der bestimmt ist, daß ihr von eurer Arbeit ruht und daß du dem Allerhöchsten deine Ergebenheit erweisest; doch sollen deine Gelübde an allen Tagen und zu allen Zeiten in Rechtschaffenheit dargebracht werden; aber denke daran: An diesem Tag, am Tag des Herrn, sollst du dem Allerhöchsten deine Gaben und deine heiligen Handlungen darbringen und deinen Brüdern sowie vor dem Herrn deine Sünden bekennen.

Und an diesem Tag sollst du nichts anderes tun als mit Herzenslauterkeit deine Speise bereiten, damit dein Fasten vollkommen sei oder, mit anderen Worten, damit deine Freude vollständig sei.” (LuB 59:9-13.)

Dieses große Gebot gipfelt in der Verheißung: „Wahrlich, ich sage: Wenn ihr das tut, so gehört euch die Fülle der Erde, die Tiere des Feldes und die Vögel in der Luft und das, was auf die Bäume klettert und was auf der Erde läuft.” (LuB 59:16.) Den Nutzen von allen Schöpfungen Gottes zu haben, das ist doch eine sehr bedeutende Verheißung.

Den Sabbat heiligzuhalten bedeutet weit mehr, als sich einfach nur auszuruhen. Geistige Erneuerung und Gottesverehrung sind ein wesentlicher Bestandteil. Präsident Spencer W. Kimball hat im Hinblick auf die Sabbatheiligung folgenden hervorragenden Rat gegeben:

„Der Sabbat ist ein heiliger Tag, an dem man Gutes und Heiliges tun soll. Zwar ist es wichtig, an diesem Tag nicht zu arbeiten und auch keinem Vergnügen nachzugehen, aber das reicht nicht aus. Der Sabbat erfordert konstruktives Denken und Handeln. Wer am Sabbat nur faulenzt, entweiht ihn. Wer den Sabbat heiligt, kniet zum Beten nieder, bereitet seinen Unterricht vor, befaßt sich mit dem Evangelium, denkt nach, besucht Kranke und Bedrängte, schläft, liest gute Bücher und besucht an diesem Tag jede Versammlung, bei der seine Anwesenheit erwartet wird. Wer das, was für den Sabbat angemessen ist, nicht tut, begeht eine Unterlassungssünde.” (The Miracle of Forgiveness, Seite 96f.)

Lebenslange Erfahrung hat mir gezeigt, daß ein Farmer, der den Sabbat heilig hält, auf seiner Farm anscheinend mehr erledigen kann, als wenn er sieben Tage gearbeitet hätte. Ein Mechaniker erzeugt in sechs Tagen mehr und bessere Produkte als in sieben Tagen. Ob Arzt, Anwalt, Zahnarzt oder Wissenschaftler - sie erreichen mehr, wenn sie sich bemühen, am Sabbat zu ruhen, anstatt zu versuchen, jeden Tag der Woche für ihre Arbeit zu nutzen. Ich möchte auch allen Studenten raten, sich möglichst so einzurichten, daß sie am Sabbat nicht lernen müssen. Wenn sich Studenten und andere Wahrheitssuchende an diesen Rat halten, wird ihr Geist belebt werden und der unendliche Geist wird sie zu den Wahrheiten führen, die sie erfahren wollen. Der Grund dafür ist, daß Gott diesen Tag für heilig erklärt und ihn als einen ewigen Bund gesegnet hat (siehe Exodus 31:16).

Am 1. Februar 1980, als die Erste Präsidentschaft das Kompaktprogramm ankündigte, gab sie den Mitgliedern den Rat: „Auf den einzelnen Mitgliedern und Familien ruht nun eine größere Verantwortung, den Sabbat in angemessener Weise heilig zu halten. Sie haben mehr Zeit für das persönliche Schriftstudium und das Evangeliumsstudium in der Familie.

Weitere angemessene Unternehmungen am Sabbat, wie etwa die Familienbande zu stärken, Kranke oder Einsame zu besuchen, anderen zu dienen, die eigene Lebensgeschichte oder die Familiengeschichte niederzuschreiben, Genealogie oder Missionsarbeit sollten sorgfältig geplant und durchgeführt werden.

Es wird erwartet, daß dieses neue Versammlungsschema zu größerem geistigen Wachstum bei den einzelnen Mitgliedern der Kirche führt.” (Church News, 2. Februar 1980, Seite 3.) Hoffentlich nutzen die Priestertumsführer und die Mitglieder der Kirche diese Chance, am Sonntag mehr mit der Familie zusammenzusein.

Die Israeliten wurden über vierzig Jahre lang auf wunderbare Weise in der Wüste am Leben erhalten. Täglich erhielten sie Manna vom Himmel, außer am Sabbat. Das Manna mußte eingesammelt und noch am selben Tag aufgebraucht werden, sonst wurde es wurmig und stank (siehe Exodus 16:20). Am sechsten Tag jedoch, am Tag vor dem Sabbat, war es doppelt soviel, wie sie sonst täglich sammelten (siehe Exodus 16:5). Der Herr wies die Israeliten an, doppelt soviel einzusammeln, so daß es für zwei Tage reichte, denn am Sabbat fanden sie nichts. Als sie dies taten, geschah ein drittes Wunder. Das Manna, das sie am Tag vor dem Sabbat eingesammelt hatten, faulte am Sabbat nicht, noch wurde es madig, denn es wurde für den Gebrauch am Sabbat bewahrt (siehe Exodus 16:24).

Über die Jahrhunderte sind noch weitere Berichte von wundersamen Ereignissen in Verbindung mit der Sabbatheiligung bewahrt geblieben. Einer davon ist die Geschichte von dem Schuster, der unter einem Megalith in Avebury in der Nähe von Stonehenge in England gearbeitet hat:

„An einem Sonntag”, schrieb John Saunders am 13. August 1712 in sein Tagebuch, „war ein Schuster dabei, unter einem dieser riesigen Steine Schuhe zu reparieren. In dem Moment, als er sich erhob, fiel der Stein herunter und zerschellte genau an dem Platz, wo er gesessen hatte. Er erkannte darin die Vorsehung Gottes, der sein Leben bewahren und ihn auf diese Weise davon abhalten wollte, weiterhin den Sabbat zu entweihen, woraufhin er am Sabbat nie mehr arbeitete.” (MichaelPitts, Footprints Through Avebury, Seite 31,32.)

Ein weiteres Wunder ereignete sich erst vor wenigen Jahren in der Gerberei des Pfahles Wells, wo im Rahmen des Wohlfahrtsprogrammes Tierhäute zu Leder verarbeitet wurden. An den regulären Arbeitstagen wurden die Tierhäute aus der Lohgrube genommen, die mit frischer Gerberlohe gefüllt wurde. Dann wurden die Tierhäute wiederum in die Gerberlohe gelegt. Wurden die Häute an Feiertagen nicht gewendet, verdarben sie. Am Sonntag wurde die Lohe jedoch nie ausgewechselt, und doch waren die Häute am Montag nicht verdorben. J. Lowell Fox, der die Gerberei damals leitete, hatte dafür die folgende Erklärung:

„Eines wurde uns klar: Feiertage werden von Menschen festgelegt, und an diesen Tagen müssen die Häute wie an gewöhnlichen Arbeitstagen alle zwölf Stunden behandelt werden. Den Sonntag hat jedoch der Herr als Ruhetag bestimmt, und er ermöglicht es uns, an diesem Tag gemäß seinem Gebot von unserer Arbeit zu ruhen. Am Sonntag verderben die Häute in der Gerberei nicht. Das ist ein neuzeitliches Wunder, ein Wunder, das jedes Wochenende geschieht!” (Handbook for Guide Patrol Leaders, Seite 37.)

Warum hat Gott uns aufgefordert, den Sabbat zu heiligen? Es gibt meiner Meinung nach mindestens drei Gründe dafür. Der erste hat damit zu tun, daß unser Körper Ruhe und Erholung braucht. Gott, der uns geschaffen hat, kennt die Grenzen unserer körperlichen und nervlichen Kraft sicher besser als wir.

Den zweiten Grund halte ich jedoch für weitaus bedeutender. Er hat damit zu tun, daß wir es nötig haben, aufzutanken und unser geistiges Ich zu stärken. Gott weiß: blieben wir gänzlich unseren Neigungen überlassen, ohne regelmäßig an unsere geistigen Bedürfnisse erinnert zu werden, wären viele bald ausschließlich davon in Anspruch genommen, ihre irdischen Wünsche und Neigungen zu befriedigen. Die notwendige körperliche, seelische und geistige Erneuerung wird zu einem großen Teil dadurch verwirklicht, daß wir uns treu an das Gebot der Sabbatheiligung halten.

Der dritte Grund ist wohl der wichtigste von allen. Er hat damit zu tun, daß Gehorsam gegenüber den Geboten ein Ausdruck unserer Liebe zu Gott ist. Gesegnet sind die, deren Liebe zum Erretter ein ausreichender Grund dafür ist, daß sie seine Gebote halten. Adams Antwort auf die Frage des Engels, warum Adam dem Herrn Opfer darbrachte, ist beispielhaft für uns alle: „Ich weiß nicht - außer daß der Herr es mir geboten hat.” (Mose5:6.)

Der Prophet Samuel ermahnt uns: „Wahrhaftig, Gehorsam ist besser als Opfer, Hinhören besser als das Fett von Widdern.” (l Samuel 15:22.)

In unserer Zeit, in der der Materialismus sich immer weiter ausbreitet, gibt es für uns und unsere Kinder einen sicheren Schutz gegen die Seuche unserer Zeit. Der Schlüssel dazu ist überraschenderweise in der Sabbatheiligung zu finden: „Und damit du dich selbst noch mehr von der Welt unbefleckt halten mögest, sollst du an meinem heiligen Tag ins Haus des Betens gehen und deine heiligen Handlungen darbringen.” (LuB 59:9.)

Wer kann bezweifeln, daß aufrichtige Sabbatheiligung uns hilft, uns von der Welt unbefleckt zu halten? Das Gebot, den Sabbat heiligzuhalten, ist ein fortwährender Bund zwischen Gott und seinen Auserwählten. Der Herr erklärte Mose und den Israeliten: „Ihr sollt meine Sabbate halten; denn das ist ein Zeichen zwischen mir und euch von Generation zu Generation … als [ein ewiger Bund]… Für alle Zeiten wird er ein Zeichen zwischen mir und den Israeliten sein.” (Exodus 31:13,16,17.)

Die mosaischen Regeln der Sabbatheiligung enthielten viele genaue Gebote und Verbote. Das mag notwendig gewesen sein, um jene, die in Gefangenschaft gewesen waren und denen die Entscheidungsfreiheit lange Zeit vorenthalten gewesen war, Gehorsam zu lehren. Später wurden den mosaischen Anweisungen viele extreme und ungerechtfertigte Regelungen hinzugefügt, die der Erretter verurteilte. Zu dieser Zeit hatte die peinlich genaue Einhaltung der vielen Regeln der Sabbatheiligung mehr Gewicht als „das Wichtigste im Gesetz” (Matthäus 23:23), nämlich Glauben, Nächstenliebe und die Gaben des Geistes.

In unserer Zeit würdigt Gott unsere Intelligenz, indem er keine endlosen Einschränkungen verlangt. Vielleicht hat er dabei die Hoffnung, daß wir dadurch mehr den Geist der Sabbatheiligung erkennen anstatt nur den Buchstaben. Heute schwingt das Pendel jedoch sehr weit nach der anderen Seite, der Sabbatentweihung, aus. Wir laufen Gefahr, große Segnungen zu verlieren, die uns verheißen sind. Letztlich ist es eine Prüfung, durch die der Herr uns „in allem erproben” will (LuB 98:14), um festzustellen, ob wir ihm gänzlich ergeben sind.

Wo liegt die Grenze zwischen dem, was am Sabbat angebracht ist und was nicht? Innerhalb der Richtlinien muß sich jeder diese Frage selbst beantworten. Diese Richtlinien sind zwar in der Schrift und in den Worten der neuzeitlichen Propheten zu finden, wir müssen sie uns aber auch ins Herz schreiben und uns von unserem Gewissen führen lassen. Brigham Young sagt von den Glaubenstreuen: „Der Geist ihrer Religion strömt aus ihrem Herzen.” (Journal ofDiscourses, 15:83.) Es ist ziemlich unwahrscheinlich, daß wir in schwerwiegender Weise gegen die Sabbatheiligung verstoßen, wenn wir demütig und mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit all unseren Gedanken vor den Herrn kommen (siehe Matthäus 22:37).

Was dem Sabbat angemessen ist und was nicht, muß jeder selbst beurteilen, indem er sich bemüht, dem Herrn gegenüber ganz ehrlich zu sein. Am Sabbat sollen wir das, was wir tun müssen und tun sollen, mit einer ehrfürchtigen Einstellung tun und dann alle anderen Aktivitäten einschränken. Ich möchte klar und deutlich von den großen Segnungen der Sabbatheiligung Zeugnis ablegen. Im Namen Jesu Christi. Amen.