2020
Unfruchtbar – und ein stärkeres Zeugnis von der Proklamation zur Familie
September 2020


Unfruchtbar – und ein stärkeres Zeugnis von der Proklamation zur Familie

Ich hatte eigentlich immer andere Prioritäten als ein eigenes Kind, aber als es plötzlich hieß, ich könne wahrscheinlich gar keine Kinder bekommen, wandelte sich mein Herz völlig

Mit 16 Jahren schloss ich mich der Kirche an, und mit 17 verließ ich England und ging, um meinen armseligen Lebensumständen zu entrinnen, trotz verschwindend geringer Erfolgsaussichten nach Amerika. Ich war völlig auf mich alleine gestellt und hatte große Angst, war jedoch fest entschlossen, meinen Weg zu gehen. Mein Plan war: Ich wollte reich und berühmt werden. Jahre zuvor hatte ich eine Dokumentation über Waisenhäuser in Rumänien gesehen, die mein junges, ungestümes Herz tief bewegt hatte. Auch ich hatte eine traumatische Kindheit hinter mir und setzte mir daher das Ziel, genug Geld zusammenzubekommen, um ein Waisenhaus zu gründen und in der Welt wirklich etwas zu verändern.

Damals konnte ich ja kaum ahnen, dass mein Leben völlig anders verlaufen würde. Mit 25 Jahren heiratete ich, und mein Mann schloss sich bald der Kirche an. Mittlerweile war ich relativ erfolgreich geworden, suchte aber noch immer nach „wahrem“ Erfolg – zumindest nach dem, was ich damals für Erfolg hielt, nämlich Ruhm und Reichtum. Ich wollte unbedingt etwas Großes leisten. Ich verspürte nicht den Wunsch, schwanger zu werden, hatte aber seltsamerweise dennoch das starke Gefühl, dass wir nicht verhüten sollten. Wie sich herausstellte, bewahrheitete sich mein Gefühl, denn auch nach einem Jahr war nichts geschehen.

Es hieß, ich sei unfruchtbar

In meiner Jugend hatte ich Kinder immer gern gehabt, wenngleich ich nicht vorgehabt hatte, irgendwann in ferner Zukunft einmal mehr als ein oder zwei eigene Kinder zu bekommen. Ich hätte nie geglaubt, dass es mich enttäuschen würde, keine eigenen Kinder haben zu können, aber als es plötzlich hieß, ich könne höchstwahrscheinlich gar keine Kinder bekommen, war ich am Boden zerstört.

In den nächsten beiden Jahren wurde ich zornig und verbittert und Verzweiflung machte sich in mir breit. Es kam mir fast wie Hohn vor, dass etwa zu der Zeit, als ich heiratete, die Proklamation zur Familie veröffentlicht wurde. Sie bedrückte mich zunehmend, denn es schien ja so, als könne ich meine Pflicht, Kinder zu bekommen, nicht erfüllen. Die Ärzte erklärten meinem Mann und mir, dass sie keinen Grund für die Unfruchtbarkeit feststellen konnten. Es war einfach ungerecht! Ich fragte mich, weshalb Gott mir das angetan habe. Damals wusste ich noch nicht, dass sich dadurch mein Herz wandelte. Ich war immer voll und ganz auf Erfolg programmiert gewesen, doch nun sehnte ich mich zum ersten Mal in meinem Leben mehr als alles andere nach einem Kind.

Im Lauf der Zeit fühlte ich mich zunehmend vergessen, verzweifelt, einsam – und von Gott im Stich gelassen. Ich setzte ein fröhliches Lächeln auf, doch niemand verstand, was mein Mann und ich wirklich durchmachten. Eines Tages sprach ich mit der Großmutter meines Mannes, einer sehr klugen, geistig gesinnten Frau. Ich erklärte ihr, was in mir vorging. „Weißt du“, sagte sie, „es gibt viele andere Möglichkeiten, wie man Mutter sein kann.“ Ihre Worte drangen mir tief ins Herz. Sie stimmten mich demütig. Ich wusste: Dies war eine Antwort vom Vater im Himmel. Ich war lediglich darauf fixiert gewesen, selbst ein Kind auszutragen. Nun, da wir andere Optionen in Betracht zogen, verspürten wir einen Hoffnungsschimmer. Wir wurden Pflegeeltern.

Die Hand des Herrn

Bald nahmen wir Benjamin, unser erstes Pflegekind, bei uns auf. Ich hatte eine unglaublich enge Beziehung zu ihm, aber auch das schwache Gefühl, dass er nicht für immer bei uns bleiben werde. Der Gedanke, er könne uns verlassen, brach mir das Herz. Ich wollte unbedingt ein Kind, das ich auch behalten konnte. Ich hörte davon, dass der Familiendienst der Kirche Paaren beim Adoptionsverfahren half, und informierte mich daraufhin beim Bischof darüber. In der Woche darauf rief mich eine Sozialarbeiterin an, die auf der Suche nach Pflege- oder Adoptiveltern für ein kleines Kind war. Das klang wie Musik in meinen Ohren. Entwicklungsstörungen waren bei dem kleinen Jungen nicht auszuschließen. Wir spürten jedoch, dass der Herr uns führte, und so gingen wir voller Glauben voran. Ich will nicht lügen: Ich hatte Angst. Wir hatten aber das Gefühl, es sei richtig so, und am selben Abend brachte man uns den kleinen Daniel.

Nach ein paar Tagen erkrankte er schwer und kam ins Krankenhaus. Seine Überlebenschancen standen 50:50. Elf Tage blieb ich an seinem Bettchen. Wenn ich nicht für ihn betete, weinte ich. Nicht ein einziges Mal verließ ich das Krankenhaus. Als Daniels leibliche Eltern ihn besuchten (die Adoption war noch nicht rechtskräftig), muss ich schlimm ausgesehen haben. Allerdings merkte man, dass sie ihm nicht nahestanden, und als sie ihn sahen, zeigten sie keinerlei Gefühlsregung.

Das war ein echtes Aha-Erlebnis, denn mir wurde bewusst, dass tatsächlich ich Daniels Mutter war. Es spielte keine Rolle, dass nicht ich ihn zur Welt gebracht hatte – er gehörte zu mir. In diesen elf Tagen habe ich viel darüber erfahren, was eine Mutter ausmacht. Ich hätte alles für ihn getan.

Daniel blieb am Leben. Benjamin allerdings kehrte zu seinen leiblichen Eltern zurück. Der Herr blieb aber an unserer Seite. Seitdem haben wir sechs weitere Kinder adoptiert und wie durch ein Wunder zwei eigene bekommen. Ich könnte in die ganze Welt hinausposaunen, welche Wunder ich erlebt habe. Ich habe ein starkes Zeugnis von der Verheißung des himmlischen Vaters, dass wir alle Segnungen erlangen können, die wir uns wünschen, auch wenn dies auf andere Weise geschieht als erwartet oder zu einem anderen Zeitpunkt (siehe 2 Nephi 10:17; Alma 37:17).

Wir alle haben im Plan Gottes unseren Platz

Manchmal ist das Leben mit neun Kindern alles andere als einfach. Ständig muss man Wäsche waschen und jedes Kind hat seine eigene Persönlichkeit und eigene Probleme. Ich weiß aber, dass der Himmel mir diese Kinder geschickt hat. Ehrlich gesagt scheint es so, als sei mein Traum, die Welt zu verändern und ein Waisenhaus zu eröffnen, tatsächlich wahr geworden.

Die Prüfung, keine eigenen Kinder bekommen zu können, hat mich zu den größten Segnungen geführt. Ich musste wohl erst wahre Demut erfahren, damit ich mich Gottes Willen unterwerfen konnte, anstatt auf meinem Willen zu beharren. Ich erlebte wirklich eine „mächtige Wandlung im Herzen“ (siehe Alma 5:13). Und weil ich mich ihm unterworfen habe, hat er mich geführt. Er hat mich mit Träumen, Visionen und Wundern gesegnet, die mich zu jedem Kind geführt haben. Er hat stets einen Plan für mich! Auch als ich mir verlassen vorkam, war er für mich da.

Unfruchtbarkeit kann ein sehr düsteres Schicksal sein, das einsam macht. Ich weiß noch, wie schwer es war, als ich ohne Kinder in die Kirche gehen musste und die Proklamation zur Familie einen bitteren Beigeschmack hatte. Damals konnte ich nicht erkennen, was ich jetzt erkenne. Die liebevollen Worte in der Proklamation haben immer auf mich zugetroffen. Jeder von uns hat – unabhängig von seinen Umständen – wirklich im ewigen Plan des himmlischen Vaters einen Platz.