2010–2017
    Die Musik des Evangeliums
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    Die Musik des Evangeliums

    Die Musik des Evangeliums ist die innere geistige Freude, die vom Heiligen Geist kommt. Sie bewirkt eine Herzenswandlung.

    Vor ein paar Jahren hörte ich ein Radiointerview mit einem jungen Arzt, der in einem Krankenhaus im Navajo-Reservat arbeitete. Er erzählte, was er eines Abends erlebt hatte: Ein betagter Indianer mit langem, geflochtenem Haar kam in die Notaufnahme. Der junge Arzt nahm sein Klemmbrett, ging auf den Mann zu und fragte: „Wie kann ich Ihnen helfen?“ Der alte Mann blickte geradeaus und sagte nichts. Der Arzt, ein wenig ungeduldig, versuchte es noch einmal. „Ich kann Ihnen nicht helfen, wenn Sie nicht mit mir reden“, sagte er. „Sagen Sie mir, weshalb Sie ins Krankenhaus gekommen sind.“

    Nun sah ihn der alte Mann an und fragte: „Tanzen Sie?“ Als der junge Arzt über die seltsame Frage nachdachte, kam ihm der Gedanke, dass sein Patient vielleicht ein Medizinmann war, der Kranke gemäß den alten Stammesbräuchen durch Gesang und Tanz zu heilen suchte, anstatt Medikamente zu verordnen.

    „Nein“, meinte der Arzt, „ich tanze nicht. Tanzen Sie?“ Der alte Mann nickte bejahend. Daraufhin fragte der Arzt: „Können Sie mir das Tanzen beibringen?“

    Die Antwort des alten Mannes hat mir für viele Jahre Stoff zum Nachdenken gegeben. „Ich kann Ihnen das Tanzen beibringen“, sagte er, „aber Sie müssen die Musik hören.“

    Es kann vorkommen, dass wir zu Hause zwar erfolgreich die Tanzschritte vermitteln, aber weniger Erfolg haben, wenn wir unserer Familie helfen wollen, die Musik zu hören. Und wie der alte Medizinmann sehr wohl wusste, kann man ohne Musik nur schwer tanzen. Ohne Musik zu tanzen ist irgendwie unangenehm und nicht erfüllend, ja, sogar peinlich. Haben Sie es schon einmal versucht?

    In Abschnitt 8 des Buches Lehre und Bündnisse sagt der Herr zu Joseph Smith und Oliver Cowdery: „Ja, siehe, ich werde es dir in deinem Verstand und in deinem Herzen durch den Heiligen Geist sagen, der über dich kommen wird und der in deinem Herzen wohnen wird.“ (Vers 2.) Die Tanzschritte lernt man mit dem Verstand, doch die Musik hört man mit dem Herzen. Die Tanzschritte des Evangeliums stehen für das, was wir tun. Die Musik des Evangeliums ist die innere geistige Freude, die vom Heiligen Geist kommt. Sie bewirkt eine Herzenswandlung und ist die Quelle aller rechtschaffenen Wünsche. Die Tanzschritte erfordern Disziplin, doch die Freude des Tanzes erlebt man nur, wenn man die Musik hören kann.

    Aufgrund dessen, was wir als Mitglieder der Kirche tun, machen sich einige Leute über uns lustig. Das ist verständlich. Ein Tanzender erscheint einem anderen, der die Musik nicht hören kann, oft merkwürdig oder unbeholfen. Haben Sie schon einmal an der Ampel neben einem Wagen gestanden, in dem der Fahrer Tanzbewegungen machte und lauthals sang, während Sie keinen Laut hören konnten, weil Ihr Fenster geschlossen war? Sah er nicht ein wenig merkwürdig aus? Wenn unsere Kinder die Tanzschritte lernen, aber nicht lernen, wie man die schöne Musik des Evangeliums hört und verspürt, werden sie sich beim Tanzen mit der Zeit unwohl fühlen und entweder damit aufhören oder – was kaum besser ist – nur weitertanzen, weil sie sich von den anderen Tanzenden um sie herum dazu gedrängt fühlen.

    Für uns alle, die wir bestrebt sind, das Evangelium zu lehren, besteht die Herausforderung darin, mehr als nur die Tanzschritte zu vermitteln. Das Glück unserer Kinder hängt davon ab, ob sie die schöne Musik des Evangeliums hören können und Gefallen daran finden. Wie erreichen wir das?

    Erstens muss unser eigenes Leben geistig auf die richtige Frequenz ausgerichtet sein. In alten Zeiten, vor dem digitalen Zeitalter, hat man seinen Lieblingssender gefunden, indem man das Einstellrad am Radio vorsichtig drehte, bis es genau auf die Frequenz des Senders eingestellt war. Solange man sich der Zahl nur näherte, konnte man bloß ein Rauschen hören. Erst wenn man schließlich genau die richtige Einstellung gefunden hatte, konnte man seine Lieblingsmusik klar und deutlich hören. Auch wir müssen uns auf die richtige Frequenz einstellen, damit wir die Musik des Geistes hören können.

    Wenn wir nach der Taufe die Gabe des Heiligen Geistes empfangen, sind wir von der himmlischen Musik erfüllt, die mit der Bekehrung einhergeht. Unser Herz hat sich gewandelt und wir haben „keine Neigung mehr …, Böses zu tun, sondern, ständig Gutes zu tun“ (Mosia 5:2). Der Heilige Geist erträgt jedoch keine Unfreundlichkeit, keinen Stolz, keine Eifersucht. Wenn wir diesen zarten Einfluss verlieren, kann der reiche Wohlklang des Evangeliums schnell schräg klingen und schließlich ganz verstummen. Alma stellte die eindringliche Frage: „Wenn euch so zumute gewesen ist, als solltet ihr den Gesang der erlösenden Liebe singen, so frage ich euch: Ist euch auch jetzt danach zumute?“ (Alma 5:26.)

    Liebe Eltern, wenn unser Leben nicht mit der Musik des Evangeliums im Einklang ist, müssen wir es wieder darauf einstimmen. Wie Präsident Thomas S. Monson uns letzten Oktober erklärt hat, müssen wir unsere Wege überdenken (siehe „Überdenke deine Wege“, Liahona, November 2014, Seite 86ff.). Wir wissen, wie man das macht. Wir müssen den gleichen Weg gehen, den wir gegangen sind, als wir die himmlischen Klänge der Musik des Evangeliums zum ersten Mal gehört haben. Wir üben Glauben an Christus, kehren um, nehmen vom Abendmahl, spüren intensiver den Einfluss des Heiligen Geistes, und die Musik des Evangeliums erklingt wieder in unserem Leben.

    Zweitens: Wenn wir selbst die Musik hören können, müssen wir unser Bestes geben, sie auch bei uns zu Hause zu spielen. Das lässt sich nicht erzwingen. „Kraft des Priestertums“ – oder kraft dessen, dass man der Vater, die Mutter, der Größte oder der Lauteste ist – „kann und soll keine Macht und kein Einfluss anders geltend gemacht werden als nur mit überzeugender Rede, mit Langmut, mit Milde und Sanftmut[,] mit ungeheuchelter Liebe [und] mit Wohlwollen.“ (LuB 121:41,42.)

    Warum führen diese Eigenschaften dazu, dass man zu Hause einen stärkeren Einfluss ausüben kann? Weil es die Eigenschaften sind, durch die wir uns dem Heiligen Geist öffnen. Es sind die Eigenschaften, die unser Herz auf die Musik des Evangeliums einstimmen. Wenn sie vorhanden sind, werden die Tanzschritte von allen Tänzern in der Familie natürlicher und freudiger ausgeführt – ohne Drohung oder Einschüchterung oder Zwang.

    Wenn unsere Kinder klein sind, können wir ihnen das Schlaflied der ungeheuchelten Liebe singen, und wenn sie bockig sind und abends nicht ins Bett gehen wollen, müssen wir vielleicht das Schlaflied der Langmut singen. Wenn sie im Teenageralter sind, können wir den Missklang der Auseinandersetzungen und Drohungen abschalten und stattdessen die schöne Musik der überzeugenden Rede spielen – und möglicherweise die zweite Strophe des Schlaflieds der Langmut singen. Die Eltern können in vollkommener Harmonie die zusammenwirkenden Eigenschaften Milde und Sanftmut spielen. Wir können unseren Kindern anbieten, gemeinsam mit uns zu singen, wenn wir einem Nachbarn, der Hilfe braucht, Freundlichkeit erweisen.

    Das geht nicht über Nacht. Wie jeder erfahrene Musiker weiß, muss man fleißig üben, um schöne Musik erklingen zu lassen. Wenn die anfänglichen Bemühungen dabei schräg und unstimmig klingen, denken Sie daran, dass man Misstöne nicht mit Kritik korrigieren kann. Unstimmigkeit in der Familie ist wie Dunkelheit in einem Zimmer. Es nützt wenig, mit der Dunkelheit zu schimpfen. Man muss die Finsternis dadurch vertreiben, dass man Licht hereinlässt.

    Wenn also die Basstöne in Ihrem Familienchor zu laut oder erdrückend sind, wenn die Streicher in Ihrem Familienorchester ein wenig zu schrill oder zu schneidend klingen oder die ungestümen Piccoloflöten falsch spielen oder außer Rand und Band sind, bleiben Sie geduldig. Wenn Sie bei sich zu Hause die Musik des Evangeliums nicht hören, denken Sie bitte an diese drei Worte: Üben Sie weiter. Mit Gottes Hilfe wird der Tag kommen, da die Musik des Evangeliums Ihr Zuhause mit unaussprechlicher Freude erfüllt.

    Aber auch wenn die Musik gut gespielt wird, löst sie nicht all unsere Probleme. Es wird nach wie vor Crescendi und Decrescendi, Stakkati und Legati bei uns geben. So ist das Leben auf unserem Planeten nun einmal.

    Doch wenn wir den Tanzschritten Musik hinzufügen, bewegen sich die zuweilen komplizierten Rhythmen des Ehe- und Familienlebens meist hin zu einem harmonischen Gleichgewicht. Selbst unsere schwierigsten Herausforderungen werden volle, wehmütige Töne und bewegende Motive hinzufügen. Die Lehren des Priestertums werden nach und nach wie der Tau vom Himmel auf unsere Seele fallen. Der Heilige Geist wird unser ständiger Begleiter sein und unser Zepter – ein klarer Hinweis auf Macht und Einfluss – ein unwandelbares Zepter der Rechtschaffenheit und Wahrheit. Unsere Herrschaft wird eine immerwährende Herrschaft sein. Ohne Nötigung wird sie uns zufließen für immer und immer (siehe LuB 121:45,46).

    Möge es bei jedem von uns und in unseren Familien so sein, darum bitte ich im Namen Jesu Christi. Amen.