„Wie spreche ich mit Kindern im Teenageralter über Religion?“, Liahona, März 2022, Rubrik „Vereinigte Staaten und Kanada“
Wie spreche ich mit Kindern im Teenageralter über Religion?
Bei unseren Forschungsarbeiten konnten wir zahlreiche leicht umsetzbare Anregungen herausarbeiten, wie Eltern mit ihren Kindern im Teenageralter gute Gespräche über Religion führen können
Trotz gegenteiliger Meinung vieler Erwachsener und Sozialwissenschaftler sind Jugendliche und junge Erwachsene durchaus daran interessiert, mit ihren Eltern über geistige und religiöse Themen zu sprechen. Im Rahmen unseres Projekts „American Families of Faith“ (Gläubige amerikanische Familien) haben wir in den gesamten Vereinigten Staaten Eltern und Jugendliche verschiedener Konfessionen dazu befragt, wie solche Gespräche mit Jugendlichen verlaufen und wie sie sich verbessern lassen.1
Die von uns befragten Eltern und Jugendlichen sagten, Gespräche religiösen Inhalts seien in ihrer Familie die wichtigste praktische Auseinandersetzung mit Religion. Wenn Sie als Familie regelmäßig zu religiösen Zwecken oder Gesprächen zusammenkommen (beispielsweise für das Schriftstudium oder zum Familienabend), fragen Sie sich vielleicht, wie Sie die Gespräche über Religion mit Ihren Kindern im Teenageralter verbessern können.
Die Herausforderung
Wenn Kinder heranwachsen, verbringen sie in der Regel weniger Zeit mit gemeinsamen Eltern-Kind-Aktivitäten, jedoch mehr Zeit mit Gesprächen mit ihren Eltern. Jugendliche wollen solche Gespräche führen, insbesondere, wenn sie davon ausgehen, dass sich ihre Eltern die ehrlichen Fragen, Zweifel und inneren Konflikte der Kinder respektvoll anhören.
Viele Jugendliche berichten jedoch, dass ihre Eltern allzu oft die Führung übernehmen, anfangen zu predigen, Anweisungen erteilen, herumkommandieren oder Vorträge halten. Viele Jugendliche stört es auch, dass ihre Eltern zu häufig über – in ihren Augen – Banalitäten (Mithilfe im Haushalt, Hausaufgaben, Schulnoten, Geld) sprechen, anstatt über das, was den Jugendlichen wirklich am Herzen liegt.
Das Problem verschärft sich, wenn die Eltern das Gefühl haben, dass ihre Kinder sich zurückziehen und abweisend oder regelrecht feindselig werden. Es ist verständlich, dass sich Eltern in solchen Situationen Sorgen machen oder sich angegriffen fühlen und sich darum eher defensiv, aggressiv oder belehrend verhalten und vielleicht gar ein Ultimatum stellen.
Was sich daraus ergeben kann, ist ein Strudel von Missverständnissen, Frust, Wut, Ärger, Konflikten und verletzten Gefühlen.
Wie können wir so kommunizieren, dass sich unsere Kinder in ihrer Beziehung zum Herrn, zu sich selbst und zu uns gut fühlen und ebenso auch zu ihren Glaubensansichten, religiösen Bräuchen und Pflichten eine positive Einstellung haben?
Wie man Gespräche auf Jugendliche zuschneidet
Es gibt zwei Gesprächsansätze, die wir mit unseren Kindern haben können: auf der Elternebene oder auf der Ebene der Jugendlichen.
Durch folgende Fragen können Sie feststellen, zu welcher Art von Gespräch Sie neigen:
-
Rede ich am meisten?
-
Stehen meine Bedenken im Mittelpunkt oder die meines Kindes?
Es überrascht wohl nicht, dass die meisten Jugendlichen sagen, dass sie zwanglose Gespräche über Religion bevorzugen, die vom Jugendlichen auf dessen Initiative hin geführt werden und bei denen der Jugendliche selbst im Mittelpunkt steht. Solche Gespräche erweisen sich als tiefgründiger, erfreulicher und wirkungsvoller, wenn Jugendliche ihren eigenen Glauben erforschen und mit der Sichtweise ihrer Eltern abgleichen. Gespräche, bei denen der Jugendliche im Mittelpunkt steht, weisen meist folgende Merkmale auf:
Der Jugendliche spricht mehr, die Eltern hören eher zu. Die meisten Jugendlichen reden gern. Sie sind ständig in Gespräche verwickelt. Fragen Sie sich beim nächsten Mal: „Lasse ich mein Kind sagen, was ihm durch den Sinn geht?“
Die Eltern bemühen sich, Religion mit dem Alltag des Jugendlichen in Verbindung zu bringen. Eine Mutter von drei Kindern hat darüber gesprochen, dass sie nach Gelegenheiten Ausschau hält, die Lehren des Evangeliums auf ihre Kinder zu beziehen: „Wir sind ziemlich offen und reden frei darüber, was wir über den Vater im Himmel und den Heiligen Geist denken und was heute in der Welt so vor sich geht.“ So wie der Erretter seine Lehren auf diejenigen zugeschnitten hat, die er unterwies, können auch Sie lernen, Gesprächsmomente auf die Bedürfnisse und die Situation Ihrer Kinder abzustimmen.
Die Eltern lassen ihre Kinder deren Sichtweise darstellen. Je älter Jugendliche werden, desto wahrscheinlicher ist es, dass sie die Werte, Grenzen und Anweisungen ihrer Eltern in Frage stellen. Hilfreich dabei ist, ein Umfeld zu schaffen, in dem Jugendliche und Eltern ihre Meinung äußern können, ohne dass das Gespräch aggressiv wird. Eine Mutter von elf Kindern beschreibt, wie man eine offenes Gespräch zustande bringt: „Meine Kinder haben ihre Meinung. Wir erklären ihnen immer, jeder darf sagen, was er zu sagen hat – aber der Ton macht die Musik. Sie dürfen sich also äußern, auch wenn sie anderer Meinung sind als wir.“
Die Eltern kümmern sich um die Eltern-Kind-Beziehung. Eine Mutter macht deutlich, wie wichtig es ihr ist, für die Kinder da zu sein, wenn sie sie brauchen: „Reden Sie mit ihnen, helfen Sie ihnen, Herausforderungen zu bestehen, und lieben Sie sie … in guten wie in schlechten Zeiten. Verbringen Sie Zeit zusammen.“ Eine der besten Möglichkeiten, den Kindern zu zeigen, dass Ihnen an ihnen liegt, ist gemeinsam verbrachte Zeit – ob Sie dabei nun bedeutsame Gespräche führen oder nicht. Wenn Ihre Kinder merken und spüren, dass Sie sich für sie interessieren, sind sie eher bereit, sich auf Sie einzulassen.
Wie man konstruktive Gespräche führt
Auf Basis umfangreicher Forschungsarbeiten haben wir eine Liste mit praxistauglichen Grundsätzen zusammengestellt, die dazu beitragen können, Ihre Gespräche mit Ihren Kindern im Teenageralter zu bewerten und zu verbessern.
Führen Sie Gespräche heiligen Inhalts. Ein Gespräch heiligen Inhalts ist ein tiefgründiger und bedeutungsvoller Austausch zwischen zwei Kindern Gottes, die einander mit großem Respekt begegnen und über das sprechen, worauf es wirklich ankommt: über das, was tief drin in der Seele ist, und über das, was sich auf Gott bezieht.
Hören Sie mehr zu, und hören Sie genauer hin. Haben Sie einen Jugendlichen schon mal sagen hören: „Mein Vater hört mir zu viel zu“ oder „Ich hätte es gern, dass mir meine Eltern öfter mal einen Vortrag hielten“? Wir müssen mehr und aufmerksamer zuhören.
Führen Sie sowohl Gespräche formeller Natur als auch solche, die sich ungeplant ergeben. Die Führer der Kirche fordern die Eltern dazu auf, regelmäßig sinnstiftende, anregende Einzelgespräche mit ihren Kindern zu führen.2 Aufgrund unserer Forschungen und unserer Erfahrungen als Väter ist ein Gespräch heiligen Inhalts ein frei fließender, ergebnisoffener Austausch zwischen zwei Gesprächspartnern. Jugendliche fühlen sich unbehaglich, wenn sie das Gefühl haben, von ihnen werde erwartet, dass sie die „richtigen“ Antworten geben, um damit irgendeinen Zweck zu erreichen (eine Belohnung etwa, das Erlassen einer Strafe oder des Entzugs von Rechten). Das kommt einem nicht wie ein echtes Gespräch vor – es wirkt vielmehr wie ein Ausfragen oder hat gar inquisitorischen Charakter.
Legen Sie einander Gründe dar. Der Herr unterweist, führt und korrigiert seine Kinder oft, wenn er mit ihnen spricht. Denken Sie etwa an Jesus und die Samariterin am Brunnen (siehe Johannes 4), an Maria und Marta (siehe Lukas 10:38-42) oder die unzähligen Gespräche mit seinen Jüngern. In einer neuzeitlichen Offenbarung hat der Herr gesagt:
„Lasst uns einander die Gründe darlegen, damit ihr versteht;
lasst uns die Gründe darlegen, wie ein Mensch dem anderen von Angesicht zu Angesicht seine Gründe darlegt.“ (Lehre und Bündnisse 50:10,11.)
Der Formulierung „lasst uns einander die Gründe darlegen“ lässt sich entnehmen, dass die Gesprächsteilnehmer an einem für beide Seiten erbaulichen Geschehnis beteiligt sind. Es heißt eben nicht: „Ich nenne dir jetzt mal die Gründe, weshalb du so denken/fühlen/glauben musst, wie ich es von dir erwarte.“
Führen Sie Einzelgespräche. Der Erretter lehrte durch Wort und Tat, wie wichtig es ist, dem Einzelnen zu dienen – auch dem, der gerade Schwieriges durchmacht oder sogar in die Irre gegangen ist (siehe Lukas 15). In Einzelgesprächen brachte er die Macht der Geduld, die Macht der Demut und die Macht der Güte zum Ausdruck. Er lehrte durch sein Beispiel, dass Liebe am besten jedem Einzelnen entgegengebracht wird, auch wenn das zeitaufwendig ist (siehe 3 Nephi 17:9,21).
Seien Sie immer gesprächsbereit. Nachdem der Herr den Israeliten die Zehn Gebote gegeben hatte, forderte er sie auf: „Du sollst sie deinen Kindern wiederholen. Du sollst sie sprechen, wenn du zu Hause sitzt und wenn du auf der Straße gehst, wenn du dich schlafen legst und wenn du aufstehst.“ (Deuteronomium 6:7.) Seien Sie in jedem Rahmen offen für Gespräche – nicht bloß bei geplanten Gesprächsterminen.
Setzen Sie sich nebeneinander. Viele fühlen sich bei Gesprächen wohler, wenn sie dem Gesprächspartner nicht gegenübersitzen müssen und wenn sie nebenbei auch etwas anderes tun, weil dann weniger Augenkontakt notwendig ist. Das ist zum Beispiel im Auto der Fall. Auch bei Jugendlichen haben wir dies festgestellt. Sie öffnen sich leichter und geben mehr von ihren Gedanken und Gefühlen preis, wenn sie Seite an Seite mit ihrem Gesprächspartner sitzen und nicht ihm gegenüber.
Seien Sie bereit, bis spät in die Nacht aufzubleiben. Oft findet das beste Gespräch mit Jugendlichen am Abend statt, wenn sie von einer beliebigen Unternehmung heimkehren. Eltern, die bereit und in der Lage sind, lange wachzubleiben und dann weitgehend nur zuzuhören, werden oft durch erstaunliche Gesprächen mit ihren Teenagern belohnt.
Bauen Sie ein von Liebe getragenes Vertrauensverhältnis auf. Sorgen Sie im Gespräch mit Ihren Kindern im Teenageralter dafür, dass sich beide Seiten in einem erbaulichen Austausch befinden. In einer von Liebe und Vertrauen geprägten Beziehung stellen die Kinder Fragen und hören zu. Als Douglas D. Holmes der Präsidentschaft der Jungen Männer der Kirche angehörte, sagte er: „Lassen Sie die Jugendlichen Ihre Liebe und Ihr Vertrauen spüren, sprechen Sie ihnen Mut zu und [unterweisen Sie sie]. … Dann werden die Jugendlichen Sie mit ihren Einsichten, Fähigkeiten und ihrem Engagement für das Evangelium erstaunen.“3 Der verstorbene Stephen R. Covey betonte als einen der wichtigsten Grundsätze der Kommunikation, man müsse, bevor man verstanden werden will, erst selbst verstehen.4 Diese klugen Worten gelten für uns alle – aber vor allem für Eltern.