Wie wir die Schafe im Blick behalten
Das Prinzip „Zählen und Bericht geben“ funktioniert. Es ist der Weg des Herrn.
Christus ist der gute Hirte. Jeder Einzelne aus der Herde ist ihm kostbar. Er ist das Musterbeispiel eines Hirten und hat uns in Wort und Tat die Eigenschaften eines guten Hirten aufgezeigt, wozu gehört, dass man seine Schafe beim Namen kennt, sie liebhat, die Verlorengegangenen wiederfindet, sie weidet und schließlich wieder nach Hause führt. Von uns als seinen Hirtengehilfen erwartet er, dass wir es ihm gleichtun.
Wie wir uns auf die Weise des Herrn um andere kümmern, können wir sehr gut von Moroni lernen, einem Propheten aus alter Zeit und außergewöhnlichen Hirten. Er lebte in einer sehr schwierigen Zeit, und die Vorteile von Mobiltelefon, Computer oder Internet standen ihm nicht zur Verfügung. Dennoch gelang es ihm, seine Schafe im Auge zu behalten. Auf welche Weise? Wir erhalten einen Einblick in seine Vorgehensweise in Moroni 6. Dort lesen wir, dass die Mitglieder dem Volk der Kirche Christi zugezählt wurden, „und ihr Name wurde aufgenommen, damit ihrer gedacht werde und sie durch das gute Wort Gottes genährt würden, um sie auf dem rechten Weg zu halten“. Und die Kirche „versammelte sich oft, um zu fasten und zu beten und miteinander über das Wohlergehen ihrer Seele zu sprechen.“ (Moroni 6:4,5; Hervorhebung hinzugefügt.)
Für Moroni drehte sich alles um die Menschen – um Namen! Er praktizierte den Grundsatz „Zählen und Bericht geben“, sodass aller gedacht wurde. Es wurde bemerkt, wenn jemand Schwierigkeiten hatte oder vom Weg abkam, und so konnten die Heiligen in Ratsversammlungen über das Wohlergehen der Betreffenden beraten. Wie der Hirte, der die Neunundneunzig zurückließ (in völliger Sicherheit – davon bin ich überzeugt) und dem einen verlorengegangenen Schaf nachging (siehe Lukas 15:4-7), sind wir aufgefordert, ebenso auf unsere Herde zu achten, nämlich jeden wahrzunehmen, ihn im Blick zu behalten und es dem guten Hirten gleichzutun.
Ich weiß noch, wie ich als Missionsführer in Indien einmal einen jungen Zweigpräsidenten nach seinen Zielen für das kommende Jahr fragte: „Wie viele Männer werden Sie darauf vorbereiten, das Melchisedekische Priestertum zu empfangen?“ Ohne Zögern antwortete er: „Sieben!“
Ich fragte mich, wo aus dem Himmelsraum er diese konkrete Zahl denn hergenommen hatte! Bevor ich etwas erwidern konnte, holte er einen Zettel hervor, auf dem am Rand die Zahlen eins bis sieben aufgelistet waren. In den ersten fünf Zeilen standen Namen – echte Menschen, die er und sein Ältestenkollegium liebevoll dazu ermuntern wollten, fortan doch auf die Segnungen des Priestertums zuzugreifen. Natürlich musste ich auch nach den leeren Zeilen sechs und sieben fragen. „Ach ja, Präsident“, sagte er und nickte verständnisvoll, „wir werden bestimmt in der ersten Jahreshälfte mindestens zwei Männer taufen, die dann bis zum Jahresende das Priestertum erhalten haben.“ Dieser großartige Führer verstand den Grundsatz „Zählen und Bericht geben“.
Christus hat seine Kirche so organisiert, dass es kaum möglich sein sollte, eine Seele zu vergessen, denn jede liegt ihm am Herzen. Jeder Einzelne in einer Gemeinde, unabhängig von Alter und Geschlecht, wird von einer Vielzahl an Treuhändern – Hirten – betreut, die die Aufgabe haben, auf den Betreffenden zu achten und ihn im Blick zu behalten. Einem jungen Mann werden beispielsweise für sein Wohlergehen die Bischofschaft, betreuende Brüder, erwachsene Jugendberater, Seminarlehrer, eine Kollegiumspräsidentschaft und weitere Mitglieder zugeteilt, die ihm alle als fest gespannte Sicherheitsnetze dienen und ihn auffangen können, sollte er fallen. Selbst wenn nur ein einziges Netz richtig positioniert ist, sichert man diesen jungen Mann, nimmt ihn wahr und behält ihn im Blick. Und doch findet sich oft kein Netz an Ort und Stelle. Immer wieder irren Menschen in den Nebel ab – und niemand bemerkt es. Wie können wir bessere Hirten sein? Wir können lernen, zu zählen und Bericht zu geben.
Die Kirche stellt uns ja Berichte und Hilfsmittel zur Verfügung, damit wir genau das tun: im Blick behalten. Der Quartalsbericht ist ein Paradebeispiel dafür. Dank ihm können wir – immer wieder – jedes Mitglied zahlen- und berichtsmäßig erfassen und bemerken jene, die verlorengehen oder unsere Hilfe und unsere Liebe brauchen. Auf der „Maßnahmen- und Interviewliste“ stehen diejenigen, die gerade unsere Aufmerksamkeit benötigen, ebenso im Bericht zum Tempelscheinstatus und dergleichen mehr. Diese Hilfsmittel zum Zählen und Berichten richten unseren Fokus auf die Menschen. Wer braucht eine Berufung, kann im Priestertum aufsteigen oder benötigt Hilfe, um den Namen eines Angehörigen zum Tempel mitzunehmen? Wem könnten wir helfen, sich auf eine Vollzeitmission vorzubereiten? Wer war diesen Monat nicht da? Dank dieser Hilfsmittel behalten wir die Menschen im Blick.
Ich kannte eine Familie aus den Vereinigten Staaten, die eine Aufgabe in Afrika angenommen hatte. Am ersten Sonntag dort gingen sie in die Kirche – es war die einzige Einheit der Kirche im ganzen Land – und wurden begeistert begrüßt. Als der Vormittag vorbei war, hatte man die Ehefrau als FHV-Präsidentin und den Ehemann als Leiter der Jungen Männer berufen! Der Mann fragte den erschöpft aussehenden Zweigpräsidenten, wie viele Junge Männer es denn gäbe. Dieser treue Führer aus der ersten Generation von Mitgliedern deutete zum hinteren Teil der Kapelle und sagte: „Die beiden da drüben.“ Der Mann war zu Recht skeptisch und nahm deshalb eine Mitgliederliste des Zweigs mit nach Hause. Schnell stellte er fest, dass tatsächlich 20 Junge Männer auf der Liste standen. Er ging zum Zweigpräsidenten und bat um zwei dynamische, zweisprachige junge Erwachsene als Ratgeber. Mit diesen und den beiden Jungen setzte er sich dann zusammen, und sie gingen die Namen durch.
Anschließend machten sich diese fleißigen jungen Leute an die Arbeit. In den nächsten Monaten machten sie jeden Jungen auf der Liste ausfindig. Name für Name wurden diese verlorenen Schafe von ihren Altersgenossen willkommen geheißen und geistig und körperlich genährt. Innerhalb eines Jahres waren sonntags durchschnittlich 21 Junge Männer anwesend. Gedankt sei Gott für die jungen Brüder, die da gezählt und Bericht gegeben haben!
Ein guter Freund von mir zog als junger Doktorand mit seiner Familie in eine amerikanische Großstadt, wo er seine Ausbildung fortsetzen wollte. Dort wurde er sogleich als Ältestenkollegiumspräsident berufen. Vor seiner ersten Unterredung mit dem Pfahlpräsidenten war er zwar etwas nervös, doch er wollte gut darauf vorbereitet sein. Er sagte dem Pfahlpräsidenten, dass er sich für das kommende Jahr drei Ziele gesetzt habe: 1.) 90 Prozent bei der Betreuungsarbeit, 2.) jede Woche einen fundierten Evangeliumsunterricht und 3.) jeden Monat eine gut geplante Kollegiumsaktivität.
Der weise Pfahlpräsident lächelte meinen Freund an und fragte: „Können Sie mir ein weniger aktives Mitglied des Kollegiums nennen, das Sie dabei unterstützen könnten, dieses Jahr samt Familie in den Tempel zu gehen?“ Das überraschte meinen Freund. Er dachte gut nach und ein Name fiel ihm ein. „Schreiben Sie ihn auf“, wies der Pfahlpräsident ihn an. Dann stellte dieser erfahrene Führer dieselbe Frage drei weitere Male – und damit war die Unterredung vorbei. Der junge Mann hatte nach dem Gespräch eine der für ihn wichtigsten Lektionen in puncto Führen und Dienen gelernt. Er ging mit Programmen, Unterrichtsthemen und Aktivitäten auf dem Zettel zum Interview – und mit Namen wieder hinaus! Die vier Namen rückten bei seinem geistlichen Dienst und dem seines Kollegiums in den Brennpunkt.
Als Missionsführer besuchte ich eines Sonntagmorgens einen meiner Zweige. Mir fiel auf, dass der Zweigpräsident immer wieder ein Kärtchen aus der Tasche zog und etwas notierte. Ich beschloss, ihn nach dem Schlussgebet zu fragen, was es damit auf sich habe. Gleich nach Versammlungsende und noch bevor ich ihn wegen des Kärtchens fragen konnte, eilte der Zweigmissionsleiter zum Podium und nahm das Kärtchen in Empfang. Schnell folgte ich dem begeisterten Leiter zu seiner wöchentlichen Koordinierungssitzung. Bevor sie begann, holte er das Kärtchen aus der Tasche. Darauf standen die Namen von Mitgliedern, die in der Abendmahlsversammlung gefehlt hatten. Binnen weniger Minuten hatte jedes Ratsmitglied ein, zwei Namen ausgewählt und zugesagt, die Betreffenden noch am selben Tag aufzusuchen, um sich zu vergewissern, dass es ihnen gut ging, und sie wissen zu lassen, dass man sie vermisst hatte. Das nenne ich Zählen und Berichten!
Ich erinnere mich an einen Distrikt, der mehrere Flugstunden vom nächsten Tempel entfernt war. Dennoch wurde einem gültigen Tempelschein eine hohe Priorität eingeräumt, auch wenn man ihn wahrscheinlich nie nutzen würde. Am ersten Sonntag jedes Monats befassten sich die Führungsverantwortlichen mithilfe ihrer Erfassungssysteme mit den Mitgliedern, die das Endowment empfangen hatten. Wenn sie feststellten, dass ein Tempelschein bald ablief, vereinbarte der Führungssekretär ein Gespräch zur Erneuerung des Scheins. Über Mitglieder mit abgelaufenem Tempelschein beriet man sich. Dann kam man mit ihnen zusammen, um sie dabei zu unterstützen, auf den Weg der Bündnisse zurückzukehren. Ich fragte, wie viele der Mitglieder mit Endowment denn einen gültigen Tempelschein hätten. Die Antwort lautete: 98,6 Prozent! Ich staunte nicht schlecht. Als ich nach den sechs Mitgliedern fragte, deren Tempelschein abgelaufen war, konnten die Führungsverantwortlichen sie sogleich namentlich nennen und schilderten mir, was unternommen wurde, um sie zurückzugewinnen.
Vor ein paar Jahren zog meine Familie zurück in die Vereinigten Staaten. Nach 26 wunderbaren Jahren in kleineren, mitunter entlegenen Einheiten freuten wir uns auf den Kirchenbesuch hierzulande. Ich wurde als Gemeindemissionar berufen. Wir hatten einen großartigen Gemeindemissionsleiter, unternahmen tolle Sachen und unterwiesen wunderbare Menschen. Ich bat darum, an einer Sitzung des Gemeinderats teilnehmen zu dürfen. Ich wollte sehen, wie sie lief, und Hilfe in Bezug auf die Freunde der Kirche erbitten. Zu meiner Verwunderung wurde lediglich eine bevorstehende Gemeindeaktivität diskutiert. Danach sprach ich mit dem Gemeindemissionsleiter und äußerte mich dazu, dass er nicht die Chance erhalten hatte, über die Freunde der Kirche zu berichten. Seine Antwort? „Ach, berichten kann ich nie.“
Ich verglich diese Sitzung mit einer Ratssitzung eines Zweiges in Lahore in Pakistan, an der ich nur wenige Wochen zuvor teilgenommen hatte. Dieses Grüppchen hatte sich um einen kleinen Tisch versammelt, und man sprach nur über Menschen. Über Namen. Jeder Führungsverantwortliche berichtete über seine Treuhandschaft und über einzelne Mitglieder und Familien, um die man sich Sorgen machte. Alle bekamen die Chance, ihre Gedanken dazu zu äußern, wie sie die Menschen, über die sie berieten, am besten unterstützen könnten. Man machte Pläne und erteilte Aufträge. Welch hervorragende Lektion von unseren Brüdern und Schwestern der ersten Generation, wie man zählt und Bericht gibt!
In der Kirche Jesu Christi werden wir von Propheten aus alter und neuer Zeit – und durch das vom Erretter vorgegebene Muster – darin unterwiesen, wie wir uns um andere kümmern sollen. Wir schauen uns Namen an, behalten sie im Blick und beraten miteinander über das Wohlergehen der Seelen. Wer sich als Führungsverantwortlicher daran hält, dem werden in den Ratssitzungen nie die Tagesordnungspunkte ausgehen! Das Prinzip „Zählen und Bericht geben“ funktioniert. Es ist der Weg des Herrn. Wir können es besser machen. Für Gott, der das Universum erschaffen hat und über alles herrscht, ist dieses Werk – sein Werk und seine Herrlichkeit – etwas sehr Persönliches. Das sollte es auch für jeden von uns sein, als Werkzeug in seinen Händen in seinem wunderbaren Werk der Errettung und Erhöhung. Dann nämlich werden Wunder im Leben echter Menschen geschehen. Im Namen Jesu Christi. Amen.