Generalkonferenz
Der vollkommene Glanz der Hoffnung
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Der vollkommene Glanz der Hoffnung

Da die Wiederherstellung uns die grundlegende Wahrheit bestätigt, dass Gott in dieser Welt am Werk ist, können wir hoffen, sollen wir hoffen – auch wenn alle Chancen gegen uns zu stehen scheinen

Letztes Jahr im Oktober hat uns Präsident Russell M. Nelson aufgefordert, auf diese Frühjahrs-Generalkonferenz 2020 vorauszublicken, indem wir – jeder auf seine eigene Weise – zurückblicken, um zu erkennen, wie sich bei der Wiederherstellung des Evangeliums Jesu Christi die Erhabenheit der Hand Gottes gezeigt hat. Meine Frau und ich haben diese Aufforderung des Propheten beherzigt. Wir stellten uns vor, wir hätten Anfang des 19. Jahrhunderts gelebt und uns die Glaubensansichten aus jener Zeit angesehen. Bei dieser Vorstellung stellten wir uns Frage: Was fehlt da? Was hätten wir gerne? Was erhoffen wir uns von Gott als Antwort auf unser geistiges Sehnen?

Zunächst einmal wurde uns klar, dass wir vor zweihundert Jahren von ganzem Herzen gehofft hätten, es möge eine wahrhaftigere Vorstellung von Gott wiederhergestellt werden als die damals vorherrschende, denn das wahre Gottesbild schien hinter jahrhundertealten Irrtümern und falschen Vorstellungen verborgen zu liegen. Um es mit William Ellery Channing zu sagen, der damals ein bekannter Geistlicher war, wir hätten nach dem „väterlichen Gott“ gesucht, einer Eigenschaft, die Channing für „die erste großartige Lehre der Christenheit“1 hielt. Eine solche Lehre hätte in der Gottheit einen fürsorglichen Vater im Himmel erkannt und nicht einen strengen Richter, der gnadenlos Gericht hält, oder einen Herrn, der sich früher einmal mit irdischen Angelegenheiten abgegeben hat, nun aber anderswo im Universum beschäftigt ist.

Ja, 1820 hätten wir gehofft, einen Gott zu finden, der in der Gegenwart ebenso spricht und die Menschen leitet, wie er es in der Vergangenheit getan hat, einen – in der liebevollsten Bedeutung dieses Wortes – echten Vater. Er wäre ganz gewiss kein kalter, willkürlicher Alleinherrscher, der ein paar Auserwählte für die Errettung vorherbestimmt und dann den Rest der Menschheit der Verdammnis überantwortet. Nein, er wäre ein Gott, dessen gesamtes Handeln, wie er selbst gesagt hat, „der Welt zum Nutzen ist; denn er liebt die Welt“2 und jeden ihrer Bewohner. Diese Liebe wäre sein ureigenster Grund, Jesus Christus, seinen einziggezeugten Sohn, zur Erde zu schicken.3

Da wir gerade von Jesus sprechen: Hätten wir Anfang des 19. Jahrhunderts gelebt, hätten wir mit großer Sorge festgestellt, dass unter den Christen Zweifel am Leben und an der Auferstehung des Erretters immer mehr Fuß fassen. Deshalb hätten wir uns erhofft, dass die ganze Welt einen Beweis erhält, der den biblischen Bericht bestätigt, dass Jesus der Messias ist, buchstäblich der Sohn Gottes, Alpha und Omega und der einzige Erretter, den diese Welt jemals kennen wird. Eine unserer größten Hoffnungen wäre gewesen, dass weitere Beweise in Form heiliger Schrift vorgelegt werden, etwas, was ein weiterer Zeuge für Jesus Christus wäre und unser Wissen über seine wundersame Geburt, sein wunderbares Wirken, sein sühnendes Opfer und seine herrliche Auferstehung noch erweitert und vertieft. Ein solches Schriftstück wäre in der Tat „aus dem Himmel“ herabgesandte Rechtschaffenheit und „aus der Erde“ hervorgegangene Wahrheit.4

Angesichts der Christenheit zu jener Zeit hätten wir gehofft, jemanden zu finden, der von Gott die wahre Priestertumsvollmacht erhalten hat, mit der er uns taufen, uns die Gabe des Heiligen Geistes übertragen und alle weiteren für die Erhöhung erforderlichen heiligen Handlungen vollziehen könnte. 1820 hätten wir gehofft, dass die wortgewaltigen Verheißungen von Jesaja, Micha und anderen einstmaligen Propheten über die Rückkehr des erhabenen Hauses des Herrn5 in Erfüllung gehen. Es hätte uns begeistert, die Herrlichkeit der heiligen Tempel wiederaufgerichtet zu sehen – mit dem Geist, den Verordnungen, der Macht und der Vollmacht, ewige Wahrheiten zu lehren, die Wunden des Einzelnen zu heilen und Familien für immer aneinander zu binden. Ich hätte nicht geruht, bis ich jemanden gefunden hätte, der befugt ist, meiner geliebten Patricia und mir sagen zu dürfen, dass unsere Ehe an einem solchen Ort für Zeit und alle Ewigkeit gesiegelt ist. Niemals hätten wir diese Worte hören wollen, die wie ein böser Fluch klingen: „Bis dass der Tod euch scheidet.“ Ich weiß, dass es „im Haus [unseres] Vaters … viele Wohnungen“6 gibt, doch möchte ich sagen: Sollte ich das Glück haben, eine davon zu bekommen, wäre sie für mich nur ein vermodertes Loch, wenn Pat und unsere Kinder dort nicht bei mir wohnen könnten. Und für unsere Vorfahren, von denen einige gelebt haben und gestorben sind, ohne den Namen Jesus Christus auch nur gehört zu haben, hätten wir gehofft, dass diese ungemein gerechten und barmherzigen Grundsätze aus der Bibel wiederhergestellt werden – dass nämlich die Lebenden stellvertretend für ihre verstorbenen Angehörigen errettende heilige Handlungen darbringen können.7 Ich kann mir nichts vorstellen, was die Sorge eines liebevollen Gottes um jedes seiner Kinder auf Erden prachtvoller unter Beweis stellt, unabhängig davon, wann sie gelebt haben oder wo sie gestorben sind.

Wir könnten unsere Auflistung dessen, was wir uns 1820 alles erhofft hätten, noch fortsetzen, doch die wohl wichtigste Botschaft der Wiederherstellung lautet: Diese Hoffnungen wären nicht vergebens gewesen. Angefangen im heiligen Hain und weiter bis zum heutigen Tag wurden diese Wünsche Wirklichkeit und, so wie der Apostel Paulus und auch andere es ausdrückten, zu einem sicheren und festen Anker der Seele.8 Was man einst nur erhoffte, ist inzwischen eine Tatsache.

Soweit unser Blick zurück auf 200 Jahre, in denen Gott gut zur Welt gewesen ist. Doch was nun mit unserem Blick voraus? Wir haben noch immer Hoffnungen, die noch nicht in Erfüllung gegangen sind. Gerade in diesem Augenblick tragen wir einen Krieg gegen COVID-19 aus, bei dem es auf jeden ankommt. Dies führt uns ernüchternd vor Augen, dass ein Virus,9 das 1000 Mal kleiner als ein Sandkorn ist,10 ganze Völker und die Weltwirtschaft in die Knie zwingen kann. Unsere Gebete sind bei denjenigen, die einen lieben Menschen durch diese neuzeitliche Pest verloren haben, wie auch bei den derzeit Erkrankten und Gefährdeten. Und ganz gewiss sind unsere Gebete auch bei denjenigen, die sich so hervorragend um unsere Gesundheit kümmern. Wenn wir diese Krankheit besiegt haben – und das werden wir –, setzen wir hoffentlich ebenso entschlossen alles daran, die Welt vom Virus Hunger und Stadtviertel und Länder vom Virus Armut zu befreien. Hoffen wir auch auf Schulen, in denen die Schüler etwas lernen und keine Angst haben müssen, erschossen zu werden, und darauf, dass jedem Kind Gottes das Geschenk persönlicher Würde zuteilwird, ungetrübt von jeglichen Vorurteilen rassistischer, ethnischer oder religiöser Natur. Dem allen liegt unsere stete Hoffnung auf mehr Beachtung der beiden größten Gebote zugrunde: Gott lieben, indem wir uns an seinen Rat halten, und unseren Nächsten lieben, indem wir freundlich und mitfühlend sind, geduldig und vergebungsbereit.11 Diese beiden Vorgaben von Gott sind noch immer – und werden es auch immer sein – die einzige wahre Hoffnung darauf, dass wir unseren Kindern eine bessere Welt ermöglichen als die, die sie jetzt kennen.12

Über diese allgemeinen Wünsche hinaus hegen viele Zuhörer heute noch ganz persönliche Hoffnungen: die Hoffnung, dass sich ihre Ehe verbessert, oder die Hoffnung, dass sie überhaupt einmal heiraten, die Hoffnung, dass sie eine Sucht überwinden, die Hoffnung, dass ein abgeirrtes Kind zurückkommt, die Hoffnung, dass körperliche oder seelische Schmerzen jedweder Art verschwinden mögen. Da die Wiederherstellung die grundlegende Wahrheit bestätigt, dass Gott in dieser Welt am Werk ist, können wir hoffen, sollen wir hoffen – auch wenn alle Chancen gegen uns zu stehen scheinen. Das ist in der Schriftstelle gemeint, in der steht, dass Abraham gegen alle Hoffnung voll Hoffnung geglaubt hat13 – dass er also Glauben hatte, obwohl alles dagegen sprach –, dass er und Sara ein Kind bekommen würden, obwohl dies völlig unmöglich schien. Und so frage ich: Wenn der erste Schritt zur Erfüllung so vieler unserer Hoffnungen aus dem Jahr 1820 mit einem Strahl göttlichen Lichts auf einen einfachen Jungen, der im Bundesstaat New York in einem Wäldchen kniete, möglich wurde, sollten wir dann nicht auch hoffen, dass gerechte Wünsche und gottgefällige Sehnsüchte ebenso auf wundersame und wunderbare Weise vom Gott der Hoffnung erfüllt werden? Wir alle müssen den Glauben haben, dass wir das, was wir uns in Rechtschaffenheit wünschen, irgendwann und irgendwie erhalten können.

Brüder und Schwestern, wir wissen, dass es Anfang des 19. Jahrhunderts einige Lücken in den Glaubensbekundungen gab. Wir wissen ebenfalls, dass auch heute in religiöser Hinsicht an manchen Stellen etwas fehlt, was dazu führt, dass manche noch immer hungern und hoffen. Wir wissen, dass etliche dieser Enttäuschungen dazu führen, dass einige Menschen die angestammten kirchlichen Institutionen verlassen. Wir wissen auch, wie ein frustrierter Autor schrieb, dass „viele führende Geistliche [in unserer Zeit] ratlos scheinen“, wie sie auf diese Art Niedergang reagieren sollen. Als Gegenmaßnahme bieten sie „eine Wassersuppe aus therapeutischem Gottesglauben, billigem, symbolischem Aktivismus, sorgsam ausformulierten Irrlehren [oder manchmal schlicht] wenig inspirierendem Unsinn“14 an – und all dies zu einer Zeit, in der die Welt so viel mehr braucht, in der die heranwachsende Generation so viel mehr verdient und obwohl Jesus zu seiner Zeit so viel mehr angeboten hat. Als Jünger Christi können wir es heute besser machen als die Israeliten, die vor langer Zeit klagten: „Ausgetrocknet sind unsere Gebeine, unsere Hoffnung ist untergegangen.“15 Ja, wenn wir irgendwann unsere Hoffnung verlieren, verlieren wir das letzte Gut, das uns aufrechterhält. Genau über das Tor zur Hölle schrieb Dante in seiner Göttlichen Komödie eine Warnung an alle Reisenden: „Ihr, die ihr hier eintretet“, schrieb er, „lasst alle Hoffnung fahren.“16 Das stimmt: Wenn die Hoffnung uns verlassen hat, umbrausen uns die Flammen der Hölle von allen Seiten.

Wenn wir also mit dem Rücken zur Wand stehen und, wie es in einem Kirchenlied heißt, „wenn alles flieht, wenn jede Stütze bricht“17, ist eine unserer unverzichtbarsten Tugenden die kostbare Gabe Hoffnung, die untrennbar verbunden ist mit unserem Glauben an Gott und unserer Nächstenliebe.

In diesem Jubiläumsjahr blicken wir auf all das zurück, was uns gegeben wurde, und freuen uns an der Erkenntnis, dass so viele Hoffnungen erfüllt wurden. Dabei denke ich an das, was eine nette, junge zurückgekehrte Missionarin vor ein paar Monaten in Johannesburg gesagt hat: „Wir sind nicht so weit gekommen, um jetzt stehenzubleiben.“18

Ich möchte eine der schönsten Abschiedsreden aus den heiligen Schriften etwas umformulieren und sage mit dem Propheten Nephi und dieser jungen Schwester:

„Meine geliebten Brüder [und Schwestern], nachdem ihr [diese ersten Früchte der Wiederherstellung empfangen habt], möchte ich fragen, ob alles getan ist? Siehe, ich sage euch: Nein.

[Ihr müsst] mit Beständigkeit in Christus vorwärtsstreben, erfüllt vom vollkommenen Glanz der Hoffnung und von Liebe zu Gott und zu allen Menschen. … Wenn ihr [das tut,] spricht der Vater: Ihr werdet ewiges Leben haben.“19

Ich sage Dank, meine Brüder und Schwestern, für alles, was uns in dieser letzten und größten Evangeliumszeit gegeben worden ist, der Evangeliumszeit des wiederhergestellten Evangeliums Jesu Christi. Die Gaben und Segnungen, die diesem Evangelium entspringen, bedeuten mir alles, wirklich alles. Um dem Vater im Himmel für all das zu danken, habe ich noch „vieles zu tun, eh ich kann ruhn, Wege zu gehn, eh ich kann stehn“20. Streben wir voran mit Liebe im Herzen und wandeln wir im „Glanz der Hoffnung“21, der den Weg heiliger Erwartung erhellt, auf dem wir nun schon seit 200 Jahren gehen. Ich bezeuge, dass die Zukunft ebenso voller Wunder und überreicher Segnungen sein wird wie die Vergangenheit. Wir haben allen Grund, auf Segnungen zu hoffen, die jene noch übertreffen, die wir bereits empfangen haben, denn dies ist das Werk des allmächtigen Gottes, dies ist die Kirche der fortdauernden Offenbarung und dies ist das Evangelium der grenzenlosen Gnade und Güte Christi. Für all diese Wahrheiten und so vieles mehr gebe ich Zeugnis im Namen Jesu Christi. Amen.