2017
Auf der Seite des Herrn: Was wir aus dem Zionslager lernen
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Auf der Seite des Herrn: Lehren aus dem Zionslager

Nach der Ansprache „Who’s on the Lord’s Side? Now Is the Time to Show“ bei der Bildungswoche der Brigham-Young-Universität Idaho am 30. Juli 2010

Das Zionslager von 1834 – angeführt vom Propheten Joseph Smith – verdeutlicht eindrucksvoll, was es heißt, entschlossen auf der Seite des Herrn zu stehen. Wenn man sich mit diesem bedeutsamen Kapitel in der Geschichte der Kirche befasst, lernt man viel Wertvolles, das zeitlos und auch für unser Leben und unsere Umstände heute von Belang ist.

Was war das Zionslager?

1831 wurde dem Propheten Joseph Smith in einer Offenbarung die Stadt Independence im Kreis Jackson in Missouri als Stätte Zions genannt, als zentraler Sammlungsort für die Heiligen und Standort für das Neue Jerusalem, das sowohl in der Bibel als auch im Buch Mormon erwähnt wird (siehe LuB 57:1-3; siehe auch Offenbarung 21:1,2; Ether 13:4-6). Im Sommer 1833 waren bereits etwa ein Drittel der Einwohner im Kreis Jackson zugezogene Mormonen. Da es rasch immer mehr wurden und man sowohl das mögliche politische Mitspracherecht als auch die eher ungewöhnlichen religiösen und politischen Ansichten der Neuankömmlinge fürchtete, verlangten die übrigen Siedler von den Mitgliedern der Kirche schließlich, ihre Häuser und ihr Land zu räumen. Die Mitglieder erfüllten das Ultimatum nicht, woraufhin die Einwohner Missouris im November 1833 die Siedlungen angriffen und die Heiligen vertrieben.

Forging Onward, Ever Onward

Vorwärts, immer vorwärts, Gemälde von Glen Hopkinson

Im Februar 1834 gebot der Herr in einer Offenbarung, das Zionslager zusammenzustellen (siehe LuB 103). Diese Armee des Herrn diente vor allem dem Zweck, die Mormonen im Kreis Jackson vor weiteren Angriffen zu schützen, und zwar nachdem die Bürgerwehr von Missouri ihre Pflicht erfüllt hatte, die Siedler sicher in ihre Häuser und auf ihr Land zurückzubringen. Außerdem sollte das Zionslager die notleidenden Heiligen mit finanziellen Mitteln und Hilfsgütern versorgen und ihnen auch seelisch zur Seite stehen. Also machten sich im Mai und Juni 1834 etwa 200 freiwillige Heilige der Letzten Tage unter der Führung des Propheten Joseph Smith auf und marschierten rund 1450 Kilometer von Kirtland in Ohio in den Landkreis Clay in Missouri. Außerdem rekrutierten Hyrum Smith und Lyman Wright eine kleinere Gruppe Freiwillige im Territorium Michigan und stießen dann in Missouri zur Abteilung des Propheten hinzu. Dem Zionslager gehörten unter anderem Brigham Young, Heber C. Kimball, Wilford Woodruff, Parley P. Pratt, Orson Hyde und viele weitere bekannte Persönlichkeiten aus der Geschichte der Kirche an.

Ich werde weder die schwierige Reise im Detail wiedergeben noch alle geistig bedeutsamen Erlebnisse schildern, die sich dabei zutrugen; ich möchte nur kurz ein paar wesentliche Begebenheiten des Zionslagers nennen:

  • Gouverneur Daniel Dunklin hielt sein Versprechen nicht ein, den Mormonen mit Unterstützung der Bürgerwehr zu ihrem Land zurückzuverhelfen.

  • Führer der Kirche verhandelten mit Vertretern des Staates Missouri und den Bürgern im Kreis Jackson. Man wollte bewaffnete Konflikte vermeiden und Streitigkeiten über den Landbesitz beheben, kam jedoch zu keiner zufriedenstellenden Übereinkunft.

  • Schließlich erhielt Joseph Smith vom Herrn die Anweisung, das Zionslager aufzulösen, und eine Erklärung, weshalb die Armee des Herrn das Ziel, das die Mitglieder sich vorgestellt hatten, nicht erreicht hatte (siehe LuB 105:6-13,19).

  • Der Herr gebot den Heiligen, sich stattdessen um das Wohlwollen der Menschen dort im Gebiet zu bemühen, in Vorbereitung darauf, dass Zion irgendwann auf gesetzlichem Wege statt durch Waffengewalt zurückerlangt werde (siehe LuB 105:23-26,38-41).

Ende Juni 1834 wurde das Zionslager in kleinere Abteilungen unterteilt, bis dessen Mitglieder schließlich Anfang Juli 1834 schriftlich entlassen wurden. Die meisten Freiwilligen kehrten nach Ohio zurück.

Was können wir aus den Erfahrungen des Zionslagers lernen?

Zions Camp arrives in Missouri

Weil man es nicht schaffte, dass die Heiligen ihre Ländereien im Kreis Jackson zurückbekamen, betrachteten manche das Zionslager als gescheitertes, unnützes Unterfangen. Ein Bruder in Kirtland, der mangels Glauben nicht mit dem Zionslager gezogen war, fragte Brigham Young nach dessen Rückkehr aus Missouri: „‚Na, was habt ihr bei diesem sinnlosen Marsch mit Joseph Smith nach Missouri erreicht?‘ ‚Alles, wofür wir uns dorthin begeben haben‘, erwiderte Brigham Young ohne Umschweife. ‚Ich würde die Erfahrung, die ich unterwegs gemacht habe, nicht gegen den gesamten Wohlstand des Landkreises Geauga [in dem Kirtland lag] eintauschen.‘“1

Bitte denken Sie ernsthaft über diese Antwort Brigham Youngs nach: „Alles, wofür wir uns dorthin begeben haben.“ Was lernt man Wichtiges aus einem Unterfangen, das seinen erklärten Zweck verfehlte, für die damaligen Heiligen jedoch ein Segen für das ganze Leben war – was es auch für uns sein kann?

Brigham Youngs Reaktion auf die höhnische Frage zeigt mindestens zwei allumspannende Lektionen auf, die wir aus dem Zionslager lernen können: 1.) Wir werden geprüft, ausgesiebt und vorbereitet, und 2.) wir müssen die führenden Brüder beobachten, von ihnen lernen und ihnen folgen. Ich betone, dass es heutzutage genauso wichtig ist wie damals vor 180 Jahren für die Freiwilligen des Zionslagers – wenn nicht sogar wichtiger –, diese Punkte zu verinnerlichen und zu beachten.

Wir werden geprüft, ausgesiebt und vorbereitet

Die tapferen Heiligen in der Armee des Herrn wurden auf ihrer Reise schwer geprüft. Der Herr hat verkündet: „Ich habe ihre Gebete vernommen und werde ihr Opfer annehmen, und es ist mir ratsam, dass sie bis hierher gebracht werden, damit ihr Glaube geprüft werden kann.“ (LuB 105:19.)

Man kann die körperlichen und geistigen Herausforderungen des Zionslagers buchstäblich damit vergleichen, dass der Weizen vom Unkraut getrennt wurde (siehe Matthäus 13:25,29,30; LuB 101:65) oder die Schafe von den Böcken (siehe Matthäus 25:32,33) oder mit anderen Worten: die geistig Starken von den Schwachen. Daher mussten sich jeder Mann und jede Frau, die der Armee des Herrn beigetreten waren, mit der tiefgründigen Frage befassen, ob sie wirklich auf der Seite des Herrn standen.2

Als Wilford Woodruff seine geschäftlichen Angelegenheiten regelte und sich auf das Zionslager vorbereitete, warnten seine Freunde und Bekannten ihn vor der gefährlichen Reise und rieten ihm: „Geh nicht! Ansonsten wirst du umkommen!“ Seine Antwort lautete: „Selbst wenn ich wüsste, dass mich bei meinem ersten Schritt in Missouri eine Kugel mitten ins Herz träfe, würde ich trotzdem aufbrechen.“3 Wilford Woodruff wusste: Solange er treu und gehorsam war, erwarteten ihn keine schlimmen Folgen. Er stand ganz klar auf der Seite des Herrn.

Tatsächlich hieß es im Sommer 1834 für all jene gläubigen Männer und Frauen, entschlossen zu sein.4 Aber die Entscheidung, gemeinsam mit dem Propheten Joseph Smith nach Missouri zu marschieren, reichte noch nicht unbedingt aus. Man konnte damit nicht einfach ein für alle Mal zeigen, dass man nun für immer auf der Seite des Herrn stand. Die Heiligen mussten ihre Entschlossenheit immer wieder unter Beweis stellen – wenn sie körperlich und seelisch erschöpft waren, wenn sie blutige Blasen an den Füßen hatten und zu wenig Nahrung und kein Trinkwasser, wenn eine Enttäuschung nach der anderen über sie hereinbrach, wenn es zu Streit und Rebellion im Lager kam, wenn ihre Feinde sie unerbittlich bedrohten.

Jede Stunde, jeden Tag, jede Woche machten sie Erfahrungen und erlitten sie Entbehrungen, bei denen es hieß, entschlossen zu sein. Die wahre Antwort darauf, wer auf der Seite des Herrn stand, bildeten die vielen scheinbar kleinen Entscheidungen und Taten im Leben dieser geweihten Heiligen zusammengenommen.

Inwiefern wurden nun die Mitglieder des Zionslagers dadurch, dass sie ausgesiebt und geprüft wurden, auch gleichermaßen vorbereitet? Interessanterweise hatten acht Brüder, die 1835 ins Kollegium der Zwölf Apostel berufen wurden, sowie auch alle Siebziger, die zum gleichen Zeitpunkt ihre Berufung erhielten, dem Zionslager angehört. Bei einer Versammlung nach der Berufung der Siebziger verkündete der Prophet Joseph Smith:

„Brüder, einige hadern mit mir, weil ihr in Missouri nicht kämpfen musstet. Ich aber sage euch: Gott wollte nicht, dass ihr kämpft. Er kann jedoch sein Reich nur mit zwölf Männern errichten, die für alle Völker auf Erden das Tor zum Evangelium öffnen sollen, und mit siebzig Männern, die ihrer Weisung und ihrem Weg folgen – all jene konnte er aus einer Gruppe auswählen, wo jeder bereit gewesen war, sein Leben hinzugeben, und ein genauso großes Opfer gebracht hatte wie Abraham.

Nun hat der Herr seine Zwölf und seine Siebzig beisammen, und er wird auch weitere Kollegien der Siebziger berufen.“5

Das Zionslager war wahrhaft für alle seine Mitglieder, besonders aber für viele künftige Führer der Kirche des Herrn das Feuer des Schmelzers gewesen.

Was die Freiwilligen in der Armee des Herrn an Erfahrung sammelten, bereitete sie außerdem auf die großen Pionierzüge vor, die noch bevorstanden. Über 20 Mitglieder des Zionslagers sollten bei zwei großen Zügen als Anführer dienen. Der erste Zug, bei dem 8.000 bis 10.000 Menschen aus Missouri nach Illinois übersiedelten, lag gerade einmal vier Jahre entfernt,6 der zweite, den wir auch als den großen Zug in den Westen kennen und bei dem etwa 15.000 Mitglieder der Kirche aus Illinois ins Salzseetal und in andere Täler in den Rocky Mountains zogen, zwölf Jahre. In seiner vorbereitenden Funktion war das Zionslager also von unschätzbarem Wert für die Kirche. 1834 hieß es, entschlossen zu sein – und sich außerdem auf 1838 und 1846 vorzubereiten.

Auch wir, ob nun persönlich oder als Familie, werden wie die Mitglieder des Zionslagers geprüft, ausgesiebt und vorbereitet. In den heiligen Schriften und in den Worten der führenden Brüder wird uns immer wieder verheißen: Wenn wir Glauben an den Herrn Jesus Christus ausüben, heilige Bündnisse eingehen, halten und verinnerlichen und die Gebote Gottes befolgen, erlangen wir die Kraft, uns auf die Prüfungen des Erdenlebens vorzubereiten und uns ihnen zu stellen, sie zu bewältigen und aus ihnen zu lernen.

Die Führer der Kirche des Hern haben deutlich einige Prüfungen genannt, denen unsere gesamte Generation sich heutzutage stellen muss. Als Ezra Taft Benson (1899–1994) Präsident des Kollegiums der Zwölf Apostel war, sprach er 1977 bei einer Versammlung für Regionalrepräsentanten eine prophetische Warnung aus. Ich gebe nun ein längeres Zitat von Präsident Benson wieder und bitte Sie, darauf zu achten, wie aktuell seine Worte eigentlich sind:

„Jede Generation macht bestimmte Prüfungen durch und muss sich ihnen stellen und sich bewähren. Möchten Sie wissen, worin eine unserer schwierigsten Prüfungen besteht? Hören Sie, wovor Brigham Young uns warnt: ,Ich fürchte für euch nichts so sehr, als dass ihr in diesem Land reich werdet, Gott und sein Volk vergesst, fett werdet und euch selbst aus der Kirche katapultiert und zur Hölle fahrt. Ihr könnt den Pöbel, Raub, Armut und alle Art Verfolgung ertragen und dabei treu bleiben. Aber meine größte Befürchtung ist, dass ihr den Reichtum nicht ertragen könnt.‘“

Präsident Benson fährt fort: „Unsere Prüfung scheint härter zu sein als alle anderen, denn das Böse ist subtiler und raffinierter. Alles wirkt hier weniger bedrohlich und ist schwieriger auszumachen. Jede Prüfung rechtschaffenen Verhaltens ist normalerweise anstrengend. Diese Prüfung aber scheint gar keine zu sein, denn man muss sich nicht anstrengen; daher könnte sie die trügerischste Prüfung überhaupt sein.

Wissen Sie, was Frieden und Wohlstand einem Volk antun können? Sie können es einschlafen lassen! Im Buch Mormon werden wir davor gewarnt, dass der Satan uns in den Letzten Tagen ganz sachte in die Hölle hinabführt. Der Herr hat nämlich einige seiner Kinder mit enorm großem geistigen Potenzial sechstausend Jahre lang zurückbehalten. Sie sollen das Reich Gottes zum Sieg führen, und nun will der Teufel, dass sie einschlafen. Der Widersacher weiß genau, dass es ihm wahrscheinlich selten gelingt, sie dazu zu bringen, große, schwerwiegende Sünden zu begehen, also versetzt er sie in einen tiefen Schlaf – ähnlich dem von Gulliver – und schnürt sie mit kleinen Unterlassungssünden ein. Denn was nützt schon ein geistiger Riese als Führer, wenn er schläfrig, lauwarm und außer Gefecht gesetzt ist?Wir haben

Family history

zu viele mit enorm großem geistigen Potenzial, die viel eifriger ihre Familie, das Reich Gottes und ihr Land voranbringen sollten. Wir haben viele Männer und Frauen, die meinen, sie führen ein gutes Leben, aber sie müssen auch für etwas gut sein – wir brauchen starke Patriarchen, mutige Missionare, beherzte Familienforscher und Tempelarbeiter, ergebene Patrioten, hingebungsvolle Kollegiumsmitglieder. Kurz gesagt: Man muss uns aufrütteln, und wir müssen aus unserem geistigen Schlummer erwachen!“7

Halten Sie sich vor Augen, dass Überfluss, Wohlstand und ein bequemes Leben in der heutigen Zeit genauso große oder gar schwierigere Prüfungen sein können als die Verfolgung und die körperlichen Nöte, denen die Heiligen ausgesetzt waren, die freiwillig im Zionslager mitmarschierten. Der Prophet Mormon fasst in Helaman 12 den Kreislauf des Stolzes ganz hervorragend zusammen:

„Und so können wir erkennen, wie falsch und auch wie wankelmütig die Menschenkinder im Herzen sind; ja, wir können sehen, dass der Herr in seiner großen, unendlichen Güte diejenigen segnet und gedeihen lässt, die ihr Vertrauen in ihn setzen.

Ja, und wir können sehen, genau zu der Zeit, wenn er sein Volk gedeihen lässt, ja, indem ihre Felder, ihr Kleinvieh und ihre Herden und ihr Gold und ihr Silber und allerlei Kostbarkeiten jeder Gattung und Art zunehmen; indem er ihr Leben schont und sie aus den Händen ihrer Feinde befreit; indem er ihren Feinden das Herz erweicht, sodass sie ihnen nicht den Krieg erklären; ja, und kurz gesagt, indem er alles für das Wohlergehen und Glücklichsein seines Volkes tut, ja, dann ist die Zeit, dass sie ihr Herz verhärten und den Herrn, ihren Gott, vergessen und den Heiligen mit Füßen treten – ja, und dies wegen ihrer Unbeschwertheit und ihres überaus großen Wohlstandes.“ (Helaman 12:1,2.)

Beachten Sie vor allem den letzten Satzteil in Vers 2: „Und dies wegen ihrer Unbeschwertheit und ihres überaus großen Wohlstandes.“

Auch Präsident Harold B. Lee (1899–1973) hat erklärt, dass wir uns heutzutage alle gemeinsam der Prüfung eines bequemen Lebens unterziehen müssen: „Wir werden in der heutigen Zeit mit den wohl schwierigsten Prüfungen konfrontiert und merken wahrscheinlich nicht einmal, wie schwierig diese Prüfungen tatsächlich sind. Damals waren es Mord, Raub, Verfolgung. Man trieb sie in die Wüste, und sie hungerten, sie waren nackt und sie froren. Sie ließen sich auf diesem gesegneten Land nieder. Wir sind die Erben dessen, was sie uns hinterließen. Doch wie gehen wir damit um? Heute schwelgen wir in einem Luxus, wie man ihn niemals zuvor in der Weltgeschichte erlebt hat. Das ist wahrscheinlich die schwierigste Prüfung, die wir jemals in der Geschichte dieser Kirche erlebt haben.“8

Was uns die Propheten aus alter und neuer Zeit hier über die Prüfungen der Letzten Tage sagen, mag regelrecht ernüchternd erscheinen. Doch sollen wir uns weder entmutigen lassen noch Angst haben. Wer Augen hat, die sehen, und Ohren, die hören, ist dank solch geistiger Warnungen viel wachsamer. Wir leben in einer Zeit des Warnens (siehe LuB 63:58). Und da wir gewarnt worden sind und noch weiterhin gewarnt werden, müssen wir, wie der Apostel Paulus mahnt, wachsam sein und ausharren (siehe Epheser 6:18). Wenn wir wachsam sind und uns gut vorbereiten, brauchen wir uns ganz sicher nicht zu fürchten (siehe LuB 38:30).

Wer steht auf der Seite des Herrn? Jetzt ist die Zeit, da wir entschlossen zeigen müssen, dass wir in Herz und Sinn diese inspirierten Warnungen annehmenund entsprechend handeln. Jetzt ist die Zeit, da wir uns entschlossen und wachsam darauf vorbereiten müssen, den Prüfungen der Letzten Tage zu trotzen: Wohlstand, Stolz, einem bequemen Leben im Überfluss, einem verhärteten Herzen sowie der Gefahr, den Herrn, unseren Gott, zu vergessen. Jetzt ist die Zeit, entschlossen zu zeigen, dass wir allzeit und in allem treu sind, was auch immer unser Vater im Himmel und sein geliebter Sohn uns anvertrauen, und dass wir die Gebote Gottes halten und untadelig vor ihm wandeln (siehe Alma 53:20,21).

Wir müssen die führenden Brüder beobachten, von ihnen lernen und ihnen folgen

Die tapferen Heiligen in der Armee des Herrn hatten den Vorzug, die führenden Brüder beobachten zu können, von ihnen zu lernen und ihnen zu folgen. Wir ziehen heutzutage großen Nutzen aus dem Beispiel und der Glaubenstreue der ergebenen Mitglieder des Zionslagers.

Wilford Woodruff folgte dem Aufruf Parley P. Pratts und reiste im April 1834 nach Kirtland in Ohio, um sich dem Zionslager anzuschließen. Bruder Woodruffs Bericht von seiner ersten Begegnung mit dem Propheten Joseph Smith ist äußert aufschlussreich:

„Hier begegnete ich zum ersten Mal unserem lieben Propheten Joseph Smith und sprach zum ersten Mal mit dem Mann, den Gott dazu erwählt hatte, seine Offenbarungen in diesen letzten Tagen hervorzubringen. Wie ich ihn vorfand, entsprach nicht unbedingt der geläufigen Auffassung, wie man sich einen Propheten vom Verhalten und Aussehen her vorstellen würde. Manch einer wäre vielleicht in seinem Glauben erschüttert gewesen. Er und sein Bruder Hyrum schossen nämlich mit Pistolen auf ein Ziel. Sie legten eine Pause ein, und man stellte mich Bruder Joseph vor. Er begrüßte mich mit einem kräftigen Händedruck. Er lud mich ein, während meines Aufenthalts in Kirtland bei ihm zu wohnen. Ich nahm seine Einladung freudig an, und die Zeit bei ihm richtete mich auf und war ein großer Segen für mich.“9

Ich finde es beachtlich, dass Bruder Woodruff, der einige Zeit beim Propheten wohnte und zweifelsohne die besondere Erfahrung machen konnte, dessen Alltag hautnah zu erleben, über das hinaussehen konnte, was „der geläufigen Auffassung [entsprach], wie man sich einen Propheten vom Verhalten und Aussehen her vorstellen würde“. Derlei falsche Auffassungen verschleiern heutzutage den Blick vieler, und zwar sowohl innerhalb als auch außerhalb der wiederhergestellten des Herrn.

Dank meiner Berufung ins Kollegium der Zwölf Apos-tel im Jahr 2004 habe ich eine recht gute Vorstellung davon, was es bedeutet, die führenden Brüder beobachten zu können, von ihnen zu lernen und ihnen zu folgen. Ich sehe nun täglich die individuelle Persönlichkeit, die unterschiedlichen Vorlieben und den noblen Charakter der Führer dieser Kirche. Manche stören sich an den menschlichen Grenzen und Unzulänglichkeiten der führenden Brüder und lassen dies ihren Glauben schwächen. Mein Glaube hingegen wird von diesen Unvollkommenheiten gestärkt. Das vom Herrn offenbarte Muster der Führung in seiner Kirche trägt menschlichen Schwächen Rechnung und mildert deren Folgen. Es ist für mich wahrlich etwas Wunderbares, mitzuerleben, wie der Herr seinen Willen durch seine Knechte erfüllt, obwohl seine erwählten Führer Schwächen und Fehler haben. Nie haben diese Männer behauptet, vollkommen zu sein, und sie sind es auch nicht. Jedoch sind sie definitiv von Gott berufen.

Wilford Woodruff hatte das Amt eines Priesters inne, als er mit der Armee des Herrn nach Missouri marschierte, und erklärte später rückblickend als Mitglied des Kollegiums der Zwölf Apostel: „Wir erlangten Erfahrung, die wir auf keine andere Weise hätten gewinnen können. Wir durften [mit dem Propheten] 1600 Kilometer zurücklegen und miterleben, wie der Geist Gottes auf ihn einwirkte und wie er Offenbarungen von Jesus Christus empfing und diese in Erfüllung gingen. … Wäre ich nicht mit dem Zionslager marschiert, stünde ich heute nicht hier.“10

Am letzten Sonntag im April 1834 bat Joseph Smith ein paar Führer der Kirche, zu den Mitgliedern des Zionslagers zu sprechen, die sich in einem Schulgebäude versammelt hatten. Nach den Botschaften der Brüder erhob sich der Prophet. Er erklärte, die Worte hätten ihn sehr erbaut. Dann prophezeite er:

„Ich möchte euch vor dem Herrn bekunden: Ihr wisst über die Bestimmung dieser Kirche und dieses Reichs nicht mehr als ein Säugling auf dem Schoß seiner Mutter. Ihr begreift es nicht. … Ihr seht heute Abend hier nur eine Hand voll Priestertumsträger, diese Kirche aber wird Nord- und Südamerika erfüllen – sie wird die Welt erfüllen.“11

Männer wie Brigham Young, Heber C. Kimball, Orson Pratt und Wilford Woodruff hörten dem Propheten an jenem Abend aufmerksam zu und lernten viel von ihm. Jahre später sollten sie dazu beitragen, seine Prophezeiung zu erfüllen. Welch herrliche Gelegenheiten diesen Männern doch zuteilwurden, den Propheten beobachten zu können, von ihm zu lernen und ihm zu folgen!

2016 Oct conference

Es ist wichtig, dass wir alle stets bedenken, dass wir sowohl aus den Worten der führenden Brüder lernen können als auch aus ihrem Beispiel. Behalten Sie einmal im Hinterkopf, welch herrliche Vision der Prophet Joseph Smith vom künftigen Wachstum der Kirche aussprach, und lesen Sie nun, wie machtvoll er darin ein Beispiel gab, auch die alltäglichen, eher banalen, aber notwendigen Aufgaben in Angriff zu nehmen. George A. Smith schrieb in sein Tagebuch, wie der Prophet auf dem Marsch nach Missouri mit den alltäglichen Mühen umging:

„Der Prophet Joseph Smith nahm genauso die Anstrengungen des Marsches auf sich wie alle anderen. Abgesehen davon, dass er sich um die Versorgung des Zionslagers kümmerte und darüber präsidierte, ging er die meiste Zeit zu Fuß und hatte wie alle anderen blutige, wunde Füße voller Blasen. … Aber während der ganzen Zeit murrte und klagte er nicht ein einziges Mal, ganz im Gegensatz zu den meisten Männern im Lager, die sich bei ihm über ihre wunden Zehen, die Blasen an den Füßen, die langen Strecken, den geringen Proviant, das minderwertige Brot, den schlechten Brei aus Maismehl, die ranzige Butter, den eigentümlich schmeckenden Honig, den von Maden befallenen Speck und Käse und so weiter beklagten. Nicht einmal ein Hund konnte jemanden anbellen, ohne dass sich der Betreffende bei Joseph darüber beschwerte. Wenn sie an einer Wasserstelle mit schlechtem Wasser lagern mussten, kam es deshalb fast zum Aufruhr. Und dennoch waren wir das Zionslager. Aber viele von uns beteten nicht und waren gedankenlos, nachlässig, ungehorsam, töricht und sogar teuflisch, ohne es selbst zu merken. Joseph musste uns ertragen und wie Kinder erziehen.“12

Joseph Smith verkörperte vortrefflich einen Grundsatz, den Alma uns nennt: „Denn der Prediger war nicht besser als der Hörer, und der Lehrer war um nichts besser als der Lernende; … und sie arbeiteten alle, ein jeder gemäß seiner Kraft.“ (Alma 1:26.)

Seit meiner Berufung als Generalautorität bin ich darum bemüht, meine führenden Brüder zu beobachten und von ihnen zu lernen. Einige von ihnen bekommen die Auswirkungen des Alters zu spüren, die schonungslosen Anforderungen körperlicher Einschränkungen und ständiger Schmerzen. Sie können und werden niemals wissen, wie einige dieser Männer im Stillen leiden, während sie in der Öffentlichkeit ihre Aufgabe mit ganzem Herzen, aller Macht, ganzem Sinn und aller Kraft erfüllen. Aufgrund meiner engen Zusammenarbeit mit Präsident Gordon B. Hinckley (1910–2008), Präsident James E. Faust (1920–2007), Elder Joseph B. Wirthlin (1917–2008), Präsident Boyd K. Packer (1924–2015), Elder L. Tom Perry (1922–2015), Elder Richard G. Scott (1928–2015) und meinen weiteren Brüdern im Apostelamt kann ich deutlich und mit Vollmacht verkünden, dass die Brüder, mit denen ich diene, in geistiger Hinsicht Krieger sind – edle, großartige Krieger –, und zwar im wahrsten, bewundernswertesten Sinne des Wortes! Ihre Geduld, ihre Beständigkeit und ihr Mut lassen sie „mit Beständigkeit in Christus vorwärtsstreben“ (2 Nephi 31:20), und wir sollten ihrem Beispiel unbedingt nacheifern.

Präsident Lee warnt uns vor einer weiteren, allgegenwärtigen Prüfung, der wir heutzutage mehr und mehr ausgesetzt sind: „Wir stehen einer weiteren Prüfung gegenüber – nennen wir sie doch das Zeitalter intellektueller Raffinesse. Es handelt sich um eine Zeit, da viele kluge Menschen nicht mehr auf das hören wollen, was die einfachen Propheten des Herrn verkünden. … Es handelt sich um eine sehr ernste Prüfung.“13

Die Prüfung intellektueller Raffinesse geht mit der Prüfung des Wohlstands und eines bequemen Lebens einher. Wir müssen unbedingt die führenden Brüder beobachten, von ihnen lernen und ihnen folgen.

Dedication: Thomas S. Monson Center

Wer steht auf der Seite des Herrn? Jetzt ist die Zeit, den Rat der lebenden Apostel und Propheten entschlossen zu beherzigen – der Männer, die Gott in diesen Letzten Tagen berufen hat, sein Werk auf Erden zu beaufsichtigen und zu führen. Jetzt ist die Zeit, entschlossen unseren Glauben zu zeigen, dass Gottes Wort „nicht vergehen, sondern … sich gänzlich erfüllen [wird], sei es durch [seine] eigene Stimme oder durch die Stimme [seiner] Knechte, das ist dasselbe“ (LuB 1:38). Jetzt ist die Zeit, entschlossen zu sein – genau jetzt!

Unser eigenes Zionslager

Irgendwann wird jeder von uns aufgefordert, in unserem eigenen Zionslager zu marschieren, jeder zu seiner eigenen Zeit, und jeder muss auf seiner Reise unterschiedliche Hindernisse bewältigen. Ob wir diesem unweigerlichen Aufruf kontinuierlich und bestimmt folgen, zeigt letzten Endes, ob wir auf der Seite des Herrn stehen.

Die Zeit, entschlossen zu sein, ist jetzt, heute, morgen und immerdar. Mögen wir stets daran denken, dass wir geprüft, ausgesiebt und vorbereitet werden und die führenden Brüder beobachten, von ihnen lernen und ihnen folgen müssen.

Anmerkungen

  1. Brigham Young, zitiert in B. H. Roberts, A Comprehensive History of the Church, Band 1, Seite 370f.

  2. Siehe „Wer steht zum Herren, wer?“, Gesangbuch, 1977, Nr. 208

  3. The Discourses of Wilford Woodruff, Hg. G. Homer Durham, 1946, Seite 306

  4. Siehe „Wer steht zum Herren, wer?“, Gesangbuch, 1977, Nr. 208

  5. Joseph Smith, zitiert in Joseph Young Sr., History of the Organization of the Seventies, 1878, Seite 14; siehe auch History of the Church, Band 2, Seite 182

  6. Siehe Alexander L. Baugh, „From High Hopes to Despair: The Missouri Period, 1831–1839“, Ensign, Juli 2001, Seite 44

  7. Ezra Taft Benson, „Our Obligation and Challenge“, Seminar für Regionalrepräsentanten, 30. September 1977, Seite 2f.; unveröffentlichtes Manuskript

  8. Harold B. Lee, Weihnachtsansprache an Angestellte der Kirche, 13. Dezember 1973, Seite 4f.; unveröffentlichte Mitschrift

  9. Wilford Woodruff, zitiert in Matthias F. Cowley, Wilford Woodruff: History of His Life and Labors, 1909, Seite 39

  10. Wilford Woodruff, zitiert in The Discourses of Wilford Woodruff, Seite 305

  11. Joseph Smith, zitiert in Lehren der Präsidenten der Kirche: Wilford Woodruff, Seite 28; siehe auch Joseph Smith, zitiert in Wilford Woodruff, Frühjahrs-Generalkonferenz 1898

  12. George A. Smith, „My Journal“, Instructor, Mai 1946, Seite 217

  13. Harold B. Lee, „Sweet Are the Uses of Adversity“, Instructor, Juni 1965, Seite 217