Achtung, Zwischenraum!
    Fußnoten

    Achtung, Zwischenraum!

    Ein Zwischenraum kann uns an Bereiche erinnern, wo wir besser werden können, oder er kann, wenn wir ihn ignorieren, zum Stolperstein für uns werden.

    Vor einigen Jahren besuchte ich ein paar liebe Freunde in London. Während meines Aufenthalts fuhr ich mit der „Tube“, der Londoner U-Bahn, die ein vielgenutztes Fortbewegungsmittel ist. In allen stark frequentierten U-Bahn-Stationen gibt es Schilder, die die Menschen auf mögliche Gefahren hinweisen. Blinklichter machen aufmerksam, wenn ein Zug kommt und man zurücktreten soll. Ein Schild weist auf den gefährlichen Zwischenraum zwischen dem Trittbrett des Zugs und der Bahnsteigkante hin. Auf dem Schild steht: „Achtung, Zwischenraum!“ Damit werden die Fahrgäste ermahnt, mit dem Fuß nicht in den Zwischenraum zu geraten und nichts dort hineinfallen zu lassen, weil es sonst unter den Zug kommt und verloren geht. Dieses Warnschild ist wichtig; es warnt vor einer sehr realen Gefahr. Um in Sicherheit zu sein, muss man auf den Zwischenraum achten.

    Viele von uns leben mit Zwischenräumen. Manch ein Zwischenraum besteht in dem Unterschied zwischen dem, was wir wissen, und dem, was wir tatsächlich tun, oder zwischen unseren Zielen und dem, was wir tatsächlich erreichen. So ein Zwischenraum kann uns an Bereiche erinnern, wo wir besser werden können, oder er kann, wenn wir ihn ignorieren, zum Stolperstein für uns werden.

    Ich möchte einige „Zwischenräume“ ansprechen, die mir bei mir oder bei anderen auffallen. Heute Abend möchte ich auf diese eingehen.

    Erstens: Der Zwischenraum zwischen dem Glauben, eine Tochter Gottes zu sein, und der Gewissheit in Herz und Seele, dass Sie eine kostbare, geliebte Tochter Gottes sind.

    Zweitens: Der Zwischenraum zwischen dem Abschluss des Programms für die Jungen Damen und dem rückhaltlosen Übergang zu einem aktiven Mitglied der FHV, „der Organisation des Herrn für Frauen“1.

    Drittens: Der Zwischenraum zwischen dem Glauben an Jesus Christus und der Tapferkeit im Zeugnis von Jesu Christus.

    Nummer 1: Der Zwischenraum zwischen dem Glauben und der Gewissheit, dass Sie eine kostbare, geliebte Tochter Gottes sind.

    Die meisten von denjenigen unter uns, die schon länger in der Kirche sind als nur ein paar Monate, haben schon das Lied „Ich bin ein Kind von Gott“2 gesungen. Ich singe dieses Lied von Kindesbeinen an und habe immer daran geglaubt. Auch wenn die meisten von uns daran glauben, neigen wir in mühseligen, schwierigen Zeiten anscheinend dazu, daran zu zweifeln oder es zu vergessen.

    So manche hat schon einmal etwas gesagt wie: „Wenn Gott mich wirklich liebte, hätte er mein Kind nicht so krank werden lassen.“ „Wenn Gott mich liebte, würde er mir helfen, einen würdigen Mann zu finden, den ich heiraten und an den ich im heiligen Tempel gesiegelt werden könnte.“ „Wenn Gott mich liebte, hätten wir genug Geld, um für unsere Familie ein Haus zu kaufen.“ Oder: „Ich habe gesündigt, und deshalb kann Gott mich unmöglich noch lieben.“

    Leider hören wir Aussagen dieser Art viel zu oft. Sie müssen wissen, dass es nichts gibt, was Sie „von der Liebe Christi [scheiden kann]!“ In den heiligen Schriften steht ganz deutlich, dass uns weder Bedrängnis noch Not oder Verfolgung, weder Mächte noch irgendeine andere Kreatur von der Liebe Gottes scheiden können.3

    Unser himmlischer Vater hat uns so sehr geliebt, dass er seinen einziggezeugten Sohn gesandt hat, damit dieser für unsere Sünden sühnt. Der Erretter hat nicht nur für jede Sünde gelitten, sondern er hat auch jeden Schmerz und Kummer, jedes Unbehagen, jede Einsamkeit und jede Trauer verspürt, die wir alle je durchmachen können. Ist das keine große Liebe? Präsident Henry B. Eyring hat gesagt: „Der Heilige Geist bezeugt uns, dass Gott da ist, und lässt uns die Freude spüren, die mit der Liebe Gottes verbunden ist.“4

    Wir müssen die Liebe Gottes annehmen und uns selbst und andere lieben. Denken Sie daran, dass jeder Mensch auf dieser Erde auch ein Kind Gottes ist. Wir müssen einander so liebevoll und freundlich behandeln, wie es sich für ein Kind Gottes geziemt.

    Die meisten von Ihnen bemühen sich sehr, ihre Pflicht zu erfüllen, die Gebote zu halten und dem Herrn zu gehorchen. Sie müssen aber auch die Zustimmung des Herrn erkennen können. Sie müssen wissen, dass der Herr Wohlgefallen an Ihnen hat und Ihr Opfer angenommen hat.5

    Denken Sie daran, auf diesen Zwischenraum zu achten und keinen Zweifel und keine Unsicherheit in sich aufkommen zu lassen. Seien Sie gewiss, dass Gott Sie innig liebt und dass Sie sein kostbares Kind sind.

    Als Nächstes: Der Zwischenraum zwischen dem Abschluss des Programms für die Jungen Damen und dem vollständigen Übergang zu einem aktiven Mitglied der FHV, „der Organisation des Herrn für Frauen“.

    In vielen Ländern wird ein Mädchen, sobald es 18 Jahre alt ist, als Frau angesehen. Für viele ist dies eine aufregende Zeit. Wir fühlen uns nun erwachsen und bereit, es mit der Welt aufzunehmen und sie zu erobern. Für Junge Damen in der Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage ist das auch die Zeit, zu der wir viele unserer Ziele im Programm Mein Fortschritt erreichen, in die FHV kommen und Berufungen in der Kirche annehmen. Unser Zeugnis ist bei den Jungen Damen gefestigt worden und wir haben uns einige Ziele gesteckt, die uns zu einer Tempelehe und einer eigenen ewigen Familie hinführen werden.

    Leider nehmen aber auch einige unserer jüngeren Schwestern „Urlaub“ davon, sich im Evangelium und in der FHV voll und ganz zu beteiligen. Einige haben die Einstellung: „Ich gehe in die FHV, wenn ich heirate oder wenn ich älter bin oder nicht so viel zu tun habe.“

    Nach meiner Schulzeit hatte ich zum Ziel, zumindest einige Jahre lang aufs College zu gehen, einen gut aussehenden Mann zu heiraten und vier makellose, hübsche Kinder zu haben (zwei Jungen und zwei Mädchen). Mein Mann sollte viel Geld verdienen, damit ich nicht arbeiten müsste. Außerdem hatte ich vor, in der Kirche und in der Gesellschaft Gutes zu tun. Zum Glück hatte ich auch das Ziel, ein aktives und glaubenstreues Mitglied der Kirche zu sein.

    Vielleicht wissen Sie, dass sich viele meiner Ziele nicht so verwirklicht haben, wie ich es mir erhofft hatte. Ich schloss das College ab, ging auf Mission, begann zu arbeiten, setzte mein Studium fort, machte den Master- Abschluss und arbeitete jahrelang weiter in meinem Beruf. (Vor 13 Jahren war ich ganz sicher, auf die Ehe zuzusteuern, als ich einen Glückskeks öffnete und las: „Du wirst innerhalb des nächsten Jahres heiraten.“) Aber es fand sich kein gut aussehender Mann, und es gab keine Ehe und keine Kinder. Nichts war so gekommen, wie ich es geplant hatte, ausgenommen eines: Ich bemühte mich, ein aktives und glaubenstreues Mitglied der Kirche zu sein. Dafür bin ich ungemein dankbar. Es hat mich entscheidend geprägt.

    Jahrelang hatte ich eine Berufung bei den Jungen Damen und empfand das als eine Chance, jungen Mädchen, die an ihrem Zeugnis arbeiteten und sich bemühten, in der Art und Weise, die Gott festgelegt hat, Fortschritt zu machen, etwas beizubringen und ihnen Zeugnis zu geben.

    Ich durfte auch Berufungen in der FHV ausüben, die mich erkennen ließen, wie man anderen dient, die meinen Glauben stärkten und mir ein großartiges Zugehörigkeitsgefühl vermittelten. Obwohl ich unverheiratet und kinderlos war, spürte ich, dass mein Leben einen Sinn hatte. Zuweilen war ich entmutigt, und manchmal zweifelte ich am Plan des Herrn.

    Eine Arbeitskollegin, die nicht der Kirche angehörte, fragte mich: „Warum gehst du noch immer in eine Kirche, in der es so sehr um Ehe und Familie geht?“ Ich antwortete schlicht und einfach: „Weil sie wahr ist!“ Ich kann außerhalb der Kirche genauso alleinstehend und genauso kinderlos sein. Aber mit der Kirche und dem Evangelium Jesu Christi in meinem Leben war ich glücklich, und ich wusste, dass ich dem Pfad folgte, auf dem der Erretter mich haben wollte. Ich fand darin Freude und reichlich Gelegenheit zu dienen, zu lieben und zu wachsen.

    Denken Sie daran: Es kommt nicht nur darauf an, was Sie bekommen, wenn Sie sich in der FHV aktiv beteiligen, sondern auch darauf, was Sie geben und beisteuern können.

    Meine lieben Schwestern – und insbesondere Sie, die jüngeren Alleinstehenden –, ich bezeuge Ihnen, dass Gott Sie liebt, er denkt an Sie, er hat einen Plan für Sie. Er braucht Sie, damit Sie seinen Kindern dienen. Er braucht Sie als aktive, glaubenstreue Frau, die sich voll und ganz in seine Kirche einbringt. Er braucht Sie, damit Sie „trösten und stärken nach seinem Geheiß“6.

    Schwester Eliza R. Snow, die zweite Präsidentin der Frauenhilfsvereinigung, sprach 1873 in Ogden in Utah in einer Versammlung vor vielen Schwestern – jungen Mädchen wie auch erwachsenen Frauen. Ihre Worte passten in die damalige Zeit und sind auch heute noch von Belang.

    Zu den jüngeren Frauen sagte sie: „Wenn Sie zusammenkommen [das heißt ältere und junge Frauen], wird Ihr Verstand geschult, Sie erlangen Intelligenz und bauen Unwissenheit ab. Der Geist Gottes verleiht Ihnen Wissen, und Sie geben es einander weiter. Ich sage: Gott segne Sie, meine jungen Schwestern. Denken Sie daran, dass Sie Heilige Gottes sind und in Zion wichtige Aufgaben zu erfüllen haben.“

    Ferner forderte sie alle Frauen auf: „Der Apostel Paulus sprach in alter Zeit von heiligen Frauen. Jede von uns hat die Pflicht, eine heilige Frau zu sein. Wir werden höhere Ziele haben, wenn wir heilige Frauen sind. Wir werden spüren, dass wir berufen sind, wichtige Aufgaben zu erfüllen. Keine ist davon ausgenommen. Keine Schwester lebt so abgeschieden, hat einen so eng begrenzten Wirkungskreis, dass sie nicht eine ganze Menge dafür tun könnte, dass hier auf der Erde das Reich Gottes aufgerichtet wird.“7

    Bitte achten Sie auf diesen Zwischenraum: die Inaktivität. Er darf in keiner Form Platz in Ihrem Leben haben. Sie brauchen die Kirche, und die Kirche braucht Sie.

    Und zum Schluss: Der Zwischenraum zwischen dem Glauben an Jesus Christus und der Tapferkeit im Zeugnis Jesu Christi.

    Viele Menschen glauben an Jesus Christus – dass er von Maria in bescheidenen Verhältnissen vor vielen Jahren in Betlehem geboren wurde. Die meisten glauben, dass er heranwuchs und ein großartiger Lehrer wurde, ein gütiger, edler Mensch. Einige glauben, dass er uns viele wertvolle Grundsätze und Gebote gegeben hat und dass wir gesegnet werden, wenn wir diese Lehren befolgen und diese Gebote halten.

    Doch wir als Heilige der Letzten Tage wissen, dass wir mehr tun müssen, als an Jesus Christus zu glauben. Wir müssen Glauben an ihn haben, von unseren Sünden umkehren, uns in seinem Namen taufen lassen und die Gabe des Heiligen Geistes empfangen. Danach müssen wir glaubenstreu bis ans Ende ausharren.

    Wir müssen anderen Zeugnis geben. Wir müssen glaubenstreu die Bündnisse halten, die wir mit Gott geschlossen haben. Wir wissen, dass alles offenbart und all denen gegeben werden wird, „die um des Evangeliums Jesu Christi willen tapfer ausgeharrt haben“8.

    Wenn wir uns bekehrt haben, ist es ganz natürlich für uns, mit denen, die wir lieben, über das Evangelium zu sprechen. Lehi war bekehrt und wollte, dass seine Familie an dem Guten teilhatte, das das Evangelium ja ist.9 Nephi redete von Christus, freute sich über Christus und predigte von Christus, damit seine Kinder wüssten, von welcher Quelle sie Vergebung ihrer Sünden erhoffen oder, mit anderen Worten, wo sie Frieden und Freude finden könnten.10

    Als Enos sich bekehrt und Vergebung seiner Sünden erlangt hatte, war er um das Wohlergehen seiner Brüder besorgt. Er wollte, dass sie die Segnungen erhielten, die er erlangt hatte.11

    In allen heiligen Schriften lesen wir von Männern und Frauen, die sich bekehrten und dann ihre Brüder und Schwestern stärken wollten.12

    Lassen Sie Ihre Stimme unter den Glaubenstreuen erschallen, indem Sie tapfer verkünden, dass der Herr lebt13, dass seine Kirche wiederhergestellt worden ist und dass der Plan des Glücklichseins allen offen steht.

    Wenn wir auf diese „Zwischenräume“ achten, indem wir genau aufpassen und uns außer Gefahr bringen, erkennen wir nach und nach die Fülle der Segnungen, die das Evangelium Jesu Christi in unser Leben bringt.

    Liebe Schwestern, ich habe Sie gern. Ich weiß, dass der Erretter lebt. Ich weiß, dass er jede von uns liebt. Ich weiß, dass dies seine wahre Kirche ist. Davon gebe ich Zeugnis im Namen Jesu Christi. Amen.

    1. Spencer W. Kimball, „Relief Society – Its Promise and Potential“, Ensign, März 1976, Seite 4

    2. „Ich bin ein Kind von Gott“, Gesangbuch, Nr. 202

    3. Siehe Römer 8:35-39

    4. Henry B. Eyring, „The Love of God in Missionary Work“, Ansprache beim Seminar für Missionspräsidenten am 25. Juni 2009

    5. Siehe LuB 97:27; 124:1

    6. „Als Schwestern in Zion“, Gesangbuch, Nummer 207

    7. Eliza R. Snow, „An Address“, Woman’s Exponent, 15. September 1873, Seite 62

    8. LuB 121:29

    9. Siehe 1 Nephi 8:10-12

    10. Siehe 2 Nephi 25:26

    11. Siehe Enos 1:5-11

    12. Siehe Lukas 22:32

    13. Siehe LuB 76:22