2022
Dienstprojekte bis an die Grenzen
Dezember 2022


Dienstprojekte bis an die Grenzen

München (JW): Seit Monaten engagieren sich die Mitglieder des Pfahles München auf unterschiedlichste Weise, um den Menschen in der Ukraine in ihrer prekären Situation zahlreiche Spenden, großzügige Hilfeleistungen und Hilfsangebote jeglicher Art zukommen zu lassen. Wöchentlich verlassen voll beladene Transporte die Hofbrunnstraße, um Menschen an den Grenzen mit dem Wichtigstem zu versorgen.

Ständig wurden Fahrerinnen und Fahrer gesucht, die bereit waren, zu zweit einen 3,5-Tonnen Sprinter-Van nach Lwiw (Lemberg) in der Ukraine zu fahren. Die reine Fahrzeit beträgt mindestens 24 Stunden hin und zurück plus variable Grenzwartezeiten, sodass mit einer Gesamtreisezeit von circa 30 Stunden zu rechnen ist. Idealerweise werden die Vans abends beladen und losgesendet, um am nächsten Tag frühmorgens die polnisch-ukrainische Grenze zu passieren. Eine der ersten Fahrerinnen waren Kym Reichard und Raphaela Hasse aus der Gemeinde Augsburg, die sich – mitsamt einem vollbeladenen Van mit Spenden der Gemeinde und von Nachbarn – auf den Weg nach Lwiw machten. Auch wenn die nötigen Dokumente schon vorbereitet waren, musste man an den Grenzen noch lange Wartezeiten bei der Abfertigung auf sich nehmen. Pfahlpräsident Jendrik Hasse betete, dass Engel die beiden Reisenden begleiten mögen.

An einer der Grenzen, es war 2 Uhr morgens, war der Tank nur zu einem Viertel voll, doch Schwester Reichard hatte das Gefühl, sofort tanken fahren zu müssen. Das war auch gut so, denn in ganz Polen waren auf der restlichen Strecke keine Tankstellen offen. Zusätzlich standen entlang der Straßen überall bewaffnete Soldaten. Als sie das Gemeindehaus in der Ukraine schlussendlich betraten, stellten sie fest, dass nur ein ehemaliger Missionar etwas gebrochen Englisch sprach. Er zeigte ihnen das gesamte Gemeindehaus. Schnell wurde deutlich, dass einige Veränderungen vorgenommen werden mussten, um die Flüchtlinge beherbergen zu können. Gewöhnlich bleiben die Flüchtlinge, von denen 60 Prozent nicht Mitglieder der Kirche sind, für circa zwei bis drei Tage dort, um auszuruhen und Kraft zu tanken. Sie sind sehr dankbar für alles an diesem sicheren Ort. Der Kultursaal und die Klassenräume waren mit circa 55 Matratzen bestückt und das Taufbecken zur Dusche umfunktioniert worden. Die Küche benötigte noch dringend einen Kühlschrank und eine Waschmaschine sowie Wäscheständer, damit die Wäsche für so viele Leute getrocknet werden konnte. Mit einer weiteren Fahrt konnten diese Dinge zügig nachgeliefert werden. Eine Schwester aus Tschernobyl hatte die Organisation für die Küche übernommen. Trotz körperlicher Einschränkung diente sie, und jeder nahm dankbar ihre Hilfe an

Eines Tages kam der für die gesamte Ukraine zuständige Gebäudemanager vorbei. Die Stadt Lwiw hatte zwar eigentlich nicht auf seinem Reiseplan gestanden, aber er hatte das Gefühl gehabt, er solle auch hier einen Stopp einlegen. Wenn er früher oder später gekommen wäre, wären die zwei Schwestern nicht mehr da gewesen. Durch ihn erhielten sie noch wichtige Kontaktdaten, zum Beispiel die des Missionspräsidenten und eines Missionsehepaars, das zwischen Lwiw und Mariupol in einem Gemeindehaus die Flüchtlinge empfängt. Auch für sie wurde anschließend noch ein Hilfsprojekt gestartet, um Babynahrung und Hygieneartikel transportieren zu können. Der Manager erzählte auch, dass ein polnisches Busunternehmen ein bis zwei Mal die Woche einen kostenlosen Bus zur Verfügung stelle, um die Flüchtlinge von Lwiw nach Polen in Sicherheit zu bringen. Für Schwester Reichard und Schwester Hasse war es ein Bedürfnis, dort hinzufahren, um sich vor Ort ein Bild von den Geschehnissen zu machen und um festzustellen, welche Dinge wirklich gebraucht wurden. Kurz nachdem sie abgefahren waren, hörte man gewaltige Detonationen von Bombeneinschlägen.

Ein weiteres Dienstprojekt wurde von Alica Klemm ins Leben gerufen. Sie war, wie so viele, über den Krieg in der Ukraine erschüttert und besuchte ein paar Tage nach Kriegsbeginn die ukrainisch-orthodoxe Kirche in Landshut. Sie sah, dass in einem Nebenraum Hilfsgüter bis unter die Decke gestapelt waren. Spontan bot sie die Gemeinderäume der Kirche an, musste jedoch vorher noch den Bischof und die Präsidentin der FHV um Erlaubnis bitten. Die Spendenaktion wurde auf Facebook in vier lokalen Gruppen gepostet. Circa 800 Menschen aus Landshut und Umgebung, auch viele ukrainische Familien, folgten dem Aufruf, und es bildeten sich lange Schlangen vor dem Gemeindehaus. Viele von ihnen hatten noch nie von der Kirche gehört oder wussten nicht, dass das schöne Gebäude eine Kirche beherbergt. Bis zu 15 Brüder und Schwestern waren im Laufe des Tages eingeteilt, um alles zu sortieren und zu verpacken. Ende der Woche waren 15 Sprinter vollgepackt, die Richtung Ungarn fuhren, wo sie von Anna Hauck, die für die Ukrainehilfe vor Ort zuständig ist, in Empfang genommen und an die dort ankommenden Flüchtlinge verteilt wurden.

Es braucht immer zu allen Zeiten mutige und hilfsbereite Menschen, um etwas zu bewegen. Durch einfache Dinge kann Großes zustande gebracht werden.