Die Lehren von Joseph Smith über das Priestertum, den Tempel und die Rolle der Frau
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Die Lehren von Joseph Smith über das Priestertum, den Tempel und die Rolle der Frau

In der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage bieten sich den Frauen genauso wie den Männern viele Gelegenheiten zur Mitarbeit, sei es in einer örtlichen Gemeinde oder in der weltweiten Kirche. Unter anderem halten die Frauen Predigten in den sonntäglichen Gottesdiensten und bei der Generalkonferenz der Kirche, verkünden das Evangelium auf Vollzeitmission, vollziehen als Amtierende heilige Rituale in den Tempeln der Kirche und leiten Organisationen, die für die seelsorgerische Betreuung von Familien, anderen Frauen, Mädchen im Jugendalter und Kindern zuständig sind. Sie gehören auch Ratsgremien des Priestertums auf örtlicher und überregionaler Ebene an. Fachkundige Frauen halten an den Universitäten der Kirche und im Rahmen ihrer Bildungsprogramme für Jugendliche auch Vorlesungen über die Geschichte und die Theologie der Heiligen der Letzten Tage. Da jedoch nur Männer zu Priestertumsämtern ordiniert werden, sind Fragen zur Stellung der Frau in der Kirche aufgekommen. Diese Abhandlung liefert einschlägiges geschichtliches Hintergrundwissen zu diesen wichtigen Fragen und erläutert, was Joseph Smith über Frauen und die Vollmacht des Priestertums gelehrt hat.

Die Wiederherstellung der Priestertumsvollmacht durch den Propheten Joseph Smith ist eine grundlegende Lehre der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage. Schon früh in seinem Wirken erhielt Joseph Smith von Boten aus dem Himmel Priestertumsvollmacht, kraft derer er die Kirche gründete, anderen Männern das Priestertum übertrug und sie zu Ämtern im Priestertum ordinierte.1 Kraft derselben Vollmacht gründete Joseph Smith die Frauenhilfsvereinigung als Bestandteil der Organisationsstruktur der Kirche, wodurch ein wichtiger Aspekt des geistlichen Wirkens der Frauen formell festgelegt und ihnen die Befugnis dafür erteilt wurde. All dies geschah, um die Heiligen auf die Teilnahme an den heiligen Handlungen des Tempels vorzubereiten, die bald nach Gründung der Frauenhilfsvereinigung eingeführt wurden. Als Joseph Smith starb, war seine Vorstellung, die auf Offenbarung beruhte, bereits fest verankert: Frauen und Männer konnten die heiligen Handlungen des Priestertums im heiligen Tempel empfangen und vollziehen und sich somit darauf vorbereiten, einst in die Gegenwart Gottes einzutreten.

Wie das Priestertum in der Anfangszeit der Kirche aufgefasst wurde

Die Wiederherstellung der Priestertumsvollmacht ereignete sich zu einer Zeit, da in den USA große Erregung zum Thema Religion herrschte. Diese war unter anderem Fragen zu göttlicher Vollmacht geschuldet – wer sie innehat, wie man sie erlangt und ob sie notwendig ist.2 Im frühen 19. Jahrhundert glaubten die meisten Christen, dass die Vollmacht, im Namen Gottes zu handeln, nach dem irdischen Wirken Jesu auf der Erde verblieben sei. Joseph Smith verkündete, dass das Priestertum Christi nach dem Tod der Apostel aus alter Zeit verloren gegangen und durch das Wirken von Engeln von neuem wiederhergestellt worden war. Dennoch beruhte das Verständnis vieler Mitglieder vom Priestertum zunächst auf der damals geläufigen Auffassung. In den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts wurde in Amerika der Begriff Priestertum definiert als „Amt oder Rolle eines Priesters“ und „Gemeinschaft von Männern, die zu heiligen Ämtern ordiniert wurden“, was das Priestertum einem religiösen Amt und den Männern gleichsetzt, die es tragen.3 Auch die ersten Heiligen der Letzten Tage betrachteten das Priestertum in erster Linie als Ordinierung zu einem kirchlichen Amt und als die Vollmacht, zu predigen und religiöse Rituale durchzuführen.4 So wie zur damaligen Zeit auch in den meisten anderen christlichen Gemeinschaften, bekleideten bei den Heiligen der Letzten Tage nur die Männer Ämter im Priestertum, verkündeten formell das Evangelium als Missionare und nahmen heilige Handlungen vor, wie etwa zu taufen oder das Abendmahl des Herrn zu segnen.

Anders als viele der anderen Kirchen übertrugen die Heiligen der Letzten Tage das Priestertum jedoch im Allgemeinen auf Laien, so wie es durch Offenbarung festgelegt worden war. Mit der Zeit wurde eine umfangreiche Organisationsstruktur von Priestertumsämtern und Priestertumskollegien geschaffen. Von Anfang an wurde diese Organisationsstruktur durch Offenbarung und auf Weisung von Priestertumsführern gelenkt, die „Schlüssel“ innehaben.5 Die Schlüssel des Melchisedekischen Priestertums, die durch göttliche Boten an Joseph Smith übergeben wurden und später auf andere übergingen, haben „das Recht der Präsidentschaft“, verleihen das Recht, „in geistigen Belangen zu amtieren“ und „das Recht, in allen Ämtern in der Kirche zu amtieren“.6

Dank der Offenbarungen, die Joseph Smith empfing, entwickelten die Heiligen der Letzten Tage ein tieferes Verständnis von der Natur des Priestertums und von dessen Schlüsseln. Aus einer Offenbarung aus dem Jahre 1832 geht hervor, dass das größere, das Melchisedekische Priestertum, „den Schlüssel der Gotteserkenntnis“ innehat und dass in den Verordnungen des Priestertums „die Macht des Göttlichen kundgetan“ wird. Wie auch Mose wurde Joseph Smith beauftragt, „sein Volk zu heiligen, damit sie das Angesicht Gottes sehen könnten“7. Im Jahr 1836 übertrugen Engel auf Joseph Smith die Priestertumsschlüssel, dank derer die Mitglieder der Kirche die heiligen Handlungen des Tempels empfangen können.8 In einer Offenbarung aus dem Jahr 1841 gebot der Herr den Heiligen, einen Tempel in Nauvoo in Illinois zu errichten, worin er seinem Volk „ alles zeigen [werde], was dieses Haus betrifft, auch das dazugehörige Priestertum“9. Die erhabensten aller Verordnungen des Priestertums sollten im Tempel zu finden sein und Männern und Frauen helfen, sich darauf vorzubereiten, in die Gegenwart Gottes einzutreten.

Die Frauen aus den Anfangstagen der Kirche haben sich – so wie Frauen anderswo auch – rege in ihre neue Religionsgemeinschaft eingebracht. Sie bestätigten Entscheidungen durch Abstimmung in Konferenzen10, sie verschönerten die Inneneinrichtung des Tempels mit ihren Handarbeiten, sie verehrten Gott in Versammlungen und Chören gemeinsam mit den Männern, sie erzählten ihren Verwandten und Nachbarn vom Evangelium, sie hielten bei sich zu Hause Versammlungen ab und übten im privaten wie im öffentlichen Umfeld geistige Gaben aus.11 Schon früh wurden Frauen durch Offenbarung bevollmächtigt, die „Schriften zu erläutern und die Kirche zu ermahnen“12. Wie auch unter den meisten anderen Christen der damaligen Zeit waren in der Anfangszeit der Kirche das Predigen in der Öffentlichkeit und die Führungsaufgaben den Männern vorbehalten.13

Joseph Smith und die Frauenhilfsvereinigung von Nauvoo

Durch Offenbarung in Gang gesetzte Entwicklungen in Nauvoo schufen den Frauen neue Gelegenheiten zur Mitarbeit in der Kirche und erweiterten das Verständnis der Heiligen der Letzten Tage von der ewigen Beziehung zwischen Mann und Frau. Die Gründung der Frauenhilfsvereinigung von Nauvoo am 17. März 1842 war dabei ein bedeutender Schritt.14 Eine Gruppe von Mormoninnen wollte die Männer, die am Tempelbau beteiligt waren, gerne mildtätig unterstützen und dazu – wie es zur damaligen Zeit eine gängige Praxis war – einen Wohltätigkeitsverein ins Leben rufen.15 Als die Frauen Joseph Smith ihr Vorhaben vorstellten, fühlte dieser sich inspiriert, über das Übliche und Bekannte hinauszugehen. Sarah Granger Kimball, ein Gründungsmitglied der Frauenhilfsvereinigung, erinnerte sich später, wie der Prophet ihnen erklärte, er habe „etwas Besseres“ für sie und dass er die Frauen „in der Ordnung des Priestertums nach dem Muster der Kirche organisieren werde“16.

Die Frauen nannten ihre neue Organisation „Frauenhilfsvereinigung“. Sie unterschied sich von den Frauenvereinigungen der damaligen Zeit dahingehend, dass sie von einem Propheten eingerichtet wurde, der mit Priestertumsvollmacht den Frauen Vollmacht, heilige Aufgaben und Ämter innerhalb – nicht abseits – der kirchlichen Organisationsstruktur verlieh. Diese Frauen wurden, wie der Apostel John Taylor bei der Gründungsversammlung bemerkte, „gemäß dem Gesetz des Himmels organisiert“17.

Joseph Smith beauftragte die Frauen, „den Armen zu helfen“ und „Seelen zu erretten“18. Er sagte, dass durch die Ernennung seiner Frau Emma Hale Smith zur Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung eine zwölf Jahre zuvor erteilte Offenbarung erfüllt wurde, in der sie eine „auserwählte Frau“ genannt wurde.19 Außerdem verkündete er der Vereinigung: „Jetzt übergebe ich euch im Namen Gottes den Schlüssel, und diese Vereinigung soll sich freuen, und Erkenntnis und Intelligenz sollen von nun an herabfließen.“20

Sarah Kingsley Cleveland, Ratgeberin von Emma Smith, brachte das Empfinden der Frauen, von Gott bevollmächtigt worden zu sein, zum Ausdruck, als sie sagte: „Wir beabsichtigen, im Namen des Herrn zu handeln.“21 Emma Smith rief alle Mitglieder der Vereinigung auf, „eifrig Gutes zu tun“ und verkündete, dass sie gemeinsam „etwas Außergewöhnliches“ leisten werden. Sie erwartete „außergewöhnliche Ereignisse“ und dass die „Hilfe dringend gebraucht“ werde.22

Mit zwei Aspekten der Aussagen von Joseph Smith gegenüber den Frauen der Frauenhilfsvereinigung sind heutige Mitglieder der Kirche möglicherweise nicht vertraut. Der erste besteht in seiner Ausdrucksweise im Zusammenhang mit dem Priestertum. Bei der Gründung der Frauenhilfsvereinigung sprach Joseph Smith von der „Ordinierung“ von Frauen und davon, wie deren Beamtinnen „über die Vereinigung präsidieren“.23 Außerdem verkündete er: „Jetzt übergebe ich euch im Namen Gottes den Schlüssel.“24

Diese Aussagen lassen erkennen, dass Joseph Smith an die Frauen der Frauenhilfsvereinigung Priestertumsvollmacht delegiert hat.25 Seine Wortwahl kann man richtig einordnen, wenn man sich den historischen Hintergrund verdeutlicht. Während des 19. Jahrhunderts bezeichneten die Heiligen der Letzten Tage zu verschiedenen Zeiten Vollmacht, Wissen oder Tempelverordnungen als „Schlüssel“.26 Genauso verwendeten die Mormonen gelegentlich den Begriff Ordinierung im weiteren Sinne, häufig synonym mit Einsetzung und nicht immer in Bezug auf ein Priestertumsamt.27 Es wird klar, was Joseph Smith meinte, wenn man betrachtet, wie er vorging: Weder er noch jemand in seinem Auftrag und auch keiner seiner Nachfolger übertrug je einer Frau das Aaronische oder das Melchisedekische Priestertum oder ordinierte sie zu einem Priestertumsamt.

In späteren Jahren wurden Begriffe wie Ordinierung und Schlüssel genauer definiert; 1880 erklärte Präsident John Taylor, der Emma Smith und ihre Ratgeberinnen im Auftrag Joseph Smiths „ordinierte und einsetzte“, dass „die damals vollzogene Ordinierung nicht die Übertragung des Priestertums auf diese Schwestern bedeutete“.28 Die Frauen erhielten die Vollmacht, in der Frauenorganisation zu präsidieren und nach Bedarf Beamtinnen zu bestimmen, um die Organisation nach dem Muster des Priestertums zu leiten, wozu die Führung durch eine Präsidentin, der Ratgeberinnen zur Seite stehen, gehört.29 Als Präsident Taylor diese Aussage traf, gab es mittlerweile auch von Frauen geführte Organisationen für Mädchen im Jugendalter und Kinder. Auch diesen Organisationen stand eine Präsidentschaft vor, die mit delegierter Priestertumsvollmacht handelte.

Der zweite Aspekt der Aussagen von Joseph Smith gegenüber der Frauenhilfsvereinigung, der heutzutage fremd erscheint, liegt darin, dass er es guthieß, dass Frauen bei Krankensegen mitwirkten. „Hinsichtlich des Händeauflegens durch Frauen“, heißt es in den Protokollen der Frauenhilfsvereinigung von Nauvoo, erklärte Joseph Smith: „Es ist keine Sünde, wenn jemand dies tut, der Glauben hat.“ Auch mahnte er: „Wenn die Schwestern Glauben haben, Kranke zu heilen, möge jeder seine Zunge im Zaum halten und es geschehen lassen.“30 Einige Frauen haben seit den Anfangstagen der Kirche solche Segen gespendet. Zu dieser Zeit verstanden die Heiligen der Letzten Tage die Gabe der Heilung in erster Linie, so wie im Neuen Testament beschrieben, als eine der Gaben des Geistes, die allen offenstehen, die Glauben haben. Joseph Smith erklärte, dass die Gabe der Heilung ein Zeichen ist, das all jenen folgt, „die Glauben haben, ob Mann oder Frau“.31

Während des 19. Jahrhunderts segneten Frauen häufig Kranke durch gläubiges Gebet und viele Frauen empfingen Priestertumssegen, in denen ihnen die Gabe der Heilung verheißen wurde.32 „Ich habe vielmals die Macht und die Segnungen Gottes gesehen, wenn die Schwestern Segen spendeten“, bezeugte Elizabeth Ann Smith Whitney, die ihrem eigenen Bericht zufolge von Joseph Smith gesegnet wurde, von dieser Gabe Gebrauch zu machen.33 1883 erklärte Eliza R. Snow, Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung, in Bezug auf diese heilenden Segen: „Frauen können im Namen JESU amtieren, nicht jedoch kraft des Priestertums.“34

Anfang des 20. Jahrhunderts ging die Beteiligung von Frauen an Krankensegen allmählich zurück, da die Führer der Kirche deutlich machten, dass es zu bevorzugen sei, der Weisung im Neuen Testament zu folgen, die Ältesten zu rufen35. Im Jahr 1926 bekräftigte Heber J. Grant als Präsident der Kirche, dass die Erste Präsidentschaft „sich nicht dafür ausspricht, dass man die Schwestern herbeiruft, um die Kranken zu segnen, da es in den heiligen Schriften heißt, dass man die Ältesten herbeirufen soll, die das Priestertum Gottes tragen und die Macht und Vollmacht haben, die Kranken im Namen Jesu Christi zu segnen“.36 Im derzeitigen Handbuch mit den Anweisungen der Kirche ist vorgeschrieben: „Nur Träger des Melchisedekischen Priestertums dürfen einem Kranken oder Bedrängten einen Segen geben.“37

Das Priestertum und der Tempel

Joseph Smith hat gesagt, dass seine Anweisungen an die Frauenhilfsvereinigung dazu bestimmt waren, Frauen darauf vorzubereiten, „an den Vorzügen, Segnungen und Gaben des Priestertums teilzuhaben“. Erreicht werden sollte dies durch die Verordnungen des Tempels.38 Diese neuen Verordnungen legten das Wesen Gottes, den Sinn des Lebens, die Bedeutung des ewigen Lebens und die Art der Beziehung zwischen der Menschheit und der Gottheit dar. Sie stellten eine Bündnisbeziehung zwischen Männern und Frauen und Gott her.

Joseph Smiths Lehren über die Tempelverordnungen tragen ebenfalls dazu bei, das, was er die Frauenhilfsvereinigung in Bezug auf das Priestertum lehrte, richtig einzuordnen. Joseph Smith sprach davon, ein „Reich von Priestern“ aufzubauen.39 Ähnliche Begriffe hatte er auch schon früher verwendet, wenn er über die Beziehung aller Heiligen zum Tempel sprach.40 Dieses „Reich von Priestern“ sollte aus Männern und Frauen bestehen, die Tempelbündnisse eingegangen sind.

In den letzten zwei Jahren seines Lebens führte Joseph Smith eine Kerngruppe von Männern und Frauen in die Verordnungen und Bündnisse des Tempels ein. Im Mai 1842 amtierte er bei den ersten Endowments – ein Ritual, bei dem die Teilnehmer heilige Bündnisse eingingen und Belehrungen über Gottes Erlösungsplan empfingen.41 Bis Ende September 1843 nahm Joseph Smith die ersten Siegelungen (Trauungen für die Ewigkeit) zwischen Männern und Frauen vor und führte anschließend Frauen in das Endowment ein. Er lehrte Männer und Frauen, dass sie durch die Verordnungen des Tempels – die in der Siegelung ihren Höhepunkt finden – in eine „Ordnung des Priestertums“ eintraten.42 Zum Zeitpunkt seines Todes hatte er diese Verordnungen an einige Dutzend Männer und Frauen weitergegeben, die sich oft versammelten, um zu beten und um an Tempelzeremonien teilzunehmen, während sie auf die Fertigstellung des Nauvoo-Tempels im Dezember 1845 warteten.

Die Verordnungen des Tempels waren Priestertumsverordnungen, jedoch wurde dadurch niemandem – ob nun Mann oder Frau – ein kirchliches Amt übertragen. Sie erfüllten die Verheißung des Herrn, dass sein Volk, Männer ebenso wie Frauen, „mit Macht aus der Höhe ausgerüstet werden“ sollte.43 Diese Priestertumsmacht trat im Leben des Einzelnen in vielerlei Weise zutage und stand allen erwachsenen Mitgliedern offen, ungeachtet ihres Familienstands. Das Endowment öffnete Männern und Frauen gleichermaßen einen Verbindungsweg für persönliche Offenbarung. Es verlieh ein größeres Maß an „Glauben und Wissen“ und die „Hilfe des Geistes des Herrn“ – eine Macht, die die Heiligen für die späteren Bedrängnisse auf der über 2000 Kilometer langen Reise durch die unwirtliche Wildnis wappnete, bevor sie sich im Salzseetal niederlassen konnten.44 Die Heiligen der Letzten Tage, die das Endowment empfangen hatten, waren dadurch „mit [Gottes] Macht ausgerüstet“ und konnten „überaus große und herrliche Nachricht … hinaustragen bis an die Enden der Erde“.45 Durch die Verordnungen des Tempels wurde die Macht des Göttlichen tatsächlich in ihrem Leben kundgetan.46

Während der Zeit in Nauvoo erkannten die Heiligen der Letzten Tage, dass jeder Mensch ein Kind himmlischer Eltern ist und dass es letztlich die Bestimmung treuer Männer und Frauen ist, ihnen gleich zu werden.47 Mit diesen Lehren gingen weitere Offenbarungen über die ewige Natur und den Zweck der Ehe einher. Joseph Smith erklärte seinen Vertrauten, dass eine Ehe, die kraft der rechtmäßigen Vollmacht im Tempel geschlossen – oder „gesiegelt“ – wurde, in der Ewigkeit Bestand hat.48

Diese Offenbarungen und Verordnungen vermittelten ein neues Verständnis von der Beziehung zwischen Mann und Frau, die wechselseitig voneinander abhängig sind. Kurz nachdem er das Endowment empfangen hatte, drückte Bischof Newel K. Whitney es so aus: „Ohne die Frau kann nicht alles auf der Erde wiederhergestellt werden. Um das Priestertum wiederherzustellen, ist alles erforderlich.“49 Mary Isabella Horne, ein Mitglied der Frauenhilfsvereinigung von Nauvoo, brachte später ihre Freude zum Ausdruck, „an der Seite unserer Brüder am Aufbau des Gottesreiches mitzuwirken. Bei allen heiligen Handlungen, die man im Haus des Herrn empfängt – sei es nun für die Lebenden oder die Verstorbenen – steht die Frau neben dem Mann. Das zeigt, dass es im Herrn weder die Frau ohne den Mann noch den Mann ohne die Frau gibt.“50

Die im Nauvoo-Tempel – und infolgedessen auch in den heutigen Tempeln – verliehene Priestertumsmacht geht über dieses Leben hinaus, da die Verordnungen des Tempels die Erhöhung der Kinder Gottes möglich machen.51 Joseph Smith hat gelehrt, dass durch die Verordnungen des Tempels ein „Bindeglied“ zwischen allen Mitgliedern der Menschheitsfamilie geschaffen wird, das in einer Familie nach der anderen die Generationen aus Vergangenheit und Zukunft miteinander verbindet.52

Wenn ein Mann und eine Frau im Tempel gesiegelt werden, treten sie gemeinsam durch einen Bund in eine Ordnung des Priestertums ein.53 Sind sie ihren Bündnissen treu, werden ihnen „Ehre, Unsterblichkeit und ewige[s] Leben“, „Erhöhung und Herrlichkeit in allem“ und „eine Fülle und Fortsetzung der Samen … für immer und immer“ zuteil.54 Einigen bietet sich in diesem Leben keine Gelegenheit zur Heirat, und viele haben zerrüttete Beziehungen in der Familie. Da Gott gerecht ist, wird jedes seiner Kinder die Gelegenheit haben – ob nun in diesem Leben oder im Jenseits –, das Evangelium anzunehmen und alle verheißenen Segnungen zu empfangen, also auch die ewige Ehe. Die Bedingung hierfür ist Glaubenstreue.55

Die Frauen und das Priestertum heute

In mancherlei Hinsicht ist die Beziehung zwischen den Frauen in der Kirche und dem Priestertum seit der Zeit von Joseph Smith erstaunlich beständig geblieben. Wie auch in den Anfangstagen der Kirche werden Männer zu Priestertumsämtern ordiniert; zugleich werden Frauen und Männer dazu angehalten, die Macht und die Segnungen des Priestertums in ihrem Leben wirken zu lassen.56 Weiterhin amtieren Männer und Frauen bei heiligen Handlungen im Tempel, wie es auch schon zur Zeit von Joseph Smith der Fall war. Damals lehrte er, dass Männer und Frauen den höchsten Grad der celestialen Herrlichkeit nur dann erlangen können, wenn sie durch die Siegelung im Tempel gemeinsam in eine Ordnung des Priestertums eintreten. Diese Erkenntnis ist den Heiligen der Letzten Tage bis heute geblieben.

Die Priestertumsvollmacht, die Frauen im Tempel und anderswo ausüben, wird von den Menschen außerhalb der Kirche größtenteils nicht wahrgenommen und wird mitunter auch von Mitgliedern missverstanden oder übersehen. Mitglieder der Kirche und andere setzen häufig fälschlicherweise das Priestertum mit einem religiösen Amt und den Männern, die es tragen, gleich, was jedoch das weiter gefasste Verständnis verdeckt, das die Heiligen der Letzten Tage vom Priestertum haben.

Seit der Zeit von Joseph Smith haben die Propheten der Kirche in Ausübung der Schlüssel des Priestertums in einer Welt, in der es für viele Frauen mittlerweile mehr Chancen in Bildung, Politik und Wirtschaft gibt, die Strukturen und die Programme der Kirche angepasst.57 Heutzutage werden drei Organisationen der Kirche von Frauen geleitet: die Frauenhilfsvereinigung, die Jungen Damen und die Primarvereinigung. Frauen predigen und beten im Gottesdienst, bekleiden zahlreiche Ämter, in denen sie führen und Gutes tun, wirken in Priestertumsräten auf örtlicher und überregionaler Ebene mit und sind überall in der Welt offiziell als Missionarinnen tätig. Dies sind nur einige Beispiele, in welcher Form Frauen Priestertumsvollmacht ausüben, auch wenn sie nicht zu einem Amt im Priestertum ordiniert werden.58 Derartige Funktionen und Führungsaufgaben würden in vielen anderen Religionsgemeinschaften eine Ordinierung voraussetzen.

Das Priestertum ist auf vielfältige Weise ein Segen im Leben der Kinder Gottes. Das Priestertum bevollmächtigt und veredelt den Menschen, es strukturiert und schafft Ordnung. In Berufungen in der Kirche, bei den heiligen Handlungen des Tempels, in Beziehungen in der Familie und im unbemerkten, persönlichen Dienst handeln Frauen und Männer in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage kraft der Macht und Vollmacht des Priestertums. Diese wechselseitige Abhängigkeit von Männern und Frauen, während sie Gottes Werk durch seine Macht ausführen, ist im Evangelium Jesu Christi, das durch den Propheten Joseph Smith wiederhergestellt wurde, von entscheidender Bedeutung.