2010–2019
    Göttliche Unzufriedenheit
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    Göttliche Unzufriedenheit

    Göttliche Unzufriedenheit kann uns dazu bewegen, im Glauben zu handeln, dem Ruf des Erretters zu folgen, Gutes zu tun, und ihm unser Leben demütig zu weihen.

    Als ich in der Grundschule war, gingen wir auf einem Asphaltweg nach Hause, der sich in Serpentinen an einer Hügelflanke hinaufwand. Es gab auch einen anderen Weg, der nicht asphaltiert war und „Jungenpfad“ genannt wurde. Der Jungenpfad war ein unbefestigter Weg, der schnurgerade nach oben verlief. Er war kürzer, aber viel steiler. Als kleines Mädchen wusste ich, dass ich jeden Weg hinaufgehen konnte, den die Jungen hinaufgehen konnten. Vor allem aber wusste ich, dass ich in den Letzten Tagen lebe und wie die Pioniere auch Schwieriges meistern muss – und ich wollte vorbereitet sein. Also blieb ich gelegentlich hinter meiner Gruppe von Freunden auf dem Asphaltweg zurück, zog die Schuhe aus und lief barfuß den Jungenpfad hinauf. Ich wollte meine Füße abhärten.

    Als kleines PV-Mädchen glaubte ich, mich so vorbereiten zu können. Jetzt weiß ich es besser! Anstatt barfuß Bergpfade zu erklimmen, kann ich meine Füße darauf vorbereiten, auf dem durch Bündnisse vorgezeichneten Weg zu gehen, indem ich den Eingebungen des Heiligen Geistes folge. Denn der Herr ruft uns alle durch seinen Propheten auf, auf „edlere und heiligere Weise“ zu leben und füreinander da zu sein und „einen Schritt aufwärts zu gehen“.1

    Diese prophetischen Aufrufe zum Handeln in Verbindung mit unserem angeborenen Gefühl, dass wir mehr tun und sein können, erzeugen in uns manchmal etwas, was Elder Neal A. Maxwell als „göttliche Unzufriedenheit“2 bezeichnete. Göttliche Unzufriedenheit entsteht, wenn wir „das, was wir sind“, mit dem vergleichen, „was einmal aus uns werden kann“.3 Wenn wir ehrlich sind, spürt jeder von uns einen Unterschied zwischen dem, wo und wer wir sind, und dem, wo und wer wir sein wollen. Wir sehnen uns nach größerer Kompetenz. Wir haben diese Gefühle, weil wir Töchter und Söhne Gottes sind, die mit dem Licht Christi geboren sind, aber in einer gefallenen Welt leben. Diese Gefühle stammen von Gott und drängen uns zu handeln.

    Wir sollten Gefühle göttlicher Unzufriedenheit, die uns auf einen höheren Weg führen, begrüßen, jedoch die Fälschung des Satans – lähmende Entmutigung – erkennen und meiden. Dies ist eine Gelegenheit, die der Satan nur allzu gerne ergreift. Wir können uns dafür entscheiden, den höheren Weg zu gehen, der uns dahin führt, Gott sowie seinen Frieden und seine Gnade zu suchen, oder wir können auf den Satan hören, der uns mit Botschaften bombardiert, dass wir nie genug sind: nicht reich genug, klug genug, schön genug oder sonst irgendwie genug. Unsere Unzufriedenheit kann uns zu Gott führen – oder uns zerstören.

    Im Glauben handeln

    Eine Möglichkeit, göttliche Unzufriedenheit von der Fälschung des Satans zu unterscheiden, besteht darin, dass göttliche Unzufriedenheit zu glaubensvollem Handeln führt. Göttliche Unzufriedenheit ist kein Aufruf, in unserer Wohlfühlzone zu bleiben, und lässt uns auch nicht verzweifeln. Ich habe festgestellt: Wenn ich mich nur Gedanken hingebe, was ich alles nicht bin, mache ich keinen Fortschritt und finde es viel schwieriger, den Geist zu verspüren und ihm zu folgen.4

    Der junge Joseph Smith wurde sich seiner Unzulänglichkeiten sehr bewusst und machte sich Sorgen um „das Wohlergehen [s]einer unsterblichen Seele“. Er berichtete: „Ich war zutiefst bekümmert, denn mir wurden meine Sünden bewusst, und … ich hatte das Gefühl, wegen meiner eigenen Sünden und wegen der Sünden der Welt trauern zu müssen.“5 Dies bewog ihn zu „ernstem Nachdenken und innerer Unruhe“6. Kommt Ihnen das bekannt vor? Verspüren Sie innere Unruhe oder Verzweiflung wegen Ihrer Unzulänglichkeiten?

    Also, Joseph tat etwas. Er erklärte: „Ich [sagte] mir oft: Was ist da zu tun?”7 Joseph Smith handelte im Glauben. Er schlug die heiligen Schriften auf, las die Aufforderung in Jakobus 1:5 und bat Gott um Hilfe. Daraufhin empfing er eine Vision, die die Wiederherstellung einleitete. Wie dankbar bin ich doch für Josephs göttliche Unzufriedenheit; seine innere Unruhe und Verwirrung spornten ihn an, im Glauben zu handeln.

    Eingebungen befolgen, Gutes zu tun

    In der Welt wird das Gefühl von Unzufriedenheit oft als Ausrede dafür verwendet, mit sich selbst beschäftigt zu sein, die Gedanken nach innen und in die Vergangenheit zu richten und sich damit zu befassen, wer ich bin, wer ich nicht bin und was ich will. Göttliche Unzufriedenheit motiviert uns, dem Beispiel des Erretters zu folgen, der „umherzog [und] Gutes tat“8. Wenn wir auf dem Weg eines Jüngers gehen, gibt uns der Geist ein, auf andere zuzugehen.

    Eine Geschichte, die ich vor Jahren gehört habe, hat mir geholfen, Eingebungen des Heiligen Geistes zu erkennen und ihnen zu folgen. Schwester Bonnie D. Parkin, ehemalige Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung, hat erzählt:

    „Susan … war eine hervorragende Schneiderin. Präsident [Spencer W.] Kimball war in [ihrer] Gemeinde. Eines Sonntags bemerkte Susan, dass er einen neuen Anzug hatte. Ihr Vater hatte ihr kurz zuvor … neuen exquisiten Seidenstoff mitgebracht. Susan dachte sich, aus diesem Stoff ließe sich eine schöne Krawatte machen, die zu Präsident Kimballs neuem Anzug passen würde. Also nähte sie am Montag die Krawatte. Sie wickelte sie in schönes Seidenpapier ein und lief zu Präsident Kimballs Haus.

    Auf ihrem Weg zur Haustür blieb sie plötzlich stehen und dachte: ‚Wer bin ich, dass ich eine Krawatte für den Propheten machen sollte? Er hat wahrscheinlich genug Krawatten.‘ Sie kam zu dem Schluss, dass sie einen Fehler gemacht hatte, und drehte sich um.

    Da öffnete Schwester Kimball die Haustür und sagte: ‚Susan!‘

    Susan stammelte verlegen: ‚Ich habe Präsident Kimball am Sonntag in seinem neuen Anzug gesehen. Mein Vater hat mir gerade Seide aus New York mitgebracht … und da habe ich eine Krawatte genäht.‘

    Bevor Susan fortfahren konnte, unterbrach Schwester Kimball sie, legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte: ‚Susan, unterdrücke nie einen großzügigen Gedanken.‘“9

    Das gefällt mir sehr! „Unterdrücke nie einen großzügigen Gedanken.“ Manchmal, wenn ich einen Eindruck habe, ich solle etwas für jemanden tun, frage ich mich, ob es eine Eingebung war oder nur meine eigenen Gedanken. Doch dann denke ich daran, dass „das, was von Gott ist, [einlädt] und lockt, beständig Gutes zu tun; darum ist alles, was einlädt und lockt, Gutes zu tun und Gott zu lieben und ihm zu dienen, von Gott eingegeben“10.

    Seien es direkte Eingebungen oder nur Impulse, zu helfen – eine gute Tat ist nie Verschwendung, denn „die Liebe hört niemals auf“11 und ist nie die falsche Reaktion.

    Oft kommen diese Eingebungen ungelegen und wir erfahren selten, welche Auswirkungen unsere kleinen guten Taten haben. Doch ab und zu erkennen wir, dass wir ein Werkzeug in der Hand Gottes gewesen sind, und sind dankbar, wenn wir merken, dass der Heilige Geist durch uns wirkt und dies ein Zeichen der Zustimmung Gottes ist.

    Schwestern, Sie und ich können darum beten, dass der Heilige Geist uns „alles zeigen [wird], was [wir] tun soll[en]“12, selbst wenn unsere Aufgabenliste schon voll aussieht. Wenn wir eine Eingebung erhalten, können wir das Geschirr in der Spüle oder eine Inbox voller Probleme, die unsere Aufmerksamkeit fordern, erst einmal ignorieren, und lieber einem Kind vorlesen, mit einer Freundin reden, die Kinder einer Nachbarin hüten oder im Tempel dienen. Verstehen Sie mich nicht falsch – ich mache gerne Listen, ich hake gerne Aufgaben ab, aber Friede kommt durch das Wissen, dass mehr zu sein nicht unbedingt bedeutet, dass wir mehr tun. Wenn ich auf Unzufriedenheit reagiere, indem ich beschließe, Eingebungen zu folgen, denke ich anders über „meine Zeit“, und ich betrachte Menschen nicht als Unterbrechungen, sondern als Sinn meines Lebens.

    Göttliche Unzufriedenheit führt uns zu Christus

    Göttliche Unzufriedenheit führt zu Demut, nicht zu Selbstmitleid oder der Entmutigung, die sich einstellt, wenn wir Vergleiche anstellen, bei denen wir stets schlecht abschneiden. Frauen, die Bündnisse halten, gibt es in allen Größen und Formen. Auch haben sie unterschiedliche Familien, Erfahrungen und Lebenssituationen.

    Natürlich erreichen wir alle unser göttliches Potenzial nicht, und wir kommen zu der wahren Erkenntnis, dass wir allein nicht gut genug sind. Doch die frohe Botschaft des Evangeliums lautet, dass wir dank der Gnade Gottes genug sind. Mit der Hilfe Christi können wir alles schaffen.13 In den heiligen Schriften wird verheißen, dass wir „Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit“14.

    Die überraschende Wahrheit lautet, dass unsere Schwächen ein Segen sein können, wenn sie uns demütig machen und wir uns Christus zuwenden.15 Unzufriedenheit wird göttlich, wenn wir uns mit unseren Unzulänglichkeiten demütig an Jesus Christus wenden, anstatt uns vor Selbstmitleid zurückzuhalten.

    Ja, die Wunder Jesu fangen oft mit dieser Erkenntnis an: Es gibt einen Mangel, ein Bedürfnis, ein Versagen oder eine Unzulänglichkeit. Erinnern Sie sich an die Brote und die Fische? Jeder Verfasser eines Evangeliums berichtet, wie Jesus auf wunderbare Weise Tausende speiste, die ihm folgten.16 Die Geschichte beginnt jedoch damit, dass die Jünger einen Mangel erkannten: Sie stellten fest, dass sie nur „fünf Gerstenbrote und zwei Fische [hatten]; doch was ist das für so viele?“17 Die Jünger hatten Recht: Sie hatten nicht genügend Essen, doch sie gaben das, was sie hatten, Jesus, und dann wirkte er das Wunder.

    Hatten Sie schon einmal das Gefühl, dass Ihre Talente und Gaben für die Aufgabe, die vor Ihnen lag, nicht reichen? Ich schon. Doch Sie und ich können das, was wir haben, Christus geben, und er verhilft unseren Bemühungen dann zu mehr Erfolg. Was Sie zu bieten haben, ist trotz Ihrer menschlichen Fehler und Schwächen mehr als genug – wenn Sie sich auf die Gnade Gottes verlassen.

    Tatsache ist, dass jede von uns nur eine Generation von der Gottheit entfernt ist – jede ist ein Kind Gottes.18 Und so wie er es durch alle Zeitalter hindurch mit Propheten und auch mit gewöhnlichen Männern und Frauen getan hat, so beabsichtigt der himmlische Vater, auch uns zu verwandeln.

    C. S. Lewis hat Gottes verwandelnde Macht so erklärt: „Stellen Sie sich vor, Sie wären ein lebendiges Haus. Nun kommt Gott und will das Haus neu erbauen. Anfangs verstehen Sie vielleicht noch, was er da tut. Er bringt die Dachrinnen in Ordnung und dichtet das Dach ab und dergleichen. Das alles überrascht Sie nicht; Sie wussten ja, dass das mal nötig war. Doch dann fängt er plötzlich an, an dem Haus herumzuhämmern, dass Ihnen Hören und Sehen vergeht. … Er baut [nämlich] ein ganz anderes Haus, als Sie sich vorgestellt haben. … Sie dachten, er würde ein hübsches kleines Häuschen aus Ihnen machen; er aber baut einen Palast. Er hat vor, hinzukommen und selbst darin zu wohnen.“19

    Dank des Sühnopfers unseres Erretters können wir den Aufgaben, die vor uns liegen, gerecht werden. Die Propheten haben gelehrt, dass wir, wenn wir dem Weg eines Jüngers folgen, durch die Gnade Christi geheiligt werden können. Göttliche Unzufriedenheit kann uns dazu bewegen, im Glauben zu handeln, dem Ruf des Erretters zu folgen, Gutes zu tun, und ihm unser Leben demütig zu weihen. Im Namen Jesu Christi. Amen.