2010–2019
    Erhebe dein Haupt und freue dich
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    Erhebe dein Haupt und freue dich

    Mögen wir, wenn wir Schwierigkeiten auf die Weise des Herrn begegnen, unser Haupt erheben und uns freuen.

    Im Jahr 1981 unternahmen mein Vater, zwei gute Freunde und ich eine Abenteuertour in Alaska. Wir hatten vor, auf einem abgelegenen See zu landen und in ein wunderschönes Hochland hinaufzusteigen. Um weniger tragen zu müssen, packten wir unsere Vorräte in Kisten, überzogen diese mit Schaumstoff und befestigten langes, farbiges Flatterband daran. Über dem Zielort warfen wir die Kisten dann aus dem Fenster unseres Buschflugzeugs.

    Nach unserer Ankunft suchten wir fieberhaft nach den Kisten, konnten aber zu unserer Enttäuschung keine einzige finden. Irgendwann erspähten wir dann doch eine. Sie enthielt einen kleinen Gaskocher, eine Abdeckplane, Süßigkeiten und ein paar Packungen Fertigzubereitung für Nudeln mit Hackfleischsoße – nur das Fleisch fehlte. Wir hatten keine Möglichkeit, mit der Außenwelt Kontakt aufzunehmen, und laut Plan sollten wir erst eine Woche später abgeholt werden.

    Diesem Erlebnis habe ich zwei wertvolle Lektionen zu verdanken: Erstens sollte man sein Essen nicht aus dem Fenster werfen. Zweitens müssen wir manchmal mit Schwierigkeiten fertigwerden.

    Wenn wir schwere Zeiten durchmachen, fragen wir uns häufig als Erstes: „Warum ich?“ Die Frage nach dem Warum schafft die Schwierigkeiten aber nicht aus der Welt. Der Herr verlangt von uns, dass wir Herausforderungen bewältigen. Er erklärte, „dass dies alles [uns] Erfahrung bringen und [uns] zum Guten dienen wird“1.

    Manchmal fordert der Herr uns auf, etwas Schwieriges zu tun, und manchmal entstehen Schwierigkeiten daraus, dass wir oder andere ihre Entscheidungsfreiheit wahrnehmen. Nephi erlebte beides. Als Lehi seine Söhne bat, zurückzukehren und die Platten von Laban zu holen, sagte er: „Siehe, deine Brüder murren und sagen, was ich von ihnen verlange, sei schwer; aber siehe, nicht ich habe es von ihnen verlangt, sondern es ist ein Gebot des Herrn.“2 Ein andermal wurde Nephis Entscheidungsfreiheit durch die seiner Brüder eingeschränkt: „Sie legten Hand an mich; denn siehe, sie waren überaus wütend; und sie banden mich mit Stricken, denn sie trachteten danach, mir das Leben zu nehmen.“3

    Im Gefängnis zu Liberty hatte es Joseph Smith schwer. Verzweifelt und ohne Hoffnung auf Befreiung rief er aus: „O Gott, wo bist du?“4 Bestimmt haben auch wir uns schon einmal wie Joseph Smith gefühlt.

    Jeder erlebt einmal Schwierigkeiten, etwa den Tod eines geliebten Menschen, eine Scheidung, ein Kind auf Abwegen, eine Krankheit, eine Glaubensprüfung, den Verlust des Arbeitsplatzes oder etwas anderes.

    Mich haben ein paar Worte von Elder Neal A. Maxwell vom Kollegium der Zwölf Apostel, die er mitten in seinem Kampf gegen die Leukämie aussprach, für alle Zeiten geändert. Er sagte: „Ich sann intensiv nach, und da kamen mir diese dreizehn lehrreichen, tröstlichen Worte in den Sinn: ‚Ich habe dir die Leukämie gegeben, damit du die Menschen authentisch unterweisen kannst.‘“ Dann beschrieb er, wie er durch diese Erfahrung mit „Einsichten zu den großen Realitäten der Ewigkeit“ gesegnet wurde. „Solche kleinen Einblicke in die Ewigkeit können uns helfen, die nächsten hundert Meter zu gehen, die vielleicht sehr schwierig sind.“5

    Damit uns solche Einblicke in die Ewigkeit schwierige Zeiten besser durchstehen und überwinden lassen, möchte ich zwei Vorschläge machen. Schwieriges meistern wir erstens, indem wir anderen vergeben, und zweitens, indem wir uns dem Vater im Himmel hingeben.

    Denen zu vergeben, die unsere Schwierigkeiten vielleicht verursacht haben, und sich „mit dem Willen Gottes“6 zu versöhnen, mag uns sehr schwerfallen. Der Schmerz ist wohl am größten, wenn ein Angehöriger, ein guter Freund oder sogar man selbst an einem tiefgreifenden Problem schuld ist.

    Als junger Bischof lernte ich etwas über Vergebung, als mein Pfahlpräsident Bruce M. Cook folgende Geschichte erzählte:

    „Ende der Siebzigerjahre gründete ich zusammen mit einigen Partnern ein Unternehmen. Wir machten nichts Illegales, doch ein paar Fehlentscheidungen, verbunden mit der damals schwierigen wirtschaftlichen Lage, führten zum Konkurs.

    Einige Anleger reichten eine Klage ein, um ihre Verluste erstattet zu bekommen. Wie sich herausstellte, war ihr Anwalt in der Gemeinde, die ich mit meiner Familie besuchte, Ratgeber in der Bischofschaft. Es fiel mir sehr schwer, diesen Mann, der mich scheinbar ruinieren wollte, in seiner Aufgabe zu unterstützen. Eine echte Feindseligkeit ihm gegenüber keimte in mir empor – in meinen Augen war er mein Feind. Nach fünf Jahren Rechtsstreit verloren wir alles, auch unser Haus.

    2002 erfuhren meine Frau und ich, dass die Pfahlpräsidentschaft, in der ich Ratgeber war, umgebildet werden sollte. Während eines Kurzurlaubs vor meiner Entlassung fragte meine Frau mich, wen ich als Ratgeber aussuchen würde, falls ich als neuer Pfahlpräsident berufen werden sollte. Ich wollte nicht darüber reden, aber sie ließ nicht locker. Schließlich kam mir ein Name in den Sinn. Daraufhin nannte sie den Namen des Anwalts, der unserer Meinung nach der Hauptverantwortliche für all die Probleme gewesen war, die wir vor zwanzig Jahren gehabt hatten. Während sie sprach, bestätigte mir der Heilige Geist, dass er der andere Ratgeber sein sollte. Konnte ich diesem Mann vergeben?

    Als mich Elder David E. Sorensen als Pfahlpräsident berief, gab er mir eine Stunde Zeit, Ratgeber auszusuchen. Unter Tränen erklärte ich ihm, dass der Herr mir die Namen bereits offenbart hatte. Als ich den Namen des Mannes nannte, den ich als meinen Feind betrachtet hatte, verflüchtigten sich der Zorn, die Feindseligkeit und der Hass, die ich ihm gegenüber gehegt hatte. In diesem Augenblick erfuhr ich von dem Frieden, der durch das Sühnopfer Christi mit Vergebung einhergeht.“

    Mit anderen Worten vergab mein Pfahlpräsident ihm „freimütig“, wie damals Nephi.7 Ich kannte Präsident Cook und seinen Ratgeber als zwei rechtschaffene Priestertumsführer, die einander schätzten. Ich beschloss, ihrem Beispiel zu folgen.

    Jahre zuvor hatte ich in unserer misslichen Lage in Alaska schnell erkannt, dass die Lösung nicht darin besteht, anderen die Schuld an unseren Umständen zu geben – etwa dem Piloten, der unser Essen bei Dämmerlicht abwarf. Als wir körperlich erschöpft, hungrig und krank waren und während eines heftigen Sturms nur von einer Abdeckplane geschützt auf dem Boden schliefen, stellte ich jedoch fest, dass „für Gott … nichts unmöglich“8 ist.

    Ihr jungen Leute, Gott verlangt Schwieriges von euch. Ein vierzehnjähriges Mädchen nahm an Basketballturnieren teil. Sie träumte davon, wie ihre große Schwester in einer Highschool-Mannschaft zu spielen. Doch dann erfuhr sie, dass ihre Eltern dazu berufen worden waren, über eine Mission in Guatemala zu präsidieren.

    Nach ihrer Ankunft stellte sie fest, dass einige ihrer Unterrichtsfächer auf Spanisch abgehalten werden würden, was sie noch nicht beherrschte. An ihrer Schule gab es keine einzige Sportmannschaft für Mädchen. Sie wohnte in der 13. Etage eines streng abgeriegelten Gebäudes. Und obendrein durfte sie aus Sicherheitsgründen nicht allein vor die Tür.

    Monatelang hörten ihre Eltern, wie sie sich jeden Abend in den Schlaf weinte. Es brach ihnen das Herz! Schließlich fassten sie den Beschluss, ihre Tochter nach Hause zu ihrer Großmutter zu schicken, damit sie dort die Highschool besuchen konnte.

    Als meine Frau das Zimmer unserer Tochter betrat, um ihr von unserer Entscheidung zu erzählen, sah sie sie im Gebet knien. Das Buch Mormon lag offen auf dem Bett. Der Geist flüsterte meiner Frau zu, dass alles gutgehen werde, und so verließ sie leise das Zimmer.

    Nie wieder hörten wir sie sich in den Schlaf weinen. Mit Entschlossenheit und mit der Hilfe des Herrn stand sie diese drei Jahre tapfer durch.

    Am Ende unserer Mission fragte ich meine Tochter, ob sie vorhabe, eine Mission zu erfüllen. Darauf antwortete sie: „Nein, Papa, die habe ich schon erfüllt.“

    Damit war ich vollkommen einverstanden! Etwa sechs Monate später wurde ich jedoch nachts vom Heiligen Geist geweckt, der mir den Gedanken eingab: „Ich habe deine Tochter auf Mission berufen.“

    Meine Reaktion war: „Vater im Himmel, sie hat doch schon so viel gegeben.“ Rasch wurde ich vom Heiligen Geist zurechtgewiesen und erkannte, dass der Herr dies von ihr verlangte.

    Bald darauf ging ich mit meiner Tochter Mittag essen. Ich fragte sie über den Tisch hinweg: „Ganzie, weißt du, warum wir hier sind?“

    Sie meinte: „Ja, Papa. Du weißt, dass ich auf Mission gehen muss. Ich möchte zwar nicht, aber ich werde es tun.“

    Weil sie sich dem Willen des Vaters im Himmel fügte, diente sie ihm mit ganzem Herzen, aller Macht, ganzem Sinn und aller Kraft. Sie lehrte ihren Vater, wie man etwas Schwieriges meistert.

    In seiner Andacht für Jugendliche in aller Welt trug Präsident Russell M. Nelson einige schwere Aufgaben an die jungen Leute heran. Er sagte: „Als Fünftes fordere ich euch auf, euch abzuheben und anders als die Welt zu sein. … Der Herr [möchte], dass ihr wie ein wahrer Jünger Jesu Christi ausseht und klingt und euch auch so verhaltet und kleidet.“9 Das mag euch schwerfallen, doch ich weiß, dass ihr das könnt – und zwar mit Freude!

    Vergessen wir nicht, dass „Menschen sind, damit sie Freude haben können“10. Bei allem, was Lehi erlebte, fand er immer noch Freude. Wissen Sie noch, wie Alma wegen der Menschen in Ammoniha „von Sorge bedrückt“11 war? Der Engel sagte ihm: „Gesegnet bist du, Alma; darum erhebe dein Haupt und freue dich; … denn du bist treu gewesen im Halten der Gebote Gottes.“12 Alma lernte einen wichtigen Grundsatz: Wenn wir die Gebote halten, können wir uns stets freuen. Vergessen wir nicht, dass es während der Kriege und Herausforderungen in den Tagen von Hauptmann Moroni „niemals … eine glücklichere Zeit unter dem Volk Nephi“13 gab. Wir können und müssen trotz Schwierigkeiten Freude finden.

    Auch der Erretter hatte es schwer: „Die Welt [wird] über ihn urteilen, er sei ein Nichts; darum geißeln sie ihn, und er erduldet es; und sie schlagen ihn, und er erduldet es. Ja, sie speien ihn an, und er erduldet es wegen seines liebevollen Wohlwollens und seiner Langmut gegenüber den Menschenkindern.“14

    Wegen seiner Liebe und Güte hat Jesus Christus das Sühnopfer erlitten. Darum sagt er zu jedem von uns: „In der Welt seid ihr in Bedrängnis; aber habt Mut: Ich habe die Welt besiegt.“15 Dank Jesus Christus können auch wir die Welt überwinden.

    Mögen wir, wenn wir Schwierigkeiten auf die Weise des Herrn begegnen, unser Haupt erheben und uns freuen. Anlässlich dieser heiligen Gelegenheit, der Welt Zeugnis zu geben, verkünde ich, dass der Erretter lebt und seine Kirche führt. Im Namen Jesu Christi. Amen.