2006
Ich spielte für Betsy
August 2006


Ich spielte für Betsy

Ich quetschte die letzte Kiste hinten in den Kombi, warf die Tür zu und sah auf die Uhr. Ich lag im Zeitplan. Den letzten Stapel Klassenarbeiten hatte ich korrigiert, das Auto war gepackt. Wenn ich sofort losfuhr, musste ich nur etwa die letzte Stunde meiner Fahrt nach Louisville, Kentucky, im Dunkeln fahren.

Die letzten beiden Wochen in South Bend, Indiana, waren lang und äußerst trist gewesen. Mein Mann Mark, der Jura studierte, hatte bereits sein Sommerpraktikum in Louisville begonnen. Als Lehrerin an der Highschool in South Bend hatte ich jedoch noch zwei Wochen bleiben müssen, bis das Schuljahr zu Ende war.

Erleichtert, dass ich endlich unterwegs war, fuhr ich zügig, doch nach etwa einer Stunde der insgesamt fünfstündigen Fahrt wanderten meine Gedanken zu Sara und ihrer Tochter Betsy. Neun Monate zuvor waren wir uns in der FHV begegnet. Sie hatte ihr Baby auf dem Arm und stellte sich vor: „Hallo, ich bin Sara. Ich komme aus Utah. Und das ist Betsy. Sie kommt vom Himmel.“ Ich lachte und mochte sie sofort. Wie ich war sie mit einem Jurastudenten verheiratet, und ich freute mich, als sie meine Besuchslehrerin wurde.

Etwa einen Monat vor meiner Abreise hatte Betsy einen Krampfanfall. Die Untersuchung ergab, dass sie einen großen Hirntumor hatte, der inoperabel zu sein schien, doch die Ärzte bestanden darauf, dass Betsy ohne Operation keine Überlebenschance hatte.

Ich litt mit Sara. Gemeinsam mit vielen anderen in der Gemeinde und im Pfahl fasteten wir und beteten um ein Wunder. Betsy wurde operiert und überraschte die Ärzte, die nicht erwartet hatten, dass sie die Operation überstand. Doch konnte nur ein Teil des Tumors entfernt werden, und Betsy erholte sich nur langsam. Ihre Eltern standen vor nahezu unmöglichen Entscheidungen, nämlich wie man den verbliebenen Tumor behandeln sollte, ohne ihren kleinen Körper zu zerstören.

Die Operation hatte in Indianapolis stattgefunden, das auf meiner Fahrt nach Louisville auf halber Strecke lag. Sara war immer noch mit Betsy dort, während ihr Mann nach South Bend zurückgekehrt war, um die letzten Prüfungen nachzuholen, die er verpasst hatte.

Ich sah auf die Uhr. Mir fielen unzählige Gründe ein, warum es besser war, ohne Halt durchzufahren, aber keiner konnte die innere Stimme, die mir sagte, ich müsse dort anhalten, zum Schweigen bringen. Also verließ ich die Autobahn und rief von einer Telefonzelle aus im Krankenhaus an. Mein Anruf wurde in Betsys Zimmer weitergeleitet, und Sara war am Telefon. Ihrer Stimme war anzuhören, dass sie sich über meinen Anruf freute. Sie würde sich sehr freuen, wenn ich vorbeikäme. Ich war voll Frieden und erleichtert, dass ich auf die Eingebungen des Geistes gehört hatte.

Auf dem Weg zum Krankenhaus wurde mir bewusst, dass auf dem Rücksitz meine Geige lag, eingeklemmt zwischen einem Koffer und einer Bücherkiste. Schuldbewusst dachte ich daran, dass ich sie seit Wochen nicht in der Hand gehabt hatte, obwohl ich schon mit drei Jahren angefangen hatte, Geige zu spielen. Musik hatte schon immer viel Freude in mein Leben gebracht.

Mir kam der Gedanke, ich solle meine Geige mitnehmen und für Betsy spielen. Normalerweise wäre ich nie auf diese Idee gekommen. Es schien mir doch etwas arrogant zu sein, unangekündigt mit meiner Geige zu erscheinen und alle, die in Hörweite waren, dazu zu nötigen, einem improvisierten Vorspiel zu lauschen. Doch ich erkannte das Gefühl, das mit diesem Gedanken verbunden war, sogleich als denselben Geist, der mich dazu bewogen hatte, diesen Besuch zu machen.

Sara war erschöpft, aber sie freute sich sehr, mich zu sehen. Betsy hatte einen Schlauch im Kopf und einen im Hals. Als ich ihren kleinen Körper ansah und ihr dann in die Augen schaute, fragte ich mich, wie viel Schmerzen sie wohl gelitten hatte und wie viel sie noch ertragen musste.

Sara war begeistert, dass ich meine Geige mitgebracht hatte. Über eine Stunde lang spielte ich Kirchenlieder, PV-Lieder, klassische Musik und alles andere, worum sie mich bat und was ich auswendig spielen konnte. Betsy sah mich mit großen Augen an, während ich spielte. Sara war überzeugt, dass Betsy seit ihrer Operation noch nie so aufmerksam gewesen war und bat mich, weiterzuspielen. Einige Patienten – Kinder und ihre Eltern – blieben vor dem Zimmer stehen und hörten eine Weile zu.

Die Zeit ging schnell vorbei, ohne dass ich es bemerkte. Als ich am Fuß des Bettes stand und „Ich bin ein Kind von Gott“ spielte (Gesangbuch, Nr. 202), war ich überwältigt von der tiefen Liebe, die der himmlische Vater für dieses kranke kleine Kind empfindet. Ich wusste in diesem Moment, dass er Betsy über alles liebte und sich wünschte, dass ihr Schmerz durch die Musik gelindert wurde.

Als ich im Dunkeln das Krankenhaus verließ, um meine Fahrt nach Louisville fortzusetzen, erinnerte ich mich an Worte aus meinem Patriarchalischen Segen, an die ich schon lange nicht mehr gedacht hatte. Ich sei mit einem musikalischen Talent gesegnet und solle es weiterentwickeln, um anderen Freude zu bringen.

Durch Betsy wurde ich daran erinnert, warum der Herr uns Gaben verleiht. „Und alle diese Gaben kommen von Gott, zum Nutzen der Kinder Gottes.“ (LuB 46:26.) Weil ich auf den Geist hörte, bekam ich die Gelegenheit, meine Gabe zu so nutzen, wie der Herr es vorgesehen hat, und sein großes Mitgefühl für seine Kinder zu empfinden.