Heilige Schriften
Vorwort
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Vorwort

Die freundliche Aufnahme, die meine Übersetzung des Neuen Testaments bei heilsbegierigen Lesern gefunden hat, ist für die Württ. Bibelanstalt in Stuttgart die Veranlassung gewesen, nunmehr auch meine Übertragung des Alten Testaments durch den Druck der Öffentlichkeit zu übergeben.

Daß die Bibelübersetzung Luthers, aus dem Geiste des deutschen Volkes wie aus dem Bibelgeiste selbst herausgeboren, durch die wunderbare Kraft der Sprache und die Volkstümlichkeit des Ausdrucks bis heute als unübertroffenes Meisterwerk und Volksbuch dasteht und mehr als irgend ein anderes Schriftwerk die Quelle reichsten Segens für unser Volk geworden ist, steht jedem kundigen und unbefangenen Beurteiler fest. Aber ebenso unbestreitbar ist, daß die Übersetzung der Lutherbibel mancherlei Mängel und Unklarheiten enthält, die verbesserungsbedürftig sind, vor allem aber, daß nach Ablauf von vollen vier Jahrhunderten ihre Sprache veraltet ist, sodaß manche Teile ohne Hilfsmittel überhaupt nicht mehr recht verstanden werden können. Es ist daher begreiflich, daß in den letzten Jahrzehnten nicht nur wiederholt versucht worden ist, die Lutherbibel durch Verbesserungen den berechtigten Anforderungen unserer Zeit entsprechend zu gestalten, sondern daß auch nicht wenige deutsche Übersetzungen, vornehmlich des Neuen Testaments, veröffentlicht worden sind, die dem vorhandenen Bedürfnis abzuhelfen suchen und zum Teil wegen ihres wirklichen Wertes eine weite Verbreitung gefunden haben.

Die vorliegende Übersetzung erhebt nicht den Anspruch, an Luthers Meisterschaft heranzureichen, und geht noch weniger darauf aus, unserem großen Reformator seine Ehre zu schmälern oder sein Werk zu verdrängen; aber meine Arbeit kann doch vielleicht um der Grundsätze willen, von denen ich mich bei ihr habe leiten lassen, manchem Leser für sein Bibelstudium gute Dienste leisten.

Ich habe mir zunächst immerdar die Mahnung Luthers zu Herzen genommen: „Das Wort sie sollen lassen stahn” und mich daher überall bemüht, mit philologischer Genauigkeit, an die ich während meiner langjährigen Amtstätigkeit, sowie infolge meiner schriftstellerischen Arbeiten gewöhnt war, die Übersetzung im engen Anschluß an den biblischen Urtext so treu wie möglich zu gestalten, d. h. nicht sowohl in ängstlicher Weise am Buchstaben zu kleben, als vielmehr sinngetreu zu übersetzen, ohne zu dem Überlieferten etwas hinzuzutun noch etwas davon wegzulassen.

Sodann ist es mein ernstes Bestreben gewesen, meine Übertragung nicht nur in ein verständliches und klares, auch von Fremdwörtern möglichst gereinigtes Deutsch zu kleiden, sondern auch auf die Wiedergabe der Stimmung und Färbung jedes Buches oder Abschnittes, ja jeder Stelle bedacht zu sein, um ebensowohl die unvergleichliche Einfalt und Natürlichkeit der geschichtlichen Stücke zum Ausdruck zu bringen, als auch den mannigfaltigen Stilformen der Psalmen und der Reden in den prophetischen und lehrhaften Büchern gerecht zu werden.

Außerdem habe ich es mir angelegen sein lassen, das Erfassen des Sinnes durch reichlich angebrachte Überschriften zu erleichtern.

Auf folgende Einzelheiten glaube ich noch besonders hinweisen zu sollen:

Wörter, die in gewöhnliche runde Klammern gesetzt sind, fehlen im biblischen Urtext und sind nur deshalb hinzugefügt worden, weil die Rücksicht auf die Verständlichkeit oder auf den deutschen Sprachgebrauch es zu fordern schien (z. B. Psalm 6,4; Hebr. 9,1). Ferner sind in runde Klammern auch die Erklärungen von Namen eingeschlossen.

Stellen, bei denen der herkömmliche hebräische Text unverständlich ist, wurden nach einer andern Lesart übersetzt. Zweifelhafte Übersetzungen sind durch ein kleines eingeklammertes Fragezeichen angedeutet (z. B. 1. Mose 6,3) oder in einer Fußnote vermerkt (z. B. Psalm 68,30 u. 31; 141,5—7).

Der hebräische Gottesname Jahwe (unrichtig Jehova) wurde mit „HErr” wiedergegeben, im Unterschied von „Herr”.

Es gibt in der Heiligen Schrift eine Anzahl von Stellen, deren Sinn sich nicht mit unzweifelhafter Sicherheit feststellen läßt, die deshalb von jeher verschiedene und gleichberechtigte Erklärungen gefunden haben. Derartige Stellen habe ich durchweg so behandelt, daß ich die Worte des Urtextes mit möglichster Genauigkeit wiedergegeben und dem Leser die Aufgabe überlassen habe, durch eigenes Nachdenken zur Ergründung des Sinnes zu gelangen und sich selbst ein Urteil zu bilden.

Gott wolle in seiner Gnade denen, die mein Buch zur Hand nehmen, um seinen Inhalt auf sich wirken zu lassen, ein empfängliches Herz verleihen und in ihren Seelen den Ernst der Mahnung aufleuchten lassen:

„Suche Jesum und sein Licht, alles andere hilft dir nicht!”

Hermann Menge