2012
Das Sühnopfer und unsere irdische Reise

Das Sühnopfer und unsere irdische Reise

Aus einer Ansprache, die am 23. Oktober 2001 bei einer Andacht an der Brigham-Young-Universität gehalten wurde. Den englischen Text finden Sie in voller Länge unter speeches.byu.edu.

Die helfende Macht des Sühnopfers befähigt uns, Gutes zu tun, gut zu sein und mehr zu leisten, als wir eigentlich wollen oder können.

Elder David A. Bednar

Das große Ziel des Evangeliums Jesu Christi fasste Präsident David O. McKay (1873–1970) kurz und bündig so zusammen: „Das Evangelium hat den Zweck, schlechte Menschen gut und gute Menschen besser zu machen und das Wesen des Menschen zu verändern.“1 Die irdische Reise soll also von schlecht zu gut zu besser und dazu führen, dass man eine mächtige Herzenswandlung erlebt, dass die gefallene Natur des Menschen sich verändert (siehe Mosia 5:2).

Das Buch Mormon ist unsere Anleitung auf dem Weg, der von schlecht zu gut zu besser führt, unser Handbuch in dem Bemühen, dass unser Herz sich wandelt. König Benjamin sagt über unsere irdische Reise und darüber, welche Rolle das Sühnopfer dabei spielt, diese Reise erfolgreich zu bewältigen: „Denn der natürliche Mensch ist ein Feind Gottes und ist es seit dem Fall Adams gewesen und wird es für immer und immer sein, wenn er nicht den Einflüsterungen des Heiligen Geistes nachgibt und den natürlichen Menschen ablegt und durch das Sühnopfer Christi, des Herrn, ein Heiliger wird.“ (Mosia 3:19; Hervorhebung hinzugefügt.)

Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf zwei Aussagen lenken. Erstens: den natürlichen Menschen ablegen. Der Weg von schlecht nach gut ist der Vorgang, den natürlichen Menschen in uns abzulegen. Auf Erden erleben wir fleischliche Versuchungen. Ja, die Elemente, aus denen unser Körper geschaffen wurde, sind von Natur aus gefallen und sind immer dem Sog der Sünde, Verderbtheit und dem Tod ausgesetzt. Wir können aber unsere Fähigkeit, das Verlangen des Fleisches und Versuchungen zu überwinden, „durch das Sühnopfer Christi“ verstärken. Wenn wir Fehler machen, wenn wir übertreten und sündigen, können wir umkehren und durch die erlösende Macht des Sühnopfers Jesu Christi rein werden.

Zweitens: ein Heiliger werden. Damit wird die Fortsetzung, die zweite Phase der Lebensreise beschrieben, die darin besteht, „gute Menschen besser zu machen“ oder, mit anderen Worten, mehr wie ein Heiliger zu werden. Dieser zweite Teil der Reise, diese Entwicklung von gut zu besser, ist ein Thema, mit dem wir uns nicht häufig genug befassen und das wir auch nicht ausreichend verstehen.

Ich vermute, dass viele Mitglieder der Kirche mit der erlösenden und reinigenden Macht des Sühnopfers viel vertrauter sind als mit seiner stärkenden und helfenden Macht. Es ist eine Sache, zu wissen, dass Jesus Christus auf die Erde gekommen ist, um für uns zu sterben – dies ist die grundlegende Lehre Christi. Wir müssen aber auch erkennen, dass der Herr, durch sein Sühnopfer und durch die Macht des Heiligen Geistes, in uns leben möchte – nicht nur, um uns zu führen, sondern auch, um uns zu befähigen.

Die meisten von uns wissen, dass wir, wenn wir etwas Schlechtes getan haben, Hilfe brauchen, um die Folgen der Sünde zu überwinden. Der Erlöser hat den Preis gezahlt und es uns ermöglicht, durch seine erlösende Macht rein zu werden. Den meisten von uns ist klar, dass das Sühnopfer den Sündern zugutekommt. Ich bin mir aber nicht sicher, ob wir wissen und verstehen, dass das Sühnopfer auch den Heiligen zugutekommt – den guten Menschen, die gehorsam, würdig und gewissenhaft sind und die sich bemühen, besser zu werden und noch treuer zu dienen. Wir meinen vielleicht fälschlicherweise, dass wir den Weg von einem guten zu einem besseren Menschen und schließlich zu einem Heiligen ganz allein schaffen müssen, durch Entschlossenheit, Willenskraft und Disziplin, mit unseren offensichtlich begrenzten Fähigkeiten.

Im Evangelium Jesu Christi geht es nicht einfach nur darum, Schlechtes zu meiden. Vielmehr geht es vor allem auch darum, Gutes zu tun und gut zu werden. Und das Sühnopfer hilft uns dabei, Schlechtes zu überwinden und zu meiden sowie Gutes zu tun und gut zu werden. Der Erlöser steht auf unserem gesamten Lebensweg bereit, uns zu helfen – bei unserer Entwicklung von schlecht zu gut zu besser und der Wandlung unseres innersten Wesens.

Ich behaupte nicht, dass die erlösende und die helfende Macht des Sühnopfers voneinander getrennt und abgegrenzt sind. Vielmehr sind diese zwei Aspekte des Sühnopfers miteinander verbunden und ergänzen sich; beide müssen in allen Phasen unseres Lebenswegs zur Wirkung kommen. Und es ist für uns alle von ewiger Bedeutung, dass wir erkennen: Beide wesentlichen Elemente unserer irdischen Reise, nämlich den natürlichen Menschen abzulegen und ein Heiliger zu werden, also sowohl das Schlechte zu überwinden als auch gut zu werden, werden durch die Macht des Sühnopfers verwirklicht. Willenskraft, Entschlossenheit und Motivation, effektive Planung und Zielsetzung sind notwendig, aber sie reichen letztlich nicht aus, unsere irdische Reise erfolgreich zu absolvieren. Wir müssen wirklich dahin kommen, uns auf „die Verdienste und die Barmherzigkeit und Gnade des heiligen Messias“ zu verlassen (2 Nephi 2:8).

Gnade und die helfende Macht des Sühnopfers

Dem englischen Bibelwörterbuch zufolge bezeichnet das Wort Gnade in den heiligen Schriften oft eine helfende Macht:

„Das Wort [Gnade] taucht häufig im Neuen Testament auf, vor allem in den Schriften des Paulus. Die Grundidee hinter diesem Ausdruck ist göttliche Hilfe oder Stärkung, die der überreichen Barmherzigkeit und Liebe Jesu Christi entspringt.

Durch die Gnade Jesu, des Herrn, die durch sein Sühnopfer möglich wurde, wird der Mensch zur Unsterblichkeit emporgehoben; jeder Mensch nimmt den Körper, der zu Grabe getragen wurde, wieder an, und zwar in einem Zustand, in dem er ewig leben wird. So kann der Einzelne auch durch die Gnade des Herrn, durch Glauben an das Sühnopfer Jesu Christi und durch Umkehr von seinen Sünden Kraft und Hilfe bekommen, um gute Werke zu tun, die er andernfalls aus eigener Kraft nicht vollbringen könnte. Diese Gnade ist eine Macht, die den Menschen dazu befähigt, das ewige Leben und die Erhöhung zu erlangen, nachdem er sein Bestes getan hat.“2

Gnade ist die göttliche Hilfe, der himmlische Beistand, den jeder von uns dringend braucht, um sich für das celestiale Reich bereit zu machen. Die helfende Macht des Sühnopfers befähigt uns also, Gutes zu tun, gut zu sein und mehr zu leisten, als wir eigentlich wollen oder können.

Bei meinem Schriftstudium ersetze ich das Wort Gnade oft durch den Begriff „helfende Macht“. Betrachten wir beispielsweise diesen Vers, den wir alle gut kennen: „Wir wissen, dass wir durch Gnade errettet werden, nach allem, was wir tun können.“ (2 Nephi 25:23.) Ich glaube, dass wir über diesen so wichtigen Aspekt des Sühnopfers viel erfahren, wenn wir jedes Mal, wenn das Wort Gnade in den heiligen Schriften vorkommt, „helfende und stärkende Macht“ dafür einsetzen.

Beispiele und Folgerungen

Unsere irdische Reise soll uns von schlecht zu gut zu besser und dazu führen, dass unser innerstes Wesen sich wandelt. Im Buch Mormon gibt es zahlreiche Beispiele von Jüngern und Propheten, die die helfende Macht des Sühnopfers kannten und verstanden und auf ihrem Lebensweg durch diese Macht verändert wurden. Dadurch, dass wir diese heilige Macht immer besser verstehen, wird unsere Sicht vom Evangelium enorm erweitert und bereichert. Diese neue Sichtweise wird uns merklich verändern.

Nephi beispielsweise kannte und verstand die helfende Macht des Erlösers und vertraute auf sie. Sie wissen ja, dass Lehis Söhne nach Jerusalem zurückgekehrt waren, um Ischmael und seine Familie für ihre Sache zu gewinnen. Laman und andere in der Gruppe, die mit Nephi von Jerusalem aus zurück in die Wildnis zog, lehnten sich auf, und Nephi ermahnte seine Brüder, auf den Herrn zu vertrauen. Dies war der Zeitpunkt, als Nephis Brüder Nephi mit Stricken banden und planten, ihn zu töten. Beachten Sie Nephis Gebet: „O Herr, gemäß meinem Glauben, den ich in dich setze, befreie mich aus den Händen meiner Brüder; ja, gib mir die Kraft, diese Bande zu zerreißen, mit denen ich gebunden bin.“ (1 Nephi 7:17; Hervorhebung hinzugefügt.)

Wissen Sie, worum ich wahrscheinlich gebetet hätte, wenn meine Brüder mich gefesselt hätten? „Bitte hilf mir aus diesem Schlamassel, und zwar JETZT!“ Ich finde es besonders interessant, dass Nephi nicht darum bat, dass die Situation sich änderte. Vielmehr bat er um die Kraft, seine Situation zu ändern. Und ich glaube, dass er auf diese Weise betete, weil er die helfende Macht des Sühnopfers kannte, verstand und bereits erlebt hatte.

Ich glaube nicht, dass die Stricke, mit denen Nephi gebunden war, auf magische Weise einfach von seinen Händen und Handgelenken abfielen. Vermutlich wurde er sowohl mit Ausdauer als auch mit Kraft gesegnet, die über seine natürliche Fähigkeit hinausging, und „in der Kraft des Herrn“ (Mosia 9:17) mühte er sich sodann und drehte und zerrte an den Stricken, bis er schließlich dazu befähigt wurde, die Stricke zu zerreißen.

Was diese Begebenheit für jeden von uns bedeutet, liegt klar vor Augen. Je mehr Sie und ich die helfende Macht des Sühnopfers verstehen und in Anspruch nehmen, desto mehr beten wir und bemühen uns um die Kraft, unsere Umstände zu ändern, anstatt darum zu beten, dass Gott die Umstände ändert. Wir sind aktiv und handeln, anstatt passiv auf uns einwirken zu lassen (siehe 2 Nephi 2:14).

Betrachten wir ein weiteres Beispiel aus dem Buch Mormon: Alma und sein Volk wurden von Amulon verfolgt. Die Stimme des Herrn erging an diese guten Menschen in ihrer Bedrängnis, nämlich:

„Ich werde auch die Lasten, die euch auf die Schultern gelegt sind, leicht machen, sodass ihr sie nicht mehr auf eurem Rücken spüren könnt. …

Und nun begab es sich: Die Lasten, die Alma und seinen Brüdern aufgelegt waren, wurden leicht gemacht; ja, der Herr stärkte sie, sodass sie ihre Lasten mühelos tragen konnten, und sie unterwarfen sich frohgemut und mit Geduld in allem dem Willen des Herrn.“ (Mosia 24:14,15; Hervorhebung hinzugefügt.)

Was hatte sich hier geändert? An der Last änderte sich nichts; das Volk wurde nicht sofort von den Schwierigkeiten befreit, die die Verfolgung mit sich brachte. Aber Alma und seine Anhänger wurden gestärkt. Sie vermochten die Last besser zu tragen und erhielten mehr Kraft, wodurch ihre Last leichter wurde. Diese guten Menschen wurden durch das Sühnopfer befähigt, aktiv zu handeln und ihre Umstände zu beeinflussen. Später wurden Alma und sein Volk „in der Kraft des Herrn“ ins Land Zarahemla geführt, wo sie in Sicherheit waren.

Sie mögen sich zu Recht fragen: „Warum ist diese Begebenheit mit Alma und seinem Volk ein Beispiel für die helfende Macht des Sühnopfers?“ Die Antwort findet man, wenn man Mosia 3:19 mit Mosia 24:15 vergleicht.

„Und den natürlichen Menschen ablegt und durch das Sühnopfer Christi, des Herrn, ein Heiliger wird und so wird wie ein Kind, fügsam, sanftmütig, demütig, geduldig, voll von Liebe und willig, sich allem zu fügen, was der Herr für richtig hält, ihm aufzuerlegen, so wie ein Kind sich seinem Vater fügt.“ (Mosia 3:19; Hervorhebung hinzugefügt.)

In unserer Entwicklung von schlecht zu gut zu besser, wenn wir auf unserem Lebensweg den natürlichen Menschen in uns ablegen und uns bemühen, ein Heiliger zu werden und unser innerstes Wesen zu wandeln, sollten die in diesem Vers genannten Eigenschaften mehr und mehr auf uns zutreffen. Wir werden mehr werden wie ein Kind, fügsamer, geduldiger und bereitwilliger, uns zu fügen.

Vergleichen Sie nun diese in Mosia 3:19 genannten Eigenschaften mit denen, die Alma und sein Volk beschreiben: „Und sie unterwarfen sich frohgemut und mit Geduld in allem dem Willen des Herrn.“ (Mosia 24:15; Hervorhebung hinzugefügt.)

Ich finde die Parallelen zwischen den Eigenschaften, die in diesen Versen genannt werden, erstaunlich. Sie lassen vermuten, dass diese guten Menschen durch die Macht des Sühnopfers des Herrn Jesus Christus befähigt wurden, noch bessere Menschen zu werden.

Denken Sie auch an die Geschichte von Alma und Amulek in Alma 14. Viele treue Heilige hatten den Feuertod erlitten, und die beiden Knechte des Herrn waren eingesperrt und geschlagen worden. Beachten Sie, worum Alma bat, als er im Gefängnis betete: „O Herr, gib uns Stärke gemäß unserem Glauben, der in Christus ist, ja, dass wir befreit werden.“ (Alma 14:26; Hervorhebung hinzugefügt.)

In dieser Bitte wird wiederum deutlich, dass Alma die helfende Macht des Sühnopfer kannte und darauf vertraute. Beachten Sie auch, was sein Gebet bewirkte:

„Und sie [Alma und Amulek] zerrissen die Stricke, mit denen sie gebunden waren; und als die Leute das sahen, fingen sie an zu fliehen, denn die Furcht vor Vernichtung war über sie gekommen. …

Und Alma und Amulek kamen aus dem Gefängnis heraus, und sie waren nicht verletzt; denn der Herr hatte ihnen Macht gewährt gemäß ihrem Glauben, der in Christus war.“ (Alma 14:26,28; Hervorhebung hinzugefügt.)

Wieder wird die helfende Macht darin sichtbar, wie gute Menschen gegen das Böse kämpfen und sich bemühen, noch besser zu werden und noch erfolgreicher „in der Kraft des Herrn“ zu dienen.

Es gibt ein weiteres lehrreiches Beispiel im Buch Mormon. In Alma 31 leitet Alma eine Mission, um die abtrünnigen Zoramiten zurückzugewinnen, die, nachdem sie den Rameumptom gebaut haben, hochmütig ein fest vorgegebenes Gebet aufsagen.

Beachten Sie, wie Alma um Kraft betet: „O Herr, mögest du mir gewähren, dass ich die Stärke habe, mit Geduld diese Bedrängnisse zu ertragen, die wegen des Übeltuns dieses Volkes über mich kommen werden.“ (Alma 31:31; Hervorhebung hinzugefügt.)

Alma betet auch darum, dass seine Mitarbeiter auf dieser Mission ebenso gesegnet werden: „Wollest du ihnen gewähren, dass sie die Stärke haben, ihre Bedrängnisse zu ertragen, die wegen des Übeltuns dieses Volkes über sie kommen werden.“ (Alma 31:33; Hervorhebung hinzugefügt.)

Alma betete nicht darum, dass er von seinen Bedrängnissen befreit werde. Er wusste, dass er im Auftrag des Herrn handelte, und er betete um die Kraft, zu handeln und seine Lage zu beeinflussen.

Der Kernpunkt bei diesem Beispiel steht im letzten Vers in Alma 31: „[Der Herr] gab ihnen … Stärke, sodass sie keinerlei Bedrängnisse litten, die nicht in der Freude über Christus verschlungen worden wären. Nun war dies gemäß dem Gebet Almas, und dies, weil er im Glauben gebetet hatte.“ (Vers 38; Hervorhebung hinzugefügt.)

Die Bedrängnisse wurden nicht von ihnen genommen. Aber Alma und seine Mitarbeiter wurden durch die helfende Macht des Sühnopfers so gestärkt und gesegnet, dass sie „keinerlei Bedrängnisse litten, die nicht in der Freude über Christus verschlungen worden wären“. Was für ein wunderbarer Segen. Und welch großartige Lektion für jeden von uns!

Beispiele für diese helfende Macht findet man nicht nur in den heiligen Schriften. Daniel W. Jones wurde 1830 in Missouri geboren. Er schloss sich 1851 in Kalifornien der Kirche an. 1856 beteiligte er sich an der Rettung der Handkarrenabteilungen, die wegen schwerer Schneestürme in Wyoming festsaßen. Nachdem der Rettungstrupp die Heiligen in ihrer Not gefunden und ihnen, soweit es möglich war, Linderung verschafft und dafür gesorgt hatte, dass die Kranken und die Schwachen nach Salt Lake City gebracht wurden, boten Daniel und einige andere junge Männer an, zurückzubleiben und die Habseligkeiten der Gruppe zu bewachen. Der Proviant, der Daniel und seinen Helfern zurückgelassen wurde, war knapp und rasch aufgebraucht. In seinem Tagebuch beschreibt Daniel Jones, was danach geschah:

„Das Wild wurde bald knapp, sodass man nicht jagen konnte. Wir aßen das ganze schlechte Fleisch; man bekam Hunger, wenn man es aß. Auch das war schließlich aufgebraucht, und nur die Häute waren übrig. Wir probierten es damit. Wir kochten etwas davon und aßen es ohne jedes Gewürz, aber allen wurde davon schlecht. …

Es sah wirklich düster aus, denn uns blieben nur die Häute des verhungerten Viehs. Wir baten den Herrn, uns zu zeigen, was wir machen sollten. Die Brüder murrten nicht, sondern wollten auf Gott vertrauen. … Schließlich empfing ich eine Eingebung, wie ich das Zeug zubereiten sollte. Ich gab der Gruppe Anweisungen und sagte ihnen, wie sie es kochen sollten: zuerst die Haare versengen und abkratzen, damit der schlechte Geschmack, der beim Erhitzen entstand, beseitigt wurde. Nach dem Abkratzen in reichlich Wasser eine Stunde kochen, dann das Wasser wegschütten, das die ganzen Klebstoffe herausgezogen hatte, dann die Haut gründlich reinigen und abkratzen, in kaltem Wasser waschen, dann zu einem Gelee kochen und abkühlen lassen, ein wenig Zucker darauf streuen und essen. Das war ein enormer Aufwand, aber wir hatten sonst kaum etwas zu tun, und es war besser, als zu verhungern.

Wir baten den Herrn, unseren Magen zu segnen und darauf einzustellen, dass er diese Nahrung vertrug. … Nun schien es allen gut zu schmecken. Wir hatten drei Tage nichts gegessen, als wir diesen zweiten Versuch machten. Wir ernährten uns fast sechs Wochen lang von dieser üppigen Kost.“3

In dieser Situation hätte ich wahrscheinlich darum gebetet, etwas anderes zu essen zu bekommen: „Vater im Himmel, bitte schicke mir eine Wachtel oder einen Büffel.“ Mir wäre wohl nie eingefallen, darum zu beten, dass mein Magen stark ist und sich auf die vorhandene Nahrung einstellt. Was wusste Daniel W. Jones? Er kannte die helfende Macht des Sühnopfers Jesu Christi. Er betete nicht darum, dass sich die Umstände änderten. Er betete darum, dass er die Kraft erhielt, mit den Umständen zurechtzukommen. Alma und sein Volk, Amulek und Nephi hatten in ähnlich schwieriger Situation Kraft erhalten, und auch Daniel W. Jones besaß die nötige geistige Einsicht, um zu wissen, worum er beten sollte.

Die helfende Macht des Sühnopfers Christi befähigt uns, etwas zu vollbringen, was wir alleine niemals vollbringen könnten. Manchmal frage ich mich, ob wir in unserer heutigen bequemen Welt – einer Welt mit Mikrowelle, Handys, klimatisierten Autos und gemütlichen Wohnungen und Häusern – jemals erkennen werden, dass wir Tag für Tag auf die helfende Macht des Sühnopfers angewiesen sind.

Meine Ehefrau ist eine bemerkenswert treue und fähige Frau, und ich habe aus ihrem stillen Beispiel viel Wichtiges über diese stärkende Macht gelernt. Ich habe gesehen, wie sie in allen drei Schwangerschaften heftige und anhaltende Übelkeit ausgehalten hat – ihr war acht Monate lang buchstäblich jeden Tag den ganzen Tag lang schlecht. Gemeinsam beteten wir darum, dass sie gesegnet würde, aber sie wurde nicht von diesem Problem befreit. Stattdessen wurde sie befähigt, körperlich zu bewältigen, was sie aus eigener Kraft nicht bewältigt hätte. Im Laufe der Jahre habe ich auch beobachtet, wie sie darin gestärkt wurde, dem Spott und der Verachtung standzuhalten, die eine weltlich gesinnte Gesellschaft einer Frau in der Kirche entgegenbringt, die sich an den Rat des Propheten hält und sich vorrangig um die Familie und die Erziehung ihrer Kinder kümmert. Ich danke Susan und spreche ihr meine Anerkennung dafür aus, dass ich so Wertvolles von ihr gelernt habe.

Der Erlöser weiß und versteht

In Alma, Kapitel 7, erfahren wir, wie und warum der Erlöser uns seine helfende Macht gewähren kann:

„Er wird hingehen und Schmerzen und Bedrängnisse und Versuchungen jeder Art leiden; und dies, damit sich das Wort erfülle, das da sagt, er werde die Schmerzen und die Krankheiten seines Volkes auf sich nehmen.

Und er wird den Tod auf sich nehmen, auf dass er die Bande des Todes löse, die sein Volk binden; und er wird ihre Schwächen auf sich nehmen, auf dass sein Inneres von Barmherzigkeit erfüllt sei gemäß dem Fleische, damit er gemäß dem Fleische wisse, wie er seinem Volk beistehen könne gemäß dessen Schwächen.“ (Alma 7:11,12; Hervorhebung hinzugefügt.)

Der Erlöser hat nicht nur wegen unserer Übeltaten gelitten, sondern auch wegen der Ungleichheit, der Ungerechtigkeit, dem Schmerz, den Qualen und der Seelenpein, die uns so häufig bedrängen. Es gibt keinen körperlichen Schmerz, keine seelische Qual, kein geistiges Leid, keine Krankheit oder Schwäche, die Sie oder ich auf unserer irdischen Reise erleben können, die der Erlöser nicht bereits erlebt hat. In einem schwachen Moment mögen wir ausrufen: „Niemand versteht mich. Niemand weiß, wie das ist.“ Vielleicht gibt es tatsächlich keinen Menschen, der es versteht. Aber der Sohn Gottes weiß und versteht es nur zu gut, denn er hat unsere Last gespürt und getragen, lange bevor wir sie getragen haben. Und weil er den höchsten Preis gezahlt und diese Last getragen hat, ist sein Einfühlungsvermögen vollkommen, und er kann uns in unseren verschiedenen Lebensphasen den Arm der Barmherzigkeit entgegenstrecken. Er kann uns erreichen, berühren, beistehen – uns buchstäblich zu Hilfe eilen – und uns Kraft geben, größer zu sein, als wir je sein könnten, uns helfen, etwas zu vollbringen, was wir niemals vollbringen könnten, wenn wir uns nur auf unsere eigene Kraft verließen.

„Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.

Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“ (Matthäus 11:28-30.)

Ich gebe Zeugnis von dem unbegrenzten und ewigen Opfer, das der Herr Jesus Christus vollbracht hat und für das ich sehr dankbar bin. Ich weiß, dass der Erretter lebt. Ich habe sowohl seine erlösende Macht als auch seine helfende Macht erfahren, und ich bezeuge, dass diese Mächte real sind und für jeden von uns wirksam werden können. Ja, „in der Kraft des Herrn“ können wir alles vollbringen und alles überwinden, während wir auf unserem Lebensweg vorwärtsstreben.

O mein Vater, Gemälde von Simon Dewey

Illustration von Jeff Ward

Illustration von Jeff Ward

Ausschnitt aus dem Gemälde Seht meine Hände von Jeff Ward