2015
Die Proklamation zur Familie: Erheben wir uns über die Verwirrung in der Gesellschaft


Die Proklamation zur Familie Erheben wir uns über die Verwirrung in der Gesellschaft

Dies ist der erste von zwei Artikeln von Elder Hafen anlässlich des 20. Jahrestags der Veröffentlichung der Proklamation zur Familie. Der zweite Artikel folgt in der September-Ausgabe des Liahonas.

Nach einer Ansprache mit dem Titel „Marriage, Family Law, and the Temple“ (Die Ehe, das Familienrecht und der Tempel), die Elder Hafen am 31. Januar 2014 bei der jährlichen Fireside der J. Reuben Clark Law Society in Salt Lake City gehalten hat.

Sich dauerhaft der Ehe und der Elternschaft verpflichten gleicht zwei Kettfäden, die das Muster des Gewebes unserer Gesellschaft durchziehen

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Im Juni 1995 fragte ein Zeitungsreporter Präsident Gordon B. Hinckley (1910–2008), dessen 85. Geburtstag kurz bevorstand: „Worüber sind Sie am meisten besorgt?“ Dieser antwortete: „Ich mache mir Sorgen über die Familien in der Kirche. Wir haben wunderbare Mitglieder, aber zu viele Familien brechen auseinander. … Das ist wohl meine größte Sorge.1

Drei Monate später verlas Präsident Hinckley die Proklamation zur Familie.2

Es war kein Zufall, dass diese feierliche Erklärung genau zu dem Zeitpunkt veröffentlicht wurde, da die größte Sorge des Propheten des Herrn trotz allem, was ihm sonst noch auf der Seele lag, der Instabilität der Familien in der Kirche galt. Später fügte er hinzu, dass die größte Herausforderung, vor der sowohl Amerika als auch der Rest der Welt stehe, die Notlage der Familie sei, die von irregeleiteten Eltern verursacht werde und die irregeleitete Kinder hervorbringe.3

Die Proklamation war nicht einfach eine Anreihung von Allgemeinplätzen, mit der man sich für die Familie aussprach. Der Prophet wies damit warnend auf ein gewichtiges weltweites Problem hin. 20 Jahre sind seitdem vergangen und das Problem wird immer ärger. Damit zeigt sich deutlich, dass die 1995 ausgesprochene Warnung wahrhaft prophetisch war.

Bevor wir uns damit auseinandersetzen, was das für jeden Einzelnen von uns bedeutet, betrachten wir doch einmal, wie die Gesellschaft ihren heutigen Zustand erreicht hat.

Die universelle Liebesgeschichte

Wir kennen die Handlung der Geschichte, die es seit Menschengedenken gibt und nach deren Wahrwerdung sich die meisten sehnen, nur allzu gut: Ein Junge trifft ein Mädchen, sie verlieben sich, heiraten, bekommen Kinder und leben – so hoffen sie zumindest – glücklich und zufrieden bis an ihr Lebensende. Diese universelle Liebesgeschichte spielt eine so wichtige Rolle im großen Plan des Glücklichseins, dass sie bereits mit Adam und Eva begann und für die meisten Mitglieder der Kirche noch immer eine feste Richtschnur ist.

Die Freuden der Liebe und der Zugehörigkeit zu einer Familie geben unserem Leben Hoffnung und Sinn und erfüllen uns mit dem Wunsch, besser zu werden. Wir sehnen uns dadurch nach dem Tag, wann wir die Hände ergreifen, die die unsrigen gehalten haben, und gemeinsam in die Gegenwart des Herrn eintreten. Dort werden wir unseren Lieben in die Arme fallen und für immer bei ihnen bleiben.

Viele Jahre lang unterstützte die Gesellschaft im Großen und Ganzen dieses angeborene Sehnen nach Zugehörigkeit. Natürlich gab es in Familien auch Probleme, aber für die meisten stellte die Eheschließung noch eine recht dauerhafte Verbindung dar. Diese Verbindung hielt die Gesellschaft zusammen, denn „ihre Herzen waren in Einigkeit und gegenseitiger Liebe verbunden“ (Mosia 18:21).

In den letzten Generationen hat die Gesellschaft jedoch Risse bekommen. Wir haben den „Untergang der Ehe“4, wie einige Autoren es bezeichnen, miterlebt. Viele Menschen außerhalb der Kirche sehen in der Ehe nicht mehr den Beginn einer langfristigen Verpflichtung, sondern die Ehe und selbst das Kinderkriegen werden als vorübergehende, ureigene Optionen angesehen. Sich dauerhaft der Ehe und der Elternschaft verpflichten gleicht jedoch zwei Kettfäden, die das Muster des Gewebes unserer Gesellschaft durchziehen. Fasern diese Fäden aus, kann die Gesellschaft zerfallen, und die universelle Liebesgeschichte geht womöglich ihrer Handlung verlustig.

Ich habe diesen Zerfall als Vater, Mitglied der Kirche und Dozent für Familienrecht beobachtet. Anfang der Sechzigerjahre brachte die Bürgerrechtsbewegung in den Vereinigten Staaten neue rechtswissenschaftliche Ansätze in Hinblick auf Gleichberechtigung, Persönlichkeitsrechte und Emanzipation hervor. Diese Ansätze halfen dem Land, das beschämende Kapitel der Rassendiskriminierung zu beenden. Zudem ging dadurch auch die Diskriminierung von Frauen in den USA zurück. Der Schutz vor Diskriminierung gehört zu den persönlichen Interessen eines jeden Bürgers.

Einige Formen rechtlicher Unterteilung sind jedoch nützlich. Das Gesetz „diskriminiert“ Kinder zu ihrem eigenen Schutz: Je nach Alter dürfen Kinder nicht wählen, nicht Auto fahren und keine verbindlichen Verträge unterzeichnen. Außerdem erhalten sie mehrere Jahre lang kostenlos Bildung. Diese Gesetze schützen die Kinder und die Gesellschaft vor den Folgen, die die mangelnden Fähigkeiten der Kinder in diesen Belangen mit sich bringen würden. Gleichzeitig bereiten sie die Kinder darauf vor, später verantwortungsvolle Erwachsene zu werden.

Das Gesetz räumt zudem Eheleuten und Familienbeziehungen einen besonderen Rang ein. Dabei geht es nicht darum, Alleinstehende und nicht verwandte Menschen zu diskriminieren. Vielmehr werden die leiblichen Eltern dazu angehalten, zu heiraten und selbst ausgeglichene Kinder großzuziehen, die für den Erhalt und die Stabilität der Gesellschaft eine Schlüsselrolle einnehmen. Solche Gesetze sind also ein Ausdruck der sozialen Interessen der Gesellschaft, was die darin aufwachsenden Kinder sowie die künftige Stärke und den Fortbestand der Gesellschaft angeht.

Historisch betrachtet sorgte das Gesetz für ein funktionierendes Gleichgewicht zwischen sozialen und persönlichen Interessen, denn beides spielt eine wichtige Rolle in einer gesunden Gesellschaft. In den Sechzigern und Siebzigern begannen Gerichte in den USA jedoch, das Familienrecht so zu interpretieren, dass persönliche Interessen einen höheren Stellenwert bekamen als gesellschaftliche Interessen. Damit kamen das Rechtssystem und das soziale Gefüge aus dem Gleichgewicht. Diese Veränderung war nur ein Teil der Wandlung des amerikanischen Familienrechts – der größten Verschiebung der Einstellung der Gesellschaft in Hinblick auf Ehe und Familie in den letzten 500 Jahren. Ich möchte diese Wandlung anhand einiger Beispiele aus dem US-amerikanischen Recht darlegen, wobei die Gesetze in den meisten Industrieländern ähnlichen Trends gefolgt sind.

Eine Verschiebung in der Gesellschaft

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Kurz gesagt: In den USA begannen die Verfechter der Befreiung des Einzelnen, mit überaus überzeugenden Denkansätzen Gesetze in Frage zu stellen, die über lange Zeit hinweg das Interesse der Kinder und der Gesellschaft an stabilen Familienstrukturen geschützt hatten. Richter und Gesetzgeber akzeptierten viele dieser individualistischen Ansätze, auch wenn diese den größeren gesellschaftlichen Interessen schadeten. Beispielsweise wurde 1968 in Kalifornien die verschuldensunabhängige Scheidung eingeführt. Sie setzte sich nach und nach in den gesamten Vereinigten Staaten durch. Das Zerrüttungsprinzip veränderte die Einstellung zur Ehe maßgeblich. Nach altem Scheidungsrecht konnten Verheiratete nicht einfach so beschließen, ihre Ehe zu beenden, sondern sie mussten dem Ehepartner Fehlverhalten, Ehebruch, Missbrauch oder Misshandlung nachweisen. Damals konnte nur ein Richter, der die Interessen der Gesellschaft zu vertreten hatte, bestimmen, wann eine Scheidung hinlänglich begründet war und damit das gesellschaftliche Interesse am Fortbestand der Ehe aufwog.

Das Konzept der Scheidung unter Anwendung des Zerrüttungsprinzips hatte ursprünglich lobenswerte Ziele. Damit wurde die unheilbare Zerrüttung der Ehe ohne Schuldnachweis ein gültiger Scheidungsgrund. Das machte eine Scheidung leichter. Theoretisch konnte nur ein Richter, der noch immer die Interessen der Gesellschaft vertreten sollte, entscheiden, ob eine Ehe nicht mehr zu retten war. In der Praxis unterwarfen sich die Richter am Familiengericht jedoch dem Wunsch der Eheleute und befreiten schlussendlich den Ehepartner, der die Ehe beenden wollte.

Diese rechtlichen Veränderungen beschleunigten eine allgemeine Tendenz in der Gesellschaft. Die Ehe wurde nicht mehr als recht dauerhafte soziale Einrichtung, sondern als vorübergehende, private Beziehung betrachtet, die man nach Belieben beenden kann. Dabei wurde nicht ernsthaft in Erwägung gezogen, wie sehr eine Scheidung den Kindern, geschweige denn der Gesellschaft, schadete. Die Richter stellten in Frage, ob die Gesellschaft das Recht habe, auf ein Ehegelübde zu pochen, und schon bald hatten viele Ehepaare fälschlicherweise den Eindruck, dass das Versprechen, das sie abgelegt hatten, weder gesellschaftlich noch moralisch von sonderlich großem Wert sei. Wenn heutzutage die ehelichen Verpflichtungen den persönlichen Vorlieben im Wege stehen, lösen viele Paare lieber ihre Beziehung. Sie betrachten die Ehe als „unverbindliche Verpflichtung“ – was dieser Widerspruch auch bedeuten mag.

Entsprechend dieser neuen Sichtweise räumten Gerichte unverheirateten Vätern mehr Rechte ein und begannen, unverheirateten Frauen und Männern das Sorgerecht oder das Recht auf eine Adoption zu gewähren. Damit wurde die langjährige Vorrangstellung, die das Familienrecht – wo es möglich war – Ehepaaren und der traditionellen Familie mit dem leiblichen Vater und der leiblichen Mutter zugestanden hatte, aus den Angeln gehoben. Sowohl die Erfahrung als auch soziologische Forschungen belegen bis heute ganz eindeutig, dass eine Familie mit verheirateten leiblichen Eltern fast immer die beste Umgebung für die Kindererziehung ist. Doch im Laufe der Zeit trugen Rechtsfälle, die mit unverheirateten Eltern zu tun hatten, dazu bei (und wurden wiederum davon beeinflusst), dass die Anzahl unverheiratet zusammenlebender Paare und unehelicher Kinder geradezu in die Höhe schoss.

Zudem sprach der Oberste Gerichtshof der USA 1973 einigen Frauen das Recht auf Abtreibung zu. Damit wies dieser die lange von der Gesellschaft vertretenen Ansichten zurück, die in Hinblick auf die sozialen Interessen des ungeborenen Kindes und gewählter Gesetzgeber bestanden. Bis zu diesem Zeitpunkt hatten Letztere gemeinsam über die stark wertebesetzte Frage entschieden, wann Leben beginnt.

Wenn von Scheidung unter Anwendung des Zerrüttungsprinzips die Rede ist, kommt man natürlich auch um einen kurzen Kommentar über die gleichgeschlechtliche Ehe nicht umhin. Dies ist ein schwieriges und schmerzliches Thema geworden. Man beachte, dass noch vor 17 Jahren in keinem einzigen Land auf der Welt die gleichgeschlechtliche Ehe rechtskräftig anerkannt wurde. Wie war es also möglich, dass die gleichgeschlechtliche Ehe genau nach den vier Jahrzehnten rund um den Globus zu einem Thema wurde, in denen das historische Konzept der Ehe in der Öffentlichkeit so viel an Stellenwert verloren hatte?

Hier ist eine sehr wahrscheinliche Erklärung: 2001 wurde in den USA der erste Fall zugunsten einer gleichgeschlechtlichen Ehe entschieden. Die Begründung war die Theorie von der „Autonomie des Einzelnen“. Diese Theorie ist schlicht eine Erweiterung des individualistischen Rechtskonzepts, das zu Scheidungen unter Anwendung des Zerrüttungsprinzips führte. Wenn ein Gericht dem Einzelnen das Recht zuspricht, eine Ehe ungeachtet der gesellschaftlichen Folgen zu beenden (wie das bei der Scheidung unter Anwendung des Zerrüttungsprinzips der Fall sein kann), spricht das scheinbar auch für das Recht des Einzelnen, eine Ehe ungeachtet der gesellschaftlichen Folgen einzugehen (wie das bei der gleichgeschlechtlichen Ehe der Fall sein kann).

Mit anderen Worten: Wenn die Ehe zwischen Mann und Frau nur als eine persönliche Vorliebe anstatt als wichtigste Institution der Gesellschaft angesehen wird, ist es nicht verwunderlich, dass viele über die gleichgeschlechtliche Ehe sagen: Soll doch jeder heiraten dürfen, wie er will. So weit kann es kommen, wenn wir vergessen, dass Ehe und Kinder im Interesse der Gesellschaft sind. Natürlich liebt Gott alle seine Kinder und er erwartet, dass wir einander Mitgefühl und Toleranz entgegenbringen, ganz gleich, ob wir das Verhalten eines Menschen verstehen oder nicht. Es ist jedoch etwas völlig anderes, solches Verhalten gutzuheißen oder zu befürworten, indem man ein rechtliches Konzept – nämlich die Ehe – ändert, das früher in der Gesellschaft ja dem Zweck diente, die leiblichen Eltern dazu anzuhalten, ihre Kinder in einer stabilen Familie aufzuziehen.

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Der Oberste Gerichtshof stützte sich unter anderem auf die Theorie von der „Autonomie des Einzelnen“, als er am 26. Juni 2015 festlegte, dass gleichgeschlechtliche Paare durch die Gesetze einzelner Bundesstaaten „nicht von der Ehe ausgeschlossen“ werden dürfen. Damit ist die gleichgeschlechtliche Ehe nun in jedem US-Bundesstaat legal.

Bezeichnenderweise wies die Mehrheit des Gerichts jedoch auch darauf hin, dass „eine Religionsgemeinschaft und ein jeder, der einer religiösen Lehre anhängt, auch weiterhin mit fester und aufrichtiger Überzeugung dafür eintreten darf, dass eine gleichgeschlechtliche Ehe gemäß göttlichem Gebot nicht zu billigen sei. Im Ersten Zusatzartikel zur Verfassung wird religiösen Einrichtungen und gläubigen Menschen ein entsprechender Schutz zugesichert, wenn sie die Grundsätze verbreiten wollen, die für sie so erfüllend sind und die für ihr Leben und ihren Glauben und ihr tiefes Verlangen, die Familie in der ihnen vertrauten Struktur fortzuführen, von so zentraler Bedeutung sind. Das Gleiche gilt für diejenigen, die die gleichgeschlechtliche Ehe aus anderen Gründen ablehnen.“5

Die Auswirkungen auf die Ehe und auf die Kinder

Betrachten wir nun, welche Auswirkungen diese Veränderungen auf die Ehe und auf die Kinder haben. Seit 1965 hat sich die Scheidungsrate in den USA mehr als verdoppelt. In den letzten Jahren ist sie zwar leicht zurückgegangen, das liegt allerdings zum Teil daran, dass die Anzahl der unverheirateten Paare um das Fünfzehnfache angestiegen ist und die vielen Trennungen unter diesen Paaren nicht in der Scheidungsrate berücksichtigt werden. Heute werden etwa die Hälfte aller ersten Ehen in den USA geschieden, 60 Prozent der zweiten Ehen. Die Vereinigten Staaten haben die höchste Scheidungsrate in der Welt.6

40 Prozent der Kinder in den USA werden heute unehelich geboren. 1960 waren es 5 Prozent.7 Um die 50 Prozent der Teenager betrachten heutzutage das uneheliche Kinderkriegen als erstrebenswert.8 Die Prozentzahl der alleinerziehenden Eltern ist seit 1960 auf das Vierfache gestiegen. Damals waren es 8 Prozent, heute sind es 31 Prozent.9 Über die Hälfte der Paare, die heutzutage in den USA heiraten, haben vorher bereits zusammengelebt.10 Was in den Sechzigern ganz und gar nicht normal war, ist jetzt die Norm.

In Europa befürworten 80 Prozent der Bevölkerung das Zusammenleben unverheirateter Paare. In manchen Gegenden von Skandinavien sind 82 Prozent aller Erstgeborenen uneheliche Kinder.11 Als wir eine Zeit lang in Deutschland lebten, hatten wir den Eindruck, dass die Ehe in vielerlei Hinsicht unter den Europäern gar nicht mehr existiert. Eine französische Kommission hat es so ausgedrückt: Die Ehe hat „für die jungen Leute ihre Magie verloren“. Diese meinen immer mehr, dass die Liebe, die Ehe und das Kinderkriegen eine private Angelegenheit seien, bei der die Gesellschaft kein Mitspracherecht habe.12

Nichtsdestotrotz haben Kinder geschiedener oder unverheirateter Eltern dreimal so häufig Verhaltens- oder Entwicklungsstörungen oder seelisch bedingte Probleme wie Kinder aus Familien mit Vater und Mutter. Diese Kinder sind in allen messbaren Belangen, die ihr Wohlergehen betreffen, schlechter dran. Und wenn die Kinder Schaden nehmen, nimmt auch die Gesellschaft Schaden. Hier sind einige Beispiele dieser Schädigung, wobei natürlich einiges bei diesen allgemeinen Trends mehrere Ursachen haben kann. In den letzten fünfzig Jahren:

  • hat sich die Kriminalitätsrate bei Jugendlichen versechsfacht

  • haben sich Vernachlässigung von Kindern und alle Formen von Kindesmissbrauch verfünffacht

  • haben alle Formen psychischer Störungen bei Kindern zugenommen, von Drogenmissbrauch bis hin zu Essstörungen; Depressionen bei Kindern sind um 1000 Prozent gestiegen

  • hat häusliche Gewalt gegen Frauen zugenommen; zudem sind immer mehr Kinder von Armut betroffen13

Wie ernst sind diese Probleme? 1995 waren sie Präsident Hinckleys größte Sorge. Die Tendenzen, die ihm damals Sorge bereiteten, sind bis heute nachweislich noch ärger. Ein Autor hat es in der Zeitschrift Time so ausgedrückt:

„Es gibt keinen anderen Faktor, der in [den USA] nachweislich so viele Probleme und so viel menschliches Leid verursacht wie der Zusammenbruch der Ehe. Die Kinder leiden darunter, die Mütter haben weniger finanzielle Absicherung, und es trifft jene mit besonderer Wucht, die dies am wenigsten wegstecken können, nämlich die Unterschicht. …

Für die Armen gehören Elternschaft und Ehe nicht mehr zusammen, und die finanziell Abgesicherten reißen ihre Ehen entzwei, wenn sie keinen Spaß mehr daran haben.“14

Das Herz einander zuwenden

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Links: Foto von Janae Bingham

In dem sich auflösenden gesellschaftlichen Gefüge gibt es einen ausgefaserten goldenen Faden, der mit dem Kern des Problems verwoben ist: Es sind die Kinder – Bein von unserem Gebein, Fleisch von unserem Fleisch. Etwas Wahres, etwas Heiliges an der Nachkommenschaft – an Kindern, der Fortpflanzung und den ewigen Banden der Zuneigung – lässt tief in unserem kollektiven Gedächtnis eine geheimnisvolle Saite erklingen.

Die Verbindung zwischen Kindern und Eltern ist so wichtig, dass Gott 1836 Elija geschickt hat, um die Herzen der Väter und der Kinder einander zuzuwenden. Gott hat gesagt, wenn die Herzen sich nicht einander zuwenden, werde „die ganze Erde mit einem Fluch geschlagen“ und „völlig verwüstet“, bevor Christus wiederkehrt (LuB 110:15; Joseph Smith – Lebensgeschichte 1:39; siehe auch Maleachi 3:24). Die Herzen scheinen sich jedoch heutzutage voneinander abzuwenden, anstatt sich einander zuzuwenden.

Leben wir womöglich bereits in der Zeit dieses Fluches? Vielleicht. Tatsächlich werden Kinder (und damit die Gesellschaft, ja sogar die ganze Erde) heutzutage sozusagen „verwüstet“ – das heißt abgewertet, vernachlässigt und nutzlos gemacht. Das ist das Resultat der hier beschriebenen Probleme.

Die Lehre ist klar, und sie wird von jahrelanger Forschung bestätigt. Wir müssen nicht zum Familienrecht von früher zurückkehren. Wenn uns jedoch wenigstens unsere Kinder und ihre Zukunft wichtiger wären, würden Paare heiraten, bevor sie Kinder bekommen. Sie würden mehr, viel mehr dafür opfern, ihre Ehe zu erhalten. Kinder würden, wenn irgend möglich, von den leiblichen Eltern großgezogen werden. Im Idealfall gäbe es keine Abtreibung und keine unehelichen Geburten. Natürlich sind Ausnahmen manchmal nötig. Manche Scheidungen sind berechtigt. Oft ist eine Adoption ein Geschenk des Himmels. Doch im Grunde bringt es die Proklamation zur Familie von 1995 auf den Punkt: „Kinder haben ein Recht darauf, im Bund der Ehe geboren zu werden und in der Obhut eines Vaters und einer Mutter aufzuwachsen, die die Ehegelübde in völliger Treue einhalten.“15

Dennoch leiden wir allesamt an Amnesie. Wir erinnern uns tief im Innern nicht an die ewigen Wahrheiten. Wir erinnern uns ja kaum an die jüngere Vergangenheit. Der Feind unseres Glücks möchte uns davon überzeugen, dass die heiligen, dauerhaften Bande der Zuneigung in der Familie uns einschränken. Doch eigentlich gibt es keine Beziehung, die befreiender oder erfüllender wäre.

Eine gute Ehe aufzubauen ist nicht leicht. Das soll es auch nicht sein. Wenn aber eine verwirrte Gesellschaft uns in Hinblick auf die Bedeutung der Ehe verwirrt, geben wir den anderen und uns selbst vielleicht viel zu schnell auf. Der ewige Blickwinkel des Evangeliums, der in den heiligen Schriften und im Tempel gelehrt wird, kann uns jedoch über die Verwirrung erheben, die in der heutigen Zeit hinsichtlich der Ehe herrscht, sodass unsere Ehe zur erfüllendsten und heiligsten – wenn auch schwierigsten – Erfahrung unseres Lebens wird.

Anmerkungen

  1. In: Dell Van Orden, „Pres. Hinckley Notes His 85th Birthday, Reminisces about Life“, Church News, 24. Juni 1995, Seite 6; Hervorhebung hinzugefügt

  2. „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“, Liahona, November 2010, Umschlagrückseite

  3. Siehe Gordon B. Hinckley in: Sarah Jane Weaver, „President Hinckley Warns against Family Breakups“, Deseret News, 23. April 2003, deseretnews.com

  4. Siehe Caitlin Flanagan, „Why Marriage Matters“, Time, 13. Juli 2009, Seite 47

  5. Richter Anthony M. Kennedy, Obergefell gegen Hodges, 576 U.S. (2015)

  6. Siehe census.gov/compendia/statab/2011/tables/11s1335.pdf; siehe auch Alan J. Hawkins, The Forever Initiative: A Feasible Public Policy Agenda to Help Couples Form and Sustain Healthy Marriages and Relationships, 2013, Seite 19

  7. Siehe „‚Disastrous‘ Illegitimacy Trends“, Washington Times, 1. Dezember 2006, washingtontimes.com

  8. Siehe The State of Our Unions: Marriage in America 2012, 2012, Seite 101f.

  9. Siehe „One-Parent and Two-Parent Families 1960–2012“, US-Finanzministerium, ofm.wa.gov/trends/social/fig204.asp

  10. Siehe Bruce C. Hafen, Covenant Hearts: Why Marriage Matters and How to Make It Last, 2013, Seite 227

  11. Siehe Noelle Knox, „Nordic Family Ties Don’t Mean Tying the Knot“, USA Today, 16. Dezember 2004, Seite 15, usatoday.com

  12. Report of the Mission of Inquiry on the Family and the Rights of Children, Studie erstellt von einer von der französischen Nationalversammlung ernannten Kommission, 25. Januar 2006, Seite 32

  13. Siehe Hafen, Covenant Hearts, Seite 226f.

  14. Flanagan, „Why Marriage Matters“, Seite 47; Hervorhebung hinzugefügt

  15. „Die Familie – eine Proklamation an die Welt“

Oben rechts: Foto von Jerry Garns