Sie werden keinen Anstoß nehmen
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    Sie werden keinen Anstoß nehmen

    Dank der Macht des Sühnopfers Jesu Christi können wir die Kraft haben, keinen Anstoß zu nehmen und jede Kränkung zu überwinden.

    Ich bete nun darum, dass der Heilige Geist mir und Ihnen beistehen möge, wenn wir uns mit wichtigen Evangeliumsgrundsätzen befassen.

    Als Priestertumsführer besuche ich stets gern die Mitglieder. Besonders gern besuche ich Mitglieder, die gemeinhin als „weniger aktiv“ bezeichnet werden.

    In meiner Zeit als Pfahlpräsident setzte ich mich oftmals mit einem der Bischöfe in Verbindung und bat ihn, gebeterfüllt ein Mitglied oder eine Familie auszuwählen, die wir dann gemeinsam aufsuchten. Bevor wir uns auf den Weg machten, knieten wir uns nieder und baten den himmlischen Vater um Führung und Inspiration – für uns und für die Mitglieder, mit denen wir sprechen wollten.

    Bei unserem Besuch kamen wir bald zur Sache. Wir brachten zum Ausdruck, dass wir dankbar waren und uns darüber freuten, dass wir sie besuchen konnten. Wir erklärten ihnen, dass wir als Knechte des Herrn und in seinem Auftrag hier waren. Wir sagten, dass wir sie vermissten und sie brauchten und dass auch sie die Segnungen des wiederhergestellten Evangeliums brauchten. Ziemlich bald im Laufe des Gesprächs fragte ich meist sinngemäß: „Können Sie uns erklären, weshalb Sie sich nicht aktiv an all dem Guten und den Programmen beteiligen, die die Kirche zu bieten hat?“

    Ich habe hunderte und aberhunderte solcher Besuche gemacht. Jedes Mitglied, jede Familie, jedes Zuhause und jede Antwort war anders. Doch im Laufe der Jahre entdeckte ich in vielen Antworten den gleichen Tenor. Die Antwort lautete häufig so oder ähnlich:

    „Vor Jahren hat einmal jemand in der Sonntagsschule etwas gesagt, was mich gekränkt hat, und seither bin ich nicht mehr hingegangen.“

    „Keiner in dem Zweig hat sich um mich gekümmert. Keiner hat mich gegrüßt. Ich bin mir wie ein Außenseiter vorgekommen. Die Mitglieder waren so abweisend. Das hat mich gekränkt.“

    „Was mir der Bischof damals geraten hat, kann ich nicht akzeptieren. Solange dieser Mann dort Bischof ist, setze ich keinen Fuß in das Gebäude.“

    Viele weitere Gründe wurden genannt – von Meinungsverschiedenheiten über die Lehre bei den Erwachsenen bis hin zu Hänseleien, Spott und Ausgrenzung unter den Jugendlichen. Doch immer wieder ging es darum, dass der Betreffende Anstoß genommen hatte.

    Der Bischof und ich hörten aufmerksam und ehrlichen Herzens zu. Dann fragte einer von uns nach ihrer Bekehrungsgeschichte und ihrem Zeugnis vom wiederhergestellten Evangelium. Diese guten Menschen sprachen – oft mit Tränen in den Augen – über das bestätigende Zeugnis des Heiligen Geistes und über frühere geistige Erlebnisse. Die meisten der „weniger Aktiven“, die ich im Lauf meines Lebens besuchte, hatten unverkennbar ein Zeugnis davon, dass das wiederhergestellte Evangelium wahr ist, und dieses Zeugnis war ihnen teuer. Und doch nahmen sie zum damaligen Zeitpunkt nicht an den Aktivitäten und Versammlungen der Kirche teil.

    Schließlich sagte ich sinngemäß: „Lassen Sie mich sehen, ob ich Sie richtig verstehe: Jemand in der Kirche hat Sie gekränkt, und deswegen können Sie nicht die Segnungen genießen, die das Abendmahl mit sich bringt. Sie haben sich zurückgezogen, sodass der Heilige Geist nicht mehr ständig bei Ihnen ist. Weil Sie jemand in der Kirche gekränkt hat, haben Sie sich von den heiligen Handlungen des Priestertums und vom heiligen Tempel abgeschnitten. Sie haben sich die Gelegenheit genommen, anderen zu dienen und selbst zu lernen und Fortschritt zu machen. Und Sie stellen ein Hindernis auf, das den geistigen Fortschritt Ihrer Kinder, Ihrer Enkel und künftiger Generationen hemmt.“ Oft dachten die Leute dann kurz nach und sagten: „So habe ich das noch nie gesehen.“

    Dann sprachen der Bischof und ich eine Einladung aus: „Lieber Freund, wir sind gekommen, um Sie zu bitten, nicht länger Anstoß zu nehmen. Wir brauchen Sie, aber auch Sie brauchen die Segnungen des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi. Bitte, kommen Sie doch jetzt wieder zurück!“

    Treffen Sie die Entscheidung, keinen Anstoß zu nehmen!

    Wenn wir der Ansicht sind oder zum Ausdruck bringen, wir seien beleidigt worden, dann meinen wir damit für gewöhnlich, dass wir uns gekränkt, schlecht behandelt, brüskiert oder missachtet fühlen. Und natürlich passiert im Umgang mit anderen Menschen allerlei, woran wir Anstoß nehmen können – Leute verhalten sich gedankenlos, treten in Fettnäpfchen, handeln gemein oder gar böswillig. Doch letztlich ist es einem anderen nicht möglich, Sie oder mich zu beleidigen. Schon der Gedanke, dass ein anderer uns dazu bringen kann, Anstoß zu nehmen, ist völlig falsch. Anstoß zu nehmen ist eine Entscheidung, die wir treffen; es ist kein Zustand, der uns durch jemanden oder etwas auferlegt wird.

    Alles, was Gott erschaffen hat, ist unterteilt in das, was handelt, und das, worauf eingewirkt wird (siehe 2 Nephi 2:13,14). Als Söhne und Töchter des himmlischen Vaters wurde uns sittliche Selbständigkeit geschenkt – die Fähigkeit, unabhängig zu handeln und zu entscheiden. Da uns Handlungsfreiheit gegeben worden ist, sind wir Handelnde. Hauptsächlich sollen wir also handeln und nicht nur auf uns einwirken lassen. Der Gedanke, jemand oder etwas könne uns dazu bringen, gekränkt, wütend, verletzt oder verbittert zu sein, schränkt unsere sittliche Selbständigkeit ein und macht uns zu einem Gegenstand, auf den lediglich eingewirkt wird. Doch als Handelnde haben wir in Wirklichkeit die Macht, selbst zu entscheiden, wie wir in einer kränkenden, verletzenden Situation reagieren.

    Thomas B. Marsh, der erste Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel in dieser Evangeliumszeit, entschied sich, Anstoß zu nehmen – an einer Belanglosigkeit wie entrahmter Milch (siehe Deseret News, 16. April 1856, Seite 44). Dagegen war Brigham Young vom Propheten Joseph Smith öffentlich scharf zurechtgewiesen worden, entschied sich aber, keinen Anstoß zu nehmen (siehe Truman G. Madsen, „Hugh B. Brown – Youthful Veteran“, New Era, April 1976, Seite 16).

    In vielen Fällen ist die Entscheidung, an etwas Anstoß zu nehmen, ein Symptom für ein weitaus tiefer gehendes und ernsteres geistiges Problem. Thomas B. Marsh ließ zu, dass auf ihn eingewirkt wurde, und die Folgen waren Abfall vom Glauben und Unglück. Brigham Young war ein Handelnder, der seine Entscheidungsfreiheit ausübte und in Übereinstimmung mit richtigen Grundsätzen handelte. Er wurde zu einem mächtigen Werkzeug in der Hand des Herrn.

    Der Erretter ist unser größtes Vorbild darin, wie wir in Situationen, die beleidigend sein können, reagieren sollen.

    „Und wegen ihres Übeltuns wird die Welt über ihn urteilen, er sei ein Nichts; darum geißeln sie ihn, und er erduldet es; und sie schlagen ihn, und er erduldet es. Ja, sie speien ihn an, und er erduldet es wegen seines liebevollen Wohlwollens und seiner Langmut gegenüber den Menschenkindern.“ (1 Nephi 19:9.)

    Dank der Macht des Sühnopfers Jesu Christi können wir die Kraft haben, keinen Anstoß zu nehmen und jede Kränkung zu überwinden. „Großen Frieden haben, die dein Gesetz lieben; sie werden keinen Anstoß nehmen.“ (King-James- Übersetzung; Psalm 119:165.)

    Eine Lernstätte in den Letzten Tagen

    Die Fähigkeit, sich über Kränkung hinwegzusetzen, mag uns unerreichbar erscheinen. Und doch ist sie nicht nur großen Führern der Kirche wie etwa Brigham Young vorbehalten. Das Wesen des Sühnopfers des Erlösers und der Zweck der wiederhergestellten Kirche liegen darin, uns zu helfen, genau diese Art geistiger Kraft zu erlangen.

    Paulus erklärte den Heiligen in Ephesus, dass der Erretter seine Kirche aufgerichtet hat, „um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zu rüsten, für den Aufbau des Leibes Christi.

    So sollen wir alle zur Einheit im Glauben und in der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, damit wir zum vollkommenen Menschen werden und Christus in seiner vollendeten Gestalt darstellen.“ (Epheser 4:12,13.)

    Beachten Sie bitte, dass hier von zum vollkommenen Menschen werden die Rede ist. Wie Elder Neal A. Maxwell gesagt hat, die Kirche ist „kein gemütliches Heim für die bereits Vollkommenen“ („A Brother Offended“, Ensign, Mai 1982, Seite 38). Die Kirche ist vielmehr eine Lernstätte, eine Werkstatt, wo wir Erfahrung sammeln und aneinander üben, wie man immer mehr zum „vollkommenen Menschen“ wird.

    Elder Maxwell hat auch äußerst scharfsinnig festgestellt, dass in dieser Lernstätte der Letzten Tage – der wiederhergestellten Kirche – die Mitglieder das für Wachstum und Entwicklung unentbehrliche „Versuchsmaterial“ darstellen (siehe „Jesus, the Perfect Mentor“, Ensign, Februar 2001, Seite 13). Eine Besuchslehrerin lernt ihre Pflicht dadurch, dass sie den Schwestern in der FHV dient und sie liebt. Ein unerfahrener Lehrer macht wertvolle Erfahrungen, während er sowohl aufmerksame als auch unaufmerksame Schüler unterrichtet, und wird so schließlich ein besserer Lehrer. Ein neuer Bischof lernt seine Aufgaben durch Inspiration und durch die Arbeit mit den Mitgliedern seiner Gemeinde, die ihn von ganzem Herzen unterstützen, auch wenn sie seine menschlichen Schwächen sehen.

    Das Bewusstsein, dass die Kirche eine Lernstätte ist, bereitet uns auf eine unausweichliche Tatsache vor: Irgendwie und irgendwann wird irgendwer in dieser Kirche etwas tun oder sagen, woran wir Anstoß nehmen könnten. Das wird sicher jedem von uns passieren – und bestimmt nicht nur einmal. Es kommt vor, dass Menschen rücksichtslos oder taktlos sind, auch wenn sie uns eigentlich gar nicht verletzen oder kränken wollen.

    Wir können nicht die Absichten oder das Verhalten anderer Menschen bestimmen. Doch wir können entscheiden, wie wir uns verhalten. Denken Sie bitte daran, dass wir Handelnde sind, die mit sittlicher Selbständigkeit ausgestattet sind. Wir können die Entscheidung treffen, keinen Anstoß zu nehmen.

    In einer gefahrvollen Zeit, mitten im Krieg, erfolgte ein Briefwechsel zwischen Moroni, dem Hauptmann des nephitischen Heeres, und Pahoran, dem obersten Richter und Regierenden des Landes. Moronis Heer litt Mangel, weil es von der Regierung nicht genügend unterstützt wurde, und so schrieb Moroni an Pahoran einen geharnischten Brief („wie ein Schuldspruch“; siehe Alma 60:2) und warf ihm Gedankenlosigkeit, Trägheit und Nachlässigkeit vor. Pahoran hätte Moroni seine Worte übel nehmen können, doch er entschied sich, keinen Anstoß zu nehmen. Er reagierte mitfühlend und berichtete über einen Aufstand gegen die Regierung, von dem Moroni nichts wissen konnte. Dann schrieb er: „Siehe, ich sage dir, Moroni, dass ich an euren großen Bedrängnissen keine Freude habe, ja, es bekümmert meine Seele. … Und nun hast du mich in deinem Brief getadelt, aber das macht nichts; ich bin nicht zornig, sondern freue mich über die Größe deines Herzens.“ (Alma 61:2,9.)

    Unsere geistige Reife zeigt sich auch ganz deutlich daran, wie wir auf die Schwächen, die Unerfahrenheit oder das möglicherweise kränkende Verhalten anderer reagieren. Ein Vorkommnis oder eine Bemerkung mag kränkend sein, doch wir können uns entscheiden, keinen Anstoß zu nehmen und wie Pahoran zu sagen: „Das macht nichts.“

    Zwei Aufforderungen

    Nun möchte ich Sie noch zu zweierlei auffordern:

    1. Aufforderung

    Ich fordere Sie auf, sich mit dem zu befassen und das anzuwenden, was der Erretter über Verhaltensweisen oder Situationen lehrt, die wir als kränkend empfinden könnten.

    „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.

    Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen. …

    Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner?

    Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?

    Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.“ (Matthäus 5:43,44,46-48.)

    Interessanterweise stehen unmittelbar vor der Aufforderung, vollkommen zu sein, Ratschläge dazu, wie wir auf Fehlverhalten und Kränkung reagieren sollen. Zu den strengen Anforderungen, die zur Vervollkommnung der Heiligen führen, gehören eindeutig auch Aufgaben, die uns prüfen und herausfordern. Wenn jemand etwas sagt oder tut, was wir als beleidigend empfinden, denn besteht unsere Aufgabe erstens darin, keinen Anstoß zu nehmen, und zweitens anschließend unter vier Augen offen und ehrlich mit dem Betreffenden zu sprechen. Durch diese Vorgehensweise laden wir den Heiligen Geist ein, uns zu inspirieren. Wir können Missverständnisse klären und die wahre Absicht erkennen.

    2. Aufforderung

    Viele Menschen und Familien, die diese Botschaft, nämlich dass wir uns entscheiden müssen, keinen Anstoß zu nehmen, am dringendsten brauchen, nehmen heute wahrscheinlich nicht mit uns an der Konferenz teil. Ich nehme an, dass Sie alle mit Mitgliedern bekannt sind, die der Kirche fernbleiben, weil sie sich entschieden haben, Anstoß zu nehmen, die aber großen Nutzen davon hätten, wenn sie zurückkämen.

    Werden Sie bitte gebeterfüllt jemanden auswählen, den Sie besuchen und einladen, wieder mit uns gemeinsam Gott zu verehren? Vielleicht können Sie ihm diese Ansprache zu lesen geben, aber vielleicht wollen Sie lieber persönlich mit ihm über diese Grundsätze sprechen. Und denken Sie bitte daran: Eine solche Aufforderung muss liebevoll und sanftmütig ausgesprochen werden, nicht aus überheblicher Selbstgerechtigkeit heraus.

    Wenn wir dieser Aufforderung voll Glauben an den Erretter nachkommen, dann, so bezeuge und verheiße ich, werden sich Türen auftun, unser Mund wird gefüllt werden, der Heilige Geist wird Zeugnis von ewiger Wahrheit ablegen und das Feuer des Zeugnisses wird erneut entfacht werden.

    Als sein Diener möchte ich mich den Worten des Meisters anschließen: „Das habe ich euch gesagt, damit ihr keinen Anstoß nehmt.“ (Johannes 16:1.) Ich gebe Zeugnis, dass der Erretter wirklich lebt, dass er ein Gott ist und dass er die Macht hat, uns zu helfen, keinen Anstoß zu nehmen und jede Kränkung zu überwinden. Im heiligen Namen Jesu Christi. Amen.